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Natürliche Antibiotika

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_03_19 - 27.03.2019

Text:  Lioba Schneemann

Streng genommen gibt es keine «pflanzlichen Antibiotika». Aber es gibt viele Pflanzen, die antibiotische Wirkstoffe enthalten. Sie sind in vielen Krankheitsfällen die bessere Wahl als Antibiotika.

@ sharon mccutcheon, unsplash.com

Wen es nicht im Winter erwischt hat, erwischt es vielleicht jetzt. Zumal schon die ersten Pollen so manch ein Immunsystem durcheinanderwirbeln. Kaum einer bleibt jahrein, jahraus gänzlich verschont: Die Nase läuft, der Hals kratzt, es verschlägt einem buchstäblich die Sprache. Wenn es kalt ist, werden Füsse, Hände und auch die Schleimhäute im Kopfbereich weniger gut durchblutet. Wir sind darum anfälliger auf Viren, Bakterien und Pilze. Dasselbe gilt bei einem geschwächten Immunsystem.

Oft geht vergessen, dass ein grippaler Infekt einfach Zeit braucht, um auszuheilen. Dabei können wir mit Pflanzen unseren Körper unterstützen und das Leid erträglicher machen. «Heilkräuter und phytotherapeutische Naturheilmittel eignen sich gut, um die Symptome von Erkältungskrankheiten zu lindern», sagt etwa Martin Koradi, Drogist und Dozent für Phytotherapie in Winterthur. Und auch zur Stärkung des Immunsystems könnten Heilpflanzen beitragen. Etwa der Pupursonnenhut (Echinacea purpurea) oder die Wurzel der Kapland-Pelargonie (Pelargonium sidoides), eine südafrikanische Pflanze, die unter dem Markennamen Umckaloabo bekannt ist und ebenfalls die körpereigene Abwehr stärkt und auswurffördernd wirkt. Naturheilmittel wie diese sind laut Koradi aber nicht für den Dauergebrauch geeignet. «Sonst kann ihre Wirkung nachlassen.»

In Kontakt mit der Natur
Kräutermedizin, auch Phytotherapie genannt, verbindet die uralten Erfahrungen aus der traditionellen Pflanzenheilkunde mit moderner Arzneipflanzenforschung. Heilpflanzen kommen dabei in vielfältiger Form zum Einsatz, etwa als Tee, Tinktur, Extrakt oder Salbe, zur Inhalation als ätherisches Öl sowie in Form von Bädern und Wickeln. Da die Phytotherapie zur Naturheilkunde gehört, ist sie, wie Koradi betont, ein Bereich der Medizin. «Phytotherapie ist für Ärzte interessant, denn sie bildet eine Brücke zu Patienten, die nach einer sanften, natürlichen Behandlungsform suchen, ohne dass dabei der Boden einer wissenschaftlich basierten Therapie verlassen wird», erklärt der Fachmann. Zudem wirke sich die aktive Mitwirkung der motivierten Patienten positiv auf die therapeutische Beziehung, die Therapietreue (Compliance) und den Heilungsprozess aus. Die Phytotherapie orientiere sich, so Koradi weiter, an Wirkstoffen und unterscheide sich somit von anderen Heilverfahren wie Homöopathie, Bachblüten, Anthroposophischer Medizin, Schüssler Salzen, Spagyrik, Aura Soma oder TCM, die auf eigenen Weltbildern und Theoriesystemen basierten.

Wer sich mit Heilpflanzen beschäftigt, erlebt den Kontakt mit der Natur auf spezielle, oft sehr intensive, ja fast schon intime Weise. «Die Erfahrung, dass Pflanzen wirken, fördert den Respekt vor der Natur. Denn Patienten erfahren am eigenen Leib, welchen Schatz sie bietet», sagt Marianne Ruoff, die in Bern als Ärztin mit Zusatzausbildung in Phytotherapie, Akupunktur und TCM ebenfalls mit Naturheilmitteln arbeitet.

