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Wieder besser hören

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_03_19 - 27.03.2019

Text:  Leila Dregger

Jährlich am 3. März lädt die Weltgesundheitsorganisation zum Welttag des Hörens ein. Auch wir laden Sie mit diesem Beitrag ein, Ihrem Hörsinn Aufmerksamkeit zu schenken.

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«Es hört doch jeder nur, was er versteht.» Johann Wolfgang von Goethe

Wo befinden Sie sich, während Sie diese Zeilen lesen? In der Bahn, in einer Bar, im Wartezimmer? Oder zu Hause auf dem Sofa? Jede Situation hat ihre ganz eigene Klangwelt. Was hören Sie gerade jetzt? Schliessen Sie einen Moment die Augen und lauschen Sie. Treten Hintergrundklänge in den Vordergrund? Erschrecken Sie bei unangenehmen Geräuschen wie Strassenlärm oder Geschrei? Wird etwas in Ihrem Inneren weich bei Harmonien oder geliebten Stimmen? Entspannt sich der Körper in einem Moment wirklicher Stille?

Sie können diese Meditation überall machen, sogar in proppenvollen Zügen mit ihrem Quietschen und den mehrsprachigen Satzfetzen: Lauschen Sie bewusst auf das Orchester, das Ihnen die Welt in diesem Moment beschert. Versuchen Sie nicht, jedes Geräusch zu analysieren. Achten Sie aber darauf, von wo es kommt und wo es Sie im Körper erreicht. Das ist Ihr Hörraum. Schützen Sie ihn! Er ist der Eingang zur Seele, der Weg zum Hören und Verstehen der Welt.

Die Welt ist Klang
Hören und Verstehen verlangen nicht nur eine gesunde Hörmechanik. Sie verlangen diesen Ort in uns, wo der Klang ankommen und nachhallen kann. Dieser innere Hörraum ist in Gefahr. Die moderne Welt hat uns zum Homo visualis gemacht: Wir nehmen Information vor allem über die Augen auf. Die Ampel, das Blinken auf dem Computer, die Nachricht auf dem Mobiltelefon, Hinweisschilder – unsere omnipräsente visuelle Informationsübertragung hat das Gehör zum blossen Ergänzungssinn degradiert. Viele machen ihre Welt sogar zum Stummfilm, musikalisch untermalt durch Kopfhörer.

Die Evolution hat das anders geplant. Hören ist ein viel elementarerer, älterer Sinn als das fokussierte Sehen. Hören ist die tiefste Verbindung mit dem, was uns umgibt. Und die zuverlässigste: Anders als das Auge schläft unser Gehör nie. So sorgt es für unsere Sicherheit: Kein anderer Sinn warnt uns so schnell und wirksam vor Gefahr. Nur dasjenige Reh überlebt, das den brechenden Zweig unter den Füssen des Jägers hört. Bei Menschen kommt hinzu: Hören ist wesentlich für unser Miteinander als soziale Wesen. Zuhören und verstehen machen aus Individuen eine Gemeinschaft. Keine Zivilisation wäre möglich ohne Kommunikation.

Hören hilft auch unserer Einordnung im Kosmos. Pythagoras beschrieb, dass Planeten und Sterne eine Harmonie bilden. Ihre Abstände erzeugen, in musikalische Intervalle umgerechnet, Akkorde, die für unser Ohr harmonisch klingen. Poetisch können wir sagen: Das Universum ist ein grosses Orchester, und durch bewusstes Lauschen finden wir unsere Harmonie und unser Gleichgewicht.

Hinweise der Seele
Doch wir haben die Stille abgeschafft und damit das Lauschen. Wir haben unseren Gehörsinn missachtet und gleichzeitig überlastet. Hörschäden sind die logische Konsequenz. Bei Hörproblemen rät man zu einem Hörtest und schliesslich zu einem Hörgerät. Falls Sie damit zurechtkommen, ist das Problem für Ärzte oder Akustiker gelöst. Hörgeräteträger haben sogar einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: Sie können ungeliebte Geräusche und Gespräche im wahrsten Sinne abschalten. Trotzdem: Wer es bei der technischen Lösung belässt, hat eine Chance vertan. Denn jede Krankheit enthält eine Nachricht unserer Seele. Nur wenn wir die hören und unser Leben entsprechend ändern, heilen wir. Natürlich ist es gut, dass es Hörgeräte gibt! Aber sie sagen uns nichts darüber, wie sich unsere Seele ein heilsames Leben vorstellt und was ihr zur Harmonie und damit Gesundheit fehlt.

