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Sondermüll

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_07_08/2017 - 01.07.2017

Text:  Anja Speitel

Wie gefährlich ist Amalgam im Mund? Quecksilber gilt als hochgiftiges Schwermetall. Es kann sich im Körper anreichern und zu allerlei gesundheitlichen Beschwerden führen.

@ istockphoto.com, zvg

Amalgam ist eine Metalllegierung aus Silber, Zinn, Kupfer, Zink und 50 Prozent Quecksilber. Letzteres gilt als hochgiftiges Schwermetall. Dennoch trägt die Schweizer Bevölkerung schätzungsweise noch immer gut zehn Tonnen Amalgam im Mund. Und es wird, wenn auch nur in sehr wenigen Fällen, weiterhin eingesetzt, um Löcher in Zähnen zu stopfen. Amalgam kommt heute in weniger als einem Prozent aller neuen Füllungen zum Einsatz, schätzt die Schweizerische Zahnärzte-Gesellschaft (SSO). Eine aktuelle Statistik führt der Verband nicht. Auch das Heilmittelinstitut Swissmedic erfasst nicht, wie viel Amalgam als Zahnfüllstoff eingesetzt wird. Immerhin gibt es eine EU-Bio-Studie von 2012 zum Thema: Die Verfasser schätzten den zahnärztlichen Quecksilberverbrauch in der EU auf 75 Tonnen pro Jahr.

Schon erstaunlich, ist Amalgam doch als Sondermüll zu entsorgen, sobald es aus dem Mund raus ist!

Sondermüll im Mund ungefährlich? «Amalgam im Mund ist nicht gefährlich», erklärt die SSO. «Nur das Entfernen sollte mit einem Amalgamabscheider passieren.» Viele Schweizer wollen ihr Amalgam loswerden: 150 bis 350 Kilo werden jährlich entfernt, schätzt die SSO. Seit 1993 habe jede Behandlungseinheit in der Schweiz als «Sicherheitsmassnahme» einen Amalgamabscheider. Darüber hinaus muss jede Praxis eine professionelle sachgerechte Entsorgung von amalgamkontaminiertem Material, z. B. Watterollen oder Papierservietten, sicherstellen. «Damit wird gewährleistet, dass kein Amalgam bzw. Quecksilber in die Umwelt gelangt», verlautbart die SSO.

Am 14. März 2017 hat das Europäische Parlament entschieden, dass Amalgam ab 1. Juli 2018 bei Kindern bis 15 Jahren sowie Schwangeren und stillenden Frauen nur noch in absoluten Ausnahmen als Zahnfüllung genutzt werden darf. Über ein endgültiges EU-weites Verbot wird weiter diskutiert. Seit 150 Jahren werden die möglichen Auswirkungen von Amalgam auf den Organismus kontrovers diskutiert. Einige Länder haben den Gebrauch von Quecksilber wegen Gesundheitsrisiken und Umweltbelastung schon gänzlich untersagt oder zumindest stark eingeschränkt: Als erstes Schweden und Norwegen, dann auch Dänemark, Japan und Russland. In der Schweiz kam das Thema «Verbot von Quecksilber in Zahnfüllungen» zuletzt 2009 als Motion an den Bundesrat auf den Tisch. Doch der lehnte ab: Ein solches Verbot sei aus Gründen des Gesundheitsschutzes nicht zu rechtfertigen. Bis heute ist es bei dieser Ansicht geblieben.

Nichtsdestotrotz engagiert sich die Schweiz dafür, den Umgang mit dem giftigen Stoff global zu regeln, indem sie z. B. 2013 zu der abschliessenden Aushandlung des internationalen Quecksilber-Abkommens (Minamata-Konvention) beitrug.

Quecksilber kann sich im Körper anreichern. Einige der Folgen einer Quecksilbervergiftung bekam auch Urs Senn* zu spüren: Der heute 72-Jährige arbeitete fast 40 Jahre als Zahnarzt in Solothurn. «Bei der Amalgamverarbeitung steigen Dämpfe auf. Ich war vor 25 Jahren zwar der erste in Solothurn, der keine neuen Amalgamfüllungen mehr eingesetzt hat, doch habe ich noch sehr viele entfernt. Ab 2000 zeigten sich allmählich Vergiftungssymptome», berichtet Senn. Ihn plagten Schwindelanfälle, chronische Heiserkeit und er verlor seinen Geschmacks- und Geruchssinn. «Ich war auch oft erkältet, bekam Haarausfall, Kopfschuppen und Fusspilz.» Dann: ein Tinnitus! Und bei jeder Kopfbeugung spürte er ein Kribbeln, das sich über den Rücken bis in die Beine zog. «Ich war zunehmend energielos, völlig erschöpft.»

