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Die Haut als Organ

Kategorie: Gesundheit

Text:  Eva Rosenfelder

Die Haut ist nicht nur ein wichtiges Sinnesorgan und ein unentbehrlicher Schutzmantel. Sie ist auch ein Spiegel unserer Seele.

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Haben Sie ein dickes Fell oder eher eine dünne Haut? Wie auch immer – wir alle, ob Mensch, Tier oder Pflanze, sind ummantelt mit Haut, einem Organ, das uns abgrenzt und schützt gegen allerlei Widrigkeiten wie Wind und Kälte oder Bakterien und Viren. Und auch innerlich sind wir gut geschützt durch Häute: Schleimhäute im Magen und Darm, in den Harnwegen, der Scheide, der Nase, den Ohrengängen, Augen und so weiter. Denn Abgrenzung ist eine naturgegebene Sache. Die Haut schützt uns vor Austrocknung, vor Infektionen und Angriffen aller Art. Mit nützlichen Bakterien besiedelt und spezialisierten Immunzellen gewappnet, hütet sie unser Aussen und Innen.

Oft geht komplett vergessen, dass die Haut ein riesiges Organ ist – mit ihren knapp zwei Quadratmetern sogar unser grösstes. In ihrer Leistung übertrifft sie Leber und Nieren bei Weitem, und sie ist oft gezwungen, den Job dieser durch Stress und Übersäuerung überlasteten Ausscheidungsorgane zu übernehmen. Das zeigt sich dann in mannigfaltigsten Hauterscheinungen. Die Haut bietet somit nicht nur Schutz, sie ist auch ein Sinnesorgan, reguliert Wärme, scheidet Giftstoffe aus und ist gleichzeitig Atmungs- und Stoffwechselorgan – ein wahrer Tausendsassa!

Unter die Haut
Eng verbunden mit den feinsten Empfindungen unserer Körperinnenwelt, genauso wie mit der Aussenwelt, ist die Haut unverkennbar ein Spiegel der Seele. Schonungslos trägt sie unser Innerstes ans Licht, zeigt aller Welt, wie es wirklich um uns bestellt ist. Sie verrät seelisches Ungleichgewicht, Stress oder Mangel, berichtet eins zu eins vom Zustand unserer Organe, von unseren Ernährungsgewohnheiten oder Sünden und Unsitten.

Was die Haut ausstrahlt, kann jeder Mensch intuitiv lesen. Dieser lebendige und atmende Mantel ist ein offenes Buch, ein Archiv, in dem lückenlos unser ganzes Leben – bis hin zum ersten Sonnenbrand in der Kindheit – verzeichnet und akribisch aufbewahrt wird: Falten, Furchen, Tränensäcke und Krähenfüsse berichten von den Wegen, die wir begangen haben, von den Lebenshaltungen, die unsere Mimik nachhaltig geprägt haben, von Kummer, Tränen, Lachen und Freude. Auch Narben, die Erinnerung an Verletzungen und vielleicht auch deren Heilung sind für immer eingeprägt. Das schleckt keine Geiss weg, auch nicht in Form von unnatürlichen Schönheitsidealen, teurer Kosmetik und phänomenalen Heilsversprechen.

Mit einer Oberfläche von 1½ bis 2 Quadratmetern ist die Haut das grösste menschliche Organ. Sie schützt uns als äussere Barriere vor Bakterien und Pilzen.

