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Vertrauen statt Angst

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_03/2017 - 01.03.2017

Text:  Gabriela Vetter

Die Diagnose Brustkrebs ist eine Schreckensnachricht. Doch Panik ist fehl am Platz. Gefragt ist ein positiver Umgang mit der Krankheit. Das ist möglich, setzt aber ein Innehalten, Bewusstheit und Offenheit voraus.

@ Lina Hodel

Vertrauen statt Angst. Anders als beim Autofahren treffen die wenigsten Vorkehrungen, um die Wahrscheinlichkeit, an Brustkrebs zu erkranken, zu reduzieren. Dabei lässt sich im Zusammenhang mit Brustkrebs ein ähnliches Vertrauen herausbilden wie das Vertrauen ins Autofahren. Dazu muss eine Frau einerseits achtsam, also bewusst ihr Immunsystem pflegen und sich über Kanzerogene (Krebsverursacher) wie schädliche Umwelteinflüsse informieren, andererseits ihren Körper (Brust und Achselhöhlen) regelmässig untersuchen. So kann die diffuse Angst vor Brustkrebs nachlassen.

Als Onkopsychologin erfahre ich, dass sich wenige täglich mit der Pflege ihres Immunsystems befassen, solange sie gesund sind. In der Regel lassen wir das Bewusstsein nicht zu, dass Immunsystem, Nervensystem und Psyche eng zusammenhängen. In Anbetracht der Nervenstrapazen durch den gedankenverlorenen Umgang mit allen möglichen technologischen Errungenschaften müssten unsere Abwehrkräfte ebenso täglich gepflegt werden wie die Zähne. Wichtig sind das Zulassen und das Spüren der Bedürfnisse seines Körpers. Und dazu müssen wir in unseren ganz persönlichen Organismus hineinhorchen und -fühlen.

Problematische Statistiken. Ein natürliches (aber nicht ängstliches), achtsames, aufbauendes Verhalten dem eigenen Körper gegenüber wird meist erst bei einer schweren Krankheit wie einer Krebsdiagnose zum Thema. Wenn wir unseren Alltag ganzheitlich (Körper, Geist, Intellekt und Psyche) bewusster, disziplinierter, wohlfühlender gestalten würden, wäre Brustkrebs keine Schreckensvision. Das Wissen über das Vorbeugen – respektive bei Betroffenheit über das Wecken von Heilkraft – wären dann immer gegenwärtig. Und wenn wir uns bewusst sind, dass (Selbst-)Hilfe möglich ist, kann ein Zutrauen in sich selbst entstehen. Selbst bei der Diagnose Brustkrebs muss man sich dann nicht alleine auf die Medizin verlassen. Vertrauen in sich selbst hilft zudem, sich nicht von Ohnmacht und Hilflosigkeit überwältigen zu lassen.

Jede dritte Frau in unserem Kulturkreis erkrankt einmal an einem Brusttumor; indes sind nur 11 Prozent tatsächlich brustkrebskrank. Und 50 Prozent aller Mammazarkinome heilen spontan. Solche Statistiken sind auch problematisch, weil sich Betroffene oder kanzerophobische Menschen, Menschen also, die in ständiger Angst vor Brustkrebs leben, meist mit den bedrohlichen Aussagen identifizieren, statt mit den Heilungschancen. Sie vergessen vor allem, dass jeder Krankheitsverlauf individuell ist. Wer von sich weiss, dass sie zu Pessimismus neigt, sollte daher allgemeingültige Informationen eher meiden. Machen Sie sich bewusst, dass auch Ihr Verlauf individuell ist oder wäre. Noch entscheidender ist, dass Sie sich bewusst sind, dass Sie Ihren Verlauf heilsam beeinflussen können. Sie sind dem Krebs nicht ausgeliefert.

Die Diagnose Brustkrebs wird so zwar eine Schreckensnachricht bleiben. Wesentlich ist aber, was sie in uns bewirkt. Die Information darf uns nicht lähmen! Vielmehr soll sie uns aufrütteln, neben den medizinischen Möglichkeiten auch die Selbsthilfe zu aktivieren.

Das Folgende tönt vielleicht provozierend. Doch ich habe in meiner langjährigen Tätigkeit sehr viele Brustkrebspatientinnen begleitet, die heute gesund sind. Ebenso ermutigend wie die Tatsache der Genesung, ist, dass viele ihren Krankheitsweg als Chance genutzt haben und heute eine bessere Lebensqualität haben als vor dem Krebs. Ja, sie leben besser als zuvor! Ich verniedliche den Leidensweg nicht. Ich appelliere dafür, dasswir uns einen Lebensstil aneignen, der verhindert, dass eine Krebsdiagnose einem Todesurteil gleichkommt. Denn das ist es nicht.

Verstümmelt ohne Nutzen. Jede Erkrankung ist Ausdruck eines Ungleichgewichtes in uns, einer Disharmonie. Wenn wir eine Krebserkrankung bekämpfen, ohne uns mit dieser Disharmonie zu befassen, ist es eine Frage der Zeit, bis sich das Symptom verlagert. Ich gehe von einer konkreten Situation aus, der prophylaktischen Kurzschlusshandlung: Wenn eine Frau eine solche Angst quält, an Brustkrebs zu erkranken und sich Angelina Jolie zum Vorbild nimmt und glaubt, dass eine beidseitige Ablatio (Brustentfernung) ihr Problem löst, täuscht sie sich mit grosser Wahrscheinlichkeit.

