Artikel Gesundheit :: Natürlich Online

Stress lass nach!

Kategorie: Gesundheit

Text:  Eva Rosenfelder

Länger anhaltende Belastungen stören unsere Hormon-Balance nachhaltig und überschütten unsere Zellen mit zu viel Cortisol. Immer mehr körperliche und psychische Erkrankungen sind die Folge. Entschleunigung ist das bewährte Heilmittel.

@ iStock.com

Sind Sie gerade im Stress? Oder fühlen sich dauernd gestresst, müde und erschöpft? Wenn die Herausforderungen des Alltags immer schwieriger zu bewältigen sind, Dünnhäutigkeit, Konzentrationsprobleme und Niedergeschlagenheit zur Tagesordnung werden, dann: Stopp! Denn das sind klare Warnzeichen des Körpers, dass der Stress Sie bereits in seinen Krallen hat. Und Stress macht krank. 

Die Stresshormone

Zuständig für Kurzzeit-Stress:
Adrenalin: Das Akut-Stresshormon wirkt vor allem in Muskeln, Blutgefässen und Fettgewebe. Es wird schnell gebildet und schnell wieder abgebaut.
Noradrenalin: Mobilisiert das Nervensystem und hilft bei Kurzzeit-Stress.

Zuständig für chronischen Stress:
Cortisol: Das Langzeit-Stresshormon ermöglicht dem Organismus die Anpassung an akute und wiederkehrende Belastungssituationen. Cortisol wird in der Nebennierenrinde hergestellt und gelangt von dort in die Blutbahn. In der Leber wird es abgebaut und über die Nieren mit dem Urin ausgeschieden. LangzeitStressoren sind z.B. chronischer Arbeitsstress, Schlafmangel, Beziehungsprobleme, Ernährungsfehler sowie Übertraining durch Sport. Im Gegensatz zu Adrenalin und Noradrenalin wird Cortisol nur sehr langsam abgebaut. Bei Dauerstress entsteht deshalb ein chronischer Überschuss an Cortisol, worauf der Körper mit Überreaktionen reagiert, z.B. Schlaflosigkeit, Herzrasen, hohem Blutdruck etc. – bis sich die Nebennieren durch die Dauerproduktion erschöpfen und die Lebensfunktionen der Zellen erlöschen (Nebennierenerschöpfung).

Zugegeben, das Wort Stress wird überstrapaziert. Stress gilt in gewissen Kreisen fast schon als Statussymbol. Doch tatsächlich ist Stress ganz offensichtlich zu einem riesigen Problem unserer Zeit geworden – den Preis bezahlen wir für die sogenannte digitale Freiheit (5G lässt grüssen!).

Zu viel Cortisol...



. . . setzt Fett frei, wenn es nicht für eine der Flucht- oder Kampfreaktion vergleichbaren Aktivität verbrennt wird. Das Fett wird in der Leber und im Bauchbereich zwischengespeichert. Die Folge: Leberverfettung und unnatürliche Fettverteilung im Körper.

. . . baut Muskeln ab. Die Folge: Muskelschwäche und Muskelzittern.

. . . baut Knochen ab, was zu Osteoporose führt.

. . . führt zu vorzeitigem Altern: Falten bilden sich, Gehirnzellen sterben vorzeitig ab.

. . . erhöht den Blutzucker und führt längerfristig zu Insulinresistenz und Diabetes.

. . . unterdrückt die gute Laune: «Miesepeter»-Hormon.

. . . sorgt für Heisshungerattacken, denn auf das Langzeit-Stresssignal hin, sorgt der Körper vor für schlechte Zeiten.

. . . senkt den Testosteron-Spiegel. Die Libido schwächelt.

. . . unterdrückt das Immunsystem. Infekt- und Entzündungsanfälligkeit nehmen zu.

. . . erhöht den Blutzucker und das Blutfett, was den Mineralhaushalt stört. Der Blutdruck steigt.

