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Schluss mit Lärm

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_05_19 - 02.05.2019

Text:  Fabrice Müller

Unterwegs, beim Arbeiten und oft auch zu Hause – Lärm prägt unseren Alltag. Doch Lärm stört. Lärm macht sogar krank. Mehr als man denkt.

@ iStock.com

Das Schmieden von Werkzeugen aus Bronze ums Jahr 3000 vor Christus war für die Menschheit ein epochaler Schritt. Die Werkzeuge ermöglichten den Menschen, Gegenstände herzustellen, die es vorher nicht gab. Das Hämmern und Bearbeiten von Bronze, diese metallischen Klänge – sie waren für das menschliche Ohr ebenfalls neu. Als später das härtere Eisen an die Stelle von Bronze trat, gehörte das Geräusch, das entstand, wenn mit schweren Hämmern das heisse Eisen bearbeitet wurde, für viele Menschen immer mehr zur Alltagsakustik. Im Mittelalter klapperten die Mühlen, hämmerten die Schmieden und brüllten die Händler, wenn sie ihre Waren auf den Märkten anpriesen. Eine Lärmkulisse, die bis weit in die Neuzeit hinein die Geräuschkulisse in vielen Städten prägte, war das Poltern eisenbeschlagener Räder, wenn sie über die Pflastersteine polterten. Ganz zu schweigen vom Knall der Peitschen. Mit der industriellen Revolution läuteten die stampfenden Maschinen und heulenden Motoren den Fortschritt, aber auch ein neues Geräuschzeitalter ein. Heute, im 21. Jahrhundert, ist der Verkehr mit Abstand die wichtigste Lärmquelle.

Von Diabetes und Depression...
Der Begriff Lärm hat seinen sprachlichen Ursprung im italienischen Ausdruck «all’arme» bzw. im französischen Ausruf «à l’arme!», was so viel bedeutet wie: zu den Waffen! Um die Leute bei Gefahr zu alarmieren und zur Waffe zu rufen, wurde mittels Lärm Aufmerksamkeit erregt. Im Frühneuhochdeutsch stand «lerman» bzw. «larman» für Geschrei.

Lärm gilt heute weniger als Warnruf, sondern in erster Linie als Umweltbelastung. Und als eine Gefahr für die Gesundheit. Gemäss der Weltgesundheitsorganisation WHO treten Gesundheitseffekte ab 40 Dezibel in der Nacht und ab 45 Dezibel am Tag auf. Martin Röösli, Professor am Schweizerischen Tropen- und Public Health Institut der Universität Basel, beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Lärms auf die Gesundheit. Er sagt: «Lärm wirkt auf verschiedenen Ebenen. Vor allem gilt Lärm als Stressor, der Körper greift ‹zu den Waffen›, um sich zu schützen.» In epidemiologischen Studien wurde nachgewiesen, dass der Verkehrslärm beispielsweise mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, schnellem Herzschlag, Stoffwechselstörungen, Schlaflosigkeit und Depressionen verbunden ist.

Vielerorts über den Grenzwerten

Für Peter Ettler, Präsident der Lärmliga Schweiz, besteht hierzulande ein hoher Bedarf an Massnahmen gegen Lärm. «Trotz Umweltschutzgesetz und der 1987 in Kraft getretenen Lärmschutzverordnung wurde noch sehr wenig umgesetzt», sagt er. Vor allem nachts lägen die Lärmbelastungen vielerorts über den Grenzwerten von 55 bzw. 50 Dezibel.

Dies habe unter anderem damit zu tun, dass der Verkehr in den Abend- und Nachtstunden aufgrund flexibler Arbeitszeiten und der aufkommenden 24-Stunden-Gesellschaft stark zugenommen hat. Hinzu kommen laute Autos und Pneus. «Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern haben wir in der Schweiz überdurchschnittlich viele sehr lärmige Fahrzeuge. Denn es gibt nirgends sonst so viele PS-starke und schwere Autos wie bei uns. Zudem sind bei uns Lärmverursacher wie elektronische Soundverstärker oder Auspuffklappen zugelassen», kritisiert Ettler.

Zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung fühlen sich – so Untersuchungen des Bundesamts für Umwelt – zumindest zeitweise vom Lärm gestört. Die meisten von ihnen leiden unter dem Verkehrslärm. 1,2 Millionen Menschen sind tagsüber schädlichem oder lästigem Verkehrslärm ausgesetzt; nachts sind gegen 700 000 Menschen betroffen.

www.laermliga.ch 


...bis zum Tinnitus
Wie sich der Lärm auf die Gesundheit auswirkt, hängt laut Röösli stark mit der Art des Lärms zusammen. Eine Analyse der Reaktionen auf Bahnlärmereignisse etwa bestätigte, dass für die Aufwachwahrscheinlichkeit neben dem Maximalpegel eines Ereignisses auch die Plötzlichkeit eine Rolle spielt. Das heisst: Je schneller der Lärmpegel zunimmt, desto grösser die Wahrscheinlichkeit aufzuwachen. Im Schlaflabor reduzierten sich die Glukosetoleranz und Insulinsensitivität bei jungen Probanden nach vier Lärmnächten. Die SAPALDIA-Studie, die als wichtigste bevölkerungsbezogene Langzeitstudie der Schweiz den Einfluss des Lärms auf die arterielle Steifheit untersuchte, wies nach, dass das Risiko für Übergewicht mit der Lärmbelästigung am Wohnort zu- und die körperliche Aktivität abnimmt. «Dies deutet darauf hin, dass lärmbedingte Störungen des Schlafs und eine Abnahme der Bewegungsfreude tagsüber sich langfristig ebenfalls negativ auf das Herz-Kreislauf-System auswirken können», erklärt Röösli. Studien konnten ferner einen starken Zusammenhang zwischen Verkehrslärm und Herzinfarkttodesfällen nachweisen. Vor allem für akute Herzerkrankungen sei der nächtliche Lärm problematisch, während für nicht akute Erkrankungen wie Herzinsuffizienz der Tageslärm bedeutender zu sein scheint. Gemäss der SiRENE-Studie wirkt sich die lärmbedingte Beeinträchtigung des Schlafs langfristig negativ auf die Gesundheit aus. Laut Christo Pantev, Direktor des Instituts für Biomagnetismus und Biosignalanalyse an der Medizinischen Fakultät Münster, führt eine ständige Lärmbelastung – ob zu Hause oder am Arbeitsplatz – zu Unkonzentriertheit und erhöhtem Stressempfinden bis zu belastendem Tinnitus.

Subjektive Wahrnehmung
Lärm ist jedoch nicht gleich Lärm. «Geräusche werden von uns sehr subjektiv wahrgenommen. Die einen empfinden das Motorengeräusch eines Motorrads als Sound, die andern als Belästigung», betont Röösli. Grundsätzlich jedoch gelte Lärm, der einen hohen Tongehalt hat, als besonders störend. Auch der stark ereignishafte Lärm wie ein plötzlicher Knall oder das Aufheulen von Sirenen sind Störfaktoren; ebenso Menschenstimmen; und auch der tropfende Wasserhahn kann stärker stören, als man aufgrund der geringen Lautstärke annehmen würde.

«Lärm wirkt sich auch dann negativ auf unsere Gesundheit aus, wenn er uns vermeintlich nicht stört. Der Körper reagiert trotzdem darauf», gibt Röösli zu bedenken. Etwa mit der Aktivierung der Hormonproduktion. Bei Menschen, die bereits gesundheitlich oder psychisch angeschlagen sind, hinterlasse der Lärm zusätzlich negative Spuren, indem er die Symptome verstärkt und verhindert, dass sich der Körper regenerieren kann. Martin Röösli geht davon aus, dass rund 500 Herzinfarktfälle pro Jahr mit einer starken Lärmbelastung in Zusammenhang stehen. «Viele Menschen sind sich der Auswirkungen des Lärms nicht bewusst. Sie akzeptieren ihn und versuchen, so gut wie möglich mit ihm umzugehen», sagt der Professor. Aber auch die Medizin berücksichtige den Lärm oft zu wenig. Dies liege unter anderem daran, dass die Lärmforschung ein noch junges Terrain ist. Die grossen Lärmstudien wurden erst vor etwa zehn bis 15 Jahren realisiert.

