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Salonfähig: Hanf als Heilmittel

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_09/17 - 01.09.2017

Text:  Markus Berger

Das Kiffen wollen wir hier nicht propagieren. Aber aufzeigen, welches schier unglaubliche Heilpotenzial Hanf hat.

@ fotolia.com, zvg

Das Schlagwort Cannabis vermag heutzutage zwei grundlegende Reaktionen auszulösen: zum einen die Assoziation mit einem «Rauschgift», zum anderen die durchaus entgegengesetzte Assoziation von «Hanf als Medizin». Die erste Reaktion ist geprägt durch den seit Jahrzehnten währenden Krieg gegen Drogen, der einstmals von den USA ausgegangen war – als die Alkohol-Prohibition aufgehoben und ein neuer «Klassenfeind» gesucht und im Marihuana gefunden worden war. Die Assoziation von Cannabis als Arzneimittel hingegen ist ein eher modernes Phänomen, man kann sagen, dass es sich zurzeit um einen Trend handelt.

Dabei ist der Hanf als Heilmittel seit Tausenden von Jahren bekannt und in Gebrauch. Wie heute in der Praxis und anhand der Ergebnisse zahlreicher Studien immer klarer wird, können Cannabis und dessen hauptwirksamer Inhaltsstoff Tetrahydrocannabinol (THC) bei einer Vielzahl von Krankheiten und Leiden sinnvoll eingesetzt werden. Es gibt, da sind sich die Experten einig, keine andere bekannte Pflanze, die ein so reiches Spektrum an heilsamen Qualitäten aufweist. Cannabis und THC können z. B. bei Appetitlosigkeit und Übelkeit, etwa bei Krebs und Aids, bei Schmerzen, erhöhtem Augeninnendruck, neurologischen Krankheiten (ADHS, Tourette, Parkinson, Restless Legs u.a.), Multipler Sklerose, Spastiken, Diabetes, Epilepsie und vielen weiteren Krankheitsbildern verwendet werden.

Nicht berauschend: CBD. Dieser Tage ist ein weiterer Wirkstoff aus der Hanfpflanze immer wieder im Gespräch – gerade in der Schweiz. Es handelt sich um einen Cannabiswirkstoff (im Jargon als Cannabinoid bezeichnet) Namens Cannabidiol, kurz CBD. CBD weist, abgesehen von einer beruhigenden Wirkung, keine berauschenden Effekte auf, hat aber ein enormes medizinisches Potenzial. In der Schweiz sind Cannabissorten legal, die hauptsächlich ebenjenes CBD aufweisen, dabei aber THC-Werte enthalten, die unterhalb von 1 Prozent liegen. Seit etwa einem Jahr können Erwachsene entsprechende CBD-Sorten im Tabakoder Hanfshop, am Kiosk und andernorts erwerben – ohne jede Angst vor Repression. Gerade Patienten, die von den mannigfaltigen medizinischen Qualitäten des Cannabidiol profitieren, haben damit eine wirksame Medizin zur Hand.

CBD wird zurzeit wissenschaftlich vielfach untersucht und hat sich als potenziell heilsam bei Angststörungen, Epilepsie, schizophrenen Psychosen, Bewegungsstörungen, Übelkeit und Erbrechen, Entzündungen, Schmerzen und Spannungszuständen erwiesen. Ausserdem wird es zur Behandlung von Abhängigkeiten (THC, Nikotin und Opiate) eingesetzt.

Hanf-Zigis am Kiosk
Das Schweizer Start-up Koch & Gsell aus Steinach SG hat eine Tabak-Hanf-Zigarette lanciert. Diese wird in der kleinen Fabrik am Bodensee hergestellt und enthält nur naturbelassenen Hanf und reinen Schweizer Tabak. Beim Rauchen verströmen sie den unverkennbaren Cannabisduft. Der Hanf weist einen tiefen THC-Gehalt von deutlich unter 1 Prozent auf, dafür einen sehr hohen Anteil an Cannabidiol. Die Zigarette «Heimat Tabak & Hanf» gibt es seit Juli schweizweit zu kaufen. Kosten: 19.90 Franken – etwas mehr als das Doppelte eines normalen Zigipäcklis. Anders als CBD-Tropfen sind CBD-Zigis gesundheitsschädlich.