Wenn wir heute von Stress reden, meinen wir nicht die natürliche Stressreaktion, wie unser Körper sie seit Urzeiten kennt: Bei drohender Gefahr – plötzlich stehen wir vor einem Säbelzahntiger! – schaltet das Körpersystem sofort in den Flucht- oder Kampfmodus. In schnellen Schüben werden unmittelbar die Stresshormone Noradrenalin und Adrenalin freigesetzt. Etwas später schütten die Nebennieren Cortisol aus; nahezu jede unserer Zellen beinhaltet Cortisol-Rezeptoren. Das ist auch der Grund, warum ein Ungleichgewicht des Cortisolspiegels so viele Bereiche des Körpers negativ beeinflussen kann. Gemeinsam stellen unsere Stresshormone eine volle Ladung Energie bereit, die den Körper leistungsfähig macht für Kampf oder Flucht. Der erhöhte Blutdruck und die beschleunigte Herzfrequenz transportieren den benötigten Sauerstoff und die Glucose schnell an die Zielorte und decken so den erhöhten Energiebedarf. 

Wenn Stress chronisch wird
Doch so praktisch dieser Mechanismus ist, so verhängnisvoll wirkt er, wenn unser Leben nicht nur hin und wieder kurzzeitig aus den Fugen gerät, sondern wenn es von Dauerstress bestimmt ist. Beim mentalen Stress, der in unserer modernen Gesellschaft vorherrscht, treten genau dieselben Vorgänge in Kraft wie vor Urzeiten bei der Begegnung mit gefährlichen Raubtieren. Doch trotz stressinduzierter Hormonausschüttung rennen oder kämpfen wir nicht, sondern bleiben auf dem Sofa oder dem Bürostuhl sitzen.

Die Cortisolwirkung setzt erst mit leichter Verzögerung ein, da bei einer Stresssituation zuerst genug Glucose im Blut ist. Sie aktiviert die Energiereserven nur, wenn es nötig wird. Erfahren wir nun aber täglich von Neuem Stress, so wird das Stresssystem – die Nebennieren an vorderster Front – permanent gefordert. Pausenlos produzieren sie Stresshormone und belasten so das Herz-Kreislauf-System völlig sinnlos. Das nicht abgebaute Cortisol überschwemmt den ganzen Stoffwechsel und öffnet Tür und Tor für diverse Stoffwechselkrankheiten wie Diabetes mellitus. Es gibt Cortisol-Speicheltests, um den Cortisol-Spiegel zu überprüfen. Ihr Apotheker oder Hausarzt kann Sie diesbezüglich beraten. 

Entschleunigen – so gehts:



Beruflichen und privaten Stress vermeiden.

Digitales Fasten: Handy öfters ausschalten, Mails nur zu bestimmten Zeiten lesen und beantworten, wieder mal ein Buch lesen statt am Tablet hängen.

Stresslindernde Tätigkeiten in der Freizeit ausüben, z.B. Aufenthalte in der Natur, Musik hören, Sport treiben, Freunde treffen.

Entspannungstechniken und Pausen im Alltag integrieren, z.B. Meditation, Yoga, Qi-Gong etc.

Regelmässige Bewegung (aber kein Leistungssport). 

Genügend Schlaf! Gehen Sie spätestens um 22.30 Uhr zu Bett, auch wenn Sie noch nicht einschlafen können: Dunkelheit fördert die Produktion des Schlafhormons Melatonin. Ab zwei Stunden vor dem Schlafen keine elektronischen Bildschirme mehr nutzen (Blaulicht vermeiden!) .

Ausreichende Flüssigkeitszufuhr, v. a. Wasser und Kräutertees.

Kaffee höchstens 2 bis 3 Tassen pro Tag. 

Gesunde Ernährung: Geniessen Sie das Essen und nutzen Sie die Mahlzeiten als Ruhezeiten. Zusammensetzung der Ernährung: 30 % Vollkornprodukte, 40 % Gemüse (die Hälfte davon roh), höchstens 10 % Tierische Lebensmittel, 10 % Obst, 10 % Nüsse.

