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Yoga, wohin man schaut

Kategorie: Gesundheit, Therapien
 Ausgabe 9_2018 - 30.08.2018

Text:  Eva Rosenfelder

Immer mehr Menschen nutzen die wohltuende Wirkung von Yoga. Doch was eigentlich ist «Yoga»? Und welche Formen passen zu wem? Eine Spurensuche.

@ Peter Jaeggi

Wer auf der Suche ist nach der passenden Yoga-Variante, möge in erster Linie auf die eigenen Körperempfindungen achten.

Yoga ist zur globalen Massenbewegung geworden. Wie Pilze schiessen moderne Yoga-Varianten aus dem Boden: Von Acro-Yoga und Yogilates (= Yoga und Pilates) über Vinyasa-Flow, Power-Yoga für Hartgesottene, Tantra-Yoga für Liebende, Luna-Yoga, Schwangerschaftsund Kinderyoga bis hin zu Hormonyoga, Seniorenyoga oder Yoga für Hunde (Doga) und Yoga mit Ziegen (Goat Yoga) sind der Fantasie (und Marketingstrategie) keine Grenzen gesetzt. Vielleicht ziehen Sie ja auch in der Luft schwebendes Aerial-Yoga oder Bikram Yoga vor, bei dem man sich bei 38 Grad Celsius verrenkt. Beliebt sind auch mehr oder weniger passende Kombinationen wie Yoga und Klettern, Yoga und Kochen oder Business-Yoga and Leadership.

Hier offenbart sich also ein kreatives Spektrum, das ein offensichtlich immenses Bedürfnis nach Bewegung und vor allem Entspannung bedient. Die vielfältigen Körper-, Atem-, Konzentrations- und Meditationsübungen, die Elemente fast aller Yoga-Lektionen sind, wirken sich spürbar positiv aus auf Nerven- und Immunsystem sowie die gesamte körperlich-seelische Gesundheit des Menschen. Mögen bestimmte Auswüchse auch die Lachmuskeln anregen (ja, Lach-Yoga gibt es übrigens auch), so bleibt es doch eine Tatsache, an der man nicht rütteln kann: Yoga tut einfach gut.

Die Schlange erwecken
«Yoga hat mir ein Werkzeug geschenkt, durch Bewegung zum Wesentlichen zu finden, den Energiefluss im Körper besser zu spüren, mich zu beruhigen und zu zentrieren. Yoga hat viel mit mir selber zu tun», sagt zum Beispiel die Winterthurer Craniosakral-Therapeutin Sandra Gubler. Neben der physischen Beweglichkeit, die sich bei ihr dank des Yogas entwickelt habe, seien für sie vor allem die Atemtechniken sehr wertvoll. Diese wende sie auch in ihrer therapeutischen Arbeit an. «Die Atemtechniken wirken dabei sehr unterstützend.»

Neben der Kombination von Atemtechniken, Körperhaltungen, Bewegungsabläufen, innerer Sammlung und Konzentration spielen bei den meisten Yoga-Richtungen auch Mantras (MeditationsWorte und Klangsilben in Sanskrit) oder Mudras (Körperhaltungen in Verbindung mit Bandhas, d.h. lokalen Muskelkontraktionen oder Handgesten/Fingeryoga) eine Rolle. Mit all diesen Elementen versucht man die Lebensenergie – die in tantrischen Schriften beschriebene ätherische Kraft im Menschen (Kundalini, «Schlangenkraft») – anzuregen und innerhalb der Wirbelsäule zu den verschiedenen Chakren (Energiezentren) aufsteigen zu lassen; auch sollen das Körperbewusstsein gestärkt und die geistige Entwicklung gefördert werden.

Die wichtigste Grundregel des Yoga: Der Körper ist immer ein allumfassendes Feedbacksystem und das Instrument, um zu erkennen, ob der Prozess, in dem wir uns befinden, stimmig ist oder nicht. Wer also auf der Suche ist nach der passenden Yoga-Variante, möge darum in erster Linie auf die eigenen Körperempfindungen achten. Dies entspricht auch seit jeher allen philosophischen Konzepten in Indien – selbst wenn es darum ging, das Physische, also den Körper zu überwinden.

