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Auszeit nehmen

Kategorie: Gesundheit, Leben
 Ausgabe_01_02_19 - 25.02.2019

Text:  Fabrice Müller

Eine Auszeit nehmen und neue Kraft tanken – davon träumen viele Menschen. Den Alltag hinter sich lassen, Neues wagen, Zeit für sich und seine Liebsten haben! Damit das Sabbatical seine Wirkung nicht verfehlt, muss man es wohlbedacht planen. Und sich vor allem erstmal bewusst werden, was man sich von der Auszeit überhaupt erhofft.

@ swiss-image.ch/ivo scholz

«Das Dasein ist köstlich, man muss nur den Mut haben, sein eigenes Leben zu führen.» Giacomo Casanova

Der Start verlief für Ramona Bär und ihren Hund Loup nicht ganz wunschgemäss. Eine nicht vollständig auskurierte Erkältung machte sich zwei Tage nach Beginn der Wanderung wieder bemerkbar. An eine Fortsetzung der geplanten Tour durch 17 Kantone war vorerst nicht zu denken. «Ich merkte, dass ich nicht die Kraft hatte, meine Reise im vorgesehenen Rahmen durchzuziehen. Also beschloss ich, mich zuerst bei den Eltern meines Partners im Schwarzbubenland auszukurieren», erzählt die 35-jährige. Ursprünglich plante sie, jeden Tag zwischen 15 und 20 Kilometer zurückzulegen.

Auch diesen Plan musste sie bald einmal auf den Kopf stellen, denn der Juli präsentierte sich – wir erinnern uns: heiss. Um fünf Uhr morgens zogen der Lagotto Romagnolo und sein Frauchen los. Sie wanderten durch bis elf. «Mehr als zehn bis 15 Kilometer täglich lagen bei der Hitze nicht drin», erzählt Bär. Die 13 Kilogramm Gewicht an ihrem Rücken trugen das Ihre zur langsamen Gangart bei. Dabei nahm sie nur das Nötigste mit. Ihre Mutter versorgte sie einmal pro Woche mit frischen Kleidern und Hundefutter. Doch: «Ich überschätzte die Fitness meines Hundes und stellte bald einmal fest, dass ich körperlich trainierter war als er. Hinzu kam, dass Loup Mühe mit den heissen Böden hatte.»

Ein «verrücktes Jahr»
Doch wie kam Ramona Bär überhaupt auf die Idee, diese Strapazen auf sich zu nehmen und während sieben Wochen zu Fuss durch die Schweiz zu wandern? Sie und ihr vierjähriger Hund? «Diese Idee geistert mir seit vielen Jahren im Kopf herum. Dann beschloss ich, aus dem bevorstehenden Jahr ein etwas verrücktes Jahr werden zu lassen.» Bär arbeitet im Teilzeitverhältnis als Projektleiterin für ein Schulprojekt. Da sie in den Sommerferien frei hatte, bot sich diese Zeit an, um den lang gehegten Plan in die Tat umzusetzen. Das Wanderprojekt stand aber auch im Zusammenhang mit ihrer zweiten beruflichen Tätigkeit: Bär begleitet als Coaching-Fachfrau Jugendliche und Erwachsene in Veränderungsprozessen. Mit ihrem Wanderprojekt wollte sie zum einen auf ihr Coaching-Angebot aufmerksam machen, zum andern ging es ihr darum, selber zu erfahren, was eine solche Wanderung in einem Menschen alles bewirken und verändern kann.

Hauptgrund: Burn-out
Wie Ramona Bär träumen viele Menschen davon, für einige Zeit aus dem Alltagstrott auszubrechen und etwas völlig Neues zu wagen. Unter dem Titel «Auszeit statt Auto» veröffentlichte das Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) eine Studie, die aufzeigt, dass die Menschen anstelle von Luxusgütern immer häufiger essenzielle Erfahrungen, Zeit und Sinn-Erlebnisse wie zum Beispiel eine Auszeit suchen. Halb Deutschland träumt von der beruflichen Auszeit – zu diesem Schluss kommt die Sabbatical-Studie des Meinungsforschungsinstituts Fittkau & Maass. Mit 43 Prozent wollen mehr als vier von zehn Deutschen eine Auszeit im Job nehmen. Als Beweggründe nannten die Befragten den Wunsch, zu reisen und mehr Zeit für sich und ihre Interessen zu haben. Knapp dahinter wollen viele neue Perspektiven und zu sich selbst finden. Bedenklich dabei ist: Die Hälfte der Interviewten will mit der Auszeit ein Burn-out überwinden oder einem vorbeugen.

