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Geissel der Moderne?

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_01-02/2017 - 01.02.2017

Text:  Anja Speitel

Unser Lebensstil bringt das Immunsystem durcheinander. Und so reagieren immer mehr Menschen allergisch auf an sich harmlose Substanzen wie Pollen, Duftstoffe und Nahrungsmittel. Was tun?

@ istockphoto.com, zvg, Illustration: Rahel Blaser

Noch ist die Natur im Winterschlaf. Doch schon bald kündigen die ersten spriessenden Knospen den Frühling an. Nicht alle freut das. Heuschnupfen ist die häufigste Allergie in Europa. Rund 30 Prozent aller Schweizer reagieren mit geschwollenen Schleimhäuten, Schnupfen und Niesattacken, juckenden Augen oder sogar Asthma auf die Pollen von Bäumen, Sträuchern und Gräsern.

Der Alltag ist voller Allergene. Sie begegnen uns in Nahrungs- und Reinigungsmitteln, in Kosmetika, Jeans und Gürtelschnallen, als Hausstaub oder Milben. Man kennt heute mehr als 20 000 Allergene. Die meisten davon sind an sich harmlose Substanzen, die das Immunsystem von Allergikern jedoch als gefährlich einstuft. Daraufhin setzt es das Abwehrprogramm des Körpers in Gang: eine Entzündungsreaktion. «Die Anzahl der Allergiker ist in den vergangenen 50 Jahren rapide angestiegen», weiss Cezmi Akdis, Direktor des Schweizerischen Instituts für Allergie- und Asthmaforschung (SIAF) in Davos. Doch warum immer mehr Menschen allergisch reagieren, haben Wissenschaftler weltweit bislang noch nicht im Detail klären können. Sicher ist, dass Allergien auch erblich bedingt sein können: Sind beide Eltern von einer Allergie betroffen, steigt das Erkrankungsrisiko für deren Kinder auf satte 80 Prozent. Ist nur ein Elternteil Allergiker, liegt das Risiko bei 50 Prozent.

Surtipps
Hier erhalten Sie weitere interessante Informationen zum Thema
• Alles Wissenswerte rund um Allergien erhalten Betroffene bei der Stiftung aha! Allergiezentrum Schweiz in Bern. www.aha.ch, aha!infoline: 031 359 90 50, Mail: infowhatever@aha.ch
• Produkte und Dienstleistungen, die das Schweizer Allergie-Gütesiegel tragen, finden Betroffene bei Service Allergie Suisse: www.service-allergie-suisse.ch, Telefon 031 359 90 09, Mail: infowhatever@service-allergie-suisse.ch
• Pollen-Prognose für die Schweiz: www.pollenundallergie.ch oder www.meteoschweiz.ch
• Die Schadstoff-Belastung der Außenluft kann abgefragt werden beim Bundesamt für Umwelt (BAFU): http://www.bafu.admin.ch/luft/luftbelastung/aktuell/index.html?lang=de

Schulmedizin wenig erfolgreich. Darüber hinaus scheint der moderne Lebensstil eine wichtige Rolle zu spielen. Wir leben übertrieben sauber, gleichzeitig nehmen Belastungen aus der Umwelt zu. Die «Hygiene-Hypothese» geht davon aus, dass sich die Abwehrkraft auf Harmloses stürzt, weil sie sich kaum mehr mit krank machenden Keimen auseinandersetzen muss. Studien stützen diese These, zum Beispiel die berühmte «Bauernhof-Studie». Demnach leiden Bauernkinder viel seltener unter Heuschnupfen und Asthma als andere Kinder. Die mikrobielle Exposition im Kuhstall – durch Einatmen oder Verschlucken von Staub oder durch direkten Hautkontakt – ist einer der zentralen Faktoren, denen man eine wichtige Rolle beim Schutz vor Allergien zuschreibt.

Auch die Industrialisierung trägt zur Zunahme von Allergien bei: Heften sich Russpartikel aus Abgasen an Pollen, steigt deren allergieauslösendes Potenzial. Und nicht zuletzt setzt auch der Dauerstress dem Immunsystem zu.

