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Digitale Medien schaden Kinderaugen

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_06_19 - 06.08.2019

Text:  Stella Cornelius-Koch

Digitale Medien gehören heute zum Alltag von Kindern und Jugendlichen. Doch das Starren auf Smartphones und Tablets kann indirekt eine Kurzsichtigkeit fördern. Was tun?

@ iStock.com

Sehen will gelernt sein: Wenn ein Baby auf die Welt kommt, sieht es seine Umwelt noch unscharf. Erst ab etwa sechs Jahren ist die Sehkraft voll entwickelt. Und erst mit etwa neun Jahren entspricht die Fähigkeit zum räumlichen Sehen der eines Erwachsenen. Das Gesichtsfeld ist sogar erst mit zehn bis zwölf Jahren vollends ausgereift. 

Doch zu diesem Zeitpunkt haben Kinderaugen oft schon zahlreiche Stunden auf einen Bildschirm gestarrt. Auch TV und Tablets, vor allem aber das Handy ist aus dem Alltag der Kids nicht mehr wegzudenken. Inzwischen besitzt ein Viertel der 6- bis 9-Jährigen ein eigenes Handy! Bei den 10- bis 11-Jährigen sind es fast zwei Drittel, bei den 12- bis 13-Jährigen bereits vier Fünftel. Bei Einzelkindern und bei Kindern ohne Schweizer Elternteil ist der Anteil höher, so die Ergebnisse der MIKE-Studie 2017 (MIKE = Medien, Interaktion, Kinder und Eltern). Hierfür haben Forscher der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) das Mediennutzungsverhalten von 6- bis 13-Jährigen in der Schweiz untersucht.

Rechtzeitig zum Augenarzt

Gutes Sehen und gesunde Augen sind entscheidend für die Entwicklung von Kindern und fürs Lernen.
Wichtig sind laut Augenmediziner Mathias Abegg die vorschulischen Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt sowie die schulärztliche Untersuchung.

Kommen starke Kurzsichtigkeit, Augenerkrankungen, Schwachsichtigkeit oder Schielen in der Familie vor, sollten Eltern dies dem behandelnden Augenarzt mitteilen. Wie für Erwachsene gilt auch für Kinder: Je eher Sehprobleme erkannt werden, desto leichter lassen sie sich korrigieren und beheben. Bei folgenden Auffälligkeiten sollte man sofort einen Augenarzt aufsuchen:

Babys und Kleinkinder:
● Schielen
● Lidveränderungen
● trübe Hornhaut
● grau-weissliche oder gelbe Pupillen
● zitternde, entzündete, tränende oder gelbliche Augen

Kindergarten- und Schulkinder:
● ständiges Reiben der Augen
● häufiges Stolpern, generelle Balancestörungen
● geringer Augenabstand zu Buch, Bildschirm oder Fernseher
● zunehmende Schwierigkeit mit dem Sehen bei Dämmerung und Dunkelheit


Überanstrengte Augen

Am häufigsten nutzen Kids Smartphones, um darauf Games zu spielen, Online-Videos zu schauen oder Nachrichten auszutauschen. Doch die Faszination für die kleinen elektronischen Alleskönner hat auch ihre Tücken. So beansprucht die Beschäftigung mit Smartphone, Tablet und Fernsehen zusätzlich zu Schule und Hausaufgaben das Sehvermögen von Kindern enorm. «Für Probleme sorgen vor allem Filme und Spiele. Die regelmässige, stundenlange Fixierung des Bildschirms führt zu einer Konditionierung des visuellen Systems auf kurze Distanzen», erklärt Dominic Ramspeck von Optik Schweiz, dem Verband für Optometrie und Optik. «Vor allem in der Wachstumsphase kann dies bleibende Folgen haben.»

Mehrere internationale Studien belegen zudem eine deutliche Zunahme der Kurzsichtigkeit (Myopie) in industrialisierten Ländern. Diese Entwicklung ist vor allem in Asien zu beobachten, wo junge Menschen digitale Medien schon überaus früh und sehr intensiv nutzen. Trendforscher sprechen bereits von der Generation Maulwurf.

«Je weniger Tageslicht-Exposition, desto grösser ist das Risiko für die Entstehung von Kurzsichtigkeit. » Professor Mathias Abegg

Zu wenig Tageslicht
Dass Handys und Co. zumindest indirekt eine Kurzsichtigkeit fördern können, bestätigt auch Professor Mathias Abegg, leitender Augenarzt an der Augenklinik des Inselspitals Bern. Allerdings gebe es für die Schweiz keine verlässlichen Zahlen, die diesen Trend bestätigen. Der Mediziner glaubt, dass stundenlanges Starren auf Handy oder Tablet für die Gesundheit der Augen das geringere Problem darstellt. «Solche Aktivitäten sind wahrscheinlich ein eher schwacher Risikofaktor für die Entstehung und das Fortschreiten von Kurzsichtigkeit», so Abegg. Eine wesentlich wichtigere Rolle spiele der Aufenthalt im Freien, betont er: «Je weniger Tageslicht-Exposition, desto grösser ist das Risiko für die Entstehung von Kurzsichtigkeit.»

