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Atemtherapie

Kategorie: Gesundheit, Therapien

Text:  Lioba Schneemann

Wir atmen über 25000 Mal am Tag. Ein. Aus. Ein. Aus. Der Atem ist unser bester Freund. Und unsere wichtigste Körperfunktion. Über sie hat die Atemtherapie Auswirkungen auf Körper, Geist und Seele.

@ iStock.com

«Optimiert man die Atmung, lindert man nicht nur Atemwegserkrankungen, sondern auch Beschwerden in Muskulatur, Gelenken und in den inneren Organen.» Evelyne Kernen, Atemtherapeutin in Baden

Wir bemerken ihn im Alltag meist gar nicht oder erst dann, wenn wir unter Stress stehen, zum Tram rennen müssen oder wenn es irgendwo stinkt: Der Atem fliesst unbewusst in unseren Körper hinein und wieder hinaus. Wir müssen uns dafür nicht anstrengen. Das unbewusste Atmen ist «ein gütiges Geschenk» der Natur, wie die Atempädagogin Ilse Middendorf schreibt.

Eingebettet in das vegetative Nervensystem reagiert der Atem auf innere und äussere Einflüsse. Denken wir an etwas Schönes, fliesst der Atem frei und entspannt. Gedanken an eine beängstigende Situation lassen den Atem stocken und enger werden. Da die Atmung mit allen Vorgängen im Organismus verbunden ist, wirken sich alle seelischen und geistigen Regungen, alle Gefühle und körperlichen Veränderungen direkt auf den Atem aus. Hinzu kommt, dass wir ihn im Gegensatz zu allen anderen Körperfunktionen wie Hören, Riechen oder Fühlen willentlich verändern können. So können wir mithilfe der Atmung Körper, Psyche und Geist beeinflussen: Mit einem langen Ausatmen beruhigen wir uns; sogar Schmerzen können wir lindern, indem wir uns vorstellen, in die schmerzende Region «hinein zu atmen».

«Sich des Atems bewusst zu werden, ist eine Möglichkeit, im gegenwärtigen Augenblick anzukommen.» Thich Nhat Hanh

Durch sportliche Betätigung können wir das Atemvolumen und die Atemkraft steigern. Wir können also zum einen die Verantwortung für unseren Atem dem Körper überlassen. Andererseits können wir ein Atemverhalten gezielt verändern und so eigenverantwortlich etwas für unsere Gesundheit tun.

Atme ich falsch?
Viele Menschen, die das erste Mal bewusst auf ihren Atem achten, denken, dass sie etwas «falsch» machen. «Es gibt kein richtiges oder falsches Atmen», sagt indes die Atemtherapeutin Gabriela Christen aus Liestal, die mit der Ganzheitlich Integrativen Atemtherapie IKP arbeitet. «Der Atem gibt uns Aufschluss darüber, wie es uns im Moment geht», erklärt sie. Stress, Bewegungsmangel oder Fehlhaltungen können aber dazu führen, dass es einem «den Atem verschlägt». Dann fliesst der Atem nicht mehr mühelos, sondern wird kurz, flach oder stockend.

Kommt es immer wieder und über längere Zeit zu Atemstörungen, kann dies den Organismus beeinträchtigen, da wichtige Organe nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden. Zahlreiche Symptome wie eine verminderte Leistungsfähigkeit, Müdigkeit und Erschöpfung, nervöse Reizzustände, Schwindelgefühle, Verspannungen, Blockaden, Schmerzen, sogar Verdauungsbeschwerden könnten auftreten. «Auch Angstzustände, negatives Gedankenkreisen, Schlaflosigkeit und Depressionen können mit einer Atemstörung zusammenhängen», sagt Atemtherapeutin Christen.