Die Schulmedizin hat Allergien bislang wenig entgegenzusetzen: Kortison oder Antihistaminika können die körperlichen Reaktionen nur kurzfristig lindern. Zudem haben sie teilweise heftige Nebenwirkungen.

Langfristig hilft manchen Allergikern die Hyposensibilisierung, auch spezifische Immuntherapie genannt. Sie wird eingesetzt bei Heuschnupfen und allergischem Asthma sowie bei Allergien gegen Hausstaub, Tierhaare, Pilzsporen, Bienen- und Wespengift. Dabei wird das Allergen in steigender Dosis alle paar Wochen unter die Haut gespritzt (subkutane Immuntherapie, SCIT) oder täglich eingenommen (sublinguale Immuntherapie, SLIT). So gewöhnt sich das Immunsystem allmählich an den gefürchteten Stoff; bestenfalls verschwindet die überschiessende Reaktion ganz. Allerdings braucht man Disziplin und Durchhaltevermögen: eine Hyposensibilisierung dauert drei bis fünf Jahre.

Der Mensch als Ganzes. Die Komplementärmedizin versucht der überschiessenden Immunreaktion ganzheitlich zu begegnen. «Allergien nehmen Einfluss auf den gesamten Menschen. Um das Immunsystem wieder in Balance zu bringen, ist es wichtig, den Patienten in seiner Ganzheit zu behandeln», sagt Simon Feldhaus, ärztlicher Leiter des Paramed-Kompetenzzentrums für Komplementärmedizin in Baar. Deshalb stehe am Anfang der Behandlung ein ausführliches Gespräch, um zu ergründen, welche individuellen Ursachen zur Allergie beitragen könnten. «Toxische Metalle im Körper wie Aluminium oder Amalgam, falsche Ernährung, Vitalstoffmangel oder chronischer Stress nehmen stark negativen Einfluss auf unser Immunsystem», meint Feldhaus. Solche Faktoren liessen sich mit modernster Diagnostik über Bluttests, per Haaranalyse oder Stuhlprobe abklären. Je nach Ergebnis werde die Behandlung dann individuell auf den einzelnen Patienten zugeschnitten – von der Sanierung des Darmmilieus oder der Ausleitung von Metallen über Ernährungsberatung und den Ausgleich von Mangelzuständen bis hin zu Akupunktur, Homöopathie oder Bioresonanztherapie kommen bei Paramed vielerlei Methoden zum Einsatz.

Geduld brauchen Patienten allerdings auch bei der komplementärmedizinischen Behandlung. «Bis erste Therapieerfolge spürbar sind, vergehen mindestens zwei Monate», sagt Feldhaus. Wer langfristig dranbleibe, werde aber belohnt: «Rund 70 Prozent unserer Heuschnupfenpatienten sind nach zwei bis drei Saisons Behandlung symptomfrei.»

Die Wurzel des Übels. Gerade die Homöopathie kennt viele Mittel gegen akute allergische Reaktionen: Euphrasia (Augentrost) hilft bei tränenden Augen, Sinapis nigra (schwarzer Senf) lindert Niesreiz und Apis (Honigbiene) wirkt Schleimhautschwellungen entgegen. Cinnabaris (Zinnober) unterstützt die Schleimlösung und Luffa operculata (Kürbisschw.mmchen) lindert Schnupfen.

Besonders bewährt bei Heuschnupfen hat sich Galphimia glauca (Kleiner Goldregen). Insbesondere in Tiefpotenzen (z. B. D12) angewandt, sei dessen Wirkung mit der von herkömmlichen Antihistaminika vergleichbar, berichtet die deutsche Carstens-Stiftung, die Naturheilkunde und Homöopathie wissenschaftlich erforscht. Zwar können Betroffene die sanften und sichern Tiefpotenzen selbst anwenden, doch lohnt ein Besuch beim Homöopathen, gerade wenn man das Leiden nicht nur symptomatisch behandeln will.

Die Homöopathie greift Allergien auch an der Wurzel. Die sogenannte Miasmatik, ein Spezialgebiet der Homöopathie, bezieht Erkrankungen der Vorfahren sowie eigene Vorerkrankungen und Belastungen etwa durch Impfungen und Umwelteinflüsse mit in die Behandlung ein und räumt diese Heilungshindernisse aus.

