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Nachhaltig überzeugend

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_06/2017 - 01.06.2017

Text:  Fabrice Müller

Holzhäcksel in der Heizung, Biogemüse auf dem Buffet – wie Ökohotels das Logieren umweltverträglicher machen.

@ biohotels.info, zvg

Da ist etwas Unbenennbares. Die Schritte werden langsamer. Es ist, als durchlaufe man eine Art Barriere. Doch man sieht nichts. Man spürt es einfach. Auf dem Weg zum Plateau, neben dem Hotel Sass da Grüm, steigt das Energielevel mit jedem Schritt. Vor dem Kastanienbaum sind weisse Stühle um einen grossen Kreis gruppiert. Fantastisch die Aussicht auf den Lago Maggiore, der uns zu Füssen liegt. Gegenüber Ascona mit dem «Monte Verità» und Locarno mit der Kirche «Madonna del Sasso». Zusammen mit dem Sass da Grüm sollen diese Orte ein energetisches Dreieck bilden. Das haben geomantische Untersuchungen ergeben. Der Zürcher ETH-Architekt Matthias Mettler und diverse andere Experten massen 1989 am Kraftplatz von Sass da Grüm 30 000 bis 40 000 Boviseinheiten. Diese Werte beschreiben die energetische Qualität eines Kraftortes. Kein Wunder, so erzählt man sich, haben sich hier oben einst Hebammen und «weise Frauen» zu gemeinsamen Ritualen getroffen. Auch keltische Spuren werden vermutet.

Nur zu Fuss erreichbar. Dass hier auf 650 Metern über Meer, oberhalb von Vairano im Gambarogno-Gebiet, überhaupt die Baubewilligung für ein Hotel erteilt wurde, hängt laut Hotelier Peter Mettler mit den sonder baren Kräften auf diesem Grundstück zusammen. Und mit dem Weitblick der damaligen kantonalen Verwaltung. Der Heizungstechniker aus der Deutschschweiz realisierte zwischen 1991 und 1993 auf dem Sass da Grüm seine «Vision», wie er selbst sagt. Entstanden ist ein Hotel mit 19 Zimmern und 40 Betten. Natürliche Materialien wie Holz, Backstein und vulkanischer Verputz wurden verbaut. Im Erdgeschoss befindet sich das vegetarische Restaurant, wo marktfrisch und ausschliesslich biologisch gekocht wird. Das Gemüse, die Eier und der Wein stammen vom Bio-Händler im Tal, die Kräuter aus dem eigenen Garten. Dreimal in der Woche treffen Lebensmittellieferungen auf dem Sass da Grüm ein. Nein, nicht mit dem Lastwagen, sondern per Transportseilbahn. Denn das Hotel ist nur zu Fuss erreichbar. Das Auto wird unten auf einem Waldparkplatz abgestellt, das Gepäck mit der Seilbahn nach oben gefahren. Es folgt ein zirka 45-minütiger Fussmarsch durch den Wald, über Stock, Stein und plätschernde Quellen. Der Weg ist zugleich eine Einladung, den Alltag hinter sich zu lassen.

«Heute würde man mich für verrückt erklären, wenn ich hier oben ein Hotel bauen wollte», meint Peter Mettler. Doch das Konzept scheint aufzugehen: Der Kraftort zieht viele Stammgäste an; hinzu kommen Tagestouristen, die vor allem an den Wochenenden den nicht ganz anspruchslosen Weg unter die Füsse nehmen.

Das Hotel Sass da Grüm entspricht dem Zeitgeist der LOHAS-Zielgruppe. LOHAS steht für «Lifestyle of Health and Sustainability» – für eine bewusste, gesundheitsbewusste Lebensart.

