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Wege aus dem Trauma

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_03_19 - 27.03.2019

Text:  Fabrice Müller

Ein traumatisches Erlebnis kann einen Menschen ein ganzes Leben lang prägen. So wie jene Frau, die als Kind von ihrem Onkel sexuell misshandelt wurde und nun für «natürlich» darüber berichtet. Die Arbeit mit ihrem Trauma sei auch eine wertvolle Ressource, sagt sie.

@ iStock.com

«Ich war ungefähr acht Jahre alt, als es passierte.» Mit diesen Worten beginnt Nadia Kramer* die Schilderung eines Vorfalls, der ihr Leben bis heute prägt. Die 35-Jährige sitzt im Schneidersitz auf einem Stuhl im Therapieraum von Fabienne Aïa Maurer, Therapeutin für Pränatal- und Geburtstherapie in Basel. Sie begleitet ihre Klientin bei der Verarbeitung ihres Traumas. Und jetzt beim Interview.

Kramer hält eine kleine Kuh aus Holz in der Hand; die Kuh hilft ihr, bei ihren Gefühlen und ihrem Körper zu bleiben. Die Frau aus der Region Basel willigt in das Gespräch ein, weil es ihr wichtig ist, ihre Geschichte, die bei ihr ein Trauma ausgelöst hat, nach aussen zu tragen. Auch im Sinne einer Verarbeitung. «Ich durfte damals bei meinem Gotti und ihrer Familie im Glarnerland übernachten», fährt Kramer fort. «Weil mein Gotti an diesem Abend ein Konzert besuchte, war ich mit meinem Onkel alleine zu Hause.» Die beiden schauten fern. Bald schaltete der Onkel auf einen Sender um, der Softpornos ausstrahlte. Das Mädchen sah weiterhin zu, auch wenn sie sich nicht wohl fühlte, wie Kramer heute erzählt. Als ihr Onkel dann eine DVD mit Hardcore-Porno startete, zog sie sich ins Bett zurück. Sie schaute jedoch – «aus reiner Neugier» – immer wieder mal ins Wohnzimmer. «Ich habe jetzt heftiges Herzklopfen, wenn ich an diese Situation zurückdenke», sagt Kramer sichtlich aufgewühlt.

«Das bleibt unter uns!»
Als sie damals im Bett war, schlüpfte ihr Onkel zu ihr unter die Decke. «Er sagte, er wolle mir warm geben und drückte sich ganz nahe an mich heran und umarmte mich. Dann forderte er mich auf, sein Glied zu berühren.» Daraufhin habe sie ihn mehrmals aufgefordert, zu gehen und sie in Ruhe zu lassen. «Er akzeptierte es widerwillig und sagte, dass diese Geschichte unter uns bleiben müsse.» Am nächsten Morgen ging alles sehr schnell. Das Mädchen telefonierte mit seiner Mutter; die begriff, dass sie ihre Tochter sofort abholen musste. «Kaum war ich aus der Wohnung und hatte die Türe hinter mir geschlossen, schoss es nur so aus mir heraus und ich erzählte meiner Mutter alles.
Zum Glück hatte ich den Mut dazu.»

Der Schock und die Verwirrung sassen tief. Bei N.K. und auch bei ihren Eltern. Diese konfrontierten den Onkel mit den Erzählungen ihrer Tochter; doch er stritt alles ab. Angezeigt haben sie den Onkel nie; und den Grosseltern von Nadia Kramer hat niemand etwas erzählt. «Die Geschichte wurde bis heute verschwiegen», sagt sie. «Immer wieder begegnete ich meinem Onkel an Familienanlässen. Das war für mich extrem schwierig, verbunden mit viel Scham und Schuldgefühlen.»