Jünger als gedacht
Heute ist Yoga zur Massenbewegung geworden, bei der es im Allgemeinen mehr um Gesundheit und Fitness geht als um einen geistigen und seelischen Weg. «Zwar beziehen sich die meisten moderne Yogaschulen bei ihren Angeboten gerne auf eine Yoga-Tradition von Hunderten, wenn nicht sogar Tausenden von Jahren. Befasst man sich jedoch genauer mit den einschlägigen Textquellen, wird klar, dass die Mainstream-Praktiken, welche wir heute als ‹Yoga› bezeichnen, nicht älter sind als hundert Jahre», gibt Reto Zbinden vom Schweizerischen Yogaverband und Schulleiter der Yoga-Universität Villeret zu bedenken.

«In Indien war Yoga ursprünglich der Weg kleiner Minderheiten der asketischen Milieus. Sie wurden unter anderem auch stark beeinflusst durch den frühen Buddhismus.» Reto Zbinden, Yoga-Uni Villeret

Entstanden sei das moderne körperbetonte Yoga in der Begegnungssituation zwischen Ost und West. «Es wurde in Indien entwickelt, aber unter dem Eindruck westlicher Praktiken: Wir finden darin Elemente der amerikanischen Neugeist-Bewegung, westlicher Psychologie und Wissenschaft, schwedischer und dänischer Gymnastik sowie des europäischen Bodybuilding. Teilelemente stammen auch aus der indischen Philosophie oder entspringen akrobatischen Körper-Kunststücken vagabundierender Yogis, die damals in Indien allgemein in Verruf standen, da sie kaum von Fakiren und Schlangenmenschen zu unterscheiden waren, denen bizarre asketische Praktiken, schwarze Magie und Verwahrlosung zugeschrieben wurden.» Im Zuge des in Indien erwachenden Nationalstolzes habe man aus diesen grundverschiedenen Elementen die ersten Ansätze des Asana-Yogas erschaffen, um die indische Jugend körperlich zu ertüchtigen. «Ab Mitte des 20. Jahrhunderts hat dieses neue Yoga in den Westen gefunden, wo es sich bis heute in verschiedensten Erscheinungen ausbreitet. «Nicht, dass ich damit die Wirkung von Yoga herabmindern möchte», betont Zbinden, der selbst offiziell anerkannte Yogalehrer/-innen ausbildet. «Nur ist das moderne Yoga eben viel jünger, als man gemeinhin annimmt.»

Fitness statt Askese
Einer der Pioniere in der Schweiz war Selvarajan Yesudian, der 1948 mit der Ungarin Elisabeth Haich die erste Yogaschule mit zeitweilig bis zu tausend Schülern eröffnete und zahlreiche Bücher schrieb. Bis kurz vor seinem Tod 1998 unterrichtete er einen sehr meditativen Yogastil, der darauf ausgerichtet war, den Menschen seelisch zu stärken und die gesunden Kräfte zu wecken. Der Boden hier war damals schon bereitet durch die Veröffentlichungen von Vivekananda (ab 1893), erste Yogaversuche in der zivilisationskritischen Kommune auf dem Monte Verità im Tessin, Diskussionen im Kreis der frühen Theosophen sowie die Erwähnung durch prominente Menschen wie Hermann Hesse, C.G. Jung oder Ernährungsreformer Max Bircher-Benner, der für die Bücher Vivekanandas schwärmte.

