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Wege aus der Krise

Kategorie: Therapien
 Ausgabe_12/17 - 01.12.2017

Text:  Anja Huber

Immer mehr Menschen können Alltag, Beruf und Familie nicht mehr bewältigen. Sie sind ausgebrannt. Was können Betroffene tun? Und wie verhindert man ein Burnout?

@ istockphoto.com, zvg

Sind sie schon im Vorweihnachtsstress? Oder sind Sie immer im Stress ? Damit wären Sie nicht alleine: Jeder vierte Erwerbstätige in der Schweiz fühlt sich gestresst und ist erschöpft. Das ist das Resultat der aktuellsten Erhebung 2016 der Gesundheitsförderung Schweiz. Seit 2014 ermittelt sie die Auswirkungen von arbeitsbedingtem Stress auf Gesundheit und Produktivität von Erwerbstätigen. Immer mehr Menschen sind dem Druck nicht mehr gewachsen, den ihr Alltag mit sich bringt. Irgendwann brechen sie zusammen, sind ausgebrannt – nichts geht mehr.

Keine anerkannte Diagnose. «Charakteristisch für ein Burnout ist Erschöpfung in allen Bereichen. Betroffene sind körperlich, emotional, sozial und kognitiv ausgebrannt », erklärt der Stressforscher Mazda Adli, der den Forschungsbereich «Affektive Störungen» an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité-Universitätsmedizin Berlin leitet. Typische Symptome eines Burnouts sind neben ständiger Müdigkeit und Schlafstörungen unter anderem Ängstlichkeit, Niedergeschlagenheit, Konzentrationsprobleme und das Gefühl, nicht mehr «abschalten» zu können. Doch auch körperliche Beschwerden wie Schmerzen, Verspannungen oder Verdauungsprobleme können Warnzeichen für ein Ausbrennen sein. «Solche Symptome sollte man sehr ernst nehmen und sich rechtzeitig Hilfe suchen», warnt Adli.

Obwohl immer mehr Menschen den Befund «Burnout» erhalten, gibt es bislang keine klare medizinische Definition dafür: Im aktuellen Klassifikationssystem der Erkrankungen (ICD-10) wird Burnout nicht als eigenständige Diagnose aufgeführt, sondern als «Erschöpfungssyndrom», das eine psychische Störung begleitet. «Ich würde Burnout als eine Sonderform der Depression klassifizieren, bei der Erschöpfung im Vordergrund steht», so Adli.

Einfache Entspannungsübungen
Eine Entspannungspause von nur 20 Minuten täglich bringt nachweisbaren Nutzen für Ihre Gesundheit. Diese einfachen Übungen der Gesundheitsförderung Schweiz helfen dabei
• Atmung
Langsam einatmen, bis 5 zählen – kurze Pause, ausatmen, bis 8 zählen. 5-mal hintereinander.
• Schultern
Einatmen und Schultern nach oben ziehen, kurze Pause. Ausatmen und Schultern nach unten zu den Füssen fallen lassen.
• Füsse
Zehen in den Schuhen bewegen: krallen, strecken, drehen, mehrmals hintereinander.
• Zufriedenheit
Schliessen Sie die Augen. Stellen Sie sich jenen Ort oder jene Situation vor, wo Sie das letzte Mal zufrieden und ruhig waren.

Wege aus der Krise. Volker Schmiedel teilt diese Meinung nicht. Der auf Burnout spezialisierte Ganzheitsmediziner beim komplementärmedizinischen Kompetenzzentrum Paramed in Baar sagt: «Burnout ist eine Form des Protests gegen ein Ungleichgewicht zwischen Belastung und Ressourcen im Organismus . Schwermut, Verzweiflung und Resignation sind Folgen der langandauernden Erschöpfung und chronischen Stressüberlastung.»

Durch das Fehlen einer eigenständigen Diagnose «Burnout» gibt es bislang noch keine klaren Behandlungsempfehlungen (Leitlinien). Um Betroffenen dennoch bestmöglich helfen zu können, haben die Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP), das Schweizer Expertennetzwerk für Burnout (SEB) und die Schweizerische Gesellschaft für Angst und Depression (SGAD) in 2016 gemeinsam Therapieempfehlungen erstellt: Demnach sollten aufgrund der Vielschichtigkeit des Krankheitsbildes Burnout mehrere Strategien verfolgt werden. Die Experten empfehlen eine Mischung aus individualisierter Psychotherapie, Achtsamkeits- und Entspannungsübungen (z. B. Progressive Muskelrelaxation, Autogenes Training, Qigong oder Yoga) sowie regelmässige sportliche Aktivität. Die Kombination habe sich bei vielen Patienten bewährt. Wiegen depressive Symptome schwer, empfiehlt die Expertenkommission zudem den Einsatz von Antidepressiva oder einem besser verträglichen pflanzlichen Johanniskraut-Präparat. Bei leichten bis mittelschweren depressiven Zuständen hilft Johanniskaut oft erstaunlich gut.