Natürlich und nachhaltig. Seit einigen Jahren entwickelt sich in der Hotelszene ein Stil, der auf Natürlichkeit und eine nachhaltige Ausrichtung baut. Ein Stil, der echte Materialien, natürliche Oberflächen, nachhaltige Prozesse und biologische Produkte in den Vordergrund stellt: Von der Matratze über das Essen bis zur Stromversorgung – ein Grossteil des Hotels steht im Zeichen der Ökologie. Erneuerbare Energien, saisonale und regionale Verpflegung, geschlossene Kreisläufe: Es gibt verschiedene Kriterien, die ein Öko- beziehungsweise Biohotel abdecken kann, um ökologisch zu sein.

Das EU Ecolabel, auch Euroblume genannt, ist das offizielle Label der Europäischen Union, Norwegens, Liechtensteins und Islands. Um die Zertifizierung zu erhalten, muss ein Hotel mindestens zur Hälfte mit erneuerbaren Energien versorgt sein, die Lichter müssen Energieklasse A vorweisen, wassersparende Aufsätze sind ebenso notwendig wie die Bereitstellung von Abfalltrennung für die Gäste. Eine weitere Zertifizierung – «eco hotels certfi ed» (ehc) genannt – richtet sich nach dem CO2-Verbrauch. Zur Erlang des ehc-Gütesiegels ist ein CO2-Verbrauch von weniger als 40 Kilogramm pro Kopf und Nacht erforderlich. Dabei werden der Strom- und Wasserverbrauch, die Heizkosten, die Lebensmittelherkunft, Wäschereiemissionen, Anreise der Mitarbeitenden, eine Photovoltaik- Anlage, Regenwassersammlung und Solaranlage berücksichtigt. ehc-Hotels finden sich vor allem in Deutschland, Österreich, Italien, der Schweiz und vereinzelt auch in Frankreich, Slowenien und Griechenland.

Das Label «Green Key» wurde 1994 in Dänemark gegründet und ist inzwischen in 53 Ländern verbreitet. In der Schweiz findet man «Green Key»-Hotels vor allem in den grösseren Städten. Bei diesem Label ist auffallend, wie nebst den technischen Anforderungen und der Energieeffizienz auf die Sensibilisierung von Mitarbeitenden und Konsumenten Wert gelegt wird.

Leidenschaft und Ökonomie. Auf der Suche nach umweltfreundlichen und biologischen Hotels in der Schweiz wird man auch fündig in «Der andere Hotelführer – umweltfreundlich logieren in der Schweiz» von Silvia Müller und Sabine Reichen. Die Autorinnen stellen Unterkünfte vor, deren Betreiber sich von Herzen für die Umwelt einsetzen. Während sich die einen die Ökologie bewusst auf die Fahne geschrieben haben und dies auch entsprechend kommunizieren, bezeichnen andere ihr Haus nicht per se als Bio- oder Ökohotel. Dennoch pflegen auch sie einen nachhaltigen Stil.

«Je nach Lage, Geschichte, Gebäude und Personen, die das Hotel betreiben, sind die Ausgangslagen und Möglichkeiten sehr unterschiedlich. Allen gemein ist jedoch die nachhaltige Philosophie und das Ziel, einen umweltfreundlichen Betrieb zu führen», berichtet Reichen. Vielfach mache sich der biologische Anspruch besonders in der Küche bemerkbar, wo bewusst Wert auf eine biologische, regionale und saisonale Kost gelegt wird. Andere haben beim Bau oder der Renovation des Hauses ausschliesslich natürliche Baumaterialien eingesetzt. Oder sie überzeugen durch ein effizientes Energiemodell.