Apotheke im Chuchichäschtli
Nicht nur Heilpflanzen wie Thymian, Odermennig, Kamille oder Engelwurz enthalten antibiotische Substanzen. Auch viele Gewürze sind besonders reich davon. Das können wir uns zunutze machen – nicht nur wenn wir krank sind, nein, auch als Prävention. Prävention, die schmeckt! Und wenn wir doch einmal krank sind, können die Gewürze uns wieder gesund machen. Eine Auswahl häufiger Beschwerden und welche Gewürze dagegen helfen:
Bronchitis
Anis, Bohnenkraut, Fenchel, Ingwer, Knoblauch, Meerrettich, Senf, Thymian, Wasabi, Zwiebel
Durchfall
Chili, Gewürznelke, Koriander, Kümmel, Kurkuma, Muskat, Pfeffer, Pfefferminze, Zimt
Grippale Infekte
Anis, Bärlauch, Ingwer, Knoblauch, Pfeffer, Rosmarin, Senf, Thymian, Wacholder, Wasabi, Zimt, Zwiebel
Grippe
Ingwer, Süssholz, Zimt
Harnwegsinfekte
Kapuzinerkresse, Knoblauch, Liebstöckel, Meerrettich, Petersilie, Wacholder
Husten
Anis, Bohnenkraut, Fenchel, Kardamom, Thymian, Zwiebel
Mandelentzündung
Salbei, Senf
Mittelohrenentzündung
Knoblauch, Thymian, Zwiebel
Mund- und Rachenraumentzündung
Salbei
Nebenhöhlenentzündung
Lorbeer, Meerrettich, Rosmarin, Senf, Thymian, Wasabi, Zwiebel
Schnupfen
Ingwer, Majoran, Rosmarin, Thymian

Quelle: Claudia Ritter, «Pflanzliche Antibiotika selbst gemacht»

Pflanzen statt Pharma
Eine besonders bedeutende Rolle spielen Heilpflanzen bei Infektionen. Manche von ihnen eignen sich sogar als Ersatz für Antibiotika. Vor allem hinsichtlich der zunehmenden Antibiotika-Resistenzen bergen Heilpflanzen ein riesiges Potenzial, das noch längst nicht ausgeschöpft ist. Antibiotika können bei schwerwiegenden Infekten Leben retten. Sie wirken gegen Bakterien, jedoch nicht gegen Viren und sollten nur gezielt eingesetzt werden. Doch das ist nicht der Fall – mit dramatischen Folgen: Bakterien mutieren und werden resistent gegen viele Antibiotika, sodass diese nicht mehr wirken. Hunderte von Toten allein in der Schweiz könnten vermieden werden, würde man einfache Infekte mit alternativen Therapien behandeln, zum Beispiel eben mit antibiotisch wirkenden Heilpflanzen wie Kampfer, Kurkuma oder Kapuzinerkresse. Interessant in diesem Zusammenhang ist eine Studie von Sasis, einer Tochter der Santésuisse. Sie zeigt, dass phytotherapeutisch ausgebildete Ärzte nur bei 4 Prozent der Erkrankungen Antibiotika verschreiben, alle anderen Haus- und Kinderärzte bei 13 Prozent.

Im echten Lavendel (Lavendula angustifolia) sind rund 280 Inhaltsstoffe nachgewiesen worden. Als starkes Antiseptikum und Antibiotikum wird Lavendelöl als Reinigungsmittel für Körper und Haushalt angewandt. Innerlich wirkt es krampflösend, immunstärkend und schmerzlindernd. Eingesetzt wird Lavendel vor allem bei Unruhe und Nervosität, bei Kopfweh, Migräne, Gicht, Rheuma, Gliederschmerzen und Insektenstichen.

Von Malvenblüte bis Meerrettich
Bei einer Erkältung können viele Pflanzen die Symptome lindern. Bei trockenem Reizhusten etwa helfen schleimhaltige Tees. Oft lässt sich sogar die Entwicklung einer handfesten Bronchitis verhindern. Malvenblütentee, Sirup von Spitzwegerich, Bonbons mit Isländisch Moos sowie Eibischwurzel haben sich hierbei besonders bewährt. Es ist ratsam, viel zu trinken, Hustenbonbons zu lutschen und für ausreichend Luftfeuchtigkeit zu sorgen. Wenn in der zweiten Phase eines Hustens noch Schleim (Auswurf) hinzukommt, sind auswurffördernde Pflanzen wie Thymian, Anis und Eukalyptus hilfreich. «Kapseln mit Eukalyptusöl fördern den Auswurf und helfen auch bei Nasennebenhöhlenentzündung und Bronchitis», weiss Martin Koradi.

Thymian zählt zu den Klassikern unter den Heilpflanzen. Das Kraut fördert den Hustenauswurf und hilft auch bei Hustenkrämpfen. Man kann dazu einfach ein Zweiglein Thymiankraut kauen oder aber zur Tinktur greifen. Es gibt auch Fertigpräparate mit Meerrettich und Kapuzinerkresse, die bei unkomplizierten Atemwegs- und Harnwegsinfektionen wirken. «Bei feucht-kaltem Wetter eignen sich Ingwer, Meerrettich und andere scharfe Rettiche, Senf, Zimt, scharfe Zwiebeln und Knoblauch sowie Kapuzinerkresse», rät Marianne Ruoff. Die Heilpflanzen können uns indes nicht nur im Krankheitsfall helfen, sondern auch der Prävention dienen. Das beste dabei: Viele von ihnen schmecken lecker – etwa als Tee oder auch als Gewürz im wärmenden Eintopf.

