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Nichts für Warmduscher!

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_10/17 - 01.10.2017

Text:  Marion Kaden

Wärme-Kälte-Reize machen stark und gesund, das wussten schon die Römer. Bei Grippen und Erkältungen schafft die Heilmethode lLnderung. Sie ist günstig und im Alltag ganz einfach einzusetzen.

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Der «Eismann» taucht immer wieder in den Medien auf: Der Niederländer Wim Hof (58) wird dann gerne mit seinen spektakulären Eiswasser-Aktionen vorgeführt. Er lässt sich beispielsweise in einen Bottich mit Eiswürfeln setzen und verbleibt darin stundenlang. Hof schwimmt auch lange Strecken unter geschlossenen Eis decken hindurch oder veranstaltet einen Solo-Marathon in frostigen Regionen barfuss und mit nacktem Oberkörper. Mittlerweile hat der Extremsportler eine Fangemeinde und verdient sein Geld mit seinem Credo: Kälte macht stark, ist gesund und vorbeugend für die allgemeine Gesundheit.

Um dies zu beweisen, erklimmt Hof zusammen mit «normalen» Menschen den Kilimandscharo oder unternimmt mit ihnen Exkursionen in kalten Regionen, bei denen auch die Untrainierten höchst spärlich gekleidet sind. Eisbaden ist, wo immer möglich, selbst verständlich inbegriffen. Indem Hof an solcherlei Studien teilnimmt, bemüht er sich um eine wissenschaftliche Basis seines Tuns. Was Hof beweisen möchte, ist nicht etwa, dass er ein harter Hund ist, im Gegenteil. Seine Botschaft lautet: Jeder Mensch kann sich extremen Witterungen und eiskalten Reizen aussetzen. Und sollte dies auch regelmässig tun, zumindest in abgeschwächtem Masse.

Kältereize: Schmerz- und entzündungshemmend. Hof liegt im Trend und hat berühmte Vorgänger: Sebastian Kneipp (1821–1897) beispielsweise, der als «Abhärtungsapostel» in die Geschichte einging. Vor ihm wiederbelebte Vincenz Priessnitz (1799–1851) traditionelle Kaltwasseranwendungen– denn schliesslich wusste man schon im Altertum von der heilsamen Wirkung der Kälte-Wärme-Reize des Wassers, wie das Frigidarium römischer Thermen belegt.

Beide Naturheilkundler haben leidvolle Erkrankungen durchgestanden. Kneipp hatte an einer schweren Lungenentzündung gelitten; von seinem Arzt ist er schon aufgegeben worden. Kneipp heilte sich selbst, indem er täglich in die eiskalte Donau stieg. Sein Zeitgenosse Priessniz entwickelte den Priessniz-Umschlag aufgrund einer eigenen lebensgefährlichen Verletzung, die er sich bei einem Sturz vom Pferd zugezogen hatte. Eng anliegende kalte Tücher fixierten seine gebrochenen Rippen, eiskalte Umschläge regten einen schnellen Heilungsvorgang an.

Hydro- («auf Wasser basierende») und kryotherapeutische («auf Kälte basierende») Massnahmen sind anerkannte Behandlungsformen auch in der modernen Medizin: Ganzkörper-Kältekammern beispielsweise werden mit ihren extremen Reizen bei rheumatischen Erkrankungen angewandt. Kälte-, Eispackungen, die Frottiertuchmethode (Handtücher in Eis-Salz-Wasser getaucht oder im Gefrierschrank gekühlt), Eismassage oder Kühlspray sind in der Rheumatologie oder Sporttraumatologie im täglichen Einsatz. Ebenso lindert äusserlich applizierte Kälte Schmerz von Migräne, Prellungen, Zerrungen oder Bänderrissen. Zudem wirkt sie ausgeprägt antientzündlich.

