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Aus eigener Kraft

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_07_08/2017 - 01.07.2017

Text:  Marion Kaden

Wer krank ist, eilt oft vorschnell zum Arzt. Dabei kann der Körper die meisten Leiden allein bezwingen – er regeneriert und repariert sich ein Leben lang selbst. Viele Therapien schaden mehr, als sie nutzen.

@ IIlustrationen: Lina Hodel

Es gibt zig Beispiele für die imposanten Selbstheilungskräfte des menschlichen Körpers. Das System Mensch regeneriert und repariert sich permanent selbst. Enzyme beseitigen Defekte in der Erbsubstanz DNA. Immer wieder werden Zellen erneuert, allein in der Haut etwa eine Milliarde pro Tag. Und die innere Schicht des Dünndarms erneuert sich alle drei Tage vollständig. Verletzen wir uns, mobilisiert der Körper zusätzliche Selbstheilungskräfte: Er kittet die Haut oder lässt Knochen zusammenwachsen. Die meisten Erkrankungen überwindet der Körper ganz alleine. Oft ist es sogar besser, wenn der Arzt nichts unternimmt. So plädieren die amerikanischen Medizinerinnen Deborah Grady und Rita Redberg im Fachmagazin «Archives of Internal Medicine» für weniger medizinische Versorgung, weil es dann zu einer besseren Genesung komme. Immer wieder überwögen die Nebenwirkungen von Medikamenten und Behandlungsmethoden deren Nutzen.

Das Immunsystem trainieren. Während die Begriffe «Selbstheilungskraft» und «Selbstheilungsfähigkeit» in der Schulmedizin zumindest hierzulande kaum Erwähnung finden, werden sie in bestimmten Bereichen der Komplementär- und Alternativmedizin (KAM) eher überstrapaziert. Doch was hat es mit dem in der Heilkunde und allen Schulen der Medizin zentralen Konzept der Selbstheilung auf sich?

Wohl alle kennen das Paradebeispiel: die bis zu viermal jährlich auftretenden «Erkältungen», auch «grippaler Infekt» genannt. Dabei befallen uns irgendwelche Erreger, die unsere Schleimhäute in den Atemwegen infizieren und oft unangenehme Abwehrreaktionen und Heilungsversuche auslösen: Rötungen, Schwellungen, Schleimsekretionen, allgemeines Unwohlsein, Fieber. Innert zwei Wochen überwinden die körpereigenen Abwehr- und Reparaturmechanismen die «Angreifer» von selbst, ohne jegliche medikamentöse Hilfe. Dennoch schafft es die Pharmaindustrie, zahllose «Grippe»-Medikamente auf den Markt zu bringen. Aber auch ohne Medikamente sinkt die Virenlast, die Beschwerden verschwinden und die Schleimhaut heilt vollständig aus (lat. «restitutio ad integrum»). Übrig bleibt eine verstärkte Kompetenz des Abwehrsystems gegenüber Krankheitserregern, weshalb eine Erkältung auch als «Schule des Abwehrsystems» bezeichnet wird – zumindest wenn man auf synthetische Medikamente verzichtet.

Der «Innere Archeus». Die grundlegenden Mechanismen für die Erkennung und Kontrolle von Erregern, für die Auslösung von Abwehr- und Hilfsmassnahmen und schliesslich für die Reparatur von infektions- und entzündungsbedingten Schäden sind Ausdruck der fundamentalen Selbstheilungsfähigkeit des Organismus. Je nach philosophischer oder theologischer Ausrichtung hat sich diese Fähigkeit im Laufe der Evolution über Milliarden Jahre bei allen Lebewesen entwickelt und/oder wurde uns von Gott geschenkt.
 
Wer das Thema aufmerksam verfolgt, wird überrascht sein, wie ähnlich die letztlich auf Beobachtung fussenden Theorien zur Selbstheilungskraft über die Jahrhunderte bleiben. So postulierte Paracelsus den «Inneren Archaeus» – eine organisierende und formbildende innere Kraft, die als ideelles Vorbild des Lebewesens auch lenkend und heilbringend in die Gesundung bei Krankheit eingreifen kann. Das Konzept ähnelt verblüffend der derzeitig modernen genetischen Theorie, derzufolge die im Erbgut jeden Zellkerns aller lebenden Wesen verschlüsselten Informationen («Genotypus») ihr Erscheinungsbild («Phänotypus») prägen. Und zudem eine erfreuliche Fülle an Reparaturmechanismen vorsehen, die bei Störungen und Abweichungen des Phänotypus vom Genotypus (also Krankheit) anlaufen.