Gefragt: Marianne Ruoff*

«Heilpflanzen haben ein breites Wirkungsspektrum»

Marianne Ruoff, warum können Heilpflanzen bei bakteriellen und viralen Infektionen helfen und sogar oftmals Antibiotika ersetzen?
Ein Antibiotikum besteht aus einer oder zwei Einzelsubstanzen. Antiinfektiös wirksame Heilpflanzen hingegen enthalten oft 10 bis 50 und mehr Substanzen, die auf multimodale Weise und zudem gegen mehrere Infektionserreger gleichzeitig wirken. Dies ist ein Vorteil gegenüber Antibiotika. Der Grund liegt auf der Hand: Die Pflanzen leben in engem Kontakt mit Pilzen, Bakterien und Viren; sie müssen ein effizientes Schutzsystem entwickeln, um zu überleben. Dabei muss jede Pflanze ihre antiinfektiösen Strategien ständig anpassen, da sich die Erreger ständig ändern. Diese Schutzstoffe schützen nicht nur die Pflanzen, sondern wirken auch im Menschen antiinfektiös. Ich verwende meist eine Kombination von Medizinalpflanzen, angepasst an die Situation des Patienten.

Welche Pflanzen und Wirkstoffe wirken besonders gut gegen Bakterien und andere Eindringlinge?

Hier sind vor allem ätherische Öle, Gerbstoffe oder Senföle zu nennen. Nehmen wir als Beispiel den Thymian, bei dem Thymol und Carvacrol als Bestandteile des ätherischen Öls bakterienabtötend wirken. Und die Gerbstoffe wie Rosmarinsäure und Flavonoide wirken antiviral. Zudem wirkt Thymian einer Schleimbildung entgegen und fördert die Selbstreinigung der Schleimhaut. So verhindert Thymian die Ausbreitung von Bakterien, die Schleim brauchen, um sich auszubreiten.

Können Sie ein Fallbeispiel aus Ihrer Praxis nennen?
In einer Zeit mit Wetterwechsel und nass-kaltem windigem Wetter meldete sich eine Dame mit einer heftigen Erkältung: viel klares Sekret, Müdigkeit, kein Durst, Gelenkschwellungen und -schmerzen, kein Fieber. Ich habe ihr eine Thymian-Urtinktur verordnet, und zwar anfangs für ein bis zwei Tage eine hohe Dosis von drei- bis viermal täglich 20 Tropfen, die mit etwas Wasser eingenommen möglichst lange im Mund gehalten und danach geschluckt werden. Wie bei vielen anderen Patienten hat das auch der Frau rasch geholfen, ohne jegliche Nebenwirkungen.

Interview: Lioba Schneemann

* Marianne Ruoff
ist Fachärztin für Allgemeinmedizin, Akupunktur, Traditionelle Chinesische Kräutermedizin und Phytotherapie in Bern. Ausserdem schreibt sie Bücher und hält Vorträge und Seminare zu den Themen Heilkräuter und Wildnispädagogik. www.naturalmedizin.ch

Buchtipps
Claudia Ritter «Pflanzliche Antibiotika selbst gemacht. Heilen und vorbeugen mit Gewürzen und Kräutern», Ulmer 2017, ca. Fr. 28.–
Felicia Molenkamp «Kräuter-Biotika. Antibiotisch wirkende Inhaltsstoffe essbarer Wildpflanzen», AT Verlag 2015, ca. Fr. 30.–
Liesel Malm, Margret Möbus «Antibiotische Heilpflanzen. Über 50 Pflanzen und ihre Wirkung», Bassermann 2018, ca. Fr. 16.–

Links
• Schweizerische Medizinische Gesellschaft für Phytotherapie SMGP, mit Adresslisten von Ärzten, Tierärzten und Apotheken mit Fähigkeitsausweis in Phytotherapie: www.smgp.ch  
• Ärzte mit alternativmedizinischen Zusatzausbildungen nach Region: www.doctorfmh.ch  
• Naturheilpraktiker: www.nvs.swiss   
• Martin Koradi bietet Ausbildungen und Kurse an: www.phytotherapie-seminare.ch 

Fotos: sharon mccutcheon, unsplash.com, zvg
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