Die zunehmende Metallbelastung der Menschen beschränkt sich indes nicht auf Quecksilber. Insbesondere auch Blei und Cadmium können krank machen. Aber auch Silber, Platin, Palladium, Gold (alles oft in Zahngold enthalten), Thallium, Eisen, Mangan, Molybdän, Kupfer, Nickel, Beryllium oder das radioaktive Uran spielen eine bedeutende Rolle bei unzähligen Krankheiten wie Krebs, Herzinfarkt, Schlaganfälle, Alzheimer, Parkinson, chronische Schmerzen, Depressionen und Burn-out, AD(H)S, Diabetes, Autoimmunerkrankungen.

Unspezifische Warnzeichen. Seine vielfältigen Beschwerden brachte Urs Senn lange nicht mit der hohen Quecksilberbelastung in seinem Job in Verbindung. Und auch die vielen Ärzte nicht, die er ab 2008 aufsuchte, weil es ihm immer schlechter ging. Fast wäre er verzweifelt, als sie Multiple Sklerose vermuteten und somit die nächste Runde Ärztemarathon einläuteten. «Aber ich wollte nicht mehr von Allgemeinmediziner zu Allgemeinmediziner. Deshalb suchte ich intensiv nach Alternativen. So landete ich im Herbst 2012 bei Paramed.»

Im komplementärmedizinischen Zentrum in Baar haben die Ärzte viel Erfahrung mit Vergiftungen durch Schwermetalle. «Von Symptomen her darauf zu schliessen, ist fast unmöglich», weiss Simon Feldhaus, ärztlicher Leiter bei Paramed. «Denn die Beschwerden, die Quecksilber, aber auch andere Metalle wie Blei, Cadmium, Chrom, Arsen und heutzutage vor allem auch Aluminium auslösen können, sind sehr unspezifi sch. Manche Menschen spüren lange gar nichts und plötzlich schlägt z. B. eine schwere Nervenerkrankung zu. Auch das macht Schwermetalle so gefährlich – möglicherweise erkennt man eine Belastung jahrelang nicht.»

Abklärung und Ausleitung. Entscheidend ist eine fachlich fundierte Abklärung: In der Regel werden eine spezielle Haar-Analyse und der sogenannte Chelat-Test mit Dimercaptopropansulfonsäure (DMPS) für die Diagnose eingesetzt. Dazu wird einmalig intravenös ein DMPS-Medikament wie Dimaval gespritzt. Vor und nach der Gabe wird der Urin auf Schwermetalle untersucht. «Diese Tests sind aktueller, von der WHO anerkannter Standard», sagt Feldhaus. «Und sonst nichts! Doch immer mehr unseriöse Methoden zum Aufspüren von Schwermetallen drängen auf den Markt», warnt der Arzt. Und gibt zu bedenken: «Der Chelat-Test kann mit Nebenwirkungen verbunden sein. Der Nachweis und die Ausleitung von Schwermetallen ist nicht ungefährlich und gehört ausschliesslich in die Hände erfahrener Mediziner. Man sollte das nie alleine versuchen!»

Wird eine erhöhte Schwermetallbelastung des Körpers festgestellt, kommen zur Ausleitung ebenfalls Chelate zum Einsatz. «Je nach Schwere der Vergiftung oral oder als Infusion. Meist dauert diese Therapie zwischen drei und neun Monaten», erklärt Feldhaus. «Da Chelate jedoch alle Metalle im Körper binden, ist es sehr wichtig, jene vom Körper benötigte, wie Zink, Eisen oder Kupfer parallel zur Ausleitung zuzuführen. Rund alle vier Wochen sollten Blutanalysen durchgeführt werden, um einen Mangel sicher erkennen und schnell gegensteuern zu können.»

Schwermetalle sind allgegenwärtig.
Bei Urs Senn war die Quecksilbervergiftung so massiv, dass er für zwei Jahre Chelat-Infusionen bekam. «Im ersten Jahr wöchentlich, dann alle zwei Wochen. Ich reagierte darauf zwar immer mit massiven Schwächeanfällen, doch von Infusion zu Infusion nahmen meine Beschwerden ab. Nach zwei Jahren waren alle Symptome verschwunden.» Zur Vorbeugung einer neuerlichen Schwermetallbelastung nimmt er jedoch immer noch Chelate ein. Denn Quecksilber und Co. kann in die Nahrungskette gelangen. «Fisch habe ich seit Jahren nicht mehr gegessen», sagt Senn. «Ich verwende keine Alufolie oder Deo mit Aluminium. Und einen Kaffee aus Alukapseln würde ich nie trinken!»

* Name geändert

Foto: istockphoto.com, zvg

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