Das Opfer fühlt sich schuldig
Das Trauma hat bei Kramer tiefsitzende Spuren hinterlassen – innere Narben in Form von Erinnerungen, Bildern und Gefühlen. «So richtig bewusst wurden mir die Folgen dieser Geschichte, als ich mit Jungs eine Beziehung einging. Da merkte ich, dass ich sexuell nicht frei war. Immer wieder lief dieser Vorfall von damals wie ein Film ab in meinem Kopf. Es war wie wenn ein Vorhang fallen würde. Das blockierte alles. Ich konnte das nicht steuern, es passierte einfach. Die Bilder waren so präsent, es fühlte sich an, als erlebte ich es noch einmal und immer wieder und wieder.» Bis heute fällt es Kramer schwer, ein Vertrauensverhältnis zu Männern aufzubauen. Dies löse in ihr ein «tiefes Bedauern und eine Traurigkeit» aus.
Die Therapeutin Fabienne Aïa Maurer kennt das: «Es sind klassische Traumasymptome», sagt sie. «Im Unterbewusstsein werden die traumatischen Erinnerungen von einst mit der Gegenwart vermischt. Das zeigt, wie Kopf und Körper als zwei unterschiedliche Ebenen funktionieren. Sobald eine Situation auftaucht, die den Körper an den Ursprung des Traumas erinnert, reagiert er mit Symptomen wie Abwehr oder heftigen Gefühlsausbrüchen. Denn die Zellen des Körpers haben diese Erinnerungen gespeichert.» Dies kann Kramer bestätigen: «Wenn plötzlich wieder der Film abläuft und der Vorhang fällt, breche ich in Tränen aus. Ich kann mich dann kaum mehr kontrollieren.» In solchen Situation reagiere sie mit Abwehr und gehe auf Distanz zum Gegenüber. «Ich mache dann den anderen dafür verantwortlich, dass es mir schlecht geht. Dabei hat er es ja nur gut gemeint mit mir.»

Gefragt: Daniel Dufour*

«Die Blockierung der Trauma-Energie kann zerstörerisch sein»

Um seinen wesentlichen Kern zu finden und seine Autonomie wiederzugewinnen, ist es nötig, sich vom dominierenden Einfluss des Egos zu befreien, sagt Daniel Dufour, Arzt und Entwickler der «OGE»-Methode. Mit dieser könne sich die leidende Person selber heilen und bleibe nicht von externer Hilfe abhängig.

 Herr Dufour, was kann ein Trauma verursachen?
Die Ursachen für ein Trauma sind vielfältig und reichen von Naturkatastrophen über bewaffnete Konflikte und Gewalt bis zu Unfällen, verbalen Misshandlungen und Manipulationen. Ein Trauma kann auch indirekt eintreffen, indem man über das Leiden anderer Menschen, die einem nahe stehen, traumatisiert wird.

Inwiefern hängt ein Trauma von den persönlichen Merkmalen eines Menschen ab?
Niemand weiss, weshalb eine Person, die einem traumatischen Ereignis ausgesetzt ist, ein Trauma entwickelt, und warum eine andere Person mit gleichen Erfahrungen anders darauf reagiert. Man hat jedoch festgestellt, dass ein Trauma oft dann entsteht, wenn die traumatische Handlung bereits vorüber ist. Das Auftreten eines Traumas hängt nicht mit einer psychischen Schwäche zusammen, unter der die Person leiden würde. Doch oft fühlen sich die Betroffenen mitschuldig und halten sich für schwach.

Was spielt sich bei einem traumatischen Erlebnis ab?
Der menschliche Organismus verfügt über Energien, die ihm helfen, auf ein traumatisches Ereignis mit Flucht oder Angriff zu reagieren. Kann diese Energie aus welchen Gründen auch immer nicht freigesetzt werden, erzeugt sie eine Blockade im Körper. Das führt zu erheblichen Spannungen, die sich als psychische oder körperliche Störungen äussern.

Was passiert, wenn das Trauma nicht behandelt, sondern unterdrückt wird?
Dann entstehen Spannungen, die wiederum Symptome wie Müdigkeit, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, erhöhte Schlafstörungen und Verletzlichkeit, psychische Störungen und andere Krankheiten zur Folge haben können.