Achtsames Atmen
In einer Atemtherapie soll der natürliche Atemrhythmus wiedergefunden und somit eine ausgeglichene Körperspannung wiederhergestellt werden. Grundlegendes Ziel ist die Herstellung einer «Wohlspannung» im Körper, wie Christen sagt. «Die achtsame Wahrnehmung des Atems und der verschiedenen Empfindungen im Körper bilden die Basis der Therapie.» Sie schule die Klienten in ihrer ganzheitlichen Wahrnehmung, indem sie zum Beispiel gemeinsam mit ihnen erkunde, wo der Atem hinfliesst; ob er oberflächlich ist oder tief; ob länger ein- oder ausgeatmet wird; und ob es Atempausen gibt. Faktoren wie die Grundspannung der Muskulatur, die Haltung und der Bewegungsfluss, der Klang der Stimme, das Beziehungsverhalten sowie die ganze Ausstrahlung werden ebenso beachtet. «Die Therapie ist ein fortlaufendes, interaktives Geschehen und sehr individuell. Durch Berührung unterstütze ich die Menschen, mehr in Kontakt mit sich selbst zu kommen», erklärt die Therapeutin. Zur Anwendung kommen auch Atemmassagen mit Öl, um Blockaden zu lösen, sowie einfache Körperübungen, unter anderem aus dem Yoga, in denen der Fokus auf dem achtsamen Wahrnehmen des Atems und der Empfindungen liegt. Und auch das erforschende Gespräch ist ein wichtiger Bestandteil der Atemtherapie, betont Christen. «Das einfühlende Verstehen unterstützt die Klienten, klarer zu werden über sich selbst sowie über die Erfahrungen, Gefühle, Verhaltensmuster, Motivationen und die jeweiligen Reaktionen.» Nicht zuletzt ist das selbstständige Üben zu Hause wichtig für den Erfolg jeder Atemtherapie. 

Heisse Wickel wirken 
Evelyne Kernen, die als PsychoDynamische Körper- und Atemtherapeutin Lika in Baden arbeitet, unterstützt mit der Reflektorischen Atemtherapie Menschen mit Atemwegserkrankungen. «Das Zwerchfell ist der Hauptmuskel der Atmung», erklärt sie. «Bei Atemerkrankungen sind wichtige Muskelgruppen verspannt oder überlastet, wodurch unökonomische Bewegungen von Muskeln und Körperregionen entstehen, die nicht massgeblich zur Atmung gehören.»

In der Reflektorischen Atemtherapie werden intensive Grifftechniken eingesetzt, die auf das Atemzentrum einwirken. Die Behandlung erfolgt mittels direktem Hautkontakt mit Wärmebehandlungen – etwa mit Infrarotlicht oder Wickeln – und anderen Reizen, die die Zwerchfellarbeit direkt beeinflussen. In der Folge kommt es reflektorisch zu tiefen Atembewegungen. «Die Reizsetzung kann zwar durchaus einen kurzen Schmerz verursachen, die Behandlung wird aber insgesamt als sehr wohltuend empfunden», sagt Kernen. Denn wenn man die Atmung optimiere, lindere man nicht nur Atemwegserkrankungen, sondern auch Beschwerden in Muskulatur, Gelenken und in den inneren Organen.

Gefragt: Evelyne Kernen*

«Energiefluss ist gelebte Bewegung»

Frau Kernen, Sie arbeiten mit dem Meridiansystem und der daraus entwickelten «Kei-Raku-Lehre» von Volkmar Glaser. Was hat es damit auf sich?
Kei Raku ist ein japanischer Begriff und wurde von Volkmar Glaser für das Meridiansystem übernommen. Als Arzt interessierte er sich auch für die chinesische Medizin und östliche Philosophie. Durch seine Forschungsarbeit entwickelte er eine atem- und bewegungstherapeutische Diagnostik und Therapie. Die Kei Rakus sind ein energetisches Fliesssystem und nehmen Einfluss auf die Reflexorganisation der Muskelsinne, den Spannungsaufbau von Muskeln, Gewebe und Haut. Energiefluss ist gelebte Bewegung und Atembewegung, die durch gelöste Muskulatur fliessen kann.

Wann wenden Sie die Meridianbehandlung an?
Bei Beschwerden im Bewegungsapparat oder muskulären Verspannungen, bei einem Atemfehlverhalten, das unter Stress entstehen kann oder bei konkreten Lebensthemen, die die Klienten mitbringen. Eine Meridianbehandlung ist ebenfalls eine Atembehandlung und erweitert das Therapiespektrum auf sinnvolle Weise.

Ist Atemtherapie auch für Kinder geeignet?
Mein jüngster Klient war elf Monate. Je nach Alter und Beschwerde gestaltet sich die Atemsitzung unterschiedlich. Mit Kindern sollte sie stets kreativ und spielerisch sein. Bei Kindern mit chronischer Bronchitis zum Beispiel können «Atemspiele» mit entsprechender Technik einen grundlegenden Beitrag leisten, um die Atemfunktion zu unterstützen. Und das mit lachenden Gesichtern.