Die Haut konfrontiert uns andauernd mit unserem Sein: Feine Tastkörperchen leiten über die Hautnerven jede Empfindung ans Gehirn weiter. Als unser grösstes Sinnesorgan informiert sie uns ständig über Gestalt, Schwere, Oberflächenbeschaffenheit, Härte und Weichheit von Körpern, Temperatur, über leichte Bewegungen in der Luft und vieles mehr. Sie ist unser feinstes und sensibelstes Kommunikationsmittel, registriert jede Berührung, reagiert auf Zärtlichkeit, vermittelt jede Art von feinster Erregung emotionaler oder sexueller Empfindungen. Auf ihrer Oberfläche befinden sich Millionen kleinster Härchen, es sind empfindliche Antennen, die alles wahrnehmen, längst bevor unser Bewusstsein reagiert. Zärtlichkeit, Berührung, sexuelle Erregung, der Orgasmus: Sie entzünden im Körper ein Hormonfeuerwerk, das nicht nur glücklich macht und die Gesundheit fördert, sondern die Haut strahlen lässt, das Haar glänzend macht und für ein kräftiges Gewebe sorgt. Diese «Ausstrahlung» ist es, die wiederum begehrenswert macht.

Dass gebotoxte Haut statt sinnlichem Strahlen mit einer starren Mimik Lügen straft, spricht für sich, will man doch hier einen Zustand der Jugendlichkeit und Frische herbeiführen, der längst vorbei ist. Die Haut präsentiert folgerichtig das Ergebnis – in Form einer eingefrorenen Maske. Im Gegensatz dazu erzählen die Furchen in einem Faltengesicht mit lachenden Augen von einer zutiefst erfüllten Lebensreise.

 

Aufbau der Haut
Was wir mit blossem Auge sehen, ist die Oberhaut, in der Fachsprache Epidermis genannt. Sie schützt uns vor möglichen Eindringlingen. Unter der Epidermis liegt die Lederhaut. Sie sorgt für Festigkeit und Elastizität. Die Lederhaut ist reich an Blutgefässen, die sich je nach Bedarf ausweiten oder verengen können – mit der Folge, dass wir schnell mal vor Scham erröten oder vor Schreck ganz blass werden. Die letzte, innerste Schicht bildet die Unterhaut, auch Subcutis genannt. Sie speichert Fett, das uns vor Auskühlung schützt und als Notvorrat dient.

Auf teure Pflegeprodukte kann man getrost verzichten, bildet unser Körper doch sein eigenes «Pflegeprodukt», bestehend aus Fett, Eiweissstoffen, Schweiss, Wachsen und Salzen. Zu häufiges Waschen belastet die Haut. Denn jeder Waschvorgang entzieht ihr Feuchtigkeit und Fett. Die Haut reagiert darauf häufig mit Rötungen, Rissen oder Juckreiz.

Gegen die vorzeitige Alterung der Haut kann man viel tun: auf eine ausgewogene Ernährung achten, genug schlafen, nicht rauchen, wenig Alkohol trinken, sich viel an der frischen Luft bewegen und vor extremer Sonneneinstrahlung schützen (aber Sonnencreme eher meiden).

Doch leider ist in unserer Kultur der Umgang mit der Haut mehr denn je geprägt von der Angst, seine Attraktivität zu verlieren. Mit allen erdenklichen Mitteln wird versucht, die Spuren des eigenen Lebensweges zu überdecken. Das ist nicht verwunderlich in einer Gesellschaft, die es in ihrem Machbarkeitswahn verlernt hat, die eigene Vergänglichkeit anzunehmen und dem Alter respektvoll zu begegnen. Diese Lebensernte zu ehren, würde auch heissen, in den Rillen, Unebenheiten und Verhärtungen der eigenen gefurchten «Rinde» den unermesslichen Schatz der Erfahrungen zu anerkennen.

Zum Aus-der-Haut-Fahren!
Alles, was wir gefühlsmässig aufnehmen, nimmt unsere Haut mindestens genauso intensiv wahr. Das hat seinen Grund: In der Embryonalphase entstehen die Oberhaut mitsamt den Schweissdrüsen und Haarfollikeln und das Nervengewebe aus demselben Gewebe. Nerven und Haut sind also von Anfang an eng verknüpft. So erstaunt es nicht, dass Emotionen sich alsbald auf der Haut zeigen. Unabhängig von Kälte oder Hitze sorgen feine Nervenimpulse dafür, dass wir Gänsehaut bekommen, rote Ohren vor Aufregung, Schamesröte oder vor Wut einen hitzigen Kopf. Die Haut kommuniziert dauernd mit ihrer «Urschwester», dem Nervensystem. Bestimmte Hautbereiche haben über das Rückenmark enge Verbindungen zu bestimmten Körperorganen. Deshalb können Organe ihre Erkrankung auf «ihren» Hautarealen ankündigen, sei es durch Schmerzempfindungen, Ausschläge oder sonstige Hauterscheinungen.

