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Über Eisenmangel

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_09/17 - 01.09.2017

Text:  Sabine Hurni

Frauen, die an Erschöpfung leiden, wird oft vorschnell Eisen injiziert. Das löst das Problem nicht. Wer den Energie-, oder eben «Eisenmangel» ursächlich beheben will, muss mitunter sein Leben umkrempeln.

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Kennen Sie das? Sie sind seit Wochen hundemüde und kommen einfach nicht in die Gänge. Unbeeindruckt davon dreht das Hamsterrad des Alltags im gleichen Tempo weiter – und Sie straucheln hinterher. Dann verspricht Ihnen jemand eine Energiespritze, zum Beispiel gefüllt mit Eisen, die Sie innert 15 Minuten wieder voll leistungsfähig macht. Wer würde da nicht zugreifen? Um mit dem Tempo der heutigen Zeit Schritt halten zu können, greifen viele Leute zum Eisensupplement, vor allem Frauen.

Das Spurenelement Eisen ist im Körper für viele wichtige Stoffwechselvorgänge verantwortlich. Es bindet im Blut den Sauerstoff und versorgt so jede Körperzelle mit Energie. Zudem ist es wichtig für die Blutbildung und für ein gut funktionierendes Immunsystem.

Gute Eisenlieferanten sind tierische Produkte wie Fleisch und Fisch. Sie versorgen den Körper mit sogenanntem Hämeisen, das nah verwandt ist mit dem körpereigenen Eisen. Etwas schwieriger ist die Aufnahme von Nicht-Häm-Eisen, das in pflanzlicher Nahrung vorkommt. Dort bedarf es Fruchtsäuren und Vitamin C, damit der Körper es besser verwerten kann. Isst man Fleisch zusammen mit Gemüse oder Hülsennatürlichfrüchten, werden beide Eisenformen gut aufgenommen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil pflanzliche Nahrung aus vielen Faserstoffen besteht, die den Darm gesund halten – und das ist unabdingbar für die Aufnahme von Nährstoffen.

Die Eisenaufnahme wird gehemmt durch den Gerbstoff Tannin aus Rotwein oder Schwarztee; ebenso durch Phytate und Lignine aus Hülsenfrüchten und Vollkornprodukten, wenn sie nicht mindestens eine Stunde eingelegt wurden. Auch Phosphate aus Colagetränken, Energydrinks und Kaffee sowie Oxalsäuren aus Rhabarber oder Spinat beeinträchtigen die Eisenaufnahme. Kalziumverbindungen aus der Milch und Salicylate aus Schmerzmitteln wirken hemmend auf die Aufnahme von Nicht-Häm-Eisen.

Gut mit Eisen versorgt zu sein, ist trotzdem möglich, auch als Vegetarier. Wer kein oder nur wenig Fleisch isst, sollte täglich eine Schale Linsen, Tofu, Soja, Bohnen oder Kichererbsen essen. Auch Früchte bekommen einen festen Platz in der Alltagskost, ebenso Mandeln, Kürbiskerne, Sesamsamen, grünes Gemüse und Hirse. Alle Energiekicks hingegen, die täglich in Form von Zucker – etwa in Kaffee, Süssgetränke oder Energydrinks – konsumiert werden, sind Eisenfresser.

Eine gesunde erwachsene Frau sollte täglich rund 15 Milligramm Eisen zu sich nehmen, einem erwachsenen Mann reichen 10. Während der Schwangerschaft steigt der Bedarf auf 30 Milligramm. Die Natur hat vorgesorgt: Eine Schwangere kann aus den Nahrungsmitteln drei- bis fünfmal mehr Eisen aufnehmen. Auch bei Menschen, die massiven beruflichen oder privaten Stress erfahren, kann der Eisenbedarf steigen. Ebenso bei Leistungssportlern und Menschen mit chronischen Krankheiten.

Bei den ersten Anzeichen zur Eiseninfusion greifen – immer öfters wird das auch in der Schweiz praktiziert. Doch nicht in jedem Fall ist eine Infusion nötig. Oft werden Eiseninfusionen bereits verschrieben, wenn jemand über Erschöpfung, Schlafstörungen oder depressive Verstimmungen klagt. Eisen spritzen ist die einfache Antwort der Ärzteschaft auf die komplexen Beschwerdebilder der Erschöpfung. Immerhin, die Eiseninfusion ist eine effiziente Möglichkeit, Arzt und Patienten glücklich zu machen. Innert 15 Minuten ist der Eisenspiegel voll und die Energie mehrheitlich wieder hergestellt. Eben noch Erschöpfte fühlen sich wieder fit. Doch so hilfreich für manche Menschen die Behandlungen sind, so schnell kann deren Eisenspiegel auch wieder sinken – wenn nicht gleichzeitig eine Verhaltens- oder Ernährungsänderung vollzogen wird.

Die Naturheilkunde profitiert
ebenfalls vom Trend des Eisenmangels. Hier das Brennnesselpräparat und das Schüsslersalz, dort die Nahrungsergänzung und der Kräutersaft. Von allen Seiten her wird den Frauen empfohlen, viel Eisen zu sich zu nehmen. Nur stellt sich die Frage: Darf man denn nicht mehr müde sein? Fehlt das Eisen tatsächlich? Und wenn ja, ist die schlechte Aufnahme womöglich Ausdruck eines viel tieferen Mangels? Müssen wir wirklich rastlos hasten? Oder kann man auch mal innehalten? Der gesellschaftliche Stress ist oft selbstgemacht. Irgendwann muss dieses uferlose Streben nach besser, schöner, schneller, teurer ja müde machen! Wir verlieren uns, haben keinen Zugang mehr zu unserer inneren Kraftquelle, wo auch das Vertrauen und die Geborgenheit sitzen – und verpassen die wesentlichen Dinge, die das Leben so lebenswert machen. Ja, vielleicht wird mit dem Aktivismus kompensiert, was im Inneren fehlt: die Nestwärme sich selber gegenüber.

Eisen wird besser aufgenommen, wenn sich jemand im Alltag zu entspannen weiss und, ganz wichtig, mit Musse isst. Natürliche Behandlung von Eisen- respektive Energiemangel heisst also: Einen Gang herunterfahren. Dem Gehirn Denkpausen gönnen. Ausgewogen essen. Beim Kochen dafür sorgen, dass die Nährstoffe optimal aufgenommen werden können – das bedingt, dass man überhaupt kocht und nicht einfach nur ein Joghurt oder ein Konfibrot isst. Die tägliche Nahrung soll vielfältig sein, mit viel Frischkost und grünen Kräutern, die Kraft und Energie spenden. Natürlich können wir die Müdigkeit ignorieren und mithilfe der Eiseninfusion in regelmässigen Abständen das Depot füllen. Doch auf diese Weise treten wir an Ort. Wir ändern nichts an der Lebenssituation, welche die Erschöpfung herbeigeführt hat. Manchmal ist eine Anpassung nötig. Vielleicht nur eine Feinjustierung des Denkens und Handelns; oder einfach ein klares Nein zu äusseren Faktoren, zugunsten eines vertrauensvollen Jas zu sich selber.

Zur Person
Sabine Hurni ist dipl. Drogistin HF und Naturheilpraktikerin, betreibt eine eigene Gesundheitspraxis, schreibt als freie Autorin für «natürlich», gibt Ayurveda-Kochkurse und setzt sich kritisch mit Alltagsthemen, Schulmedizin, Pharmaindustrie und Functional Food auseinander.

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