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Heilen durch Zuneigung

Kategorie: Gesundheit, Leben
 Ausgabe_01_02_19 - 25.02.2019

Text:  Leander Steinkopf

Der Evolutionspsychologe und Wissenschaftsjournalist Leander Steinkopf plädiert für mehr Menschlichkeit in der Medizin. Denn Zuwendung und Sinn sind «die andere Hälfte der Heilung» und somit unerlässlich fürs Gesundwerden. Ja sie sind gar einer der Schlüssel für die menschliche Langlebigkeit.

@ iStock.com

Im Vergleich zu all den medizinischen Apparaten, der weiten Welt der Chemie und den Möglichkeiten der Chirurgen erscheint das, was wir für den Kranken noch tun können, unbedeutend: Zuwendung schenken. Wenn ein Krankenpfleger sich hingebungsvoll um seine Patienten kümmert, wirkt das wie schmückendes Beiwerk der eigentlichen Behandlung, wie ein guter Kundenservice in der Autowerkstatt, wo doch hauptsächlich die Qualität der Reparatur zählt. Dementsprechend schlecht bezahlt wird der Pfleger. Und dementsprechend nachgeordnet ist im Gesundheitssystem alles, was aufs Kümmern hinausläuft, nicht auf die Anwendung von Apparaten, Chemikalien und Skalpellen. Zuwendung ist aber viel entscheidender, als es dieses Weltbild vermittelt. Bei vielen Leiden ist sie sogar die wirksamere Hälfte der Heilung.

Die moderne Medizin ist, wie der Name schon sagt, eine ziemlich neue Entwicklung. Schauen wir zurück in der Menschheitsgeschichte: Als Menschen noch als Jäger und Sammler in überschaubaren Gruppen nomadisch lebten, hatte man weder Apparate noch Chemie und nur sehr limitierte chirurgische Möglichkeiten. Trotzdem half man Kranken und Leidenden. Schon damals wurden schmerzende Zähne entfernt, Heilkräuter verabreicht und gebrochene Gliedmassen geschient, wie archäologische Funde belegen. Und aufgrund der Beobachtung zeitgenössischer Jäger-und-Sammler-Gruppen kann man annehmen, dass schon unsere Ururahnen eine Art Krankenversicherung kannten: Wer erkrankte oder sich verletzte, wurde von der Gruppe versorgt und beschützt. Die Gruppenmitglieder halfen einander gern. So stellten sie sicher, dass ihnen auch geholfen würde, falls ihnen selbst etwas zustossen würde.

Das machte einen riesigen Unterschied. Man stelle sich ein allein lebendes Individuum vor, das sich ein Bein bricht. Es wäre dem Tode geweiht. Ähnlich wäre es in einer Gruppe, in der man einander nicht hilft: Die Schwachen würden elendig verhungern oder Opfer von Fressfeinden. Die Versorgung der Kranken hingegen ermöglichte die Heilung von Wunden und Knochenbrüchen; sie erlaubte, dass sich der Körper eines infektiös Erkrankten ganz auf die Bekämpfung der Keime konzentrieren konnte. Weil andere ihm alle äusseren Pflichten abnahmen. Zuwendung war damals die beste Medizin, die man kriegen konnte. Und es ist diese Jäger-und-Sammler-Umwelt, an die unser Körper am besten angepasst ist, weil wir Hunderttausende Jahre so lebten. Sesshaft sind wir erst seit wenigen Tausend Jahren. Geblieben über all die Zeit ist das Bedürfnis nach Zuwendung, insbesondere im Krankheitsfall. Das steckt immer noch tief in uns drin.

«Der Arzt verbindet nur deine Wunden. Dein innerer Arzt aber wird dich gesunden. Bitte ihn darum, sooft du kannst.» Paracelsus (1493–1541)

Die Anpassung des maladen Körpers an die Zuwendung zeigt sich auch darin, wie beim Menschen die Symptome beschaffen und reguliert sind. Zunächst einmal sei festgestellt, dass Symptome nicht von der Krankheitsursache selbst hervorgerufen werden, sondern die Antwort des Körpers auf die Ursache sind. Mit Fieber etwa verteidigt sich der Körper gegen Keime; mit einer Schwellung ermöglicht er die Heilung eines beschädigten Gewebes. Diese Symptome sind aber gleichzeitig von aussen erkennbar und lassen somit andere die Schwäche des Kranken bemerken. Für die meisten Wildtiere ist das ein Nachteil: Kranke Individuen werden aus der Gruppe ausgeschlossen und/oder zum bevorzugten Opfer von Raubtieren, die sich gerne auf die Schwächsten stürzen. Für Wildtiere ist es also von Vorteil, ihre Symptome zu verbergen. Dementsprechend schwierig kann man deren Kranksein erkennen, was die Veterinäre im Zoo vor eine grosse Herausforderung stellt.

