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Wann braucht Zappelphilipp Hilfe?

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_05/2017 - 01.05.2017

Text:  Anja Speitel

Immer mehr Kinder gelten als notorisch unaufmerksam oder hyperaktiv. Was ist noch normal? Und wann sollten sich Eltern an einen Arzt wenden?

@ istockphoto.com, zvg

Kinder sind Kinder: lebhaft, schnell ablenkbar, oft zerstreut oder in Gedanken versunken und immer in Bewegung. Doch fünf bis zehn Prozent aller Kinder in der Schweiz sind fast immer unaufmerksam, überaktiv und so impulsiv, dass ihnen eine psychische Störung attestiert wird: ADHS, kurz für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Fehlt die Hyperaktivität als Leitsyndrom wird von ADS gesprochen. Auch der 16-jährige Tim* hat ADHS. Mit neun bekam er die Diagnose. Doch schon lange zuvor hatte der Bub aus Zürich Probleme: «Bereits im Kindergarten war Tim sozial auffällig», erinnert sich seine Mutter Ina*. «Immer hat er die anderen Kinder geärgert. Also haben die ihn ausgeschlossen.»

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• Schweizerische Fachgesellschaft ADHS

Dachverband ELPOS Schweiz für Eltern und Bezugspersonen von Kindern sowie für Erwachsene mit POS/AD(H)S

Nach Schuleintritt kamen Leistungsprobleme hinzu, sodass Tim die 2. Klasse wiederholen musste. «Jetzt war er auch noch älter als die Kameraden, konnte sich aber dennoch nicht in andere Kinder hineinversetzen», erzählt Ina. «Keiner mochte ihn, immer war er alleine und oft traurig. Manchmal schrie er den ganzen Nachmittag.» Obwohl Tim maximale heilpädagogische Förderung in der Schule bekam, wurden seine Noten und sein Sozialverhalten immer schlechter. «Wir waren mit unseren Nerven völlig am Ende.»

Die Diagnose entlastet. Der Schulpsychologe riet der Familie, Tim auf ADHS testen zu lassen. «Die Diagnose hat uns zuerst schockiert», erinnert sich Ina. «Aber dann hat sie uns entlastet. Man sucht die Schuld für das Verhalten seines Kindes ja zuerst bei sich, meint Erziehungsfehler gemacht zu haben.» Die Ärzte empfahlen Psychotherapie und Medikamente. «Die wollten wir Tim aber nicht geben.» Stattdessen versuchten sie, Tim noch eingehender zu fördern und meldeten ihn in einer Privatschule mit Kleinklassen an. Doch auch dort stellte sich keine Verbesserung ein. «Wir mussten einsehen, dass Tim einfach anders ist als andere Kinder. Unser hoher Leidensdruck liess uns dann doch zu den Medikamenten greifen, begleitet von einer Psychotherapie.» Ausserdem wechselte Tim auf eine Sonderschule.

Zu viele Medikationen? Tim nimmt jetzt Methylphenidat, besser bekannt unter dem Markennamen Ritalin. In der öffentlichen Meinung hat der Wirkstoff einen zweifelhaften Ruf. Plakativ wird von «Kindern auf Kokain» gesprochen, die mit Methylphenidat ruhig gestellt werden, um in unserer Leistungsgesellschaft zu funktionieren. Dazu hat auch die massenhafte Verordnung von Methylphenidat beigetragen: Bis 2011 stieg die Liefermenge an den Handel in der Schweiz jedes Jahr an. 2012 sank sie erstmalig und pendelt sich seitdem auf konstant hohem Niveau um die 340 Kilogramm Wirkstoff ein. «Solche Psychostimulanzien werden häufig zu schnell abgegeben», meint der Zürcher Kinderarzt Roland Kägi. «Es darf nicht sein, dass ein Kind nach 15 Minuten Gespräch mit dem Arzt die Praxis mit einem Methylphenidat-Rezept verlässt.»

Eine saubere Diagnose basiert auf spezifischen Fragebögen, Aufmerksamkeitstests, körperlichen und neurologischen Unterschungen. Die Symptome müssen über mindestens sechs Monate bestehen und zu Beeinträchtigungen in mindestens zwei Lebensbereichen führen – also etwa in Kita oder Schule und daheim. «Der Leidensdruck ist für die Behandlung entscheidend», sagt Kägi. «Bei leichter Ausprägung reicht oft Psychomotorik, Ergooder Psychotherapie. In schweren Fällen von ADHS sollte man Medikamente jedoch in Betracht ziehen», rät der Arzt, der auch im Vorstand der Schweizerischen Fachgesellschaft ADHS sitzt. Denn die Frage sei ja auch: Was tue ich meinem Kind an, wenn ich es nicht behandle? Wenn es im Extremfall sozial völlig ausgegrenzt wird und keine Beziehungen zu Gleichaltrigen aufbauen kann; es kein Selbstbewusstsein ausbildet, weil es Leistungen nur deutlich unter seinem Potenzial bringen kann.

