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Urin als Heilmittel

Kategorie: Gesundheit, Therapien

Text:  Eva Rosenfelder

Ist Urin tatsächlich nur ein Abfallstoff unseres Körpers, ein «Seich» im wörtlichen Sinn – oder vielleicht doch ein Wundermittel mit erstaunlichem Heilpotenzial? Eine Harnschau.

@ mauritius-images.com

Pfui Teufel, den eigenen Urin trinken! Wenn Sie jetzt leichte Übelkeit verspüren, angewidert die Augen zusammenkneifen oder entrüstet den Kopf schütteln, so sind Sie ganz bei den Leuten: Der Ekel vor den eigenen Ausscheidungen ist in unserer Gesellschaft gang und gäbe. Und so hat, auch wenn Urin in der Volksheilkunde ein gebräuchliches Heil- und Notfallmittel war, diese Art von Therapie heute selbst in der Naturheilkunde einen schweren Stand. «Obwohl wir alle schon den eigenen Urin getrunken haben», frotzelt Naturheiler Urs Schäffler von der Irchelpraxis Winterthur: «Jeder menschliche Embryo trinkt im Fruchtwasser seinen Urin.» Mehr als das: Der menschliche Fötus verbringt seine ersten Lebensmonate faktisch im eigenen Urin, besteht die Fruchtblase doch zu achtzig Prozent aus dem «Pipi» des Fötus, der jeden Tag etwa zwei Gläser davon produziert. Auch im Laufe unseres Lebens bleiben wir produktiv: Nicht weniger als 38 000 Liter Urin produzieren wir im Laufe unseres Lebens. Und der ist notabene ziemlich sauber. Unser «Bisi» besteht nämlich zu 95 Prozent aus Wasser; nur fünf Prozent sind Endprodukte des Stoffwechsels wie etwa Harnstoff, Kreatinin, Natrium, Kalium, Chlor und Magnesium – neben über 3000 weiteren chemischen Bestandteilen, die im menschlichen Urin schwadern können.

Schweizerische Gepflogenheiten

Gemäss Johannes Brülisauer, Vorstandsmitglied des Verbands für Naturheilkunde Schweiz, wird von Heilpraktikern in der Schweiz der Eigenurin allenfalls in homöopathischer Form als «Nosode» verwendet: «Der Urin eines Patienten wird verwendet, indem er ihm in potenzierter Form wieder verabreicht wird. So wird Gleiches mit Gleichem behandelt, ähnlich wie bei der Eigenblut-Therapie.»

Das Trinken von Eigenurin hingegen sei eine Praxis aus der ayurvedischen Therapie und in unseren Breitengraden kulturell nicht verankert. Die ursprünglich europäische Form sei das intramuskuläre Injizieren, eine Methode, die im süddeutschen Raum bis heute praktiziert werde. In der Schweiz sei einzig in Appenzell Ausserrhoden das subkutane Spritzen (unter die Haut) erlaubt.

Generell seien diese Praktiken nur wenig verbreitet und als Therapien nicht von der Krankenkasse anerkannt. «Der Kreis der Leute, die diese Methoden anwenden, ist sehr klein. Beim Verband gab es nie konkrete Anfragen zu Weiterbildungen in diesem Zusammenhang.»

Mit Bedacht anwenden
In seiner Praxis hat der Winterthurer Naturheiler Urs Schäffler mit äusserlichen Urin-Anwendungen immer wieder sehr gute Erfahrungen gemacht. Harn sei nicht bloss ein Abfallprodukt, sondern enthalte viele nützliche Stoffe, die dem Körper so wieder zugänglich gemacht werden können, ist er überzeugt: «Dieses volksheilkundliche Wissen gilt es ebenso zu bewahren, wie aktuelle Erkenntnisse weiterzuvermitteln. Denn mit Urin können sehr gute Heilwirkungen erzielt werden, besonders bei Hautproblemen oder -verletzungen.»

Schäffler war Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Harntherapie (DGH), einer Vereinigung von Therapeuten und interessierten Laien, die von 1997 bis 2016 verschiedenste Informationen zum Thema Urinanwendungen sammelte und verbreitete. «Seit sich die Vereinigung aufgelöst hat, ist es schwieriger geworden, fundierte Informationen zum Thema zu finden. Deshalb gebe ich dieser Thematik etwas mehr Platz auf meiner Website», sagt Schäffler.

Von einer innerlichen Einnahme rät der erfahrene Therapeut eher ab: «Für die innere Einnahme oder gar für Injektionen gibt es keine verlässlichen Informationen. Bei Medikamenteneinnahme oder Niereninsuffizienz könnten diese Anwendungen gefährlich werden», betont er (siehe «Kontraindikationen»). Leider, so Schäffler weiter, fehlen brauchbare wissenschaftliche Studien zu den Anwendungen – zumal für niemanden lukrativ sei, was wir alle ganz natürlich für uns selbst verfügbar haben.