Das heilende Feuer des Fiebers
Naturheilkundlich orientierte Menschen sehen im Fieber einen natürlichen Helfer bei der Bewältigung von grippalen Infekten. Aus ihrer Sicht sollte das «heilende Feuer» gefördert und im Krankheitsverlauf möglichst erhalten werden. Denn Fieber ist Ausdruck eines körpereigenen Abwehrmechanismus. Dieser Schutz ist natürlich, physiologisch und als komplexe Heilreaktion genetisch festgelegt. Dies gilt auch für Erwachsene, insbesondere aber für Kinder. Denn in der fieberhaften Auseinandersetzung mit Infekten erlernt das Immunsystem wichtige immunologische Abwehrmechanismen zu aktivieren, um sich besser gegen schädliche Einflüsse zur Wehr setzen zu können. Fieber ist eine der effektivsten körpereigenen feurigen Unterstützungsmassnahmen zum Erwerb einer lebenslangen immunologischen Kompetenz. Der leider gängige und oft zu frühe Einsatz von fiebersenkenden Schmerzmitteln wie Paracetamol bei Kindern (schon bei Ein- bis Zweijährigen!) bewirkt das Gegenteil: Der Anstieg von Allergien oder Erkrankungen in der Moderne wird mit dem Verlust der körpereigenen Abwehrkräfte in Verbindung gebracht. Auch wenn sich Eltern manchmal beunruhigt fühlen durch das Fieber ihrer Kinder: Fieber ist ein heilsamer Prozess, bei dem am Ende das Kind gestärkt hervorgeht, gestärkt für das ganze Leben. Fieber ab 39,5° Celsius kann mit Essigsocken reguliert werden. Gefährlich wird es erst, wenn das Fieber auf über 41 Grad steigt oder das hohe Fieber trotz Massnahmen länger als 24 Stunden anhält. Beim Einsetzen von erstem Frösteln hilft es, sich zurückzuziehen. Ausruhen, viel Schlaf, vielleicht sogar Fasten – all dies unterstützt den Körper bei seiner Arbeit am meisten. Zudem kann er dabei durch Heiltees, Bildschirmabstinenz (Fernsehen, Computer, Handy) und Verzicht auf anstrengende körperliche Aktivitäten wie Sport unterstützt werden.

Wärmereize: Durchblutungsfördernd und krampflösend. Das Pendant zur Kälte ist die Wärme. Sie wirkt ebenfalls stimulierend und heilungsfördernd. Sie findet häufiger Anwendung, weil sie meist als angenehmer empfunden wird. So ist eine Wärmflasche quasi in jedem Haushalt zu finden und wird als probates, entkrampfendes Mittel zum Beispiel bei Menstruations- oder Bauchschmerzen eingesetzt. Während Kälteanwendungen primär die Blutgefässe zusammenziehen, das Blut quasi entweichen lassen, wirkt Wärme gefässerweiternd und damit lokal durchblutungsfördernd. Eine Wärme-Applikation kann ebenfalls schmerzlindernd wirken.

Beim Auseinanderhalten der jeweiligen Anwendungen gilt: Kälte hilft schnell bei Problemen wie akuten Verletzungen oder Entzündungen. Wärme hingegen wirkt wohltuend und entkrampfend bei Muskelverspannungen oder bei Kopfschmerzen, die durch körperliche oder psychische Belastungen entstehen.

Kaltduscher leben gesünder. Doch zurück zu den eingangs erwähnten gesundheitsfördernden Effekten von Kälteanwendungen: «Eismann» Hof wird oft als kleine Sensation wahrgenommen – wärmeverwöhnte moderne Menschen stellen sich dann doch lieber unter die warme Dusche. Dabei hat kaltes Duschen zahlreiche gesundheitliche Vorteile: Die immunstimulierende und durchblutungsanregende Wirkung von kaltem Wasser ist sogar schulmedizinisch anerkannt. Leider spielen Gewohnheiten oder Bequemlichkeiten bei den meisten Menschen eine wesentliche Rolle bei der Vermeidung von Kältereizen. Doch wie wäre es, wenn dem Warmduschen ein ordentlicher kalter Schauer folgt? Zur Eingewöhnung können gesunde Menschen den kalten Wasserstrahl zuerst vom linken Fuss aufwärts zum Herzen, dann vom rechten Fuss aufwärts zum Herzen führen. Danach folgt das kalte Abduschen von der linken Hand über den Arm zum Herzen hin (gleiches Prozedere rechte Seite). Eine tiefe, regelmässige Atmung ist wichtig und hilft bei der Überwindung der Kälte. Nach diesem «Vorspiel» dann einmal ganz unter den kalten Wasserstrahl stellen und absolute Wachheit ist garantiert. Dieses kleine Morgenritual steigert nicht nur die allgemeinen Abwehrkräfte gegen Infekte oder Erkrankungen verschiedener Art; langfristig angewendet sorgt es auch für eine gute Hautdurchblutung: Das Bindegewebe wird straffer, die Haut rosiger und schöner – und das ohne teure Pflegeprodukte. Die können ohnehin weggelassen werden, da die Talgdrüsen der Haut die Rückfettung übernehmen. Wer dann noch das Duschwasser nur abstreift, wie es schon Kneipp vor geschlagen hat, und sich durch die Luft trocknen lässt, verstärkt den gesundheitsfördernden Effekt.