Eine prophylaktische Brustentfernung ist dann angezeigt, wenn aus medizinischer Sicht aufgrund eines positiven Gentests dazu geraten wird. Wer diesen gravierenden Schritt ohne entsprechende genetische Voraussetzung, sondern aus purer Angst unternimmt, verstümmelt sich selbst mutwillig und ohne Nutzen. Ich habe eine junge Frau begleitet, die sich trotz Abraten der Ärzte beidseitig prophylaktisch die Brüste hat entfernen lassen. Wenige Wochen nach der Operation ist eine Wunde geplatzt und aus «unerklärlichen» Gründen bis heute nicht verheilt. Das ist kein Zufall.

Körper und Geist stärken. Angst lähmt, macht krank und muss vermieden werden. Frauen, bei denen gewisse Brustkrebsarten im Frühstadium entdeckt werden, genesen in über 90 Prozent der Fälle. In Anbetracht dieser Zahl ist positives Denken angezeigt. Wichtig ist zudem das Wissen, dass wir nicht machtlos sind.

Krebs ist zerstörerisch. Er muss bekämpft werden. Aber mindestens ebenso muss der geschwächte Körper gestärkt werden. Wir alle sollen, wenn wir krank sind, auch durch Eigeninitiative dazu beitragen, dass unser Körper wieder ins Gleichgewicht kommt. Weil Immunsystem, Nervensystem und Psyche eng gekoppelt sind, gehört zu Prophylaxe und Heilung das tägliche, nicht nur sporadische Pflegen von Körper, Geist und Seele. Mit Pflege des Körpers meine ich nicht nur das Waschen – den körperlichen Bedürfnissen gebührt mehr Achtsamkeit, als sie meist erfahren. Wichtig sind Ernährung, Schlaf, Bewegung und bewusstes Entspannen. Letzteres wird unterschätzt und ist bei vielen aufgrund des getriebenen Lebensstils abhandengekommen. Auch die Psyche darf nicht vernachlässigt werden vor lauter Funktionieren und Hetzen. Je psychisch belastender eine Lebenssituation ist, desto weniger sollten wir Probleme verdrängen, indem wir uns ablenken, zum Beispiel indem wir in Hyperaktivität verfallen. Je unangenehmer das Befinden, mit desto mehr Zuwendung muss sich jeder selbst begegnen. Tut er oder sie das nicht, staut sich das chronische, psychische Unwohlsein und schwächt so wiederum das Immunsystem.

Trotz allen Schwierigkeiten, die das Lebens mit sich bringt, beruhigt das Wissen: Ich habe ausgeschöpft, was in meiner Möglichkeit steht. Das kann auch auf das Krebsgeschehen zutreffen, wenn man sich achtsam und ganzheitlich pflegt.

Buchtipps
• Florence Kunz-Gollut «Niemand muss müssen in der Krebstherapie», sokutec Verlag, 2011
• Irmey/Jordan «110 wirksame Behandlungsmöglichkeiten bei Krebs», Haug, 2001

Implantate oder Eigengewebe? Eine weitere Brustkrebsproblematik ist die körperliche Versehrtheit. Auch diesbezüglich gibt es Anlass für Zuversicht. Es gibt zwei Varianten: Implantate und Eigengewebeaufbau. Bei der Variante Implantate wird schon bei der grossen Operation (Ablatio) ein Expander unter die Muskulatur eingesetzt; noch während des Klinikaufenthaltes wird weiter expandiert. Positiv ist dieses Vorgehen, weil Frauen wegen dem sofortigen Wiederaufbau keine Verlustgefühle durchleiden. Nach etwa drei Monaten Expandieren erfolgt der zweite Klinikaufenthalt. Der Expander wird entfernt und ein Implantat eingesetzt.

Beim langwierigeren und aufwendigeren Eigengewebeaufbau wird Gewebe von Bauch, Oberschenkel, Gesäss oder Rücken verwendet. Dies erfordert einen grösseren Eingriff als bei Implantaten. Zu den Nachteilen gehören die Narben an den Spenderzonen; zudem besteht die Gefahr, dass Durchblutungsstörungen des verpflanzten Gewebes auftreten, die zu einer Verlängerung der Wundheilung führen.

Ein weiterer Aspekt bei Brustkrebs ist das damit verbundene Stigma. Zwar wird im öffentlichen Leben Krebs immer mehr thematisiert, werden Hilfsangebote ausgebaut, wird aufgeklärt, usw. Wo es aber um das persönliche Erleben geht, besteht immer noch ein grosser Unterschied zu Krankheiten wie Herzinfarkt oder Burn-out. Diese gelten als eine Art Gütesiegel einer überengagierten Person. Krebsbetroffene hingegen stossen oft auf Unverständnis, Zugeknöpftheit und entmutigende Bemerkungen – oft weil das Gegenüber Angst hat.

Es gibt viele Krebskranke, die verstummt sind, weil sie sich ungeeigneten oder unbeholfenen Personen anvertraut haben. Es geht nicht ums Verheimlichen, aber Betroffene sollen spüren, ob der Gesprächspartner geeignet ist, um über die Krankheit zu reden. Wenn es doch zur Verletzung kommen sollte, trösten Sie sich: Es ist nicht die Ihre, sondern die Schwäche des Gegenübers, wenn es überfordert ist und destruktiv reagiert.

Autorin
Gabriela Vetter, Psychotherapeutin in Zürich, ist Buchautorin zu den Themen Psychoonkologie, Depression und Partnerschaft.



Illustrationen: Lina Hodel

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