Auch die homöopathische Konstitutionstherapie kann Allergikern gut helfen: «Damit stärkt man den Organismus», erläutert die Heilpraktikerin Eva Lackner vom Paramed Ambulatorium. «Durch eine gute Grundkonstitution kann der Körper seine Schwachstellen kompensieren und lernen, welche Eindringlinge er wirkliche bekämpfen muss.» Bei Kindern griffen solche Therapien oft schon nach einem Jahr. Erwachsene jedoch müssten auch hier mit zwei bis drei Jahren Behandlung rechnen.

Natürliche Hilfen bei Allergien
Bei starker Luftverschmutzung intensive körperliche Anstrengung im Freien vermeiden. Hohe Ozonwerte z. B. treten besonders nachmittags und abends im Sommer auf.
Die Raumluft rein halten durch regelmässiges Lüften. Während der Heizperiode auch auf angemessene Luftbefeuchtung achten. Chemische Reinigungsmittel sparsam einsetzen. Besser natürliche verwenden, z. B. Lavendelwasser (wirkt beruhigend, entzündungslindernd und desinfizierend).
Heuschnupfengeplagte sollten lüften, wenn am wenigsten Pollen in der Luft schweben: In der Stadt ist die Pollenkonzentration abends am höchsten, auf dem Land hingegen ist der Pollenflug meist morgens am intensivsten. Deswegen hier erst kurz vor dem Zubettgehen für Durchzug sorgen. Pollenschutzgitter einsetzen. Vor dem Zubettgehen die Haare waschen, denn dort setzen sich die feinen Pollen besonders gut fest. Dasselbe gilt für Kleidung, die also nicht im Schlafzimmer ablegen. Um die Schleimhaut von Pollen zu säubern, hilft eine Spülung mit der Nasendusche.
Hausstauballergiker sollten ihr Bettzeug jede Woche bei mindestens 60 Grad waschen. Spezielle milbendichte Bezüge und eine eher kühle Raumtemperatur helfen ebenfalls, die Allergenbelastung gering zu halten. Teppiche am besten ganz aus der Wohnung verbannen, Sitzmöbel ohne Stoffbezüge anschaffen und den Staubsauger mit HEPA-Filter ausrüsten.
Kontaktallergien treten durch Kontakt mit speziellen Substanzen auf. Die Haut wird daraufhin rot oder rau, juckt, schuppt oder bildet Bläschen. Solche Reaktionen lösen häufig Duftstoffe aus, die in Kosmetika, Wasch- und Reinigungsmitteln enthalten sind. Auch Nickel, der oft in Modeschmuck steckt, gilt als einer der häufigsten Auslöser von Kontaktallergien.
Links: siehe www.natuerlich-online.ch

Die Konstitution stärken. Um die Konstitution zu stärken, rät Lackner zu einer gesunden Lebensweise: «Unser Immunsystem ist durch das moderne Leben heute mit so vielen Schadstoffen aus Umwelt und falscher Ernährung sowie mit Stress konfrontiert, dass es leicht durcheinander kommen kann. Damit Umweltgifte uns nicht krank machen, sollte man permanent entgiften.» Die Heilpraktikerin rät, den Tag immer mit einer Tasse heissem Ingwerwasser, einer Apfelessig-Honig-Mischung oder Zitronenwasser zu beginnen, um den Stoffwechsel anzukurbeln. Ausserdem solle man die Leber, die Entgiftungszentrale des Körpers, mit Bitterstoffen unterstützen, zum Beispiel mit Mariendistel, Löwenzahn, Schafgarbe, Schöllkraut oder Artischocke. «Und tief atmen. Sich Pausen verschaffen. An der frischen Luft spazieren», appelliert Lackner. Wer jeden Tag zügig im Wald spazieren gehe, atme schon viele Giftstoffe aus. Zudem wirke ein Waldspaziergang entstressend. Und das sei entscheidend  um Allergien Paroli zu bieten, sagt Lackner. «Viele Menschen haben ihren natürlichen Lebensrhythmus verloren und sind ständig im Stress. Bei Allergikern sind die Werte für die Stresshormone meistens erhöht.»

Foto: istockphoto.com, zvg, Illustration: Rahel Blaser

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