Doch was sind die Gründe, weshalb sich Hoteliers für diesen nicht gerade einfachen Weg entscheiden? «Bei den einen entspricht die Philosophie der nachhaltigen Hotels ihrer persönlichen Lebenshaltung. «Sie könnten sich gar keinen anderen Weg vorstellen», stellten die Autorinnen bei ihren Gesprächen für ihren Hotelführer fest. Manchmal stehen auch Stiftungen und Organisationen dahinter, die auf Nachhaltigkeit setzen. Doch manchmal spielen auch wirtschaftliche Gründe eine Rolle, wie Fabian Weber, Dozent und Projektleiter vom Institut für Tourismuswirtschaft der Hochschule Luzern, sagt: «Vor allem bei Hotelketten liegen nicht selten ökonomische Überlegungen einer nachhaltigen Philosophie zugrunde. Sie verfolgen das Ziel, ihre Häuser möglichst ressourceneffizient zu betreiben und dadurch Kosten einzusparen.» Erst an zweiter Stelle sieht Weber die nachhaltige Ausrichtung des Hotels als Pluspunkt auf der Nachfrage- und Marketingebene. Zu unterschätzen sei dieser Aspekt aber nicht: «Ein Bio- oder Ökohotel hebt sich von seiner Konkurrenz ab. Stehen bei einem Kunden zwei Hotels im Vergleich, kann die Ökologie durchaus ausschlaggebend sein, wenn sie einen gewissen Mehrwert für den Gast bietet.»

Chancen und Gefahren. Welche Zielgruppen sprechen Bio- und Ökohotels an? Für Fabian Weber sind es Gäste, die eine Sensibilität für Themen wie Ökologie und Biologie mitbringen. Sie sind bereit, für Bio und Regionalität etwas tiefer in die Tasche zu greifen. Oft seien es aber auch einfach spezielle Hotels mit besonderen Räumen, einer tollen Ausstrahlung in überwältigender Umgebung und leidenschaftlichen Gastgebern, ergänzt Sabine Reichen. «Die Leute suchen das Besondere und achten neben ökologischen Aspekten auch auf gewisse Details, die ein Hotel auszeichnen.»

Mit einer klaren Ausrichtung auf Ökologie habe ein Hotel durchaus Chancen, sich im hart umkämpften Tourismusmarkt zu behaupten, ist Weber überzeugt. Hinzu komme, dass durch den effizienten Einsatz von Ressourcen ein interessantes Einsparpotenzial bestehe. Wichtig sei, das Konzept konsequent durchzuziehen, um nach aussen hin glaubwürdig zu sein. Doch manchmal reicht auch das nicht.

Das Biohotel Ucliva in Waltensburg gehört zu den ersten Hotels seiner Art in der Schweiz, es wurde 1979 eröffnet. Trotz aller Lorbeeren und der regelmässigen Publizität in den Medien musste das Haus im März dieses Jahres seine Türen schliessen. «Hauptgründe waren die rückläufigen Gästezahlen in der ganzen Region sowie zwingende Reinvestitionen in die Haustechnik», sagt die ehemalige Direktorin des Hotels, Marion Patzel-Schwarz. Rund 90 Prozent der Gäste im Ucliva kamen aus der Schweiz, darunter viele Stammgäste.

Dass Bio und Öko bei den Hotelgästen heute zu wenig gefragt sind, glaubt Patzelt-Schwarz nicht: «Das Ucliva hat sich in seiner Vorreiterrolle immer der Nachhaltigkeit und Biologie verschrieben. Allerdings liegen die Bio-Angebote aus dem umliegenden Ausland in einem anderen Preissegment. Auch der Schweizer zahlt gerne weniger für seine Ferien.» Ob und wie es mit dem Ucliva weiter geht, steht derzeit noch in den Sternen.

Kurse und Meditationen. Zurück ins Tessin. Im April erwachte das Hotel Sass da Grüm aus dem Winterschlaf. Bereits hatten sich einige Gruppen für Kurse angemeldet. Rund 50 Prozent der Gäste besuchen Seminare rund um Meditation, Yoga und Achtsamkeit, die von Peter Mettler organisiert werden. Der Hotelier selber lädt seine Gäste jeden Morgen zu einer stündigen Meditation beim Kraftplatz ein. Und wer will, kann sich auf dem Yoga-Parcours entspannen, der neben dem Öko-hotel durch die lauschigen Kastanienwälder führt.

Weitere Infos
www.oekohotel.ch

Fotos: www.biohotels.info, zvg

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