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Mikroplastik im Blut

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_01_02_19 - 25.02.2019

Text:  Martin Arnold

Wir sind von Plastik umhüllt und vermüllen die ganze Erde mit Plastik. Nun fanden Forscher sogar im Stuhl von Probanden Mikroplastik. Damit ist zwar bewiesen, dass Plastik den Weg in den menschlichen Körper findet. Doch was das für unsere Gesundheit bedeutet, ist noch wenig erforscht.

@ unsplash.com, velizar ivanov

Weder waren der Untersuchungsgegenstand noch die Fundstücke für die Forscher der Universität Wien besonders appetitlich. Bei allen Studienteilnehmern entdeckten sie pro zehn Gramm Kot durchschnittlich 20 Mikroplastikteilchen. Mit anderen Worten: Menschen nehmen Mikroplastik auf. Die weniger als fünf Millimeter grossen Teilchen durchwandern den ganzen Körper bis ins Endprodukt des Stoffwechsels.

Es stellen sich nun folgende Fragen: Beeinträchtigen Plastikteilchen die Gesundheit? Oder sind gerade die vielen Plastikteilchen am Ende des Verarbeitungsprozesses ein Zeichen dafür, dass der Plastik – so unverdaut wieder ausgeschieden – eben unschädlich ist? Und auch die Frage interessiert: Woher kommen all die Plastikteilchen in unserem Exkrement überhaupt?

Wozu warten?
Die in Steckborn im Kanton Thurgau lebende Schauspielerin und Filmproduzentin Noemi Solombrino hat für sich Antworten gefunden. Die Mitbegründerin der Organisation Ocean-R-evolution half, in nur einem Jahr rund tausend Menschen zu motivieren, das Ufer des Bodensees sowie die Küste Apuliens ein Stück weit von Plastik und anderem Abfall zu befreien. Sie sagt: «Ich meide Plastik, wo immer es geht. Ich warte nicht auf wissenschaftliche Beweise, dass es schädlich ist.»

Wissenschaftler der Heriot-Watt Universität in Edinburgh stellten bei einem Versuch Petrischalen mit einer klebrigen Oberfläche neben das Essen von Teilnehmern einer Studie. Innerhalb von 20 Minuten setzten sich durchschnittlich 14 Mikroplastikteile auf jeder Schale ab. Hochgerechnet auf einen durchschnittlichen Teller gibt das pro Mahlzeit ein durchschnittliches Supplement von 114 Plastikteilchen. Vorausgesetzt, man schöpft nicht nach.

Wir ersticken im Plastik
Doch wie kommen so viele Plastikteile in die Luft einer normalen Wohnung? Eine wichtige Quelle sind Textilien aus synthetischen Fasern, aber auch Möbel, Bodenbeläge und Vorhänge, Putztücher und Putzmittel. Auch Zahnpasta und sehr viele kosmetische Produkte wie Seifen, Sonnencremes, Peelings, Waschlotionen, Lipgloss, Deos und Shampoos enthalten Mikroplastik.

Mikroplastik vom Abrieb von Autoreifen kontaminiert das Gemüse über die Luft. Auch in Düngemitteln: Mikroplastik. Die Zerfallsprodukte von Folien nicht zu vergessen. Mikroplastik ist überall.

Bereits vor vier Jahren berichtete der Norddeutsche Rundfunk, dass in einem Liter Bier bis zu 79 und in einem Liter Wasser bis zu 7 Plastikteile gefunden wurden. Selbst mit dem Meersalz nimmt man Mikroplastik zu sich. Und in den Alpen wurden auf Gletschern sowie in Bergseen Mikroplastikteilchen gefunden.

«Wir sind dabei, unseren Planeten zu plastifizieren», sagt die Öko-Toxikologin Heather Leslie im aufwühlenden Film «Plastik überall». Dabei sind wir schon weit fortgeschritten: 8,3 Milliarden Tonnen Plastik wurden laut Forschern der University of California seit 1950 weltweit produziert; jährlich kommen 300 bis 400 Millionen Tonnen dazu. Bislang wurden nur 9 Prozent des Plastiks wiederverwertet; 12 Prozent wurden verbrannt, wobei hochgiftige Dioxine entstehen; 79 Prozent landeten auf Deponien oder in der Umwelt. In Deutschland gelangen laut dem Fraunhofer-Institut pro Jahr 48 000 Tonnen Mikroplastik und gelöste Polymere ins Abwasser – allein aus Kosmetikprodukten und Reinigungsmitteln! Gemäss der Organisation fair-fish gelangen weltweit Jahr für Jahr knapp 10 Millionen Tonnen Plastik in die Meere, der grösste Teil via Flüsse. Durch Plastikmüll verenden jährlich etwa eine Million Seevögel und 100 000 Meeressäuger.