Wer Stress hat, schüttet das Stresshormon Cortisol aus, eine Substanz mit Nebenwirkungen. Auf der Haut kann diese Ausschüttung Reizungen, Stresspickel oder Infektionen verursachen, denn Stresshormone vermögen das Immunsystem zu unterdrücken, was wiederum allerhand Eindringlingen freie Bahn schafft. Japanische Forscher beobachteten nach dem schweren Erdbeben in Kobe 1995, dass sich bei fast 40 Prozent der rund 1500 Neurodermitiker in der Region die Krankheit massiv verschlimmerte. Auslöser für die Ausschüttung von Stresshormonen sind aber bei Weitem nicht nur reale Bedrohungen, sondern oft auch innere Ängste oder posttraumatische Störungen, die weit zurückliegen können und tief in der Seele verwurzelt sind. Bei der Nesselsucht oder Weissfleckenkrankheit etwa gibt es Studien, die den Einfluss von Stress, innerer Unruhe und Depression faktisch belegen.

Die Haut im steten Wandel
Die Oberhaut erneuert sich ungefähr alle 28 Tage komplett. Mit zunehmendem Alter reduziert sich die Anzahl von Bindegewebsfasern und -zellen in der Lederhaut. Dadurch verringern sich ihre Elastizität und Dehnbarkeit, Falten entstehen. Gleichzeitig wird die Haut mit zunehmendem Alter dünner.

Unsere Gefühlslage beeinflusst das gesamte Immunsystem. Daraus kann sich ein Teufelskreis von Stress mit Auswirkungen auf das Gehirn und das Immunsystem entwickeln, der sein Unwesen auf der Haut treibt. Besonders fies: Hautkranke Menschen leiden oft seelisch stark an ihren Beschwerden – was sich einmal mehr wieder negativ auf ihr Hautbild auswirkt. Denn Seelenleiden, die für gesunde Mitmenschen oft schwerlich nachvollziehbar sind, suchen einen Weg der Befreiung über die Haut nach aussen: eine Art seelische Entgiftung, die sich in Form von Hautkrankheiten, Kontaktallergien, Haarausfall oder auch Autoaggressionen wie etwa Ritzen oder Aufkratzen der Haut zeigen kann. Die paradoxe Folge davon ist, dass ausgerechnet das, was man so gerne verstecken möchte, sich noch offensichtlicher präsentiert. Die Haut bringt einmal mehr die Wahrheit ans Licht und schafft heraus, was im Halbdunkel vor sich hingärt und bearbeitet werden möchte.

Die eigene Haut retten
Diese Zusammenhänge sind ein gefundenes Fressen für die Kosmetik-, Schönheits- und Pharmaindustrie, die unter dem Deckmantel von Anti-Aging, Antiallergen und Ästhetik die Haut zukleistert mit chemischen Substanzen aller Art und Unart. Was wir uns auf Haut und Haare schmieren, sucht sich postwendend auch den Weg nach innen, denn die Haut bringt Ballast an die Oberfläche – atmet aus –, trägt gleichzeitig aber auch die Aussenwelt nach innen – atmet ein. Das heisst, sie trägt alles auch ins Körpersystem, was wir uns an chemischen Mixturen der Schönheit «zuliebe» zuführen. Etwas, was wir in den letzten Jahrzehnten mehr denn je übertrieben haben. Aus Angst vor Mikroben, Schweissgeruch, Sonnenlicht und so weiter lassen wir uns von der Kosmetikindustrie haarsträubende Produkte mit Inhaltsstoffen wie Erdöl, Silikone, Parabene, Aluminium, Mikroplastik und vielen mehr aufschwatzen. Da verwundert es nicht wirklich, dass wir heute – gekoppelt mit einem stressigen Lebenstempo – so viele Hautprobleme haben wie wohl noch nie in der Menschheitsgeschichte.