Wir wollten hören
Unser Gehör ist eine hochkomplexe Sinfonie ineinandergreifender Mechanismen: Die Ohrmuscheln nehmen Schallwellen auf, die die dünne Membran namens Trommelfell zum Schwingen bringen. Hammer, Steigbügel und Amboss, die härtesten Knöchelchen des Körpers, leiten diese Schwingungen in die Innenohr-Schnecke, wo sie winzige Haarzellen in einen erregten Zustand versetzen und elektrische Impulse erzeugen, die über Nerven ins Gehirn weitergeleitet werden. Dort werden ankommende Informationen permanent ausgewertet, berechnet, mit Erinnerungen verglichen und interpretiert. All das geschieht innert Hundertstelsekunden.

«Auch das lauteste Getöse grosser Ideale darf uns nicht verwirren und nicht hindern, den einen leisen Ton zu hören, auf den alles ankommt.» Werner Heisenberg

gefragt: Anton Stucki
«Das Hören neu strukturieren»

Als Ergänzung zu den Angeboten von Ärzten und Akustikern gibt es verschiedene ganzheitliche Hörtherapien. Ein Verfahren wurde vom Schweizer Anton Stucki entwickelt. Wieso er von Hörtests abrät und wie man mithilfe eines Wasserhahns sein Gehör trainieren kann, erklärt er im Interview.

Was ist der Kern der von Ihnen entwickelten Mundus-Hörregeneration?

Grundidee ist es, den eigenen Hörraum korrekt aufzubauen, sodass wir die Geräuschquellen dort finden, wo sie wirklich sind. Denn dies ist das Hauptproblem bei Hörschwäche: die Ortung der Schallquelle. Wenn ich aber meinen inneren Hörraum wieder neu ordne, dann strukturiert sich mein Hören richtig – und ein wichtiger Teil des Hörproblems ist gelöst. Ich höre dann wieder besser, nicht unbedingt weil die mechanischen Teile des Ohrs wieder besser funktionieren, sondern weil die Informationsübertragung vom Innenohr zum Gehirn wieder besser läuft. Denn der Teil beim Hören, der durch Hörgeräte nicht verbessert wird, geschieht im Gehirn.

Was genau ist das, dieser «innere Hörraum»?

Damit wir hören können, müssen wir wissen: Wo bin ich? Wo landet der Schall? Wenn ich diesen inneren Bezugspunkt des Hörens wieder regeneriert habe, kann das Gehirn berechnen, wo die anderen Schallquellen sind. Die Methode der Mundus-Hörregeneration reaktiviert diesen Punkt.

Der Trainierende arbeitet mit einer festen Schallquelle. Sie empfehlen dafür entweder einen laufenden Wasserhahn oder den Naturschallwandler. Warum nicht normale Lautsprecher?

Normale akustische Technologie arbeitet nach einem anderen Prinzip als die Natur. Wenn ein Vogel oder eine Sängerin singt und wir gehen um sie herum, dann können wir ständig die Klangquelle orten, sie bleibt immer gleich. Wenn wir um einen Lautsprecher herumgehen, bleiben die Quelle und der Klang nicht gleich, sie springen. Das ist genau das, was wir eben nicht brauchen bei der Hörregeneration. Die Naturschallwandler dagegen ahmen das akustische Prinzip der Natur technisch nach. Deswegen muss man sich aber nicht gleich einen Naturschallwandler besorgen. Ein Wasserhahn reicht für den Anfang; und die von mir ausgebildeten Hörtrainer haben Naturschallwandler in ihrer Praxis.

Wie sind die Erfahrungen der Hörregeneration?

Es gibt Hunderte Berichte von Menschen, deren Gehör sich durch diese Methode verbessert hat. Einige haben Hörtests mit spektakulären Ergebnissen gemacht. Trotzdem rate ich von Hörtests ab, denn die erzeugen meistens Stress – und oft wurde die Hörschädigung durch Stress hervorgerufen. Mir reicht die Verbesserung, die Menschen direkt wahrnehmen: Kann man wieder die Vögel singen hören? Sich verständigen trotz Nebengeräuschen? An einem Gespräch von mehr als fünf Menschen teilnehmen? Als Praktiker kommt es mir vor allem darauf an.

Interview: Leila Dregger

Das Gehör ist das erste voll funktionsfähige Sinnesorgan des Embryos. Bereits vier Monate nach der Befruchtung ist unser Innenohr, die Cochlea-Schnecke, vollständig ausgebildet: Mehr als alles andere wollten wir also hören. Andere Dinge konnte die Mutter noch für uns tun, aber Hören wollten wir selbst. Als stecknadelkopfgrosse Wesen waren wir schon Empfangsorgane für den Klang der Welt. Der Herzschlag der Mutter gab unserem Leben Takt und Sicherheit. Ihr Gesang und ihr Wort beruhigten, Streit und Dissonanz ängstigten uns. Schon vor der Geburt konnten wir verschiedene Stimmen und Stimmungen erkennen. Damit reiften wir im Wortsinne zur «Person»: per-sonare heisst durch-klingen.