Körpereigene Apotheke
Urinanwendungen – äusserlich wie innerlich – als Heilmittel gegen Krankheiten sind wohl so alt wie die Menschheitsgeschichte. In Indien empfahlen Yogis schon vor über 4000 Jahren täglich einen Harntrank, um das Leben zu verlängern. In China hielten sich die edlen Damen ihren Teint durch Betupfen mit Eigenurin straff. Der griechische Arzt Hippokrates, der «Vater der Medizin», empfahl den goldenen Saft gegen Schlangenbisse und Tollwut. Im Mittelalter hielt man sich dann ans Gröbere: damals galt eingedickter Kuhharn als wahres Allheilmittel.

Auch Tiere machen sich seit jeher ihren Harn zunutze – offensichtlich ist diese Methode so natürlich wie sie alt ist: So trinken manche Affenarten ständig ihren Urin; auch Elefanten, Giraffen und Pferde trinken öfters Urin.

Doch zurück zum Menschen. In China werden Urintherapien bis zum heutigen Tag rege praktiziert. In Urin von Kindern (vorwiegend von Buben) gekochte Eier gelten als Jungbrunnen; und in geneigten Kreisen preist man den täglichen Harntrank als Wundermittel voller Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente. Auch in unseren Breitengraden erlebte die Eigenurin-Therapie immer wieder einen Aufschwung. Etwa nach dem Erscheinen des Buches von Carmen Thomas, die in den 1970er-Jahren praktische Erfahrungen verschiedener Menschen in einer Radio-Sendung des WDR publikumswirksam vermittelt hatte und auf grosses Echo gestossen war.

Anhänger des goldenen Saftes preisen die urintherapeutische Behandlung als höchst wirksam bei allen Erkrankungen, denen eine allergische Veranlagung zugrunde liegt, so auch bei Autoimmunerkrankungen. Die Therapie sei nicht nur kostengünstig und einfach, beim Eigenurin bestehe auch keine Allergiegefahr. Ob als mehrwöchige Kur oder langfristig als krankheitsvorbeugende Massnahme – eine entgiftende und immunstimulierende Wirkung sei zu erwarten. Von Urininhalationen, Urinwickeln bis hin zu Urinsalben, ja selbst als Augentropfen wird der eigene Saft verwendet. Ein Glas nach dem Aufstehen helfe zur Vorbeugung oder Energetisierung, wobei der erste Strahl am Morgen am kraftvollsten sein soll – zur Geschmacksverbesserung mit etwas Apfel- oder Zitronensaft genossen.

«Urin schmeckt überhaupt nicht eklig und ist nicht viel anderes als Schweiss.» Urs Schäffler, Naturheilpraktiker

Kontraindikationen

Auf jegliche Anwendung von Urin sollte man verzichten bei:

● Blasen- oder Nierenbeckenentzündung.

● Geschlechtskrankheiten.

● Herz-, Kreislauf- und Lebererkrankungen.

● akute Erkrankungen mit Fieber.

● fortgeschrittene Krebserkrankungen.

Vorsichtsmassnahmen:

● bei der Uringewinnung auf gute Körper- und Umgebungshygiene achten.

● keinen Urin verwenden nach Einnahme von Medikamenten, Hormonpräparaten (insbesondere Empfängnisverhütung). Der Urin kann Medikamentenabbaustoffe enthalten.

● nur den Mittelstrahl-Urin verwenden (ab der zweiten Sekunde bis man das Gefühl hat, die Blase sei bald leer). Der erste Strahl reinigt die Harnröhre und kann Stoffe (Schleim, Bakterien) enthalten, die man nicht einnehmen sollte. Die letzten Tropfen können Verunreinigungen aus der Harnblase enthalten, die man besser auch dem Abwasser übergibt.

● Verwenden Sie bei innerlicher Anwendung ausschliesslich den ganz frischen, körperwarmen Eigenurin. Urin von anderen Personen enthält körperfremde Stoffe; er kann daher bei der Einnahme ein Gesundheitsrisiko darstellen. In Notfällen (Brand-, Schürf- oder Quetschwunden) mag Fremdurin zur äusserlichen Anwendung vertretbar sein, etwa wenn eine Wunde gespült werden muss und kein sauberes Wasser verfügbar ist.