Verblüffend ist auch, dass bereits das Erbgut selbst, also die Chromosomen im Zellkern, eine Vielzahl von Reparaturmechanismen besitzen, mit denen die sekündlich, stündlich oder täglich auftretenden Schäden am Erbgut mehrheitlich erkannt und korrigiert werden können. Selbstheilung ist also eine permanente, meist unbemerkte Dauertätigkeit in unserem Organismus. Entsprechend des Mikrokosmos-Makrokosmos-Konzeptes von Paracelsus besitzt also auch diese unterste Ebene der Lebensorganisation bereits einen inneren Archaeus – genauso wie alle übergeordneten Zellen, Gewebe, Organe und ganze Organismen (wobei aus naturwissenschaftlicher Sicht die genetische Information im Zellkern letztlich der materielle Ausdruck eben dieses «ideellen» Archaeus ist).

Lebensgrundlage Selbstheilung. Die ständig entstehenden Erbguts-Schäden, zirka 60 000 pro Tag in Säugetierzellen, erklären auch, warum die Selbstheilungsfähigkeit eine fundamentale Eigenschaft des Lebens ist: Bereits bei der Entstehung eines Lebewesens und noch viel mehr in seinem physischen Leben beginnen zahllose Kräfte einzuwirken, die Schäden, Krankheit und Tod auslösen können. Krankheit mag also von uns in höchstem Masse unerwünscht sein, ist jedoch genauso fundamental für das Leben wie die Gesundheit. Erst unsere Selbstheilungsfähigkeit erlaubt es, das letztlich tödliche physische Leben – seinem inneren geistigen Antrieb folgend – überhaupt zu leben.

Diese Einsicht ist auch Grundlage der Evolutionsbiologie, welche die Schädigung von chromosomalen Kernsäuren (DNA) als Grundlage von Mutationen eben dieses Erbgutes ansieht. Dadurch entsteht manchmal etwas schöpferisch Neues – vielleicht etwas Neues, das dem inneren Archaeus der Schöpfung selbst und seinen Idealen oder Zielen näherkommt, als die bisher entstandenen Lebewesen.

Aus naturmedizinischer Sicht ist beeindruckend, dass die fundamentale Fähigkeit der Selbstheilung eine Brücke zur naturwissenschaftlich orientierten Medizin schafft, die viele Diskussionen und Streitigkeiten beenden könnte. Beispiel Antibiotika-Therapie: Naturmediziner gestehen zwar ein, dass viele Antibiotika nahezu hundertprozentige Naturprodukte sind, zum Beispiel von Pilzen gebildet. Ihnen graust nur vor der übermässigen und fehlerhaften Anwendung. Schulmediziner können hingegen durchaus zugeben, dass ihre Antibiotika bei einer schweren bakteriellen Infektion lediglich den Infektionsdruck mindern, und es so dem Körper erst erlauben, sich selbst zu heilen.

Ordnungsprinzipien ins Leben holen. Ein Antibiotikum alleine bewirkt eben keine Heilung, sondern hilft lediglich dabei, die die Gesundheit störenden oder schädigenden Einflüsse zu verringern. Die Heilung kann dann nur der innere Archaeus bzw. das genetische Programm in den Zellkernen veranlassen. Und hier müssen Natur- und Schulmedizin gleichermassen demütig das Haupt senken und erkennen, was der grosse griechische Übervater der Medizin, Hippokrates, bereits formulierte: «Medicus curat, natura sanat» («Der Arzt behandelt, die Natur heilt»).

Ein entsprechend bescheiden gewordener Therapeut wird erkennen, dass alle seine Hilfen nur günstigere Bedingungen für eine Selbstheilung schaffen. Die öffentliche Hand wird in gleicher Weise sehen, dass Volksgesundheit nicht «produziert» werden kann, sondern dass die Beseitigung störender, also krankmachender Einflüsse (Umweltverschmutzung etc.) und die Schaffung für die Selbstheilung günstigerer Bedingungen (sauberes Trinkwasser, öffentliche Parks, Reduktion von Schichtarbeit etc.) die Gesundheit von Menschen pflegt und fördert.