Als besonders wichtig gilt nicht zuletzt eine stufenweise Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt – am besten unter behutsamer Begleitung durch einen sogenannten Job-Coach, der Betroffene am Arbeitsplatz unterstützt.

«Schulmedizinisch wird ein Burnout als rein seelisches Problem betrachtet », sagt Ganzheitsmediziner Schmiedel. «Auf die Möglichkeit der Erschöpfung durch Krankheiten oder Mangelzustände wird kaum eingegangen.» Er hingegen macht für Burnout auch körperliche Ursachen verantwortlich: «Ich überprüfe immer die Schilddrüsenwerte, das Hämoglobin und wichtige Vitalstoffe im Blut. Eine latente Schilddrüsenunterfunktion, Blutarmut oder ein Nährstoffmangel können Burnout-Symptome verursachen.»

Zudem sind für Schmiedel Genussmittel wie Kaffee, Zigaretten oder Alkohol Energieräuber: «Rauchen ist ganz schlecht. Es raubt dem Körper Sauerstoff und Nährstoffe und belastet ihn mit Schadstoffen. Koffein und Alkohol sind ebenfalls Vitalstoffräuber, dopen uns hoch respektive runter und besitzen zudem ein hohes Abhängigkeitspotenzial.» Ein vernünftiger Umgang mit Genussmitteln sei für Burnout-Gefährdete und -Betroffene besonders wichtig.

Herr Dr. Schmiedel, wieso leiden immer mehr Menschen am Burnout-Syndrom?
Der heutige Lebensstil erschöpft. Wir leben beispielsweise nicht mehr nach den Jahreszeiten, sondern reisen in andere Klima- und Zeitzonen. Oder wir packen unsere Freizeit mit Terminen voll. Wir leben nicht mehr natürlich. Das führt dazu, dass der Sympathikus ständig aktiviert ist, ein Teil des vegetativen Nervensystems, das den Körper in erhöhte Leistungsbereitschaft versetzt und so Energiereserven abbaut. Sein Gegenspieler, der Parasympathikus, der der Regeneration des Organismus und dem Aufbau von Energiereserven dient, verkümmert hingegen. Unser inneres Gleichgewicht gerät aus dem Lot.
Was kann man dagegen tun?
Den Parasympathikus stärken! Dazu dient alles, was uns entspannt – ganz besonders spezielle Übungen wie Muskelrelaxation nach Jacobson, Atemschulung und Yoga. Auch Saunagänge, ein Melissen- oder Lavendelbad sowie moderater Ausdauersport sind gut, um runter zu kommen. Dabei liegt die Betonung auf «moderat». Sie sollen sich nicht auch noch beim Sport unter Druck setzen und sich bis zur Erschöpfung aus powern. Mindestens drei Mal pro Woche 20, besser 30 bis 40 Minuten Ausdauersport haben sich in der Burnout-Therapie bewährt und bieten auch effektiven Schutz vor dem Ausbrennen.

Volker Schmiedel: Arzt am komplementärmedizinischen Zentrum Paramed in Baar und Autor von «Burnout: Wenn Arbeit, Alltag & Familie erschöpfen». Infos: www.paramed.ch

«Auch ich bin wichtig». Auf sich selbst zu achten, und zwar nicht nur während der Krise, zahlt sich aus. Es ist kein Zufall, dass die Burnout-Prävention der Therapie des Leidens gleicht: «Der Weg in ein Burnout ist ein längerer Prozess», sagt Stressforscher Adli. « Wenn unsere Mechanismen zur Stress-Kompensation nicht mehr greifen, kommt es irgendwann zum Burnout.» Deshalb sei es wichtig, persönliche Stressfallen zu identifizieren – und sie möglichst auszuschalten. Zudem gelte es, auf eine gute Balance aus An- und Entspannung zu achten: «Das kann an einem Tag Rückzug, am nächsten Freunde treffen, dann Sport sein. Jeder sollte lernen, und erkennen, was er persönlich zur Erholung braucht.»

Foto: istockphoto.com, zvg

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