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Supersinnlos

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_06_2016 - 01.06.2016

Text:  Wilma Fasola

Goji-Beeren und Chia-Samen sind supergesund. Wirklich? Das beste an diesen Superfoods ist ihre Vermarktung. Alles andere lässt zu wünschen übrig.

Sie sind die neuen Wunderwaffen unter den Lebensmitteln: Goji-Beeren, Chia-Samen, Granatapfel und wie sie alle heissen. Die Superfoods sollen gesund, schön, jung machen. Die unschlagbare Wirkung dieser ernährungstechnischen Überflieger basiert laut Werbung stets auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Doch es lohnt sich, genau hinzuschauen. Nur schon der Name ist vor allem gute Verpackung, denn es gibt keine allgemeingültige Definition für den Begriff Superfood. Gemein ist allen, dass bestimmte Nährstoffe dieser Lebensmittel gesundheitsfördernd wirken können. Doch auch in einem Apfel stecken beispielsweise viele Antioxidantien – wie eigentlich in allen Früchten.

Superkräfte müssens sein. Es ist, wie so oft, vor allem gutes Marketing, das ein Produkt zu einem Bestseller macht. Hinzu kommt der gesellschaftliche Trend, bewusst zu leben und zu essen. Besonders in den Industriestaaten rückt ein gesunder Lebensstil in den Fokus allen Tuns. Kann eine Beere oder ein Körnchen mit dem Argument, einen besonders hohen Anteil an Antioxidantien zu haben, angepriesen werden und steckt überdies noch viel eines wichtigen Mineralstoffs drin, wird der Kaufentscheid einfach. «Es ist kein Zufall, dass der Begriff Superfood in einer Zeit, wo gefühlt jede zweite Person einen Schrittzähler trägt und laktoseintolerant ist, so populär wurde», sagt René Allemann, Gründer und Geschäftsführer des auf Branding spezialisierten Zürcher Unternehmens Branders. «Das hohe Bewusstsein für den persönlichen Lebensstil und dessen Auswirkungen auf die eigene Gesundheit ist prägend für unsere Zeit. Was super heisst, steckt offenkundig auch voller nicht ganz erklärbarer Superkräfte. Und es ist bezeichnend, dass die exotischen Wunderlebensmittel fast immer mit einer mythischen Geschichte verknüpft sind.»

Anekdoten statt Fakten. Eine schöne Geschichte über ein Naturvolk in einem weit entfernten Land, bei welchem es weder Herzinfarkte noch Brustkrebs gibt, passt da bestens zur geschickten Vermarktung. Altes Wissen und ursprüngliche Traditionen machen den Mangel an wissenschaftlich fundierten Fakten und belegbaren Wirkungen wett. Was fremd und exotisch ist, ist aufregend und spannend. «Chia ist am Ende der Samen eines südamerikanischen Pseudogetreides (Anmerkung der Redaktion: Pseudogetreide ist im Gegensatz zu Weizen und Roggen eine andere Gattung und glutenfrei), Açai eine Beere aus dem Amazonas - gebiet und Federkohl ein in Vergessenheit geratenes Gemüse, das unsere Vorfahren bereits zu schätzen wussten», bläst Stef Schlüchter ins gleiche Horn wie der Marken-Experte. Die Ernährungsberaterin bei der Schweizer Gesellschaft für Ernährung (SGE) steht Superfood kritisch gegenüber. «Superfoods sollen unsere Körper mit einem Extra an lebenswichtigen Nährstoffen versorgen, gegen Müdigkeit, Abgeschlagenheit, das Altern und sogar allerlei Krankheiten wirken. Doch die meisten Behauptungen haben keinen wissenschaftlichen Hintergrund.»

Das Mehr an Vitaminen, Nährstoffen und Antioxidantien gewisser Lebensmittel ist zwar durch Studien belegt, es gilt jedoch einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Und dann entwickeln die Superfoods einen bitteren Beigeschmack. So werden in vielen Studien übermenschlich grosse Mengen verabreicht, die im Alltag nicht annähernd konsumiert werden. Hinzu kommt, dass die jeweiligen Lebensmittel nicht nur regelmässig, sondern fast täglich gegessen werden müssten, um einen positiven Effekt nachzuweisen. Da solche Studien zudem oft im Tierversuch oder als In-vitro-Experimente mit isolierten Kulturen menschlicher Zellen stattfinden, bleibt am Ende offen, was die bestimmten Nahrungsmittel dem lebenden Menschen tatsächlich bringen.

Weite Transportwege. Ausserdem hat der Transportweg von Chia-Samen und Co. das Attribut super alles andere als verdient. Er ist lang und ökologisch schwer zu verdauen. Dazu Stef Schlüchter: «Die Wege sind fraglich. Wenn es einheimische Lebensmittel gibt, die ein ähnliches Nährstoffspektrum wie das exotische Pendant aufweisen, sind diese zu bevorzugen. Hiesiger Leinsamen zum Beispiel steht den Chia-Samen beim Gehalt von Omega-3-Fettsäuren in nichts nach.»

Und auch die in der Produktion eingesetzten Pestizide übersteigen oftmals das in der Schweiz zulässige Mass. Bei einer aktuellen Untersuchung der Zeitschrift «Ökotest» fielen von 22 getesteten Superfoods zwei Drittel komplett durch, da die Konzentration der Pestizide enorm hoch war. Ebenso wurden Mineralöl, Cadmium und weitere Schadstoffe gefunden. So zeigte unter anderem die Probe der konventionell produzierten Goji-Beeren 16 verschiedene Pestizidrückst.nde auf. Das Fazit der Tester ist daher mehr als eindeutig: «Superfoods sind überflüssig, denn normale Lebensmittel versorgen uns mit allen Nährstoffen, die wir brauchen. Umso schlimmer, wenn viele Superfoods auch noch hoch mit Mineralöl, Cadmium oder Blei belastet sind, sodass nur ein Ungenügend bleibt.»

Eine Frage des Geldes. Dennoch finden die Produkte reissenden Absatz – bei jüngeren Generationen nicht zuletzt auch dank prominenter Vorbilder aus Hollywood und der Idee, man könne einen ungesunden Lebensstil mit ein paar Superfoods kompensieren. Superfoods polieren zudem das Image auf. «Man darf nicht vergessen, dass die Entscheidung für Superfood stets eine Frage des Geldes und damit Ausdruck eines gewissen Lebensstandards ist», sagt René Allemann. «Es ist ein Privileg von uns wohlhabenden Europäern, einfach kaufen zu können, was uns weniger Gewicht, höhere Leistungsfähigkeit und mehr Gesundheit verspricht.» Stef Schlüchter ergänzt: «Je mehr Ernährungs- und Gesundheitsthemen publiziert werden, umso mehr Handlungsspielraum gibt man den Menschen.» Aber: «Nicht jede Information ist korrekt und deren Umsetzung wirklich empfehlenswert. Schlechte Recherche und Sensationsjournalismus führen zu vielen Fehlinformationen, die von Laien jedoch nicht entlarvt werden können.»

Das Gute liegt so nah. Um sich gesund zu ernähren, hält man sich daher am besten an die Losung: Einheimisch ist dir am nächsten und saisonales Einkaufen garantiert viele wichtige Inhaltsstoffe. Die Schweiz ist kleinräumig genug, dass jedes Produkt gestern geerntet, heute auf dem Teller landen kann. Exotisch verführt, das ist keine Frage, aber Heimisch gibt Sicherheit. Etwas, was bei Lebensmitteln mehr wiegen sollte als eine gute Vermarktung.

llustrationen: Lina Hodel

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