Interview: Lioba Schneemann

* Evelyne Kernen (51) hat seit 2002 eine eigene Praxis für Körper- und Atemtherapie in Baden, ist Mitbegründerin des Atemfachverbandes Schweiz AFS (2009) und Ausbildungsleiterin bei der LIKA GmbH, Fachschule für Atem, Beratung und Therapie im aargauischen Stilli (www.lika.ch)

Es gibt viele Atemtherapien
Atemtherapie zählt zu den ältesten therapeutischen Verfahren. Das überlieferte Wissen um Aufgaben und Wirkungsweisen des Atems reicht über 4000 Jahre zurück. Viele Religionen setzen den Atem mit der Lebenskraft gleich. 

Erst im 19. Jahrhundert wurde in Europa die Entwicklung einer psychologisch orientierten Atemarbeit vorangetrieben. Nach dem Jahr 1945 wurde die von den Pionieren der westlichen Atemheilkunde gelegten Fundamente von zahlreichen Schülerinnen und Schülern mit unterschiedlichen Schwerpunkten weiterentwickelt. Sie unterscheiden sich in ihrem Therapie- und Praxisverständnis, gehen aber alle vom Menschen als sozial eingebettete, körperlich-seelisch-geistige Einheit aus.

Heute gibt es mehrere Richtungen der Atemtherapie. Zusammengeschlossen sind sie im Atemfachverband Schweiz AFS: Atemtherapie auf logopsychosomatischer Grundlage ATLPS, Atemtherapie nach Ilse Middendorf, die Ganzheitlich-Integrative Atemtherapie IKP, PsychoDynamische Körperund Atemtherapie LIKA, die Integrale Atem- und Bewegungsschulung Methode Klara Wolf IAB, Organisch-Rhythmische Bewegungsbildung ORB.

Wahl des Therapeuten
Alle Therapierichtungen arbeiten prozessorientiert und rücken den Atem ins Zentrum. «Es kommt nicht so sehr auf die Ausrichtung der Therapeutin an als vielmehr auf die gegenseitige Sympathie. Die Chemie muss stimmen», sagt Barbara Spahni vom Atemverband Schweiz. Wer eine Therapeutin sucht, findet auf den Therapeutenlisten vom «Atemfachverband Schweiz AFS» (atem-schweiz.ch) und dem «Schweizer Berufsverband für Atemtherapie und Atempädagogik Middendorf SBAM» (sbam.ch) eine Zusammenstellung. Weitere Informationen zu den einzelnen Ausrichtungen sind in der Methodenidentifikation verfasst.

Grenzen der Therapie
Da sich jede Atemtherapie am Kontakt und der Präsenz des Menschen in seiner aktuellen Situation orientiert, bestehen keine Kontraindikationen; bei akuten psychotischen Zuständen oder Infektionskrankheiten sollte aber ein Arzt herangezogen werden. Die Atemtherapie unterscheidet sich von der Atemgymnastik und der funktionalen Atemtherapie als Basistechnik der Physiotherapie. Diese arbeiten mit dem Atem, therapieren aber nicht unbedingt die Atmung.

Was passiert beim Atmen?
Mit jedem Atemzug wird Sauerstoff in den Blutkreislauf transportiert und Kohlendioxid aus ihm abtransportiert. Dieser Gasaustausch findet in den Lungenbläschen statt. Deren Gesamtoberfläche – knapp hundert Quadratmeter – ist dazu von haarfeinen Kapillaren durchzogen. Das Ausatmen erfolgt, indem sich Zwerchfell und Zwischenrippenmuskulatur entspannen. Nervenzellen im Hirnstamm sorgen im Normalfall unbewusst für eine an die Belastung angepasste Atmung. Doch viele Menschen, besonders jene, die unter nervöser Anspannung leiden, atmen schnell und ungesund «flach». «Dabei soll sich beim Einatmen unten das Zwerchfell weiten», sagt Sportwissenschaftler Peter Schunke gegenüber dem «Panorama», dem Magazin des Deutschen Alpenvereins DAV. Schunke rät, sich anzugewöhnen, den Bauch beim Einatmen so gut wie möglich herauszudrücken und unter starker Belastung auch mal das Dogma der Nasenatmung aufzugeben. Denn durch den Mund lässt sich dem Zwerchfell schnell maximal Sauerstoff zuführen. 