Ritalin – Segen oder Fluch? «Für Tim ist Ritalin ein Segen», sagt seine Mutter. «Er ist ruhiger und angenehmer im Umgang geworden, und er kann sich besser organisieren und konzentrieren.» Heute habe er Freunde und im Sommer seinen Schulabschluss in der Tasche. Doch immer wieder ist das Absetzen des Medikaments ein Thema. «Eigentlich möchte Tim die Pillen nicht nehmen. Aber wenn er es wieder einmal ohne versucht, kann er sich nicht mehr konzentrieren. Nichts bleibt hängen.» Gott sei Dank leide Tim jedoch nie unter Entzugssymptomen.

Dass es dazu kommen kann, bezeichnet Kinderarzt Kägi als einen Mythos. Doch Ina weiss aus Gesprächsgruppen beim Selbsthilfeverein elpos für ADHS-Betroffene: «Manche Kinder flippen aus, wenn sie ihr Medikament absetzen.»

Auch Jürg Hess, Chefarzt vom Zentrum für Komplementärmedizin Paramed in Baar, weiss von Entzugssymptomen zu berichten: «Die Betroffenen können nicht schlafen, schwitzen und zittern. Sie fühlen sich leer, emotionslos. Dabei ist es ja gerade die Emotionalität, die diese Menschen auszeichnet. Viele Betroffene sind sehr intelligent und kreativ.»

Alternativen zu Ritalin & Co. Suchen Eltern nach Alternativen zur chemischen Keule, empfehlen sich die klassische Homöopathie sowie Ginkgo Biloba. «Die Pflanze vermag die Impulsivität ähnlich gut zu drosseln wie Methylphenidat», weiss Kägi. «Die Aufmerksamkeit lässt sich damit aber leider nicht steigern. Darauf können jedoch Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren positiven Einfluss nehmen.»

Hess behandelt ADHS klassisch homöopathisch sowie mit Miasmatik, einem Spezialgebiet der Homöopathie. Es bezieht Erkrankungen der Vorfahren sowie eigene Belastungen mit ein und räumt diese Heilungshindernisse aus. «Manchen Kindern hilft auch eine Schwermetall-Entgiftung», sagt Hess. «Sind zu viel Quecksilber und Aluminium im Körper, kann das Nervensystem überschiessen.»

Kranke Gesellschaft, kranke Kinder? Warum heute bei so vielen Kindern ADHS diagnostiziert wird, ist nicht abschliessend geklärt: Eine gewisse Neigung zu ADHS liegt vermutlich in den Genen. Auch Umweltfaktoren wie Gifte dürften eine ADHS begünstigen, ebenso Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen. Zudem wird die Reizüberflutung als weiterer Einflussfaktor diskutiert.

Klar ist: Manche Kinder brauchen Hilfe. Eine rechtzeitige Abklärung und eine klare Diagnose können ihrem Leben unter Umständen eine ganz andere Wendung ermöglichen. Struktur ist für kleine Zappelphilippe das A und O. Und bei 50 Prozent aller betroffenen Kinder wächst sich die ADHS aus.

Nicht jeder ADHS-Betroffene braucht eine medikamentöse Therapie – aber jeder braucht das Gefühl, angenommen und geliebt zu werden. «Man darf dem Kind nie das Gefühl geben, falsch zu sein. Man muss sich darauf einlassen, auch seine Stärken zu sehen», mahnt Hess. Das bedürfe mitunter eines Perspektivenwechsels: «Statt ADHS-Betroffene als ‹unaufmerksam› zu betiteln, könnte man auch sagen, sie sind an vielem interessiert.»

Informationen
• Schweizerische Fachgesellschaft ADHS, www.sfg-adhs.ch
• Dachverband ELPOS Schweiz für Eltern und Bezugspersonen von Kindern sowie für Erwachsene mit POS/AD(H)S, www.elpos.ch/start.htm

* Namen geändert
Fotos: istockphoto.com, zvg

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