Überlastete Nebennieren
Solche Dauerbelastungen mit mangelnder Regenerationszeit können auch die Nebennieren des gesündesten Recken langfristig nicht verkraften. Nach ersten Alarmzeichen wie Schlafproblemen, verspanntem Nacken, rasenden Gedanken oder immer wiederkehrenden Infektionen, rasseln die Nebennieren von der dauernden Überfunktion in eine Unterfunktion und verweigern ihren wertvollen Dienst. Alltagshektik, Druck, Mobbing oder Ärger bei der Arbeit, aber auch Schicksalsschläge wie ein Unfall oder eine Krankheit führen oft zu chronischem Stress.

«Hauptverursacher von chronischem Stress ist aus meiner Sicht die ständige Erreichbarkeit und die Dauerinformationen durch moderne Kommunikationsmittel. Sie überreizen das Gehirn nonstop und versetzen viele Menschen in Dauerspannung», sagt Homöopathin Lotti Egli, die in ihrer Praxis in Neftenbach (ZH) eine «auffallende Zunahme an Burn-out-Patienten» beobachtet. «60 bis 70 Prozent meiner Klienten zeigen zumindest Vorzeichen eines Burn-out, darunter sind trauriger Weise auch viele Kinder und Jugendliche.» Dazu komme ein Graubereich an Symptomen, die man ebenfalls dieser Thematik zuschreiben könne. Betroffen vom Burn-out seien zwar auch Frauen und sogar Kinder, vor allem aber Männer in namhaften Positionen mit viel Verantwortung. «Meist ignorieren sie die ersten Warnzeichen und überdecken Symptome zunächst durch Unmengen von Kaffee und anderen Stimulanzien, später auch durch Schmerzmittel und Antidepressiva.» Wer an Schlaflosigkeit, Bauchschmerzen, chronischer Darmentzündung, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Depressionen etc. leidet, sollte ganz genau hinschauen und möglichst früh in aller Konsequenz handeln, rät Egli eindringlich.

Bei einer Nebennierenschwäche gehe es in erster Linie um die Vermeidung von Dauerstress. «Als Erstes empfehle ich Betroffenen, ihren Geschäftsmail-Empfang auf dem Smartphone zu sperren, alle nicht zwingend nötigen Apps sowie WhatsApp-Gruppen zu löschen und die entstehende Leere nicht mit Fernsehen oder Computer zu füllen. Das funktioniert erstaunlich gut und zeigt schon sehr bald erste Wirkung.» Viele Leute kämen dermassen ausgebrannt zu ihr, einige hätten bereits Klinik-Aufenthalte hinter sich, sodass sie bereit seien, jeden Strohhalm zu ergreifen. «Es ist für die meisten Betroffenen eine grosse Herausforderung, auf einmal so viel Ruhe auszuhalten. Aber diese Ruhe brauchen wir. Sie gibt uns so viel Lebensqualität zurück!» Egli arbeitet unterstützend mit individuell angepassten homöopathischen Mitteln, die «bei einer so massiven Erschöpfung dem Körper helfen, wieder zur Balance zu finden. Das ist Knochenarbeit, Betroffene müssen sich da durchbeissen». Es gehe oft nur langsam vorwärts, heile aber grundlegend; denn es sei der Körper selbst, der mit den homöopathischen Präparaten zur Selbstheilung angeregt werde. 

Cortison stört die Balance
«Viele Jugendliche, die mit einem Burn-out zu mir kommen, sind bereits als Kinder mit Cortison behandelt worden, etwa wegen Asthma oder Neurodermitis», weiss Lotti Egli und erklärt: «Cortison ist die synthetisch hergestellte Form von Cortisol. Wird es dem Körper regelmässig zugeführt, reduzieren die Nebennieren die natürliche Bildung von körpereigenem Cortisol, was wiederum zu einem Mangel und dieser zu diversen Problemen führt.» Wenn immer möglich sei es ratsam, auf die Einnahme von Cortison zu verzichten, ist die Homöopathin überzeugt. 

Heilmittel, die bei Stress helfen:



Schlafbeere (Withania somnifera), auch Indischer Ginseng genannt (Ashwaganda), stärkt bei Stress die Nebennieren und wirkt unterstützend bei neurologischen Krankheiten sowie Entzündungen (verwendbar sind Blätter, Wurzeln, Beeren).