Quelle: Urs Schäffler, Irchelpraxis

Gesunder Menschenverstand
«Urin schmeckt überhaupt nicht eklig und ist eigentlich nicht viel anderes als Schweiss», versichert Naturheilpraktiker Urs Schäffler, der den körpereigenen Cocktail selber auch schon für sich erprobt hat. Er umschreibt den Geschmack mit «etwas salzig, wie eine schwache Bouillon». Der Geschmack intensiviere sich erst, wenn man zu wenig getrunken habe oder krank sei. «Riecht der Urin beissend und unangenehm, ist er getrübt oder sehr dunkel, kann man sicher sein, dass etwas nicht in Ordnung ist.» Spätestens hier sollte der gesunde Menschenverstand einsetzen und auf eine Einnahme verzichtet werden. Vorsicht geboten ist auch, wenn man Medikamente einnimmt, denn die Abbauprodukte der verschiedenen Präparate werden mit dem Urin aus dem Körper gespült. Auch bei bestimmten Entzündungskrankheiten wie Blasen- oder Nierenentzündungen sowie Geschlechtskrankheiten (Chlamydien, Gonokokken etc.) ist die Urintherapie problematisch.

Die verbreitete Ansicht, dass Urin beim gesunden Menschen in der Blase keimfrei ist, stimmt nicht. Urin enthält schon dort eine Vielzahl an Bakterien; beim Austritt durch die untere (nicht keimfreie) Harnröhre sind es dann bis zu 10 000 Keime pro Millimeter. Ob das Immunsystem durch eine Anwendung dieser Substanz aktiviert wird, sei dahingestellt. Wissenschaftliche Belege für eine therapeutische Wirkung gibt es nicht. Die Volksheilkunde hingegen hat diese Praktiken über Jahrhunderte angewandt und als wirksam und heilend bei diversen Beschwerden überliefert.

Im Visier der Forschung
Doch auch wenn die Schulmedizin den Urin als Abfallprodukt des Körpers betrachtet, so hat auch sie stets «Harnschau» gehalten. Mit gutem Grund, kann man doch ziemlich viel aus der Beschaffenheit des Urins ablesen. Auch wunderliches: Einst diagnostizierten die Ärzte Diabetes, indem sie Harn bei einem Ameisenhaufen ausschütteten – wurde der Urin von den Ameisen belagert, vermuteten sie eine Diabetes, da der Urin vermeintlich süss war.
Ignorierten die Ameisen den Urin, galt der Patient in dieser Hinsicht als gesund. Betrachtung und Geruchsprüfung des frischen Urins begleitete die Mediziner von der Antike durchs Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert hinein. Dabei orientierte man sich an der Humoralpathologie des Hippokrates und Galen von Pergamon. Erst im 20. Jahrhundert hatte sich die wissenschaftliche Urinuntersuchung endgültig etabliert, die mit ihren Testverfahren innert kürzester Zeit das Vorhandensein von roten Blutkörperchen (Erythrozyten), weissen Blutkörperchen (Leukozyten), Eiweiss, Nitrit, Glukose und anderen Substanzen analysieren konnte.

Moderne chinesische Wissenschaftler gehen inzwischen noch einen Schritt weiter: Sie extrahieren lebende, gesunde Zellen, die im Urin ebenfalls vorhanden sind, um daraus Stammzellen zu züchten, die bei verschiedenen neuronalen Erkrankungen eingesetzt werden sollen. Dank der Vielzahl an Inhaltsstoffen des Urins sollen z. B. Bluttestverfahren ergänzt bzw. sogar ersetzt werden durch modernste Urin-Analysen. Andere Forscher hoffen auf Durchbrüche im Kampf gegen Krebs – mithilfe von Kamelurin. . .

Auch die Pharmazie nutzt den Urin. So wird zum Beispiel Urokinase, ein Produkt, das Blutgerinnsel auflöst, hergestellt aus Urinproteinen. Ebenso Premarin, das eingesetzt wird gegen Wechseljahrbeschwerden. Auch in der Homöopathie findet Urin Anwendung. Ebenso enthalten Schlafmittel sowie Kosmetikprodukte Urinderivate wie etwa Harnstoff, heute allerdings synthetisch hergestellt.

Urin ist also ein ganz besonderer Saft. Vor allem für die innerliche Einnahme gilt einmal mehr: Menschenverstand walten lassen und der eigenen Körperwahrnehmung vertrauen, deren Motto lautet: «Wer heilt, hat recht.»

Buchtipps

Marta M. Christy: 
«Selbstheilung mit Urin»
Ennsthaler 2014, ca. Fr. 30.–

Helga Schuler, Dorothee Osterhagen:
«Shivawasser»,
Zupan 2015, ca. Fr. 25.–

Link

Urin-Anwendungen in der Heilkunde:
www.irchelpraxis.ch/urin-anwendungen-praktische-beispiele

Foto: mauritius-images.com

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