Und was kann das Individuum selbst tun? Aus naturheilkundlicher Sicht vieles. Am Anfang könnte eine Besinnung auf naturheilkundliche Ordnungsprinzipien stehen. Was zugegeben in der heutigen Gesellschaft, die mobil, gesund und immer leistungsbereit sein will, im Alltag nicht leicht durchführbar ist. Zu diesen Ordnungsprinzipien gehört beispielsweise, dem stressigen Alltagsleben Elemente bewusster Ruhe und ausreichenden Schlafs entgegenzusetzen. Auch die Ernährung ist zentral. Erhellendes zu ihrer Wichtigkeit liefern die Lebensreformer aus dem 19. Jahrhundert. Ihre Vorschläge sind moderner denn je. Denn Maximilian Oskar Bircher- Benner, Alfred Vogel oder Otto Buchinger beschäftigten sich damals mit den aufkommenden zivilisationsbedingten Erkrankungen wie Übergewicht, Diabetes und Bluthochdruck und entwarfen präventive Gegenkonzepte. Ein jüngeres Konzept ist das Intervall-Fasten: Einmal in der Woche nicht essen, d. h. mindestens 24 Stunden lang keine Nahrung aufnehmen, sondern nur Wasser trinken. Dieser freiwillige Verzicht entlastet den inneren Archeus nicht nur in seinen Tätigkeiten, sondern kann durchaus einen wirksamen Heilreiz setzen, etwa bei Übergewicht, Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Die Studienlage ist allerdings, wie so oft, kontrovers.

Lebensstiländerung und Aderlass. Im Gegensatz zu schulmedizinischen Massnahmen, welche die Verordnung von Medikamenten in den Vordergrund stellen, benötigen naturheilkundliche Handlungsanweisungen persönliche Mitarbeit und oft auch die Aufgabe liebgewordener Gewohnheiten. Die Volkskrankheit Diabetes mellitus (Erwachsenen-Zuckerkrankheit) beispielsweise wird von der Schulmedizin primär mit Tabletten behandelt. Doch wissenschaftliche Arbeiten zeigen, dass eine Lebenstilumstellung eine gesündere und zudem nachhaltigere Massnahme darstellt. Dazu gehören Ernährungsumstellung, viel Bewegung oder Sport, der über einen langen Zeitraum gesundheitsfördernde Veränderungen des gesamten Stoffwechsels und damit bei bis zu 80 Prozent der Erkrankten auch eine Heilung des Diabetes nach sich ziehen kann. Eine andere häufige Zivilisationserkrankung ist der Bluthochdruck. Statt Pillen lässt sich dieser mit einem uralten Eingriff heilen: dem Aderlass. Die moderne Form davon ist die Blutspende. Aktuelle Studien zeigen, dass regelmässige Blutspenden (alle acht Wochen) den Bluthochdruck nachhaltig regulieren. Natürlich sind auch Lebensstiländerungen oft hochwirksam.

Letztes Beispiel: Schlafstörungen. Nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder sind immer häufiger davon betroffen. Die Gründe sind vielgestaltig. Dauerhafte Überforderungen oder Stress lassen die Anspannung derart ansteigen, dass eine Entspannung zur Schlafenszeit nicht mehr gelingt. Ebenso stört dauerhafter Medienkonsum den Schlaf. Wer sich abends stundenlang vor dem Fernseher berieseln lässt oder permanent online mit dem Smartphone die neuesten superwichtigen Meldungen abruft, kann aus einem banalen Grund nicht einschlafen: Die Bildschirme strahlen blaues Licht aus. Das Gehirn interpretiert diese Lichtfrequenz als Mittagszeit, in der die Sonne am höchsten steht und sorgt entsprechend für genügende Ausschüttung von «Wachhormonen». Um sich auf die tageszeitlich richtigen Lichtfrequenzen einzustellen und in einen Schlafrhythmus zu kommen, bedarf es mindestens einer vierstündigen Bildschirmabstinenz vor dem Schlafen gehen.

IIlustrationen: Lina Hodel

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