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Sabine Hurni über den vernetzten Körper

Kategorie: Beratung
 Ausgabe 09/2016 - 01.09.2016

Text:  Sabine Hurni

Nun hat auch die Fitnessszene entdeckt, dass reines Muskeltraining kaum ganzheitlich ist. Faszientechnik heisst der Trend.

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Wie lange ist es her, dass Sie eine Vorwärtsrolle – hierzulande ein Heubürzeli – gemacht haben? Können Sie zwanzig Minuten im Schneidersitz sitzen? Wann sind Sie das letzte Mal kopfüber an einer Reckstange gehangen? Und schaffen Sie es, mit aufrechtem Oberkörper und ausgestreckten Beinen entspannt zu sitzen? Ich rate Ihnen entschieden davon ab, dies alles sogleich auszuprobieren, es sei denn, Sie haben keine Angst vor Schmerzen oder sind sehr gut trainiert.

Vielmehr möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass unser Körper diese Bewegungsabläufe und Positionen rein anatomisch gesehen durchaus bis ins hohe Alter ausführen kann. Menschen, die regelmässig Yoga, Pilates, Qigong oder Tai Chi machen, werden das bestätigen und sind der Beweis dafür, dass der Körper bis ins hohe Alter beweglich und geschmeidig bleiben kann. Das Geheimnis der Beweglichkeit liegt aber nicht allein an der körperlichen Verfassung. Ausschlaggebend ist der Zustand der sogenannten Faszien.

Bis heute sucht die Medizin
isoliert nach Ursachen. Schmerzt ein Gelenk, sucht man dort, wo sich der Schmerz zeigt. Entsprechend gross ist die Ratlosigkeit, wenn die Schmerzursache unklar bleibt. Bei solch einer begrenzten Betrachtungsweise wird ausgeblendet, dass der Körper eine Einheit ist. Die östliche und westliche Naturheilkunde sieht das ganzheitlicher. Für sie hängt alles mit allem zusammen. Man spricht von Energie, von Körperleitbahnen und von schlackenartigen Stoffwechselendprodukten, die das Leitsystem verstopfen. Das sind vage und zu wenig präzise Sichtweisen, die der modernen Wissenschaft nicht genügen. Doch jetzt hat sie die Faszien entdeckt und kommt somit zu einer ganzheitlicheren Betrachtung des menschlichen Körpers.

Faszie bedeutet Bund oder Bündel. Es handelt sich dabei um ein elastisches Netz, das sich um sämtliche Organe und Muskeln des Körpers legt. Genau wie der Rinderdarm den Cervelat in Form hält, sorgen die Faszien im menschlichen Körper dafür, dass sich nichts verschiebt. Damit sich die Lungen, der Darm und das Herz trotzdem bewegen können, sind die Faszien dehnbar und elastisch. Sie bestehen aus kollagenen Fasern, Wasser, Lymphbahnen und Nervenenden. Dadurch dienen sie neben dem Zusammenhalt des Körpers auch als Wasserspeicher und als eine Art Schutzhülle. Insgesamt gibt es drei Arten von Faszien: die oberflächlichen Gewebefaszien, die tiefen Faszien in Knochen, Sehnen und Gelenken sowie die viszeralen Faszien am Herzbeutel, der Hirnhaut, dem Bauchfell und dem Brustfell. Solange die Faszien gesund sind, fühlt sich der Körper beweglich, geschmeidig und gut an. Wie bei Kindern, deren Gelenke wie Sprungfedern fast jeden Aufprall verzeihen.

Bewegungsmangel, Überlastungen, Verletzungen und Stress können den Faszien allerdings stark zusetzen. Weil viele Nerven im Fasziennetz enden, überträgt sich emotionaler Stress sofort auf die Faszien. Sie ziehen sich zusammen, verkleben, verfilzen und verlieren ihre Elastizität. Das führt zu einem Lymphstau, der wiederum dafür verantwortlich ist, dass keine Nährstoffe in die betroffene Körperregion gelangen. Passiert dies im Bereich der grössten und wichtigsten Faszie des Körpers, der Lendenfaszie im unteren Rücken, leiden mit der Zeit die Bandscheiben und das Hüftgelenk unter der Unterversorgung an Flüssigkeit, Mineralstoffen und Vitaminen. Hier kommt der ganzheitliche Aspekt ins Spiel: Verzieht sich das Netz an einer Stelle, hat dies unmittelbar einen Einfluss auf sämtliche andere Muskelpartien, weil diese durch das Fasziennetz miteinander verbunden sind. So kann ein Schleudertrauma zu Achillessehnenschmerzen führen, eine Lungenentzündung zu Rückenverspannung, Verstopfung zu Kopfschmerzen. Aber auch das Gegenteil ist der Fall. Schafft man es, die Faszien an einer Stelle zu lösen, kann sich oft das ganze Fasziennetz entspannen und der Körper baut innert kurzer Zeit ein neues, elastisches Netz auf.

Zur Pflege und Gesunderhaltung
der Faszien gibt es verschiedene Methoden, die im Idealfall miteinander kombiniert werden. Wichtig ist das tägliche Dehnen der Muskulatur. Besonders effizient sind Bewegungsformen, die mit weichen Dehnübungen über lange Körperstrecken hinweg für Beweglichkeit sorgen. So zum Beispiel bei Yoga, Pilates, Tai Chi oder im Qigong. Eine Stunde pro Woche reicht allerdings nicht, um merkliche Veränderungen im Körper zu bewirken. Es ist wichtig, diese Bewegungsmethoden im Alltag zu verankern, wie das Essen und das Zähneputzen. Weitere Möglichkeiten sind das tägliche Trampolinhüpfen, das Anregen der Lymphbahnen mithilfe von Brennnesseltee und die Einnahme von Basensalzen über einige Wochen hinweg.

Das Lösen der Faszien mit harten Schaumstoffrollen ist im Moment der neuste Trend in Gymnastikklassen und Pilatesstunden. Man legt sich zum Beispiel seitlich auf eine Rolle, sodass diese sich genau auf Höhe der Aussenseite des Oberschenkels befindet. Dann bewegt man den Körper von den Knien bis zur Hüfte hoch und runter. Durch das eigene Körpergewicht erhöht sich der Druck auf die Rolle. Was auf Bildern locker aussieht, entpuppt sich in der Praxis als ziemlich schmerzhafte Angelegenheit.

Um die Faszien zu entspannen, müssen Sie sich nicht gleich eine solche Schaumstoffrolle oder einen Ratgeber kaufen. Fangen Sie klein an: Nehmen Sie einen Golfball, einen Tennisball, eine Boccia-Kugel oder ein Wallholz. Über diese harten, runden Gegenstände rollen Sie im Stehen die Füsse mehrmals ab. Das löst die Faszien an den Fusssohlen und macht so den ganzen Körper beweglicher.

Und wenn Sie das nächste Mal an einem Vita Parcours entlang spazieren: Packen Sie die Reckstange oder die Ringe und lassen Sie sich ein bisschen hängen. Ihr Fasziennetz wird hnen dankbar sein.

Zur Person
Sabine Hurni ist dipl. Drogistin HF und Naturheilpraktikerin, betreibt eine eigene Gesundheitspraxis, schreibt als freie Autorin für «natürlich», gibt Ayurveda-Kochkurse und setzt sich kritisch mit Alltagsthemen, Schulmedizin, Pharmaindustrie und Functional Food auseinander.

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