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«Über allen Gipfeln ist Ruh»

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe 10/2016 - 01.10.2016

Text:  Markus Kellenberger

Unsere Welt ist laut – und wenn sie still ist, machen wir sofort Lärm. Schade, denn Stille hat die Kraft, körperliche und seelische Wunden zu heilen.

@ Tomas Sereda

«Stille ist mehr als die Abwesenheit von Lärm, mehr als das Fehlen von Worten. Stille fordert uns heraus, uns der eigenen Wahrheit zu stellen», schreibt Anselm Grün in seinem Buch «Zeiten der Stille». Und ein paar Seiten weiter: «Manche Menschen reagieren auf Stille mit Panik. Sie haben Angst vor der Stille. Doch wer sich der Stille stellt, den führt sie in die innere Ruhe, zum Einklang mit sich selbst.» Das sind einfache und klare Worte, die der deutsche Benediktiner für ein Phänomen gefunden hat, nach dem viele Menschen streben – und es dann doch nicht aushalten.

Stille ist heilsam, Lärm macht krank. Die grösste Lärmquelle in unserem Land ist der Strassenverkehr. 1,4 Millionen Menschen, meist in Städten und Agglomerationen, sind laut dem Bundesamt für Umwelt (Bafu) derart davon betroffen, dass Langzeitschäden nicht auszuschliessen sind. Obschon wir den Lärm von Strassen und Eisenbahnen mit der Zeit nicht mehr bewusst wahrnehmen, hält er unseren Körper dennoch in einer Art Daueralarmzustand – ein biologisches Erbe der Evolution, denn er versetzt den Körper in Fluchtbereitschaft; das Herz schlägt schneller, Nerven und Muskeln sind gespannt. Unseren Vorfahren sicherte dieser Reflex das Überleben. Uns macht er krank, wenn er über Monate und Jahre anhält, er führt unter anderem zu Schlafstörungen und chronischem Bluthochdruck, die wiederum Folgekrankheiten wie Depressionen oder Herzprobleme auslösen können.

Ein bisschen mehr Stille wäre also ein wirksamer Beitrag für die Volksgesundheit. Interessanterweise reagieren viele Menschen auf Dauerlärm aber mit noch mehr Lärm. Zum Beispiel im öffentlichen Raum. Wenn nicht gerade telefoniert wird, läuft im Auto die Morgensendung, und wer zu Fuss, mit Bahn, Bus oder Tram unterwegs ist, beschallt die Ohren direkt mit seinem Lieblingssound. Im Laden gilt Hintergrundmusik als verkaufsfördernd – je jünger das Publikum, desto lauter ist sie – und in Restauranttoiletten übertönt Allerweltspop natürliche Körpergeräusche.

Zu Hause geht die Beschallung weiter. Kaum hat man mit dem Schliessen der Haustüre den Strassenlärm ausgesperrt, werden Radio oder Fernseher in Betrieb genommen, oft auch beide miteinander. Anselm Grün hat recht. Stille, also die Abwesenheit von künstlich erzeugten Geräuschen, halten viele Menschen nicht aus. Dabei täte sie in einer Zeit, in der sich Burn-outs wie eine Infektionskrankheit ausbreiten, richtig gut. «Die Stille ist erholsam», schreibt der Pater. «In der Stille holen wir uns das, was wir zum Leben brauchen: Ruhe, Gegenwart, die Fähigkeit, ganz zu sein, im Einklang mit uns zu sein. Die Stille ist reinigend und erneuernd.»

Tatsächlich empfinden alle Menschen Stille im ersten Moment als wohltuend; doch schon nach ein paar Minuten schlägt das Gefühl bei vielen in Langeweile um. Sofort müssen neue Eindrücke her, die wertvolle Zeit muss «optimal» ausgenutzt werden – und schon sind sie wieder Teil einer Konsumgesellschaft, der ohne Dauerberieselung auf verschiedensten Kanälen der Sinn des Lebens verloren geht.

Andererseits, und das passt eben auch in diese laute und daueraktive Konsumgesellschaft, boomen Bücher und Kurse über Achtsamkeit und Meditation, Letzteres meist in organisierter Stille. Verschiedene christliche und buddhistische Orden in der Schweiz, in Deutschland und Österreich bieten Frauen und Männern aller Glaubensrichtungen an, tage- oder wochenweise als Gast bei ihnen zu leben, um sich in der klösterlichen Stille erholen und wiederfinden zu können. «In der Stille», schreibt Grün, «finden wir auch Verwandlung, Heilung und Frieden.» Aus einem einfachen Grund: Stille Zeiten sind Momente – Augenblicke oder gar Stunden –, in denen wir nur für uns da sind.

Nicht alle haben Lust oder die Möglichkeit, sich in ein Kloster zurückzuziehen. Aber das braucht es auch nicht in jedem Fall. Zu Hause reicht es, bewusst für ein paar Stunden das Handy wegzulegen und Computer, Radio und TV auszuschalten. Auch ein Waldspaziergang (ohne Handy) wirkt Wunder – oder ein kleines Feuer im Cheminée, im Garten oder am Waldrand.

Foto: Tomas Sereda

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