Karin Grun aus Bassersdorf unterstützt als Trainerin und Coach Menschen, die sich eine Auszeit nehmen wollen. «Ich stelle eine generelle Zunahme bei der Nachfrage nach Coaching für Auszeiten fest. Dies vor allem auch in Zusammenhang mit Burn-out.» Andere nutzen die Auszeit für eine Standortbestimmung in ihrem Leben und richten sich neu aus. Auch Karin Grun blickt auf eine solche Phase in ihrem Leben zurück: «Ich war früher als Event-Managerin tätig und organisierte 60 bis 70 Anlässe pro Jahr. Als ich kurz vor einem Burn-out stand, entschied ich mich für eine Auszeit. Ich reiste durch Australien und beschloss, mich beruflich zu verändern.»

Die Auszeit gut planen
Eine gute Vorbereitung ist das A und O für eine gelungene Auszeit. Dazu gehört zuallererst, sich bewusst zu werden, was man von der Auszeit überhaupt erwartet. «Viele erhoffen sich von ihrer Auszeit eine Art Erleuchtung, ohne sich im Vorfeld über die eigentlichen Beweggründe im Klaren zu sein», sagt Karin Grun. Andere wollen in der Auszeit zur Ruhe kommen oder andere Kulturen kennenlernen. «Wenn man mit der Auszeit ein konkretes Ziel verfolgt, braucht es eine Strategie, um mit der Auszeit die nötigen Antworten auf anstehende Fragen zu finden. Leider nehmen sich viele zu wenig Zeit für diese Vorbereitung», weiss Grun.

Die Auszeit bietet dem Menschen Raum und Zeit, sich mit sich selber zu beschäftigen. Dies kann befreiend, aber auch beängstigend oder zumindest anstrengend sein. Je nach privater und beruflicher Situation bedeutet die Organisation einer Auszeit eine Herausforderung. Es gibt zum Beispiel die Möglichkeit, eine Vereinbarung mit dem Arbeitgeber für ein Sabbatjahr zu treffen. Meist dauert eine solche Auszeit drei bis zwölf Monate. Hier besteht zum Beispiel die Möglichkeit, Überstunden auf einem Zeitkonto zu sammeln. Oder man spart das Geld, kündigt die Arbeitsstelle und nimmt die Auszeit. «Ich stelle fest, dass heute viele Arbeitgeber gegenüber Auszeiten bzw. Sabbaticals sehr offen sind», sagt Grun.

Die Höhenangst überwinden
Auch Ramona Bär bereitete sich gut auf ihre Wanderung vor. Sie koordinierte die Auszeit mit ihrem Arbeitgeber. Und sie plante die Streckenführung im Voraus. Die Wanderung führte vorbei an Orten wie zum Beispiel Hemmiken, Roggwil, Langnau i.E., Alpnach, Zug, Einsiedeln, Bad Ragaz und Vaduz, dem Bodensee entlang zum Rheinfall, weiter nach Rapperswil und Zürich. An ihre persönlichen Grenzen kam Ramona Bär zum Beispiel bei der Wanderung über den Glaubenberg von Flüeli-Ranft nach Stans. Grund: Höhenangst. Deshalb bat Bär eine Kollegin, sie auf diesem Streckenabschnitt zu begleiten. Eine weitere Herausforderung war für das Paar auf zwei Füssen und vier Pfoten die tägliche Suche nach einer Unterkunft. Diese gestaltete sich nicht immer einfach. «Ich musste oft an mehreren Orten fragen und auch mal ein Dorf weiterziehen, bis ich eine Unterkunft gefunden hatte», erzählt die junge Frau. Zweimal war sie drauf und dran, in den Bus zu steigen und nach Hause zu fahren.

Die spirituelle Dimension
Möglichkeiten, eine Auszeit zu nehmen und diese für eine neue Ausrichtung im Leben zu nutzen, gibt es viele. Beliebt sind laut Coach Karin Grun längere Reisen. Manche finanzieren diese mit Jobs vor Ort. Andere möchten sich sozial engagieren und entscheiden sich für Freiwilligenarbeit in einer gemeinnützigen Organisation. Wer die Auszeit spirituell für sich nutzen möchte, dem stehen unter anderem Klöster oder ähnliche Institutionen für eine innere Reise zur Auswahl. Zum Beispiel das Felsentor im luzernischen Vitznau, ein Kurszentrum für buddhistische Meditationen.
Von der Haltestelle Romiti Felsentor aus führt ein etwas unwegsamer Pfad zum Gebäude, das 1869 als Hotel errichtet und 1990 von der Stiftung Felsentor in ein Seminarhaus umgebaut wurde. Als Haus für Spiritualität und Achtsamkeit bietet die Stiftung Felsentor Menschen, die für mehrere Wochen ein Praktikum in Zen-Meditation absolvieren wollen, eine Gemeinschaft auf Zeit. Hier werden sie in die Zen-Meditation eingeführt. Und sie üben sich darin, Stille und Konzentration der Meditation in eine achtsame Haltung gegenüber der Arbeit und in das Zusammenleben mit anderen einfliessen zu lassen. «Wir halten stets sechs bis acht Plätze für Menschen frei, die eine Auszeit nehmen wollen», erklärt Vanja Palmers, Gründer und Leiter des Felsentors. Zehn Jahre verbrachte Palmers in einem Zen-Kloster in den USA. «Die Meditation hilft, sich innerlich zu sammeln», sagt er. «Dabei ist die spirituelle Ebene meiner Meinung nach eine wichtige Dimension, der man bei einer Auszeit viel Raum geben sollte. Sie hilft, zu sich selbst zu kommen.» Derzeit befindet sich der Zen-Meister selber in einer Auszeit, die er sich zu seinem 70. Geburtstag verordnet hat, wie er erzählt. «Ich nehme mir in diesem Jahr die Freiheit, das zu tun, was mir wichtig ist – ohne mich gross zu verplanen.» Dies sei nötig gewesen, denn in den letzten Jahren habe die Arbeit oft einen zu grossen Stellenwert eingenommen. «Es ist wichtig, im Leben eine Gangart zu finden, die einem hilft, immer wieder in die Entspannung zu kommen.»