Was tun? Physiologisch gesehen brauchen wir für unsere Haut absolut keine synthetischen, industriell hergestellten Kosmetika: Die beste Reinigung ist nämlich schlichtweg der eigene natürliche Mechanismus, mit dem die oberste Hornschicht abgestossen wird, unterstützt von der hauteigenen Bakterienflora: Unser Körper bildet natürlicherweise sein eigenes «Pflegeprodukt», bestehend aus Fett, Eiweissstoffen, Schweiss, Wachsen und Salzen. Daraus bildet sich eine schützende Schicht, die unsere gesamte Hautoberfläche überzieht und durch ihre saure Konsistenz Bakterien abwehrt.

Wollen wir unsere Haut retten, so vertrauen wir am besten auf diese körpereigenen Kosmetika und auf die Reinigungskraft von Wasser. Sich nur mit Wasser zu waschen, ist bei Hautproblemen unbedingt einen Versuch wert. Dabei zu wissen, dass die Haut sich alle vier Wochen komplett erneuert, eröffnet interessante Perspektiven und kann Gelassenheit vermitteln. Um sich komplett zu regenerieren, hilft es, körperlichen und seelischen Stress zu mindern, zu starke Sonneneinstrahlung (und Sonnencremen, die meist problematische Substanzen enthalten) zu meiden, sich viel zu bewegen und ausreichend Wasser zu trinken, denn die Haut braucht viel Feuchtigkeit von innen.

Wohlfühlen in seiner Haut
Viele Hautprobleme entstehen – neben Stress und seelischen Ursachen – aufgrund von Übersäuerung. Einerseits ist dafür die übertriebene Anwendung von Körperpflegemitteln und Kosmetika mitverantwortlich, die mit ihren höchst fragwürdigen Zutaten eine Übersäuerung des Zwischenzellraumes und Bindegewebes bewirken, was verschiedene Krankheiten fördern kann. Aber auch wie wir uns ernähren, beeinflusst die Haut. Zum einen spielt die Qualität der Nahrung eine Rolle. Die von den Organen der Verdauung verarbeitete Substanz liefert die Energie für die gesamten Körperprozesse und die Bausteine für unsere Hautzellen. Nährstoffmangel, Kalorienüberschuss, Nahrungsmittelallergien, Verdauungsstörungen – alles spiegelt sich auf der Haut.

Doch viel wichtiger noch ist das Wohlgefühl beim Essen. Es geht nämlich mitnichten um zwanghaftes «korrekt Essen» gemäss stets sich wandelnden Ernährungsregeln; sondern einmal mehr um die Lust, um den sinnlichen Genuss. Die Haut als unser grösstes Sinnesorgan liebt alles Sinnliche. Geht der Spass beim Essen verloren, so beeinflusst das unser Wohlbefinden, unseren Verdauungsprozess und schliesslich ganz grundlegend unsere Gesundheit. Retten wir unsere Haut und unsere Seele vor der täglich zunehmenden Hektik und Lieblosigkeit – dem krankmachenden Stress. Unsere Seele und unser Organismus werden es uns danken, begleitet von einer gesunden und belebten Haut, die unseren Organismus mit seinen unermesslich vielen Stoffwechselprozessen so treu hütet. Ob diese Abläufe sich je verstehen und erschliessen lassen, bleibe dahingestellt. Am ehesten wohl kommen wir ihnen auf die Spur, indem wir uns immer wieder häuten und das gehen lassen, was nicht mehr zu uns gehört. Gelingt es, in dieser Weise in Fluss zu bleiben, so wird selbst die älteste Haut erstrahlen vom feinen Schimmer des Glücks.

Fotos: iStock.com

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