Anwendungen
Die meisten naturheilkundlichen Kälte-Wärme-Massnahmen sind kosten günstig und gut zu Hause durchführbar. Nachfolgend einige besonders einfache Anwendungen. Neben dem Genannten gibt es noch Wickel, Güsse, Packungen, Sitz- und Armbäder – allesamt Anwendungen, die Wärme-Kälte-Reize auslösen. Ausführliche Literatur steht zahlreich zur Verfügung, die a) anleitet b) die genauen Behandlungen und Indikationen bei medizinischen Anwendungen aufführt. Wer sich ins Thema einarbeitet und ausprobiert, wird spannende Selbsterfahrungen machen.
• Wärmflasche
Temperaturen zwischen 50–80° Celsius reichen aus. Wird kochendes Wasser eingefüllt, sollte ein schützendes Handtuch um die Wärmflasche gelegt werden. Einsatz: Bei Menstruations- sowie sonstigen krampfartigen Bauchschmerzen (Blähungen), Kältegefühlen und seelischem Unwohlsein.
• Wannebäder

Temperaturen bis 36, höchstens 38° Celsius bei maximal 15 Minuten. Anschliessend sollte man gut eingewickelt eine halbe Stunde ruhen. Der Körper benötigt Ruhe, um die Heilreize verarbeiten zu können. Einsatz: Muskellockerung, Aufwärmung, psychische Entspannung. Badezusätze sorgen über die Haut sowie Atemwege für zusätzliche Wirkung. Arnika bei stumpfen Verletzungen, Hämatomen, Überanstrengung. Baldrian bei Schlaflosigkeit und nervöser Unruhe. Pfefferminze, Fichten- und Kiefernnadel für Erkältungsbäder, bei Wechseljahrsbeschwerden
sowie Katarrhen der oberen Luftwege. Rosmarin als anregendes Bad, bei spastischen Kreislaufstörungen, Weichteilrheumatismus und Quetschungen.
Ansteigendes Fussbad
In einer Fusswanne beginnend mit 35° Celsius warmem Wasser, anschliessend langsam mit heissem Wasser auffüllen bis maximal 45° Celsius. Insgesamt höchstens 15 Minuten-Fussbäder nach Kneipp reichen bis unter die Knie. Einsatz: beginnende Infekte, Durchblutungsstörungen und kalte Füsse, zur Entspannung.
Kälte (lokal)
Eiswürfel in ein Leinenhandtuch füllen, zubinden und dann direkt auf die schmerzenden Körperregionen legen. Dasselbe gilt für Gelkissen, die im Gefrierfach gekühlt werden. Eis oder Gelkissen werden zwischen 5 bis maximal 20 Minuten angewendet. Aufhören bei Wärmebedürftigkeit oder Schmerzempfindungen. Einsatz: Bei Schwellungen, Zerrungen, Verletzungen von Bändern, Sehnen, Muskeln, Entzündungen von Gelenken, Sehnenscheiden, Schleimbeuteln. Eispackungen bei Migräne: Eiswürfel (in Leinen wie oben) und eine Minute auf Stirn, Schläfen oder in den Nacken legen. Kurz Pausieren und zirka dreimal wiederholen. Im Allgemeinen haben Migräne-Betroffene ein gutes Gespür, wie lange die Reize ihnen gut tun. Wenn kein Eis verfügbar ist: kaltes Wasser über die Handgelenke laufen lassen.

Überheizte Räume sind ungesund.  Das Leben in überheizten Räumen hingegen ist auf Dauer nicht gut für den Organismus. Durch Studien belegt ist, dass niedrigere Raumtemperaturen den Stoffwechsel ankurbeln. So muss der Körper eigene Energien aufbringen, um den Organismus warmzuhalten. Besonders gilt dies für die nächtliche Ruhe: Ein ungeheiztes Schlafzimmer ist gesund, ein überwärmtes kann krank machen. Das kommt nicht von ungefähr. Es ist höchstens ein paar Jahrzehnte her, da spielte sich das Leben im Winter in der geheizten Küche ab. Schlafzimmer, Toilette, Flure oder sonstige Räume blieben ungeheizt. Auch das Holen von Wasser, Holz zum Heizen, die Versorgung der Tiere in den Ställen wurde meist ohne das Überziehen von extra Kleidung erledigt. Der menschliche Körper wurde folglich im Laufe des Tages vielfach natürlichen Wärme-Kälte-Reizen ausgesetzt, was die Abwehrkräfte stetig stimulierte. Wir wollen jene Tage nicht verklären. Aber die Besinnung auf eine natürlichere Lebensweise mit allenfalls künstlich hergestellten thermischen Reizen ist dem menschlichen Organismus dienlich. Sie beugt Krankheiten vor. Und fördert nicht zuletzt das körperlich-seelische Wohlbefinden. Der «Eismann» kann’s bezeugen. 

Buchtipps
• Ralf Simon «Wärme, Kälte, Bäder – Was können sie bewirken? Einsatz und Effekte traditioneller physikalischer Heilweisen», Shaker Media Verlag, 2017, Fr. 24.90
• Maya Thüler «Wohltuende Wickel: Wickel und Kompressen in der Kranken- und Gesundheitspfllege», Thueler Maya Verlag, 2013, Fr. 38.90
• Vreni Brumm, Madeleine Ducommun-Capponi «Wickel und Kompressen. Alles Wissenswerte für Selbstanwendung und Pflegepraxis», AT Verlag, 2011, Fr. 33.90

Fotos: istockphoto.com

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