Die Zeit danach
Am Ende der Auszeit gilt es, anzukommen und das Leben neu zu gestalten. Im Gepäck die vielen Erfahrungen, Eindrücke, Emotionen und Energien aus den vergangenen Wochen oder Monaten. «Der Start nach der Auszeit ist ebenfalls eine Herausforderung », betont Karin Grun. Nicht alle schafften den Einstieg problemlos. Deshalb sollte auch diese letzte Phase der Auszeit geplant werden. Ansonsten besteht laut Grun die Gefahr, dass man schnell wieder in den Alltagstrott zurückfällt und die Wirkung der Auszeit schnell verpufft. Wer während der Auszeit ein Tagebuch schreibt oder bloggt, hält fest, was ihm gerade wichtig ist. Das hilft später, Erlebnisse und Erkenntnisse wieder in Erinnerung zu rufen.

Für Ramona Bär steht fest: Ihre siebenwöchige Wanderung quer durch die Schweiz hat ihr Leben verändert. «Mir ist noch bewusster geworden, dass sich jeder Mensch verändern kann. Aber ganz nach seinem persönlichen Tempo. Und für jeden Schritt vorwärts braucht es manchmal auch einen Schritt zurück.» Auch für ihren Hund Loup war das Abenteuer eine lehrreiche Erfahrung. Die setzt er nun als Assistent und Trainingspartner in den Coachinggesprächen seines Frauchens um.

Tipps



Praktisches für die Auszeit

Budget
Zur Auszeit gehört auch ein Budget für Miete, Steuern, Versicherungen, Lebensunterhalt. Wichtig: Auslagen und Reserven für Unvorhergesehenes einplanen.

Arbeits- und Lohnmodelle
Sprechen Sie sich mit dem Arbeitgeber bezüglich Arbeitsverhältnis, Lohn und Sozialversicherungsbeiträgen ab. Bei Auszeiten gibt es verschiedene Modelle, von unbezahlter Freistellung bis Sonderurlaub. Halten Sie die Bedingungen der Auszeit in einer Vereinbarung fest.

Versicherungen
Weil in Ländern wie den USA, in Australien oder teilweise auch im asiatischen Raum (z.B. Japan) die Gesundheitskosten sehr hoch sind, sollte man prüfen, ob Krankheits- und Unfallschutz genügend gedeckt sind und allenfalls eine Zusatzversicherung abschliessen. Wenn Sie ins Ausland verreisen, kann die Jahres-Reiseversicherung eine sinnvolle Ergänzung sein. Sie enthält eine Reiseassistance- und eine Annullierungskostenversicherung. Die Privathaftpflichtversicherung gilt in der Regel weltweit.

Sozialleistungen
Wer mehr als einen Monat unbezahlten Urlaub nimmt, muss sich um seine Sozialversicherungen (Pensionskasse, AHV) selber kümmern. Am besten erkunden Sie sich bei der Kasse selbst oder bei der Personalabteilung Ihrer Firma.

Tickets buchen
Werden Zugreisen ins europäische Ausland, Flüge und Unterkünfte früh gebucht, fährt man finanziell meistens günstiger.

Rückkehr
Informieren Sie sich über die Modalitäten der Rückkehr. Diese können im Arbeitsvertrag oder in einem gesonderten Vertrag fixiert werden.

Und schliesslich: To-do-Liste
Vieles gibt es im Vorfeld der Auszeit zu erledigen. Eine Liste hilft, wichtige Schritte nicht zu vergessen.

Quellen: karrierebibel.de u.a. /krea

Buchtipps

Bettina Münch «Auszeit! Lifting für die Seele» Fischer Taschenbuch Verlag, 2015, ca. Fr. 19.–

Anja Mumm, Nicole Jähnichen «Auszeit vom Job. Elternzeit, Pflegezeit, Sabbatical & Co.» Haufe Lexware 2018, ca. Fr. 13.–

Links

www.auszeit-nehmen.com
www.felsentor.ch

 Foto: www.istock.com   

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