Tipps für tiefes Atmen 
Ohne es wahrzunehmen, atmen die meisten Menschen zu flach und zu viel, was zu verminderter Leistungsfähigkeit und Gesundheitsproblemen führen kann. Bewusstes Atmen versorgt Muskeln und Organe mit der richtigen Menge an Sauerstoff. Das erhöht Fitness und Wohlbefinden. Die Bauchatmung ist die natürliche Form der Atmung. So kann man sie trainieren: 

• Im Liegen: Auf dem Rücken liegend mit den Händen erspüren, wie sich die Bauchdecke beim Einatmen hebt, beim Ausatmen senkt und wie jeder Atemzug die unteren Rippen - bögen dehnt. • Im Stehen: Beim Einatmen weder die Schulter heben noch die Brust herausdrücken; stattdessen hebt sich der Bauch. Eine gute Haltung begünstigt die tiefe Atmung.
• Zwerchfell aktivieren: Luft «schnuppern» und dabei den Atemschwerpunkt vom Brustkorb in den Bauch verlagern. Beim Schnuppern verengt sich die Nase leicht, was einströmende Luft bremst und Zwerchfellbewegungen intensiviert.
• Fliessende Atembewegungen: Unter dem Druckanstieg bei Zwerchfellatmung werden die unteren Rippen gehoben und die unteren Lungenabschnitte belüftet. Nach und nach weiten sich auch die oberen Rippen, das Brustbein dehnt sich nach vorne.
• Ausatmen: Kräftig und lange ausatmen; dabei den Bauch einziehen, bis das Einatmen automatisch einsetzt.
• Stress lindern mit der Lippenbremse: Dabei strömt der Atem bei fast geschlossenen Lippen ganz langsam nach aussen. So wird mehr Luft ausgeatmet, wodurch danach wieder mehr Luft eingeatmet werden kann. Das Ausatmen gegen leichten Widerstand entspannt die Atemmuskulatur und eignet sich auch bei Lungenerkrankungen, die mit Atemnot einhergehen (z.B. Asthma, COPD). Quelle: DAV Panorama

Am Atem wachsen
Jede Atemtherapie richtet sich grundsätzlich nicht nur an gestresste oder an kranke Menschen, sondern ist auch für diejenigen geeignet, die sich in ihrer Persönlichkeit entwickeln wollen. Eine hierzu angewandte Methode ist der «Verbundene Atem». «Er ist der rascheste und wirksamste mir bekannte Weg zu tiefen Erfahrungen mit sich selbst», sagt der bekannte Arzt und Autor Ruediger Dahlke. Der Verbundene Atem diene der Aktivierung der Selbstheilungskräfte, der ganzheitlichen Selbsterfahrung und fördere Vitalität und Lebensfreude.

Osteopath Roger Marti aus Freimettigen (BE) arbeitet mit der Methode, die keiner Technik bedürfe, wie er betont. Es gehe schlicht darum, überaus intensiv zu atmen und so den ganzen Körper mit Sauerstoff zu durchfluten. «Das bläst alle Blockaden aus dem Körper.» Ausserdem bekomme dabei das limbische System, wo Emotionen und Gefühle sitzen, mehr Sauerstoff; der Neocortex, Hort des Egos, hingegen weniger. «Wenn das Ego einschläft», sagt Marti, «kommen verdrängte Geschichten und Traumas an die Oberfläche. Dann kann Heilung geschehen.» Dabei komme nur ins Bewusstsein, wofür der Betroffene auch bereit sei, betont Marti. «Das ist für mich Erleuchtung – wenn du einen dunklen Teil in dir erkennst und ihn erleuchtest.»

Buchtipp

Patrick McKeown «Erfolgsfaktor Sauerstoff», riva Verlag 2018, ca. Fr. 35.– 

Ulrich Ott, Janika Epe «Gesund durch Atmen: Ein Neurowissenschaftler erklärt die Heilkraft der bewussten Yoga-Atmung», O.W. Barth 2018, ca. Fr. 30.–

Rainer Dierkesmann, Sonja Kaiser «Endlich durchatmen: Wirksame Atemübungen bei Asthma, Bronchitis und COPD», TRIAS 2015, ca. Fr. 21.–

Links
www.atem-schweiz.ch 
www.sbam.ch 
www.netzwerkverbundeneratem.net 

Foto: zvg | Illustration: Lina Hodel

 

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