«Mit der indischen Philosophie des Yoga, die sich 3000 bis 4000 Jahre zurückverfolgen lässt, haben die Entwicklungen der modernen Yogaszene nur wenig zu tun», sagt Reto Zbinden. «In Indien war Yoga ursprünglich der Weg kleiner Minderheiten der asketischen Milieus. Sie wurden unter anderem auch stark beeinflusst durch den frühen Buddhismus.» Den Yogis der Antike ging es laut dem Schulleiter darum, den mystischen Weg zu gehen und zu höchsten Bewusstseinsstufen zu gelangen. «Die Transformation der Begierden, die Reinigung und Vergeistigung des Körpers sowie die Selbstvervollkommnung spielten dabei eine entscheidende Rolle.» Die wenigen Asanas (Körperübungen, sanskrit «der Sitz»), die geübt wurden, waren Sitzhaltungen, die der Meditation und weiteren verinnerlichten Praktiken dienten.

Die erste systematische Abhandlung über Yoga sind die Yoga Sutras, die gemäss wissenschaftlicher Indologie in den ersten Jahrhunderten nach der Zeitenwende verfasst wurden; in ihnen findet sich u.a. der «der achtgliedrige Weg» des Yoga.

Der Weg des sogenannten Hatha Yoga wurde rund tausend Jahre nach den Yoga Sutras in den noch heute verfügbaren Hauptwerken niedergeschrieben (z.B. Hatha Yoga Pradipika). Hatha Yoga wurzelt im Tantrismus, einer geistigen Strömung, die ab etwa dem 6. Jahrhundert in Indien präsent war. Wichtiges Thema im Hatha Yoga ist die Erweckung der bereits erwähnten Kundalini. Neben Reinigungs-, Atem- und Mentaltechniken finden sich hier Übungen wie Adler, Pfau, Kobra, Waage und viele andere, die auch in modernen Yogastilen noch ihren Platz haben.

Die Sammlung der rund dreissig Hatha Yoga Asanas (nicht nur Sitz-, sondern allgemein Haltungen) der mittelalterlichen Quellen ist im 20. und 21. Jahrhundert zu Hunderten von Übungen aufgequollen, die nunmehr in den verschieden populären Yogastilen unterrichtet werden. Bei denjenigen, die sich an die Tradition anlehnen, spielen die Körperwahrnehmung, die Verbindung mit dem Atem und die bewusste Lenkung der Energie eine zentrale Rolle. Achtsamkeit auf den Körper ist erstes Gebot. Wer Beschwerden hat, übt am besten mit einer erfahrenen Lehrperson.

Universelle Lebenskunde
In unserer rastlosen Zeit ist die erhöhte Ausschüttung von Stresshormonen ein grosses Problem. Sie schwächt das Immunsystem und kann zu Reizzuständen des Nervensystems, nervösen Herzbeschwerden, erhöhtem Schmerzempfinden und Allergien führen. Das bewusste Entspannen beim Yoga bewirkt ein Auffüllen der Energiespeicher – und das ist Voraussetzung für Gesundheit auf allen Ebenen.

Yoga ist immer ein persönlicher Weg und lässt als Begriff weiten Raum für Auslegungen verschiedenster Art. Auch die Wahl der Yoga-Richtung ist deshalb sehr individuell.

Anfängern empfiehlt es sich, Schnupperstunden zu besuchen, um die verschiedenen Yoga-Richtungen selber zu erfahren. Manche sehen im Yoga eher eine schweisstreibende Gymnastik, andere ziehen Varianten vor, die eher Entspannungstraining sind; den einen ist die ursprüngliche Yoga-Philosophie wichtig, andere verstehen Yoga eher als Therapie gegen Rückenschmerzen, Stress oder als Ausdruck des persönlichen Lifestyles.

Wer «sein» Yoga entdeckt und dieses mit Leib und Seele praktiziert, kann sich dem Weg der Wandlung und Transformation öffnen, Verantwortung für das eigene Leben und die eigene Entwicklung übernehmen und so zu einem achtsamen, bewussten und sinnerfüllten Leben finden. Und hier sind wir beim Kern des Yoga: Yoga ist ein lebendiger und auch in sich selbst wandelbarer Weg, eine zeitlose und universelle Lebenskunde, die unser Selbst widerspiegelt – und uns darum genau da abholt, wo wir gerade sind. 