Strategien für mehr Stille

Schützen Sie sich: Tragen Sie konsequent Gehörschutz, wenn es vorgeschrieben oder ratsam ist.
Rücksicht nehmen: Machen Sie nicht mehr Lärm, als unbedingt erforderlich ist.
Schützen Sie Ihre Kinder: Überprüfen Sie das Spielzeug Ihrer Kinder. Knackfrösche und Schreckschusspistolen können auch bei kurzzeitiger Einwirkung erhebliche Gehörschäden nach sich ziehen.
Ruhige Freizeitgestaltung: Unterlassen Sie Freizeitaktivitäten, die mit viel Lärm verbunden sind. Falls sich dies nicht vermeiden lässt, lärmige Aktivitäten zu Tageszeiten mit weniger Störpotenzial ausführen – zum Beispiel zwischen 10 und 12 Uhr.
Zimmerlautstärke: Überprüfen Sie kritisch die Lautstärkeeinstellung an Ihren Radio- und Fernsehgeräten, von denen Sie täglich beschallt werden.
Kontrolluntersuchungen: Lassen Sie in regelmässigen Abständen Ihr Gehör von Fachleuten überprüfen.
Öfter mal Stille: Überdenken Sie Ihre Gewohnheiten – muss der CD-Spieler, das Radio oder Fernsehgerät im Hintergrund laufen? Wir beeinflussen durch unser Verhalten und unseren Lebensstil, ob es um uns herum leiser wird oder nicht.
(Quelle: Deutsche Gesellschaft für Akustik DEGA)

Soziale und gesellschaftliche Folgen
Neben den Auswirkungen auf die Gesundheit beinhaltet der Lärm eine soziale Komponente. Wie eine Studie von immowelt.ch zeigt, ärgern sich rund 58 Prozent der Schweizer über ihre Nachbarn. Hauptgrund dafür ist der Lärm. Tom Steiner vom Institut für soziokulturelle Entwicklung der Hochschule Luzern beschäftigt sich mit den sozialen Folgen des Lärms und mit dem Einfluss des Lärms auf die Stadtentwicklung. «Wir gehen unter anderem der Frage nach, wann sich die Menschen vom Lärm belästigt fühlen», erläutert er.
Lärm könne das soziale Gefüge und das Wohlbefinden innerhalb eines Quartiers massgeblich verändern. Dabei spielt laut Steiner der persönliche Bezug zur Lärmquelle eine zentrale Rolle. «Steht der Lärmverursacher in regelmässigem Kontakt mit den Anwohnern und nimmt deren Bedürfnisse ernst, wird der Lärm oft weniger störend wahrgenommen. Die Möglichkeit zur Mitsprache beeinflusst, wie die Menschen die Geräusche wahrnehmen.»

Wird ein Quartier immer lärmiger, flüchten jene Bewohner, die es sich leisten können, in andere, ruhigere Stadtkreise. Sorgen verkehrsentlastende Massnahmen dafür, dass ein Quartier vom Lärm befreit wird – so beobachtet beispielsweise bei der Aufhebung der ehemaligen Autobahnverbindung durch die Zürcher Weststrasse – steigen die Attraktivität der Wohnlage und gleichzeitig auch die Mietzinsen. Dies sorgt für eine andere soziale Durchmischung im Quartier. Neben dem Verkehr prägt das Nachtleben die städtische Lärmkulisse. «Hier prallen zwei Bedürfnisse aufeinander», so Steiner: «Die einen wünschen sich ein attraktives Nachtleben, die anderen wollen nachts ihre Ruhe.» Es habe ein Wertewandel stattgefunden, betont er: Während früher ab 22 oder spätestens um 24 Uhr auch in der Stadt die Nachtruhe als allgemeiner Grundwert anerkannt worden sei, forderten heute viele das Recht auf «Lärm» bzw. auf ein Nachtleben bis spät in die Nacht hinein, wo die lauten Bässe aus den Clubs hämmern – fast wie einst die dumpfen Schläge der Bronze- und Eisenschmiede.

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