Bei Kurzsichtigen ist der Augapfel zu lang. Dadurch werden die ins Auge parallel einfallenden Lichtstrahlen nicht auf der Höhe der Netzhaut gebündelt, sondern davor. In der Folge entsteht ein unscharfes Bild in der Ferne. Deutsche Forscher an der Universität Tübingen fanden heraus, dass Tageslicht diesen Prozess hemmen kann. Demnach produziert die Netzhaut des Auges bei einem geringeren Lichteinfluss weniger des Botenstoffs Dopamin, der bei Kindern das Längenwachstum des Augapfels hemmt. Andere wissenschaftliche Untersuchungen weisen in eine ähnliche Richtung. Demnach haben Kinder, die häufig aktiv im Freien sind, ein geringeres Risiko, eine Myopie zu entwickeln als Kinder, die sich vornehmlich in geschlossenen Räumen aufhalten. 

Ab nach draussen
Das Problem: Ist die Kurzsichtigkeit einmal vorhanden, bleibt sie bestehen. Sie beginnt meist im Grundschulalter und nimmt bis ins Erwachsenenalter zu. Je früher sie einsetzt, desto stärker ist das Ausmass im Erwachsenenalter. Das Tragen von Brille oder Kontaktlinsen ist damit quasi programmiert. Zudem haben myope Menschen ein grösseres Risiko für schwerwiegende Folgeerkrankungen wie Netzhautablösung, Schädigungen der Makula oder erhöhten Augeninnendruck, der zu Grünem Star führen kann.

Allein aus diesen Gründen ist es sinnvoll, sich möglichst oft draussen aufzuhalten. Ideal sind mindestens zwei Stunden am Tag. Dabei sollten Kinder im Freien ganz «oldschool-mässig» spielen, klettern, schaukeln, balancieren oder Sport treiben. Dadurch trainieren sie spielerisch ihre Akkommodation – die Fähigkeit der Augen, in unterschiedlichen Entfernungen scharf zu sehen.

Klare Regeln festlegen
Neben häufigen Aufenthalten im Freien kann auch eine reduzierte Nutzung von Smartphone, Tablet & Co. das Sehvermögen junger Menschen schonen. Dementsprechend ist es wichtig, die Mediennutzungszeit für Kinder zu begrenzen.
Augenexperten der Deutschen Opthalmologischen Gesellschaft (DOG) empfehlen hierfür klare Regeln:

● Für Kinder bis zum dritten Lebensjahr sind Smartphones und Tablets tabu.
● Für 4- bis 6-Jährige ist eine tägliche Nutzungsdauer von bis zu 30 Minuten empfehlenswert.
● Im Grundschulalter ist eine Medienzeit von maximal einer Stunde täglich aus augenärztlicher Sicht vertretbar.
● Ab einem Alter von etwa zehn Jahren dürfen es bis zu zwei Stunden pro Tag sein.

Um Schlafstörungen zu vermeiden, sollten Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene elektronische Medien bis maximal ein bis zwei Stunden vor dem Zubettgehen nutzen. Denn der hohe Blaulichtanteil der Bildschirme hemmt die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin.

Wichtig ist nicht zuletzt, nach intensiven Smartphone-Phasen immer mal wieder Pausen einzulegen und den Blick in die Ferne schweifen zu lassen. «Insgesamt sollten Eltern in Sachen Medienkonsum als gutes Beispiel vorangehen. Ihr Verhalten wird von ihren Kindern nachhaltiger wahrgenommen als informative oder warnende Worte», sagt Dominic Ramspeck von Optik Schweiz.

Sonnenschutz für Kinderaugen

Kinderaugen brauchen Sonnenlicht für ihr Wachstum. Doch intensive UV-Strahlung kann auch schaden. Daher rät die Infostelle Optik Schweiz, auf Folgendes zu achten:

Im Schnee sowie am Wasser und Strand ist die Sonnenbrille ein Muss. Ansonsten sollte man sie eher zurückhaltend, das heisst nicht zu oft und zu lange tragen.
Die Sonnenbrille muss gross genug sein, auch seitlichen Blendschutz gewährleisten, sicher und bequem sitzen und unbeschwertes Sehen ermöglichen (hochwertige Gläser, keine zu starke Tönung).
Finger weg von Produkten ohne CE-Kennzeichen! Bei Sonnenschutzbrillen von seriösen Anbietern ist 100-prozentiger UV-Schutz gewährleistet.
● Sonnenbrillen sind cool, andere Kinder tragen sie auch. Was man selbst auswählen kann, trägt man lieber.

Foto: iStock.com

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