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Sabine Hurni über Traubenkerne

Kategorie: Beratung
 Ausgabe_05/2017 - 01.05.2017

Text:  Sabine Hurni

Traubenkerne enthalten wertvolle Antioxidantien. Die sogenannten OPC sind auch im Rotwein und in den Schalen reifer Früchte und Gemüse enthalten.

@ mauritius-images.com, Alex Spichale

Immer mal wieder erscheint ein heldenhaftes Mittelchen am Horizont, das gegen fast alle gesundheitlichen Beschwerden helfen soll. Ein solch vielgepriesenes Allheilmittel ist auch der Traubenkernextrakt. Beim Durchlesen der Liste aller Krankheiten, die damit behandelt werden können, werden die Augen immer grösser und eine gewisse, bestimmt berechtigte, Skepsis macht sich breit.

Die eher unbeliebten und deshalb immer häufiger weggezüchteten Traubenkerne schmecken bitter und bleiben in jedem Zahngrübchen haften, wenn man sie zerbeisst. Deshalb werden sie gerne ausgespuckt. Ungeachtet dessen, was einem dabei entgeht! In der Schale der Traubenbeeren sowie in deren Kernen befinden sich in konzentrierter Form oligomere Proanthocyanidine (OPC). Das sind sekundäre Pflanzenstoffe aus der Gruppe der Polyphenole, die als äusserst wertvolle Radikalfänger gelten. Freie Radikale sind allerdings eine nicht ganz unbestrittene Theorie. Sie baut darauf auf, dass während Stoffwechselprozessen, bei Stress, durch Zigarettenrauch, UV-Strahlung und Umweltgifte aus molekularem Sauerstoff in den Zellen freie Radikale entstehen. Das sind hochreaktive, sehr kurzlebige Atome oder Moleküle, die sich sofort wieder mit anderen freien Radikalen verbinden wollen. Ein amerikanischer Biologe stellte vor gut 50 Jahren die These auf, dass diese freien Radikale für die Alterung der Zellen – und somit für den menschlichen Alterungsprozess – verantwortlich sind. Die Theorie geht so weit, dass freie Radikale Zellfunktionen massgeblich schädigen können und sogar die menschlichen Erbinformationen angreifen.

Auf dieser These baut sich der ganze Markt an Antioxidantien auf. Dazu gehören neben den Vitaminen A, C, E und Zink auch die sekundären Pflanzenstoffe OPC. Nimmt man mit der Nahrung, je nachdem mithilfe von Ergänzungsmitteln, genügend Antioxidantien auf, fangen diese die freien Radikale auf und schützen so die körpereigenen Zellen vor einer Zellschädigung. Ob die Theorie mit den freien Radikalen stimmt oder nicht, ist weder bewiesen noch widerlegt. Die eine Studie festigt die Theorie, die andere widerlegt sie. Es gibt jedoch Erfahrungswerte, die sehr wohl dafür sprechen, dass Antioxidantien, insbesondere OPC, dem menschlichen Stoffwechsel und dem Herz-Kreislauf-System gut tun. Aufgrund dieser Tatsache hat der Franzose Jack Masquelier entdeckt, dass der Rotwein beziehungsweise die Weintraubenschalen und -kerne einen hohen Gehalt des Antioxidans OPC aufweisen. Die Trauben benötigen diese Substanz, um sich vor Schädlingen zu schützen. Genauso wie viele andere Früchte, deren Schalen oder Rinde ebenfalls OPC aufweisen. Auf den Untersuchungen von Masquelier beruht auch die These, dass die Substanz, die pflanzliche Zellen schützt, für die menschlichen Zellen so schlecht nicht sein kann. Es gibt auf dem Markt sehr gute Präparate, welche die täglich erforderlichen 120 Milligramm OPC enthalten. Die antioxidative Wirkung von OPC in Bezug auf die Stärkung der Venen ist belegt: OPC aus Weinlaub, Weintraubenschalen und Traubenkernen hilft bei venösen Leiden wie Krampfadern, geschwollenen Beinen und Venenschwäche. Achten Sie beim Kauf darauf, dass die enthaltene Menge OPC auf der Zutatenliste deklariert ist. Das ist deshalb so wichtig, weil gerade im Internetmarkt auch viel Unfug getrieben wird mit dem Traubenkernextrakt. Selten ist eine Studie, auf die ein Anbieter hinweist, mit seinem Produkt gemacht worden. Eine Creme mit Traubenkernextrakt glättet kein faltiges Gesicht, selbst wenn OPC die Zellen zu schützen vermag. Und gemahlene Traubenkerne allein sagen nichts aus über den effektiven Gehalt an OPC.

Lassen Sie sich von verlockenden Aussagen nicht blenden, bleiben Sie kritisch und bilden Sie sich selber eine Meinung, etwa indem Sie bei Bedarf ein qualitativ gutes OPC-Präparat ausprobieren. Sie sind in Drogerien erhältlich. Da OPC die Venen stärkt und die Haut vor UV-Schäden schützt, das Immunsystem stärkt und die Wundheilung fördert, spricht nichts dagegen, zwischendurch eine Nahrungsergänzung mit OPC einzunehmen. Offenbar sorgt es auch für schönes Haar, glatte Haut, soll gegen Neurodermitis helfen und Kinder mit einem Aufmerksamkeitsdefizit (ADHS) beruhigen. Vor allem in Kombination mit Vitamin C wird dem OPC eine mehrfach stärkere antioxidative Wirkung nachgesagt als den Vitaminen A und E.

Jetzt aber zurück zum Rotwein. Oft erlebe ich in den Beratungen und bei den «natürlich»-Leserfragen, dass die Leute beinahe schuldbewusst «zugeben», dass sie gerne ab und zu ein Glas Rotwein trinken – als wäre das eine Sünde. Das Gegenteil ist der Fall: Rotwein enthält mehr oder weniger grosse Mengen an OPC: Je mehr Sonne die Trauben hatten und je reifer sie bei der Ernte waren, desto höher ist der Gehalt an OPC. Weisswein hingegen enthält kaum OPC, weil die Schalen und Kerne nur kurze Zeit im Wein verbleiben. Anders beim Rotwein: Er wird mit den zerdrückten Traubenbeeren vergoren. Geniessen Sie also ruhig Ihr Glas Rotwein. Auf die empfohlenen 120 Milligramm OPC kommen Sie so vermutlich nicht. Doch auch Grüntee, Ginkgo, Erdnüsse mit Häutchen sowie Obst, Nüsse und Gemüse enthalten in ihren Schalen OPC – vorausgesetzt die Früchte respektive das Gemüse werden reif geerntet und nicht geschält. Schlemmen Sie also süsse Erdbeeren, Heidelbeeren, Himbeeren und Johannisbeeren möglichst direkt ab Feld oder Staude, essen Sie die Äpfel mit der Schale und machen Sie einen Bogen um die impotenten, kernlosen Trauben, die uns die Warenhäuser vorsetzen.

Zur Person
Sabine Hurni ist dipl. Drogistin HF und Naturheilpraktikerin, betreibt eine eigene Gesundheitspraxis, schreibt als freie Autorin für «natürlich», gibt Ayurveda-Kochkurse und setzt sich kritisch mit Alltagsthemen, Schulmedizin, Pharmaindustrie und Functional Food auseinander.

Foto: mauritius-images.com, Alex Spichale

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