Wie sollte ein Trauma behandelt werden?
Wir müssen sicherstellen, dass die durch das traumatische Erlebnis blockierte Energie freigesetzt wird. Diese Energie ist weder negativ noch positiv, doch ihre Blockierung kann zerstörerisch sein.

Sie gehen mit Ihrer «OGE»-Methode ganzheitlich vor. Können Sie das Prinzip in aller Kürze erläutern?
Die «OGE»-Methode umfasst die Befreiung vom dominierenden Einfluss des Egos und beruht auf drei Säulen: 1. Das Denken zum Schweigen bringen. 2. Die Emotionen der Freude, Traurigkeit und Wut erkennen, empfinden und ausleben. 3. Das angeborene Wissen und seinen wesentlichen Kern wiederfinden. Der Vorteil dieser Methode besteht darin, dass die leidende Person sich selber heilen kann und nicht von externer Hilfe abhängig bleibt.

Interview: Fabrice Müller

* Daniel Dufour (68) arbeitete mehrere Jahre als Chirurg in Entwicklungsländern und als Abgesandter und Koordinator für das Internationale Rote Kreuz in Kriegsgebieten. Seit 1988 leitet er die «Clinique Vitamed» in Genf und behandelt Menschen mit Traumata. Er vertritt einen ganzheitlichen Ansatz, demzufolge nicht die Symptome, sondern die tieferen Ursachen einer Krankheit behandelt werden. 1997 entwickelte er die «OGE»- Methode und tritt als Ausbilder und Referent bei OGE-Seminaren in Europa und Kanada auf.

Es sei im Grunde genommen paradox, meint Kramer: «Obwohl die Sexualität etwas Schönes ist, kann ich sie nicht geniessen. Irgendetwas in mir sagt, dass ich Sex nicht geniessen darf.» Sie habe Schuldgefühle. Gegenüber ihrem Partner, aber auch sich selbst gegenüber. Die Therapeutin kennt auch das: «Traumatisierte Menschen haben oft die Tendenz, ihre Geschichte und Gefühle auf andere Personen zu projizieren; doch diese sind nur die Reflektionsfläche ihres eigenen Erlebten», sagt Maurer. Sich von anderen Menschen zu distanzieren, den körperlichen Kontakt gar abzulehnen, sei ein Schutzmechanismus, der oft eintrete. Dazu zähle auch die Essstörung, die sich bei Kramer im Alter von zwölf Jahren entwickelte. «Ich wollte die Kontrolle über mich behalten», sagt sie. «Die Essstörung war eine Art Schutz vor der Sexualität, um ja nicht mit Männern in Kontakt zu kommen.» Mit der Essstörung verbunden sei oft auch eine veränderte Körperwahrnehmung, erläutert Maurer weiter: «Man kommt sich total fremd vor und hat stets Angst, nicht zu genügen und abgelehnt zu werden. Gleichzeitig ist es für die Betroffenen ein Streben nach Perfektion.»

Scham und Selbstablehnung
Unter dem Trauma bzw. den Folgen davon leidet auch die Familie von Nadia Kramer. Sie ist Mutter eines elfjährigen Sohnes und einer dreizehnjährigen Tochter. Erst vor Kurzem erzählte sie den Kindern von ihrem Trauma. Authentisch zu sein, sei ihr sehr wichtig, betont sie. «In schwierigen Situationen, wenn ich befürchte, die Kontrolle zu verlieren, kann ich meine Verantwortung als Mutter nicht mehr wahrnehmen. Ich verliere dann die Kontrolle über meine Emotionen. Im Nachhinein löst das bei mir ein grosses Schamgefühl aus, gefolgt von Selbstablehnung.»

Kramer hat schon diverse Therapien und Behandlungen hinter sich. Was hat ihr am meisten geholfen? Das wertfreie Zuhören, ohne verurteilt zu werden, sagt sie. «Ich brauche ein Umfeld, wo ich akzeptiert werde, so wie ich bin.»

