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Darm und Verdauung

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_03_19 - 27.03.2019

Text:  Angela Bernetta

Er liefert uns Energie, coacht das Gehirn und sorgt für unsere Gesundheit mit einem Heer von Bakterien: Unser Darm ist ein Multifunktionsorgan.

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Wenn es rumpelt und rumort im Bauch, räumen Magen und Darm nach dem Essen hinter uns auf. Es könnten sich aber auch Darmbeschwerden ankündigen. Gut zu wissen, dass sich zahlreiche Ratgeber und Gesundheitssendungen mit unserem Verdauungsorgan befassen. Initiiert hat den Boom die deutsche Medizinerin Giulia Enders mit dem Bestseller «Darm mit Charme». Kompetent, verständlich und humorvoll schildert sie Aufbau, Job und Eigenheiten desselben. Auch die Wissenschaft zieht mit. Denn im Darm gibt es noch viel zu entdecken.

Gute und böse Bakterien
«Im Darm eines gesunden Menschen tummeln sich rund ein Kilogramm verschiedener Arten von Bakterien», sagt Céline Lachaux, Ernährungsberaterin an der Klinik Hirslanden in Zürich. «Einige dieser Darmbakterien haben schützende, andere krank machende Eigenschaften. Zusammen bilden sie das Mikrobiom des Darms. Je ausgewogener die Zusammensetzung der Bakterien ist, desto gesünder bleiben wir.» Die Bakterien unterstützen die Aufnahme von Nährstoffen und schützen die Darmwand vor schädlichen Eindringlingen und Viren. Essen wir ausgewogen, bleibt das Mikrobiom stabil. Ein umtriebiger Lebensstil mit viel Stress und wenig Schlaf, eine einseitige Ernährung oder zu viele Medikamente bringen es aus dem Gleichgewicht. Dann wird man anfällig für Krankheiten. Die Bandbreite reicht da von Verdauungsbeschwerden wie Blähungen, Durchfall, Krämpfen, Sodbrennen, Verstopfungen über darmbezogene Krankheiten wie Reizdarm bis hin zu Infekten und Übergewicht.

Fakten rund um unser Verdauungsorgan
● Mit 6 bis 8 Metern ist der Darm das längste Organ des Menschen.
● Unser Verdauungskanal hat eine Oberfläche von 400 bis 500 m2 , was in etwa der Fläche von zwei Tennisfeldern entspricht.
● Rund 30 Tonnen Nahrung und 50000 Liter Flüssigkeit passieren im Laufe eines Lebens den menschlichen Darm.
● Die Verdauungsarbeit wird von rund 1000 verschiedenen Arten von Darmkeimen unterstützt. Allein im Dickdarm leben bis zu 100 Billionen Bakterien, die uns gesund halten.
● Der Darm hat drei Schutzebenen: Darmflora, Darmschleimhaut und Immunsystem. Etwa 80 Prozent der Immunzellen befinden sich hier.
● Unser Verdauungsorgan bildet über 90 Prozent des Glückshormons Serotonin.
● Rund 100 Millionen Nervenzellen befinden sich im Darm – mehr als im Rückenmark.

«Fodmap» gegen Reizdarm
Unser Magen-Darm-Trakt verfügt über ein eigenes Nervensystem, das sogenannte Bauchhirn. Es ist über eine Darm-Hirn-Achse mit unserem Gehirn verbunden und wirkt auf unsere Gefühle. So regen beispielsweise Ärger und Stress die Verdauung an, während Verdauungsstörungen für schlechte Laune sorgen. Aktuelle Studien gehen davon aus, dass auch die Zusammensetzung der Darmflora die Psyche nachhaltig beeinflusst.

Wird das Bauchhirn zu stark beansprucht, sind Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall oder Verstopfungen nicht selten. Dauern diese Beschwerden an, hat man zusätzlich Blut im Stuhl und/oder verliert Gewicht, sollte man sofort zum Arzt. Gut möglich, dass ein Reizdarm vorliegt. «Der Befund Reizdarm wird in der Regel als Sammelbegriff für verschiedene, unklare Magen-Darm-Beschwerden verwendet», sagt Andreas Müller, Gastroenterologe an der Klinik Hirslanden in Zürich. Die Behandlung richtet sich nach den vorliegenden Symptomen. Stress, traumatische Erlebnisse, Darminfekte oder falsche Ernährung sind mögliche Ursachen. «Bei vielen Patienten mit Reizdarmsyndrom sind wir zunächst ratlos und stellen die Ursache erst viel später fest», ergänzt Müller.

Australische Forscher haben herausgefunden, dass eine neue Ernährungsform bei unspezifischen Magen-Darm-Beschwerden und Nahrungsmittelintoleranzen helfen kann: die Fodmap-arme Ernährung. «Fodmap sind gewisse Zuckerarten und Kohlenhydrate, die von Natur aus in bestimmten Nahrungsmitteln vorkommen, beispielsweise in Brot, Milch, Apfel, Pilzen und Honig», erklärt Beatrice Schilling, Ernährungsberaterin in Baden.»Viele Menschen können ihre Beschwerden erheblich reduzieren, wenn sie auf diese Produkte verzichten.» Eine solche Ernährung sei allerdings komplex und bedinge fachliche Begleitung.

Joseph Pujol | Furzend begeisterte der «Herr der Winde» verdiente mit der Kunst der Analinhalation ein Vermögen – indem er furzend das Publikum begeisterte. 