Beim Menschen ist die Situation etwas anders. Dem Menschen bringt es zwar auch Nachteile, wenn er erkennbar krank ist: Er ist weniger attraktiv und mitunter ebenfalls ein leichteres Opfer, ähnlich wie bei den Tieren. Aber es gibt da eben noch die andere Reaktion auf Krankheitssymptome innerhalb der Menschheitsgemeinschaft: Zuwendung. Symptome können andere dazu bringen, den erkennbar Kranken zu entlasten und zu versorgen. Deshalb sind Krankheitssymptome von der Evolution auch zu diesem kommunikativen Zweck geformt. Symptome sind nicht nur die wahrnehmbaren Verteidigungsreaktionen des Körpers; sie sind auch Signale an andere Menschen, dass hier jemand Entlastung und Hilfe braucht. Und diese Entlastung und Hilfe innerhalb von Gruppen war einer der Schlüssel für die Evolution der menschlichen Langlebigkeit.

Das erkennt man sehr schön am Placebo-Effekt. Der ist eine Beleidigung für das mechanistische Weltbild der Schulmedizin. Da gibt man einem Kopfschmerzkranken eine Tablette, sagt ihm aber nicht, dass sie gar keinen Wirkstoff enthält. Und obwohl der Wirkstoff fehlt, geht es dem Patienten danach besser. Da wird vorgeblich eine Knie-Arthroskopie durchgeführt und der Patient kann sein Gelenk hinterher wieder beugen. Dabei hat man den Eingriff nur zum Schein durchgeführt.

«Kein noch so genialer Arzt kann seine Patienten heilen, wenn die treue Pflegerin fehlt.» Gertrud von Le Fort, deutsche Schriftstellerin (1876–1971)

Es ist mittlerweile ein grosses Forschungsfeld, das sich mit dem Placebo-Effekt befasst und immer wieder zeigt: Nicht bloss der Wirkstoff hilft, sondern schon die Bedeutsamkeit des Behandlungsaktes, die Erfahrung der Zuwendung. Hierbei handelt es sich um etwas spezifisch Menschliches. Und mit unserem Exkurs in die evolutionäre Vergangenheit des Menschen haben wir den Schlüssel in der Hand, um diesen Placebo-Effekt zu erklären.

Krankheitssymptome sind auch Signale, die Anerkennung erzeugen und Hilfe hervorrufen sollen. Kümmert sich dann jemand um das schmerzende Knie oder den brummenden Kopf, haben die Symptome ihren kommunikativen Zweck erfüllt und können zurückgehen. So wie man aufhört, nach dem Kellner zu winken, wenn man die Bestellung aufgegeben hat. Das nennt man dann «Placebo-Effekt». «Befriedigtes Zuwendungsbedürfnis» wäre passender.

Leider kommt die Zuwendung in der Medizin oft zu kurz. Und je weniger Zuwendung das Medizinsystem hergibt, desto mehr muss man sie sich im Privaten holen – und sie im Privaten auch geben. Die Hilfe im Privaten passt sogar besonders gut zu unserem evolutionär geformten Bedürfnis; schliesslich sind wir an ausführliche Zuwendung durch uns wohlbekannte Familien- und Gruppenmitglieder angepasst, nicht an die standardisierte Zuwendung durch fremde Menschen in sterilen Räumen.

Am besten wirkt Zuwendung auf depressive Symptome und Schmerzen. Aber auch Krankheiten, für die man schulmedizinisch keine Ursachen finden kann, wie etwa das Reizdarmsyndrom, sprechen gut darauf an. Vielleicht handelt es sich dabei ja um eine Symptomatik, die vor allem der Kommunikation dient und dementsprechend ausführliche Zuwendung als Antwort verlangt – sowohl Zuwendung durch andere als auch Zuwendung durch einen selbst.

Manche reden ihren Autos gut zu, damit sie anspringen; aber jeder weiss, dass diese Worte keinen Mechaniker ersetzen. Und wenn wir an uns selbst denken, an unseren Körper und seine Krankheiten, Wehwehchen und Schwächen, denken wir auch gern von ihm als Maschine, der die richtigen Stoffe zugeführt werden müssen, die regelmässige Wartung braucht, vielleicht eine Neujustierung oder gar ein Ersatzteil. Tatsächlich hat uns dieses mechanistische Bild des menschlichen Körpers grosse medizinische Fortschritte gebracht: Antibiotika, Insulinspritzen, komplexe Operationen – die weite Welt der modernen Medizin beruht darauf, dass man den menschlichen Körper als Apparat betrachtet mit spezifischen Fehlfunktionen, deren physische Ursachen erkannt werden müssen, damit man sie beheben kann. Aber der Mensch ist viel komplexer als jede Maschine. Wir wissen, dass der Mensch vor allem ein soziales Wesen ist. Deswegen sollte es uns nicht überraschen, dass es so etwas gibt wie den Placebo-Effekt. Dass Zuwendung so wichtig ist. Denn wir sind Menschen. Und – ganz artgerecht – verlangt es uns nach Menschlichkeit.

Buchtipps 


Leander Steinkopf «Die andere Hälfte der Heilung. Warum wir Zuwendung brauchen, um richtig gesund zu werden», Mosaik 2018, ca. Fr. 25.–

Manfred Spitzer «Einsamkeit – die unerkannte Krankheit. Schmerzhaft, ansteckend, tödlich», Droemer 2018, ca. Fr. 30.–

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