Cannabis als Medizin. Auch die medizinische Wirksamkeit von THC und der gesamten Hanfpflanze ist gut belegt. In Deutschland ist Cannabis deshalb seit März 2017 eine verschreibungsfähige §Substanz. Cannabis und THC werden für die Therapie der unterschiedlichsten Erkrankungen und Symptome verwendet, sie sind in der Krebsheilkunde ebenso einsetzbar (THC lindert die Nebenwirkungen einer Chemotherapie) wie in der Behandlung von Nervenleiden, sie können gegen Übelkeit und Erbrechen ebenso helfen wie gegen Spastiken und Muskelkrämpfe, Schmerzen, Bewegungsstörungen, Entzündungen, Allergien, psychische Krankheiten, Glaukom, Ohrengeräusche (Tinnitus), Magen- und Darmprobleme, Epilepsie, Lungenleiden, Einschlafprobleme und weitere Leiden.

Mit dem Begriff Cannabinoide werden ursprünglich bestimmte Wirkstoffe bezeichnet, die in der Cannabispflanze (also in den verschiedenen Hanfarten) natürlich vorkommen. Über 60 wurden bislang nachgewiesen. Cannabinoide sind per definitionem Substanzen, die aus einer anderen Gruppe von Stoffen hergeleitet werden, die sich Terpenphenole nennen. Dabei beherbergen Hanfpflanzen nicht nur die Cannabinoide, sondern eine Vielzahl weiterer chemischer Stoffe, z.B. diverse Terpene, Alkaloide und andere. Heutzutage weiss man, dass diese speziellen Cannabiswirkstoffe, wie auch ähnlich wirkende Substanzen, durchaus auch in anderen Pflanzen zu finden sind, zum Beispiel im Flachs (enthält CBD), in der Rhododendron-Art Rhododendron anthopogonoides, im Sonnenhut (Echinacea), in einer Magnolienart (Magnolia officinalis), in verschiedenen wohlbekannten Gewürzen (Basilikum, Kümmel, Nelken, Oregano, Pfeffer, Rosmarin, Zimt) sowie in Moosarten, einigen Pilzen und Bakterien.

Buchtipps
• Markus Berger u.a. «Cannabidiol (CBD) – Ein cannabishaltiges Compendium», Nachtschatten Verlag, 2016, Fr. 27.80
• Christian Rätsch: «Hanf als Heilmittel, CBD. Ein Cannabinoid mit Potenzial», Nachtschatten Verlag, 2016, Fr. 39.90

Wirkstoffe extrahieren. Viele verbinden mit Cannabis automatisch das Rauchen. Hanfprodukte müssen aber nicht inhaliert werden, sondern können auf mannigfaltige Weise angewendet werden, z. B. in Form von Nahrungsmitteln und Getränken. Die heilsamen Inhaltsstoffe des Cannabis sind allerdings nicht wasserlöslich, sondern müssen mithilfe von Fett oder Alkohol aus dem Pflanzenmaterial gelöst werden. Das ist ganz einfach: das Cannabis gut zerkleinern und in einen Topf mit warmer, flüssiger Butter o. ä. geben; ca. 15 Minuten rühren. Anschliessend abfiltern und das Pflanzenmaterial aus der Butter entfernen. Die Butter dann nach Belieben portionieren und kühl lagern. Alle unter Verwendung dieser Butter hergestellten Nahrungsmittel enthalten dann die medizinisch wirksamen Cannabisinhaltsstoffe.

In hohen Dosen wirkt THC negativ auf die Gedächtnisleistung und verursacht unkoordinierte Bewegungsabläufe und eingeschränkte Reaktionen, ausserdem Blutdruckabfall und Herzklopfen. In niedriger Dosis aber ist THC – wie CBD – ein wahrer Segen. Es senkt das Fieber, behandelt sanft den grünen Star, hemmt Entzündungen, lindert Kopfschmerzen und Migräne sowie chronische Schmerzen und hilft gegen Schlafstörungen und seelische Verstimmungen aller Art.

Zur Person
Markus Berger ist Ethnobotaniker, Drogenforscher, Buchautor, Referent und Chefredakteur des Magazins für psychoaktive Kultur Lucy’s Rausch. www.markusberger.info

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