Herr der Winde


Die Kulturgeschichte
ist voll von Fürzen. «Aus einem traurigen Arsch fährt nie ein fröhlicher Furz», wusste schon Martin Luther. Zu seiner Zeit galten rülpsen und furzen zu Tisch als schicklich. Man bekundete so, dass einem ein Mahl geschmeckt hatte. Auch die alten Römer wussten den Darmwinden Gutes abzugewinnen. Der Überlieferung zufolge schätzte der römische Kaiser Claudius (41 – 51 n. Chr.) ungehemmtes Furzen selbst bei Festbanketts. Furzen diente auch der Unterhaltung. Fast überall auf der Welt gaben sogenannte Kunstfurzer oder Flatulisten ihr Können zum Besten.

Als absolutes Ausnahmetalent
galt der Franzose Joseph Pujol (1857–1945). Mit seinen ungewöhnlich mächtigen und kunstvollen Darmwinden begeisterte er ab 1890 im Pariser Varieté «Moulin Rouge» die Massen. «Le Pétomane», der Furzomane, trötete allabendlich Kerzen aus, rauchte durch einen Gummischlauch im Hintern Zigaretten, imitierte furzend eine Posaune, pupste die Marseillaise und donnerte den Kanonendonner der Schlacht von Austerlitz.

Der windige Franzose brachte die Kunst der Analinhalation zur Perfektion. Seine Bauchmuskulatur setzte er so gezielt ein, dass er enorme Mengen Luft in seinen Darm aufsaugen und dann – indem er den äussern Afterschliessmuskel kontraktierte beziehungsweise entspannte – zu Melodien moduliert wieder ausstossen konnte. Der Überlieferung zufolge soll er ein Vermögen mit Furzen verdient haben. Einspielungen auf Youtube dokumentieren sein Können eindrücklich. Dort findet man auch die charmante, britische Kurzkomödie: «Le Pétomane» mit Leonard Rossiter als Joseph Pujol.

Darmflora pflegen
Auch wer an Flatulenzen leidet, sollte auf Fodmapreiche Lebensmittel verzichten, da sie die Gasbildung im Darm begünstigen. Ebenso können Bier und proteinreiches Essen wie Fleisch, Eier oder Milchprodukte übel riechende Fürze nach sich ziehen. Davon betroffen sind auch Sportler und insbesondere Bodybuilder, die regelmässig Proteinpräparate für den Muskelaufbau zu sich nehmen.

«Unsere Darmflora mag präbiotische Lebensmittel», sagt Céline Lachaux auf die Frage nach einer passenden Ernährung. «Diese unterstützen das Wachstum und die Aktivität der nützlichen Bakterien im Darm.» Präbiotische Lebensmittel gehören zu den Nahrungsfasern, auch Ballaststoffe genannt. Sie sind vor allem in Früchten und Gemüse enthalten; Artischocke, Knoblauch, Chicorée und Speisezwiebeln sind besonders reich daran. Die empfohlene Menge liegt bei 30 Gramm pro Tag. «Den täglichen Bedarf an Nahrungsfasern kann man mit zwei Portionen Früchten, drei Portionen Gemüse oder Salat und zwei Portionen Vollkornprodukten decken», empfiehlt die Ernährungsberaterin.

Wer seine Darmflora aufbauen will oder muss, kann zwischen Pro- und Präbiotika als «Functional Food», Nahrungsergänzungsmittel und Medikament wählen. Probiotische Produkte enthalten lebende Mikroorganismen wie Milchsäurebakterien und Hefepilze. Sie stärken den Darm und halten krank machende Erreger in Schach. «Damit die guten Bakterien im Darm erhalten bleiben, kann man probiotische Nahrungsergänzungsmittel einnehmen und diese mit Präbiotika beziehungsweise Nahrungsfasern ergänzen», erklärt Lachaux. Auch Präbiotika wie Inulin werden häufig gebraucht und in konzentrierter Form verkauft oder Lebensmitteln wie Bifidus-Joghurt, Müesli oder Backwaren zugegeben.

Der Verdauung zuliebe
Eine gute Verdauung unterstützt die Darmgesundheit. Wer diese auf Trab halten will, achte auf eine ausgewogene und faserreiche Ernährung. Die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung bietet mit dem Tellermodell eine Richtlinie. «Ein ausgewogenes Gericht besteht zur Hälfte aus Gemüse oder Salat und zu einem Drittel aus Proteinen. Der Rest sind Stärkebeilagen wie Kartoffeln oder Reis», ergänzt Ernährungsberaterin Lachaux. Lebensmittel, wie beispielsweise Joghurt, können die Verdauung angereichert mit einem Esslöffel Weizenkleie oder Leinsamen zusätzlich ankurbeln.

Auch ein täglicher Spaziergang sowie Entspannungsmethoden wie Autogenes Training, Tai Chi oder Yoga fördern unsere Verdauung. Nicht nur, aber besonders wer an Blähungen oder Verstopfungen leidet, sollte langsam essen und gründlich kauen. Denn beim hastigen Schlingen gelangt zu viel Luft in den Darm. Und die bahnt sich eben ihren Weg wieder nach draussen. Nicht nur bei Verstopfungen raten Ernährungsprofis zudem, regelmässig zu trinken und zwar etwa zwei Liter Wasser, Tee oder ungesüsste Getränke am Tag. Und wer an chronischen Darmbeschwerden leidet, tut gut daran, einen Arzt zu konsultieren.

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