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Krebs und Partnerschaft

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_04_18 - 01.04.2018

Text:  Gabriela Vetter

Die Diagnose Krebs ist für jede Partnerschaft eine grosse Herausforderung. Wie hält das Paar die Belastung aus? Finden die Partner einen gemeinsamen Weg und wo entstehen Konflikte?

@ unsplash.com, Lina Hodel

Ich habe Bauchspeicheldrüsenkrebs. Er wird palliativ behandelt, das heisst lindernd. Heilen kann man den Krebs nicht mehr. Der Verlauf wird schnell sein. Doch das ist nicht das Schlimmste. Viel schlimmer ist die Situation für meinen Mann», erzählt eine Betroffene. «Er hat sich so auf die Pensionierung gefreut! Während Jahrzehnten hat er sich ganz auf seinen Beruf konzentriert und auf vieles verzichtet. Wir werden alles Verpasste nachholen – so haben wir uns das vorgestellt. Und jetzt Krebs! Ich will meinen Mann nicht belasten, ich kann ihm meine Situation doch gar nicht zumuten.»

Eine andere Frau berichtet ähnliches, jedoch mit umgekehrten Vorzeichen: «Mein Mann ist an Darmkrebs erkrankt. Er leidet, ist verzweifelt, spricht aber überhaupt nicht darüber. Er ist schon immer verstummt, wenn es ihm schlecht ging. Ich halte es beinahe nicht mehr aus – dass ich nicht an ihn herankomme, macht mich verrückt. Diese Ohnmacht zerreisst mich fast.»

Bei beiden fiktiven, jedoch realistischen Beispielen tragen zwei Schultern schwerer, als wenn eine allein wäre. Wenn sich ein Mensch gegenüber seinem Partner verschliesst, sich einigelt, weil er vielleicht glaubt, sein Leiden dem andern nicht zumuten zu können, wird es in einer Krebssituation noch verstärkt. Oft wird gewerweisst, spekuliert und (falsch) interpretiert, weil nicht geredet wird.

Gelassenheit üben

Doch wie können Betroffene einen gangbaren Weg finden und sich gegenseitig entlasten? Sie sollten offen bleiben respektive sich bewusst dem anderen gegenüber öffnen und lernen, sich auszutauschen. Das Schweigen und Hinunterschlucken und sich Verschliessen wirkt ablehnend auf den anderen, was diesen noch mehr leiden und verzweifeln lässt.

Es gibt Wege, den Organismus trotz Widrigkeiten zu entspannen, etwa indem wir uns selber immer wieder Ruhe gönnen und uns gut zureden. Diese Art des Offenbleibens ist auch eine heilsame Methode, damit wir uns in der Notsituation einer Krebsdiagnose beruhigen können und uns weniger ausgeliefert fühlen. In dieser Gelassenheit verankert können wir uns selber und dem geliebten Partner eher Mut zureden.

Was der Begleitende nie ausser Acht lassen darf ist, dass der Kranke so entkräftet sein kann, dass der Gesunde (vorübergehend) die Initiativen ergreifen muss, die er üblicherweise dem Partner überlassen würde. Dies gilt vor allem dann, wenn sich der Patient für sich einsetzen oder wehren muss. Ich denke dabei an Missverständnisse mit Ärzten oder Pflegepersonal, etwa wenn der Patient bei Unklarheiten nicht nachfragt. Es ist wichtig, in solchen Fällen zu handeln. Denn Unklarheiten und Vermutungen führen oft zu Fehlinterpretationen, die sich meist zu Ungunsten des Kranken auswirken.

Das Gute im Leben sehen

In der Regel ist der Gesunde energetisch in besserer Verfassung ist als der Kranke. Oft ist dessen physische Schwäche auch mit Mutlosigkeit, Pessimismus oder Überdruss gekoppelt. Dann geht es darum, dass der Begleitende auch im seelischen Bereich besser in der Lage ist, über Unangenehmes zu reden, etwa über Dinge, die Angst machen.