Laut den kalifornischen Forschern wurden aus 42 Prozent des bislang produzierten Plastiks Verpackungen hergestellt, die man nach einmaligem Gebrauch wegwirft. Die durchschnittliche Gebrauchsdauer für eine Plastiktüte beträgt in der Schweiz gerade mal 25 Minuten. Es dauert aber Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte, bis sich Plastik zersetzt hat. Bei Flaschen oder Wegwerfwindeln rechnen Experten mit bis zu 450 Jahren. Dabei baut sich der Plastik allerdings nicht ab. Er löst sich lediglich in kleinere, kaum sichtbare Teilchen auf, sogenanntes sekundäres Mikroplastik. Das ist sogar im 11 000 Meter tiefen Marianengraben zu finden. Im Grundwasser und in der Muttermilch, im Honig, und eben auch im Bier, in unserem Blut und im Stuhl. So ein Scheiss!

Schweizer sind Plastikmüll-Meister

Jeder Schweizer verbraucht laut Bundesamt für Umwelt pro Jahr rund 100 Kilogramm Plastik. Das sind dreimal mehr als im europäischen Schnitt. Einen Drittel des Plastikmülls machen Verpackungen aus, ein Viertel fällt durch die Bauindustrie an, einen Viertel verursachen Kleider und Spielzeug. Von den 100 Kilogramm Plastikabfällen gelangen 600 Gramm als Mikroplastik in Böden, Wasser und Luft. Wir belasten unser schönes Land jährlich mit 4,8 Mio. Kilogramm Mikroplastik, an das sich alle möglichen Schadstoffe binden. Im Genfersee etwa wurde Plastikmüll gefunden, der unter anderem mit Blei, Cadmium und Quecksilber kontaminiert war.



Via Fische landet das Gift auf unseren Tellern. Noch ist nicht erforscht, ob Mikroplastik für Menschen gefährlich ist. Auswirkungen sind aber naheliegend und auf andere Organismen bereits belegt. So wachsen bei hoher Mikroplastik-Konzentration im Meer Muscheln nicht mehr richtig; in stark belasteten Böden ändern Regenwürmer ihr Verhalten und Salatsetzlinge sterben ab. krea

Gefährliche Verbindungen
Einige Wissenschaftler, Politiker und Experten ziehen die oben zitierte Wiener Studie als Beleg für die Ungefährlichkeit von Plastik im menschlichen Körper heran. Denn wie erwähnt: er wird ja nicht verdaut – ergo gibt er nichts an den Körper ab. Doch das ist zu kurz gedacht. Jeder kann zu Hause in ein Wassergefäss einen Öltropfen und ein Stück Plastik beigeben. Das Plastik wird sofort ölig. Er verbindet sich mit wasserunlöslichen Stoffen. Mit anderen Worten: Mikroplastik bindet Erdöl und andere wasserunlösliche Giftstoffe, wird dann von Fischen und Muscheln aufgenommen und gelangt so in die Nahrungskette.

Mikroplastik tritt in der Umwelt in zwei Varianten auf: Entweder er wurde wegen seiner Eigenschaften zu winzigen Granulaten verarbeitet und einem Produkt wie einem Shampoo oder Autoreifen hinzugefügt. Oder ein grösseres, irgendwo in der Umwelt abgelagertes Teil zerfällt langsam in kleinste Teile. Beim Zerfall werden problematische, dem Kunststoff beigefügte Stoffe wie das giftige Metall Cadmium freigesetzt.

Jährlich gelangen weltweit mindestens zehn Millionen Tonnen Plastik in die Umwelt. Und mit ihm Hunderte von problematischen weiteren Stoffen, welche die Eigenschaften des Kunststoffes mitprägten, bevor er zerfallen ist.

Schwierige Forschung
Es gibt kaum Studien, die eine gesundheitsschädigende Wirkung von Mikroplastik auf den menschlichen Organismus beweisen oder widerlegen können. Jedenfalls werden Plastikbestandteile, nämlich Polypropylen (PP) und Polyethylenterephtalat (PET) regelmässig in menschlichen Körpern gefunden. Polymerstrukturen gelten zwar als relativ unproblematisch, weil sie biologisch inaktiv sind. Beigemischt sind aber andere Stoffe, beispielsweise Bisphenol A. Der Weichmacher ist überall im Plastik zu finden. Er soll Diabetes, Fettleibigkeit und bei Kindern Entwicklungsstörungen verursachen. Ausserdem steht Bisphenol A im Verdacht, zu Unfruchtbarkeit beizutragen sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und möglicherweise auch Krebs zu fördern. Die Erforschung der durch Mikroplastik und seine Verbindungen verursachten gesundheitlichen Risiken ist schwierig, weil man kaum Testgruppen dauerhaft einer hohen Plastikkonzentration aussetzen kann.