Welcher Stil passt zu mir?

Für Körper und Seele
Geeignet sind alle Unterarten von Hatha-Yoga (Ashtanga, Jivamukti, Vinyasa, Anusara). Diese bieten Anfängern eine gute Möglichkeit, sich zu orientieren.

Für die Fitness
Jivamukti-, Ashtanga-, Vinyasa-, Poweroder das sehr herausfordernde Bikram Yoga im rund 38 °C heissen Übungsraum (Vorsicht bei Kreislauf- und anderen Gesundheitsproblemen!).  

Für Frauen
Hormon- oder Luna-Yoga, etwa bei Menstruationsbeschwerden, hormonellen Problemen in den Wechseljahren und zur allgemeinen Stärkung der Weiblichkeit.

Bei Körperbeschwerden
Die präzise ausgeführte Übungsfolge des Iyengar Yoga erfordert Geduld und Ausdauer. Unter Anleitung können die Asanas selbst bei schweren körperlichen Beschwerden ausgeführt werden.

Spirituelles Yoga
Integrales Yoga (Konzentration auf das Göttliche), Kundalini Yoga (Anregen der kosmischen Energie = Kundalini-Kraft im Körper), Vini-, Yesudian-, SivanandaYoga.

Der richtige Yoga-Lehrer
Die Lehrperson sollte über eine gute Ausbildung und über einige Lebenserfahrung verfügen. Yoga-Lehrerausbildungen sollten mindestens zwei Jahre dauern, um eine gewisse Qualität zu erreichen.

Falls Sie unter gesundheitlichen Problemen leiden, informieren Sie die Kursleitung vor dem Unterricht darüber. Besuchen Sie eine Probelektion. Danach sollten Sie sich auf alle Fälle besser fühlen als vorher.

 

Geeignete Yoga-Lehrer finden Sie bei folgenden Berufsverbänden:
+ Schweizer Yogaverband www.swissyoga.ch 
+ Yoga Schweiz Suisse Svizzera www.yoga.ch 
+ Iyengar-Yoga-Vereinigung-Schweiz www.iyengar.ch

Traditionelle Yoga-Wege

Bhakti-Yoga
Bedingungslose Liebe zu allen Kreaturen; keine Tempel oder Schriften; alle Begrenzungen fallen in der Liebe zu Gott; Überwindung der Angst (Vertreter war z.B. Sri Ramakrishna).

Karma-Yoga
Weg der Arbeit und des rechten Handelns, ohne sich um Erfolg oder Nichterfolg zu kümmern; Wissen um Ursache und Wirkung.

Hatha-Yoga
Ein im Tantrismus und der Hindu-Alchemie wurzelnder Weg, der besonders die Transformation des Körpers und die Erweckung, Stauung und Leitung vitaler Energien anstrebt. Der Weg des Hatha-Yoga versteht sich selbst als Vorstufe, bzw. Parallelübung zu den vorstehend genannten vier Wegen, besonders demjenigen des Raja-Yoga.

Raja-Yoga
Entspricht dem Yoga-Weg des Patanjali: gesunde Ernährung; Körper- und Atemübungen; Selbstbeherrschung im Denken und in den Gefühlen; Begierden; Wünsche und körperliche Neigungen überwinden (z.B. Selvarajan Yesudian).

Jnana-Yoga
Weg der Erkenntnis; Konzentration; Unbeeinflussbarkeit durch äussere Dinge; ununterbrochene Übung, um das Denken zu beherrschen und sich aus den Verstrickungen des Lebens zu befreien; Vergängliches von Unvergänglichem unterscheiden.

 

 

Bücher

Garlone Bardel «Yoga Kochbuch», AT Verlag 2018, siehe Leserangebot.

Wilfried Huchzermeyer «Das Yoga-Lexikon», Edition sawitri 2013, Fr. 37.90

 

 

 

 

Fotos: Peter Jaeggi | www.at-verlag.ch 

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