«Als Therapeutin», so Maurer, «ist mir wichtig, den Klientinnen und Klienten Raum zu geben, um zu sein und sich selber wahrzunehmen. Auf diese Weise tasteten wir uns bei Frau Kramer Schritt für Schritt an ihre Geschichte heran.» Es sei wichtig, das Trauma sowohl auf der Körper- als auch auf der Gefühlsebene zu verarbeiten. Nur so komme man zur Essenz und zu den Wurzeln des Erlebten und Gefühlten. Und zur Heilung. «Das Trauma erlebte Frau Kramers kleines Ich, ihr inneres Kind, das deshalb nicht erwachsen werden kann und weiterhin Schutz braucht. Es ist wichtig, dass die Patientin diesen Mechanismus erkennt», sagt Fabienne Aïa Maurer. Es brauche Mut und einen starken Willen, aus diesem alten Muster herauszukommen.

Diesen Willen hat Nadia Kramer bewiesen, sonst hätte sie den langen, beschwerlichen Weg der Traumaverarbeitung nicht gewählt. «Es geht mir auch um den Schutz meiner Kinder», sagt sie. «Meine heutige Verhaltensmuster, die Folgen des Traumas sind, nehmen in der Familie zu viel Raum ein.» Umso mehr schätze sie es, dass ihr Mann und ihre Kinder von der Therapeutin mit ins Boot geholt wurden. «Die Angehörigen helfen, Brücken zu bauen zwischen der Therapie und der Transformation des Traumas im Alltag», erklärt Maurer.

Sensibilität als Ressource
So ungewöhnlich es klingen mag: Trotz der langen Leidensgeschichte stelle das Trauma für sie auch eine Art Ressource dar, sagt Kramer. «Es gelingt mir mittlerweile, ein sich anbahnendes Traumasymptom im Vornherein zu erkennen. Meist macht es sich als Druck auf der Brust erkennbar.» Sie versuche in solchen Momenten, über den Verstand und nicht über ihre Gefühle zu reagieren. Dies gelinge ihr jedoch nicht immer. Da sie es aber immer wieder übe, habe sich daraus eine hohe Sensibilität sich selber gegenüber sowie ein Verständnis für Menschen mit destruktivem Verhalten entwickelt. «Jeder Mensch hat Bedürfnisse, die er sich auf unterschiedliche, oft leider auch schädigende Art zu erfüllen versucht. In diesem Sinne empfinde ich – dank meiner Ausbildung in gewaltfreier Kommunikation – mittlerweile sogar eine gewisse Empathie für meinen Onkel», sagt Kramer. Das Trauma aber habe sie noch nicht überwunden. «Überwunden ist ein Trauma erst, wenn es den Menschen nicht mehr fremdsteuert», sagt ihre Therapeutin. Kramer ist auf gutem Weg. Für sie, die früher Selbstmordabsichten hatte, ist das Trauma Teil ihrer Lebensgeschichte. Darüber zu sprechen, empfindet sie als «Befreiungsschlag und Heilprozess». «I broke free», meint Kramer am Schluss des Gesprächs: «Ich habe mich befreit.»

*Name geändert

Buchtipps

Daniel Dufour «Das Ende des Tunnels. Posttraumatische Belastungsstörungen erkennen und überwinden. Die OGE-Methode», Mankau Mai 2019, ca. Fr. 25.–

Daniel Dufour «Die Heilkraft innerer Krisen. Emotionen annehmen, ausleben – und heilen», Mankau 2013, ca. Fr. 21.–

Luise Reddemann, Cornelia Dehner-Rau «Trauma heilen: Ein Übungsbuch für Körper und Seele», Trias 2018, ca. Fr. 33.–

Links
www.aiamaurer.ch 
www.oge.biz/de 
www.vitamed.ch 
www.tspt.ch 

Illustration: Lina Hodel 
Fotos: zvg, iStock.com
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