Verstehen heisst eins werden
Der Gehörgang ist der sensitivste Teil des Körpers. Kein anderes Organ konzentriert so viele Nervenzellen, noch nicht einmal die Sexualorgane. Intim sind auch die Vorgänge von Hören und Verstehen. Gehörtes dringt in die Seele und erzeugt tiefe Gefühle. Wer etwas versteht, wird buchstäblich eins mit dem Gesagten. Probieren Sie es aus: Was geschieht seelisch in dem Moment, wo es in einem Gespräch Klick macht? In dem winzigen Aha-Moment ändert sich der ganze Organismus. Eine einzelne Mitteilung kann uns in helle Aufregung versetzen, todtraurig machen oder Liebe und Vergebung erzeugen – und wir sind ein anderer Mensch als zuvor.


Von wo kommt der Klang?

Durch bewusstes Lauschen können wir unseren inneren Hörraum regenerieren. Dazu braucht es nicht zwingend Naturschallwandler, ein tropfender Wasserhahn reicht.

Das stimmt sogar physikalisch. Der Schweizer Naturforscher Hans Jenny fand heraus, dass der Klang eines Wortes Materie formt: Eindrucksvolle Bilder zeigen, wie ein Wort in Flüssigkeiten Formen erzeugt, die Blüten, menschlichen Organen oder Kristallen ähneln. So formt das Wort auch uns! Unsere Fähigkeit, mit einem Klang, einer Information im Innersten mitzuschwingen, ist die Basis unserer Menschlichkeit. Wenn wir von einem Menschen sagen, er habe ein offenes Herz, dann meinen wir damit vor allem diese Fähigkeit zur Resonanz. Ja, unser Ich formt sich durch all das tägliche Verstehen und in Resonanz gehen.

Regeneration ist möglich 
Schlechter zu verstehen, ist nicht natürlich, auch im Alter nicht. Zwar kann die Ohrmechanik nachlassen. Aber die menschliche Verständigung findet meist in einer Lautstärke statt, die auch Schwerhörige aufnehmen könnten. Aber warum verstehen wir etwas nicht, das wir doch hören können? Vor allem bei der Umwandlung von Klang in Information im Gehirn sind Schädigungen medizinisch nicht nachweisbar und auch nicht zu erklären oder zu heilen. Der Arzt hat nur ein Indiz: das Ergebnis des Hörtests.

Eine Hörschädigung geht fast immer auf ein Ereignis zurück. Das kann ein Hörtrauma sein, zum Beispiel ein lauter Knall oder eine Lärm-Dauerbelastung. Wenn eine solche Belastung mit existenziellen Ängsten zusammentrifft, lernt das Gehirn tatsächlich wegzuhören. Solche Entscheidungen werden oft unbewusst getroffen. So wie bei der älteren Frau aus Köln, die nach einem Umzug schwerhörig wurde. Erst während einer Hörregeneration erinnerte sie sich: Die Flugzeuggeräusche beim neuen Haus liessen sie Fliegeralarm und Krieg wieder durchleben, und das wollte sie nie wieder hören. Indem sie dies bewusst erinnerte, konnte sie nach und nach ihr Gehör regenerieren.

Ob permanent streitende Eltern oder andere bedrohliche Situationen: Wer schwerhörig ist, ist manchmal seelisch überwältigt von den vielen Informationen, die über das Ohr an die Seele dringen wollen. Man muss dann bessere Möglichkeiten finden, mit der Überfülle an ausgelösten Gefühlen umzugehen, als das Gehör zu verschliessen. Laut Hörtrainern brauchen wir nicht unbedingt Psychotherapie. Wir können oft durch bewusstes Lauschen unseren inneren Hörraum regenerieren und unsere Selbstheilungskräfte aktivieren. Eine Hörschädigung kann der Beginn einer grossen Entdeckungsreise zum Ich sein und uns in vergessene Seelenwelten führen. Lorenz Oken, ein Naturforscher des 18. Jahrhunderts, sagte: «Das Auge führt den Menschen in die Welt, das Ohr führt die Welt in den Menschen.»

Links:

www.mundus-hörregeneration.de

Buchtipp:

Anton Stucki «Besser hören, leichter leben», AT Verlag 2018, Fr. 29.90

 

 

 

 

 







Fotos: istock.com, zvg

 

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