Bei alldem darf jedoch nicht vergessen werden, dass auch der Gesunde sich selbst regelmässig, mindestens täglich Zuwendung schenken muss. Das ist von äusserster Wichtigkeit. Nur so kann die Begleitperson ihrem Partner optimal beistehen, ihn begleiten und sein Leid mittragen. Was auch relativieren und entspannen hilft, ist das Sich-Vergegenwärtigen positiver Seiten des Lebens: Der Kranke kann sich zum Beispiel bewusst machen, dass er sich in guten Händen fühlt und zuverlässig begleitet wird; der Gesunde wiederum kann wertschätzen, dass er gesund ist und trotz der belastenden Situation «funktionieren» kann.

Krebs wirkt oft wie ein Katalysator auf eine Beziehung. Je nachdem, wie diese vor der Diagnose war, wird sie inniger oder zerbricht. Sie bröckelt zusätzlich, wenn durch heruntergeschluckte Angst eine Kluft entsteht, weil beide Seiten nicht wollen, dass der andere die eigene Angst oder das Fehlen an Zuversicht fühlt. Wenn es nicht gelingt, auch darüber zu reden, kommt es zur Entfremdung und zur Kluft.

Vom Zuhören und Zumuten
Zuhören, statt zureden
Angehörige laufen Gefahr, voreilig und überbesorgt Ratschläge zu erteilen oder beschwichtigende Äusserungen vorzutragen. Beides kann den Rückzug des Kranken bewirken. Es gibt zwei Verhaltensregeln, die immer gelten. Erstens: Nie die direkte Frage stellen «Wie geht es dir?», sondern: «Den Umständen entsprechend – wie ist dir zumute?» Die direkte Frage kann beim Kranken das Gefühl des Nicht-Verstanden-Werdens oder sogar der Wut auslösen – es ist doch klar, dass es mir schlecht geht! Zweitens: Achtsam bleiben für versteckte Botschaften. Eine Bemerkung wie: «Was wird mit meinem Auto?» kann den Wunsch ausdrücken, über die Krankheit zu reden. Die Frage darf nicht mit einer ablenkenden Antwort wie: «Das ist jetzt nicht wichtig» verdrängt werden. Was bei versteckten, verschlüsselten, oft merkwürdig anmutenden Äusserungen immer passt, ist die Frage: «Was willst du mir damit sagen?»
Nähe und Distanz
Es ist erschreckend, wie viele Menschen keine Zeit für die Krebserkrankung des Anderen haben. Andererseits besteht die Gefahr, dass der Angehörige sein Leben quasi aufgibt und sich nur noch für den Kranken aufopfert. Auch hier gilt: Kommunikation anstelle von Spekulation. Der Patient erleichtert es seinem Partner, wenn er mitteilt, wie er sich fühlt und was er wünscht. So wird der Gesunde nicht jede Regung überinterpretieren. Der Kranke wiederum darf nicht denken, dass der Partner mit seinem baldigen Tod rechnet, nur weil er auf einmal viel mehr Zeit mit ihm verbringen will. Vielleicht hat auch der Gesunde durch die Diagnose andere Prioritäten setzen gelernt.
Zumutung und Zuwendung
In der psychosomatischen Krebsforschung existiert aufgrund vieler Untersuchungen das geflügelte Wort: «Entschuldigung, dass es mich gibt.» Was ist damit gemeint? Es ist auffallend, wie viele Krebspatienten ihre Bedürfnisse schlecht oder gar nicht zulassen, geschweige denn äussern können. Sind sie durch Krebs geschwächt, fällt es ihnen noch schwerer, Zuwendung auch im Sinne von Hilfe anzunehmen. Wenn dies in Ihrer Partnerschaft zutreffen sollte, gibt es eine einfache Lösung: Den Spiess umdrehen und fragen: «Wie würdest du reagieren, wenn ich krank wäre?» Die meisten Betroffenen können sich durch dieses Rollenspiel von ihren Schuld- oder Zumutungsgefühlen befreien.
Geheilt – was nun?
Es ist menschlich, wenn wir nicht mehr an die Leidenszeit erinnert werden wollen. Aber es ist nicht vorbeugend. Folgende Verhaltensweisen minimieren das Risiko eines Rückfalls beziehungsweise einer Metastasierung:
• Täglich mittels einer Entspannungstechnik (z.B. autogenes Training oder lange Spaziergänge) das Nervensystem regenerieren und so das Immunsystem stärken.
• Sich gegenseitig darin bestärken, Situationen zu vermeiden, die einem nicht guttun, zum Beispiel Kontakte mit Menschen, die einem Energie rauben.
• Vermehrt auf die eigenen Bedürfnisse achten, etwa die des Körpers hinsichtlich Energie, Bewegung und Ernährung. Passen Sie Essen, Trinken, Spazieren und Schlafen nach Möglichkeit den Bedürfnissen an, nicht der Uhr.
• Es ist mehr realisierbar, als wir uns aus Mangel an Bewusstsein, Bequemlichkeit oder Gewohnheit vormachen.
Das Positive am Krebs
Wir können lernen, mit Krebs zu leben, anstelle uns nur gegen ihn aufzulehnen. Wir haben zum Beispiel die Möglichkeit, nach seinem Sinn zu fragen. Ich habe in meiner 38-jährigen onkopsychologischen Tätigkeit viele Menschen begleitet, die betonen, dass sie und ihr Partner seit der Krebsdiagnose zu einer besseren Lebensqualität gefunden haben. Früher hatten sie eher nebeneinander hergelebt. Jetzt leben sie bewusster und eben miteinander. Es wäre natürlich wünschenswert, dass wir nicht zuerst erkranken müssen, bevor wir bewusster zu leben beginnen. Dazu müssen wir die Illusion eines unendlichen Lebens aufgeben und uns eine gesunde Lebensweise angewöhnen. Das führt unweigerlich zu einem intensiveren, reicheren, farbigeren Leben.