Unnötige Risikobeurteilung?
Noemi Solombrino wartet nicht auf endgültige Ergebnisse. Sie hat die Konsequenzen längst gezogen. «Ich verwende nur natürliche Produkte, die kein Mikroplastik enthalten. Ich fühle mich wohl mit ihnen. Und ich spare so auch Geld», sagt sie. Die meisten Konsumenten haben aber noch keine Konsequenzen gezogen. Dies bestätigt der Fachtoxikologe Lothar Aicher vom Schweizerischen Zentrum für Humanökologie (SCAHT). Er sagt: «Es ist nicht verwunderlich, dass wir Plastik im Darm finden, wenn wir bedenken, dass wir beispielsweise Zahnpasta versehentlich verschlucken.» (Mikro-) Plastik wird oft als reaktionsträge bezeichnet. «Doch Plastik besteht aus vielen verschiedenen Stoffen, auch aus solchen, die das Hormonsystem beeinflussen», gibt Aicher zu bedenken. «Es muss untersucht werden, ob die aggressiven Magensäfte unseres Verdauungssystems in der Lage sind, Plastik zu zersetzen und damit Schadstoffe freizusetzen.»

Bislang kann laut Aicher nur gemutmasst werden, ob Menschen mit beispielsweise chronischen Darmerkrankungen empfindlicher auf Mikroplastik im Darm reagieren als Gesunde. Denkbar wäre, dass es aufgrund mechanischer Reibung zu einer Entzündung der Darmwand kommen könnte oder die Darmwand durchlässiger ist als bei gesunden Menschen.

«Kein Handlungsbedarf»
Die St. Galler SP-Nationalrätin Barbara Gysi reichte dem Bundesrat im März 2018 eine Interpellation ein, in der sie anfragte, was der Bundesrat bezüglich Umweltverschmutzung und Gesundheitsschäden durch Mikroplastik zu unternehmen gedenke. In seiner Antwort bezeichnete der Bundesrat «Plastik als biologisch inaktiv und daher für die menschliche Gesundheit als nicht bedenklich». Allerdings gibt er zu: «Kleinste Plastikteilchen im Grössenbereich von Mikrometern können ins Lungengewebe gelangen. Bei beruflich gegenüber Plastik-Mikrofasern hoch exponierten Personen kann dies zu chronischen Entzündungsreaktionen führen.» Damit stimmt der Bundesrat mit Lothar Aichers Einschätzung überein. Trotzdem erachtet der Bundesrat es im Moment als unnötig, «eine umfassende Risikobeurteilung durchzuführen».

«Diese Antwort ist ungenügend», sagt Barbara Gysi. Auch die «Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie» gibt sich nicht zufrieden. Mit einer Motion will sie den Bundesrat beauftragen, Massnahmen zu ergreifen, um den Plastik in der Umwelt erheblich zu reduzieren; zugleich soll er Innovationen fördern, die Plastik ersetzen. Es gibt heute schon Alternativen. Indes sind längst nicht alle ökologisch bedenkenlos, im Gegenteil. Es ist nicht überall ganz einfach, Plastik zu ersetzen.

Aber viel Plastik lässt sich schon heute vermeiden. Und das liegt auch im Handlungsbereich und in der Verantwortung jedes Einzelnen.

Tipps für weniger Abfall

Die 5R-Methode hilft dabei, Abfall zu vermeiden: refuse, reduce, reuse, recycle, rot – zu Deutsch: verweigern, reduzieren, wiederverwenden, recyceln, kompostieren. Und so gehts:

Eigene Behälter zum Einkaufen mitnehmen, z.B. wiederverwendbare Stoffbeutel, Tupperware oder Dosen. Damit kann man beim Bauern, auf dem Markt oder in Unverpackt Läden einkaufen, aber auch in Reformhäusern und an der Frischetheke von immer mehr Detailhändlern.

Mehrwegbecher oder Thermosflasche für den Coffee to go mitnehmen. Im Büro eine Tasse oder eine Glasflasche benutzen.

Hahnenwasser statt Mineralwasser trinken.

Kosmetik- und Reinigungsprodukte selber herstellen. Das ist aus wenigen Zutaten ganz einfach möglich. Anleitungen gibts im Internet.

Feste Seifen und Shampoos kommen fast ohne Verpackung aus.

Secondhandkleider bevorzugen.

Reparieren (lassen). Schweizweit gibt es schon über 90 «Repair Cafés». Dort gibt es Hilfe, um defekte Apparate zu reparieren.

 Fotos: unsplash.com, velizar ivanov | iStock.com

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