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Der lange Weg zur Anerkennung

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_12/2016 - 01.12.2016

Text:  Fabrice Müller

Am 17. Mai 2009 haben Volk und Stände dem neuen Verfassungsartikel 118a zur Komplementärmedizin zugestimmt. Er verpflichtet Bund und Kantone dafür zu sorgen, dass die Komplementärmedizin in das Gesundheitssystem integriert wird. Was ist stand der Dinge?

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Sieben Jahre sind vergangen seit dem klaren Ja des Schweizer Volks zur Komplementärmedizin. Und noch mehr Zeit, seit die Verantwortlichen der verschiedenen Berufs- und Therapeutenverbände zu ersten Koordinationsgesprächen an einen Tisch gebracht werden konnten. «Bereits das war eine grosse Herausforderung. Ein Meilenstein auf dem Weg zur Schaffung des eidgenössisch anerkannten Berufs des Naturheilpraktikers mit den Fachrichtungen Ayurveda-Medizin, Homöopathie, Traditionelle Chinesische Medizin TCM und Traditionelle Europäische Naturheilkunde TEN», erinnert sich Heidi Schönenberger, Präsidentin der Organisation der Arbeitswelt Alternativmedizin Schweiz (OdA AM), einem Zusammenschluss von Berufs- und Schulverbänden sowie anderen Organisationen der Alternativmedizin.

Um den Forderungen der Volksinitiative Nachdruck zu verleihen, brauchte es dann auf politischer Ebene ebenso viele Gespräche, Aufklärungsarbeit und auch ein starkes Auftreten, berichtet Nationalrätin Edith Graf-Litscher, die sich als Co-Präsidentin im Dachverband Dakomed für die Komplementärmedizin einsetzt. Dakomed tritt als Sprachrohr für die Komplementärmedizin gegenüber Politikern und Behörden auf. Ende Juni diesen Jahres beschloss eine nationale Vernehmlassungsrunde nun die Aufnahme der ärztlichen Komplementärmedizin in die Grundversicherung. Derzeit läuft die Auswertung der Anhörung. «Wir sind überzeugt, dass der Bundesrat in unserem Sinn entscheidet», sagt Graf-Litscher.

Kerninhalte in der Umsetzungsphase. Bereits im März 2014 hat das Parlament den Bundesrat aufgefordert, über den Stand der Umsetzung zu informieren. In seinem Bericht wird ersichtlich, dass sich die Kerninhalte der Verfassungsbestimmung in der Umsetzungsphase befinden:
• Künftig sollen Arzneimittel der Komplementärmedizin und Pflanzenheilkunde einen erleichterten Zugang zum Markt erhalten. Eine entsprechende Revision des Heilmittelgesetzes ist abgeschlossen. Für homöopathische und spagyrische Mittel waren die Zulassungshürden bisher besonders hoch.
• Angehende Ärzte, Apotheker, Zahnärzte, Tierärzte sowie Chiropraktiker eignen sich künftig während ihrer Ausbildung an der Universität angemessene Kenntnisse über die Komplementärmedizin an. Die Universität Bern betreibt dazu das Institut für Komplementärmedizin (IKOM), am Universitätsspital Zürich gibt es das Institut für komplementäre und integrative Medizin (IKI).
• Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) hat die höhere Fachprüfung für Naturheilpraktiker und Komplementärtherapeuten bewilligt. Der Bundesrat empfiehlt, künftig nur noch diplomierten Naturheilpraktikern eine kantonalen Berufsausübungsbewilligungen zu erteilen. Seit November 2015 haben bereits etwas mehr als 200 Naturheilpraktiker die Höhere Fachprüfung bestanden.
• Derzeit wird ein Vorschlag ausgearbeitet für die Neuregelung der Leistungspflicht der ärztlichen Komplementärmedizin in der obligatorischen Krankenpflegeversicherung. Er sieht vor, dass künftig für alle ärztlichen Leistungen das Vertrauensprinzip gilt. Die Kostenübernahme der seit 2011 befristet aufgenommenen ärztlichen Leistungen der anthroposophischen Medizin, Homöopathie, Phytotherapie und Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) ist somit langfristig gewährleistet. Die Neuregelung soll per 1. Januar 2017 in Kraft treten.

Kosten sparen. Graf-Litscher freut sich über die vom Bundesrat vorgeschlagene Neuregelung: «Damit wird eine zentrale Forderung des Verfassungsartikels 118a Komplementärmedizin endlich umgesetzt – nämlich die definitive Vergütung der ärztlichen Komplementärmedizin durch die Grundversicherung.» Den Vorschlag des Bundesrates unterstützen unter anderem auch die Konferenz der Kantonalen Gesundheitsdirektoren (GDK), der Krankenkassenverband Curafutura, die FMH, Hausärzte Schweiz und die grosse Mehrheit der politischen Parteien. Negativ äussert sich der Krankenkassenverband Santésuisse. Er ist der Meinung, dass der wissenschaftliche Wirksamkeitsnachweis ungenügend ist. Dem hält Dakomed- Vorstandsmitglied Hansueli Albonico entgegen: «Es liegen in der ärztlichen Komplementärmedizin eine grosse Zahl von klinischen Studien auf einem hohen Evidenzlevel vor, der mit der Schulmedizin vergleichbar ist», sagt der Präsident der UNION komplementär medizinischer Ärzteorganisationen.