Der Partner als Blitzableiter

Hinzu kommt, dass es durch die Krebskrankheit oft zu Wesensveränderungen kommt. So kann Krebs aus einem sanftmütigen Menschen durchaus einen aggressiven machen. «Ich glaube, mein Mann liebt mich nicht mehr», brachte eine Betroffene ihr Gefühl auf den Punkt. «Seit er krank ist, wird er immer unwirscher und verletzender. Was mache ich bloss falsch? Ich liebe ihn noch mehr, seit er krank ist. Er aber weist mich von sich und weicht mir aus.»

Wohl wir alle reagieren auf Ohnmacht mit Wut oder Resignation. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass in einer Krebssituation Aggression kaum persönlich gemeint ist. Eher dient sie dem Frustabbau oder der Verdrängung der Angst. Der Partner des Kranken wird so zum Blitzableiter.

Doch wie damit umgehen?

Wenn der Kranke ausfällig wird, kann der Gesunde den Raum wortlos verlassen oder, wenn es die Situation zulässt, den Kranken «zurechtweisen» im Sinne von: «Ich verstehe, wie schwierig die Situation für dich ist. Aber sie berechtigt nicht zu Ausfälligkeiten mir gegenüber.» Zu einem späteren Zeitpunkt, wenn die Aggression nicht mehr akut ist, kann man den Partner darauf ansprechen und gemeinsam beraten, wie er Wut und Frust so abbauen könnte, dass es für beide schmerzlos ist. Es ist sehr wichtig, dass das Verletztwerden thematisiert wird! So kann der Betroffene lernen, seine verständliche Aggression abzubauen, ohne damit seine Umgebung in Mitleidenschaft zu ziehen. Wenn die Partner hingegen nichts gegen die Aggression unternehmen, wachsen beim Kranken Schuldgefühle und beim Gesunden erkalten die positiven Gefühle. Das Auseinanderleben ist so programmiert.

Buchtipps
• Alfred Künzler, Stefan Mamié, Carmen Schürer «Diagnose-Schock: Krebs», Springer 2012, Fr. 29.90
• Hans Jellouschek «Paare und Krebs. Wie Partner gut damit umgehen»,  fischer & gann 2016, Fr. 28.90
• Miguel Corty Friedrich «Die Krebsrevolution. Wege aus der Angst durch integrative Medizin», Europa Verlag 2016, Fr. 31.90
• Michael Spitzbart «Schutz vor Krebs. Das Immunsystem stärken und gezielt vorbeugen», Scorpio Verlag 2018, Fr. 26.90

Foto: unsplash.com, Illustrationen: Lina Hodel

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