Ginko (Ginkgo biloba) stärkt die Nebennieren.

Rosenwurz (Rhodiola rosea) steigert die Anpassungsfähigkeit des Organismus an Belastungssituationen, stimuliert den Intellekt und sorgt für gute Laune.

Taigawurzel (Eleutherococcus senticosus) wirkt immunstimulierend, antiviral und kräftigend; so reduziert sie Stresshormone und hilft bei Erschöpfung. Achtung: nicht geeignet bei Bluthochdruck!

Tragant (Astragalus) kräftigt Leber und Nieren und schwächt Überreaktionen des Immunsystems.

Echtes Süssholz (Glycyrrhiza glabra) wirkt entzündungshemmend und immunmodulierend.

Indischer Basilikum (Ocimum tenuiflorum), auch Tulsi genannt, wirkt stress- und schmerzlindernd, antibakteriell und reguliert stressbedingten Bluthochdruck.

Chinesischer Raupenpilz (Cordyceps sinensis) stimuliert die körpereigene Produktion der Corticosteroide und aktiviert die Nebenniere.

Reishi (Ganoderma lucidum) wirkt unterstützend bei Stresssymptomen und Erschöpfungserscheinungen. Hinweis: Heilpilze sollte man nur in Bioqualität verwenden.

Das natürliche Cortisol hingegen ist in verschiedenster Hinsicht ein äusserst wichtiges Hormon unseres Stoffwechsels und nicht grundsätzlich gefährlich: Wesentlich ist, wie so oft, die Balance. Die ist auch grundlegend für einen gesunden Tag-Nacht-Rhythmus: Morgens ist der Cortisol-Spiegel am höchsten (gegen 8 Uhr), weswegen wir auch von alleine aufwachen. Abends, wenn es dunkel wird, sinkt der Cortisol-Spiegel zugunsten des Melatonins, dem Gegenspieler von Cortisol in Bezug auf den Schlaf. So harmonisiert genügend Schlaf (7–9 Stunden) den Cortisol-Spiegel. Über Nacht setzt der Körper Prozesse in Gang, die angegriffene Zellen regenerieren und den Cortisol-Spiegel senken. Auch über die richtige Ernährung sowie mit natürlichen Heilmitteln (siehe Box rechts) lässt sich viel erreichen, um erschöpfte Nebennieren zu stärken und zu heilen. Ziel ist es dabei nicht etwa, den Cortisol-Spiegel dauerhaft zu senken, sondern vielmehr, das natürliche Spiel der Hormone wiederherzustellen – ganz im Sinn des Ein- und Ausatmens, des Sonnenauf- und -untergangs oder des natürlichen Kreislaufs des Jahres. Die Natur zeigt uns in vielerlei Hinsicht immer wieder auf, wie wichtig Rhythmen sind. Wir sollten uns die Zeit nehmen, genau hinzuschauen.

Link

www.hom-egli.ch 
Praxis für klassische Homöopathie und Tierhomöopathie, Lotti Egli

Buchtipps





Natalia Leutnant «Ginseng, Taigawurzel, Rosenwurz – Adaptogene Wunderheilpflanzen für die heutige Zeit», AT Verlag 2018, ca. Fr. 27.–

James L. Wilson «Grundlos erschöpft? Nebennieren-Schwäche – das Stress-Syndrom des 21. Jahrhunderts», Goldmann 2011, ca. Fr. 18.–

Klaus Erpenbach, Heike Schröder «Voll fertig! Bin ich nur müde oder schon krank?», VAK 2016, ca., Fr. 26.–

Fotos: iStock.com | zvg | unsplash.com/naomi-august
Tags (Stichworte):

Kategorie: Gesundheit

Traumjob

Unzählige Heilmethoden und ein kaum zu überblickendes Kursangebot – wer in die...

Kategorie: Gesundheit

Schlaganfallrisiko. Wenig bringt viel

Schon geringfügige Veränderungen des Lebensstils können das Risiko für...

Kategorie: Gesundheit

Darm und Verdauung

Er liefert uns Energie, coacht das Gehirn und sorgt für unsere Gesundheit mit...