Zudem belegen aktuelle Zahlen der Santésuisse-Tochter SASIS, dass Ärzte, die Komplementärmedizin integrieren, ausnahmslos günstiger sind als die Vergleichsgruppe der rein schulmedizinisch arbeitenden Ärzte. «Die Befürchtung einer Verteuerung ist unbegründet. Im Gegenteil lassen sich mit komplementärmedizinischen Behandlungen Kosten sparen», betont denn auch Albonico. Das ist auch angesichts ständig steigender Versicherungsprämien relevant.

Wie geht es weiter? Die Grundlagen zur Umsetzung des Verfassungsartikels wurden auf Bundesebene also geschaffen. Nun liegt es an den Kantonen, die weitere Umsetzung voranzutreiben. «Wie die einzelnen Kantone die Komplementärmedizin in ihr Gesundheitssystem integrieren, ist sehr unterschiedlich und oft stark von den Verantwortlichen in den Behörden abhängig», sagt Nationalrätin Graf-Litscher. Der Kanton St. Gallen etwa gehe mit positivem Beispiel voran, indem die Komplementärmedizin auch an den Spitälern bereits verankert ist. Der Kanton Zug ermöglichte bereits vor neun Jahren die kantonal anerkannte Höhere Fachschule für Naturheilverfahren und Homöopathie (hfnh). Die Kantone Basel, Baselland, Graubünden, Obwalden, St. Gallen, Schaffhausen, Schwyz und Thurgau haben die Berufsausübung für nichtärztliche Therapeuten bezüglich des eidgenössischen Diploms geregelt. Die Kantone Aargau und Bern arbeiten daran. Zurückhaltend verhalten sich die Westschweizer Kantone.

Die kantonalen Sektionen von Dakomed suchen das Gespräch mit den Behörden. «Wir wollen die Umsetzung nicht mit der Brechstange forcieren», sagt Graf-Litscher. «Wir setzen auf Überzeugungsarbeit.»

Evolution des Gesundheitswesens. Die Umsetzung des Verfassungsartikels 118a zur Komplementärmedizin stehe für eine Stärkung und Anerkennung einer wirksamen Medizin, die von vielen Menschen genutzt und geschätzt wird, meint Edith Graf- Litscher. «Die integrale Medizin in der Schweiz wird gefördert, das entspricht dem zentralen Anliegen der Initiative.»

Was heisst das für unser Gesundheitssystem? Christan Vogel, Vorstandsmitglied Dakomed und ehemaliger Präsident der Naturärzte Vereinigung der Schweiz (NVS) glaubt an einen fast schon revolutionären Akt: «Wenn es den Komplementärmedizinern gelingt, ihren Patienten zu einer bewussteren Selbstwahrnehmung zu verhelfen, zu mehr Selbstbestimmung und Selbstverantwortung – dann kann dadurch das Gesundheitswesen verändert werden. Entgegen dem Trend zu immer mehr Technik und Kontrolle und Überwachung über einen Körper, an dem herumgedoktert wird von der Geburt bis zum Tod.»

Sicherheit für Patienten. Und was bedeutet das für die Naturheilpraktiker und Komplementärtherapeuten? «Sie treten mit der neuen Regelung aus der Grauzone des Geduldet-Seins heraus, wo sie bisher arbeiten mussten, sagt Vogel. «Erstmals – und in Europa einmalig – gibt es nun zwei Berufe mit geregelter Ausbildung und eidgenössischer Anerkennung, die neben den Ärzten selbstständig und mit ihren eigenen Methoden Krankheiten und Beschwerden behandeln dürfen. So sind diese Fachmänner und -frauen gesellschaftlich sichtbarer geworden – mit allen Vor- und Nachteilen, die es mit sich bringt, Teil eines Systems mit Vorgaben und Regulierungen zu sein.»

Für die eidgenössische Anerkennung als Naturheilpraktiker oder Komplementärtherapeutin müssen sich bereits praktizierende Fachpersonen vertieft mit ihrer Arbeit auseinandersetzen; unter anderem im Rahmen einer Fallstudie, die der Bund zusammen mit verschiedenen Berufsverbänden der Komplementärmedizin und dem SBFI ausgearbeitet hat.

Pionierrolle dank Chancengleichheit. Und was bedeutet das für uns Versicherte? Die Chance, das Gesundheitswesen zu revolutionieren. Aber das hatten wir schon. Vorerst eine Orientierung im Dschungel der verschiedenen Berufe und Angebote der Komplementärmedizin – die eidgenössisch anerkannten Berufsdiplome der Naturheilpraktiker und Komplementärtherapeuten sind verlässliche Qualitätslabels. Neu Bestandteil der Grundversicherung, sofern sie von einem Arzt ausgeführt werden, sind Leistungen der anthroposophischen Medizin, Homöopathie, Phytotherapie und TCM. Die übrigen Angebote der Komplementärmedizin werden nach wie vor über die Zusatzversicherungen abgerechnet. Wie bei den Kantonen braucht es auch unter den Krankenkassen Verhandlungen und Absprachen über die Umsetzung des neuen Verfassungsartikels.

Längst zum Alltag gehört die Komplementärmedizin bei der EGK-Gesundheitskasse. «Wir leben seit 30 Jahren die Chancengleichheit von Schul- und Komplementärmedizin, weil dieses Miteinander einem grossen Kundenbedürfnis entspricht», sagt die Kommunikationsverantwortliche Ursula Vogt. «Für uns bedeutet der neue Verfassungsartikel keine Umstellung, da wir seit Langem eine breite Liste an komplementärmedizinischen Anwendungen über Zusatzversicherungen abdecken.» Viele andere Krankenversicherer haben die Zeichen der Zeit ebenfalls erkannt und bieten ebenso Zusatzversicherungen für komplementärmedizinische Leistungen an. 

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