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Über die Gemmotherapie

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_04/2017 - 01.04.2017

Text:  Sabine Hurni

Knospen, Triebspitzen und junge Blättchen enthalten teilungsfähige, aktive Pflanzenzellen, aus denen sich wirksame Heilmittel herstellen lassen. Gleichzeitig bereichern sie die Frühlingsküche und vertreiben die Müdigkeit.

@ Alex Spichale, mauritius-images.com

Vielleicht kennen Sie das: Sie wachen eines Morgens auf und wissen, der Frühling ist da! Obwohl er schleichend daherkommt und sich nach und nach über die noch weitgehend braune Landschaft legt, gibt es den Moment der Gewissheit, der sich plötzlich einstellt. Ich merke es jeweils an den Vögeln, die frühmorgens ihre Konzerte trällern. Und natürlich am Bärlauch, der einen grünen Teppich auf den Waldboden zaubert; an den ersten blühenden Zweigen, Primeln und Krokussen, die endlich wieder Farbe in den Garten bringen.

Wenn im März die ersten Sonnenstrahlen die Natur wachkitzeln, geht es Schlag auf Schlag: Die ersten Knospen kommen, im April immer mehr, dann die Blättchen oder Blüten, und plötzlich scheint die Pflanzenwelt zu explodieren. Herrlich! Was wir Menschen von dieser geballten Kraft, diesem Lebenswillen und diesem absoluten Wunder der Natur mitbekommen, ist jedoch nur ein Bruchteil von dem, was da passiert. In den Triebspitzen, den Knospen, Wurzelspitzen und Pflanzensprossen gedeiht im Frühling ein ganzes Universum.

Pflanzenzellen, die sich im Wachstum befinden, enthalten eine Fülle von Inhaltsstoffen, die in Blüten und Blättern nicht vorkommen. Dazu gehören energiereiche Phosphatverbindungen, Wachstumsfaktoren und genetische Bestandteile, welche die Information der ganzen Pflanze in sich tragen. All diese Stoffe braucht die Pflanze zum Wachsen. Mit unvorstellbarer Kraft werden Samenschalen geknackt, die Erdschicht durchstossen und vollkommene Blättchen wickeln sich aus kleinen Knospen. Diese erneuernde Kraft ist allerdings mehr als ein Naturereignis: Die Knospenkraft kann auch zu Heilzwecken eingesetzt werden.

Die sogenannte Gemmotherapie (lat. Gemmo = Knospen) ist eine relativ junge Heilmethode, die sich zwischen der herkömmlichen Heilpflanzenkunde und der Homöopathie bewegt. Die Idee, aus teilungsaktivem Pflanzenmaterial wie Knospen, Wurzelspitzen oder Jungtrieben ein Heilmittel herzustellen, stammt ursprünglich von Hildegard von Bingen. Vor gut fünfzig Jahren hat der belgische Arzt, Forscher und Homöopath Pol Henry daraus eine Heilmethode entwickelt. Er entdeckte, dass jede Krankheit mit dem Bluteiweissgehalt in Zusammenhang steht; daraufhin begab er sich auf die Suche nach Pflanzenmaterialien, welche die Blutproteine beeinflussen können.

Henry und seine Forscherkollegen stellten in Versuchen fest, dass Knospenauszüge in der Lage sind, das Immunsystem und das Verhältnis der Blutproteine wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Viele klinische Studien belegten in der Folge eine erstaunlich präzise Wirkung von Knospenauszügen auf menschliche Stoffwechselprozesse wie zum Beispiel den Blutkreislauf, den Hormonhaushalt, das Immunsystem oder den Verdauungstrakt.

Die Erfahrung mit der Gemmotherapie zeigt, dass der menschliche Stoffwechsel durch die aktiven, teilungsfreudigen Pflanzenzellen sehr kraftvoll unterstützt wird. Teilweise sogar effizienter als mit einer herkömmlichen Heilpflanzentinktur. Während ein Lindenblütentee beruhigend wirkt, entpuppt sich das Gemmomazerat (Kaltwasserauszug) mit den Knospen der Sommerlinde als äusserst entspannendes Heilmittel bei Schlafstörungen. Anderes Beispiel: Die Blätter der Hängebirke wirken entwässernd, das Gemmopräparat hingegen wirkt vitalisierend und regt Niere, Leber und Hautstoffwechsel an – ein ideales Mittel also, um die Frühjahrsmüdigkeit zu vertreiben. Die Knospen der Schwarzen Johannisbeeren, das wohl bekannteste Gemmopräparat, wirken entzündungshemmend und gelten als cortisonähnlich. Sie helfen bei allergischem Schnupfen oder Rheuma.

Firmen, die Gemmopräparate herstellen, gewinnen das Pflanzenmaterial aus Wildsammlung oder aus biologischem Anbau. In beiden Fällen ist es wichtig, die Pflanzen durch das Entfernen der Knospen nicht zu stark im Wachstum zu bremsen. Danach wird das Pflanzenmaterial rasch verarbeitet, damit die Inhaltstoffe aktiv bleiben.

Noch frischer geht es von der Hand in den Mund, beziehungsweise in den Mixer – die meisten Knospen, jungen Blättchen und Triebspitzen sind äusserst schmackhaft. Allen voran Kapern und Artischocken. Doch auch junge Triebspitzen kommen bei vielen ab Ende April wieder regelmässig auf den Teller: weisser und grüne Spargel. Beim Spargel wie auch bei der Artischocke essen wir wertvolles aktives Pflanzenmaterial – zumindest dann, wenn wir sie frisch geniessen.

Natürlich bieten auch Garten, Wald und Naturwiesen eine Vielfalt an verschiedenen Knospen, die man sich im Frühling zu Gemüte führen kann. Zum Beispiel Löwenzahn- und Bärlauchknospen, junge Birkenblättchen, die Keimblätter von Ahornsamen oder die jungen Blättchen der Weissbuche. Knospen lassen sich braten oder in Öl einlegen. Junge Blättchen bereichern Salate und machen Smoothies leuchtend grün.

Die rohköstlichen Naturprodukte vitalisieren den menschlichen Stoffwechsel, was im Frühjahr besonders wichtig ist. Der herbe Geschmack, die Bitterstoffe und das aktive Pflanzenmaterial vertreiben die letzte Spur Winter aus dem Körper.

Zur Person
Sabine Hurni ist dipl. Drogistin HF und Naturheilpraktikerin, betreibt eine eigene Gesundheitspraxis, schreibt als freie Autorin für «natürlich», gibt Ayurveda-Kochkurse und setzt sich kritisch mit Alltagsthemen, Schulmedizin, Pharmaindustrie und Functional Food auseinander.

Foto: Alex Spichale, mauritius-images.com

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