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Sabine Hurni über eingebildete und echte Allergiker

Kategorie: Beratung
 Ausgabe_06_2016 - 01.06.2016

Text:  Sabine Hurni

Der Griff zum glutenfreien Brot oder Sojajoghurt ist nicht immer der richtige. Vielmehr sollte man bei Verdauungsbeschwerden auch einmal seine Essgewohnheiten kritisch hinterfragen.

Heute reagieren immer mehr Menschen überempfindlich auf gewisse Lebensmittel. Milcheiweiss und -zucker sowie Gluten sind in vielen verarbeiteten Lebensmitteln zu finden. Auch dort, wo man sie nicht erwartet: So steckt beispielsweise in vielen Wurstwaren Milchzucker. Und selbst Chips und Glacen sind nicht immer glutenfrei. Kommt hinzu, dass sich die Qualität von Milch und Weizen derart verändert hat, dass diese Grundnahrungsmittel zu hochtechnologischen Industrieprodukten geworden sind. Was sich im schlimmsten Fall beim Konsumenten dann in Form einer Unverträglichkeit zeigt.

Als Folge dessen wächst ein neuer Markt heran: jener der Allergieprodukte, die frei von Gluten, Laktose, Histamin, Fruktose oder Lebensmittelzusatzstoffen sind. Diese Lebensmittel vereinfachen den Alltag vieler Allergiker.

Das grosse Angebot und die ständigen Berichte über Unverträglichkeiten führen jedoch zur Tendenz, bei diffusen Verdauungsbeschwerden sofort zu einem Allergieprodukt zu greifen. Aber ist das wirklich die beste Lösung? Man kauft glutenfreie Brote, obwohl nie ein Arzt eine echte Zöliakie bestätigt hat. Oder man schaufelt morgens ein Sojajoghurt in sich hinein, obwohl vielleicht nicht die Laktose, sondern die eiskalte Speise an sich die Magenkrämpfe verursacht. Was uns fehlt, ist das Wissen unserer Grossmütter: Hülsenfrüchte wurden über Nacht eingeweicht und das Einweichwasser weggeschüttet, der Brotteig über mehrere Stunden stehen gelassen und vor jeder Mahlzeit gab es eine warme Suppe. Man ass keine Speisen direkt aus dem Kühlschrank, und zur Not gabs nach dem Essen einen bitteren Enzianschnaps. Zum Mittagessen setzte man sich gemeinsam an den Tisch, vor dem Essen wurde oft sogar ein Dankesgebet gemurmelt.

Natürlich war früher nicht alles besser. Aber wer sich an einige grundlegende Essensregeln hält, hat schon viel richtig gemacht. Tatsache ist, dass die Verdauungskraft in Stresssituationen massiv abnimmt. Wie soll der Darm in Ruhe verdauen, wenn wir während des Essens Zeitung lesen, arbeiten oder in Gedanken Probleme wälzen? Die Energie und die Aufmerksamkeit sind nicht im Hier und Jetzt. Dass der Magen rebelliert, hat weniger mit dem Klebereiweiss Gluten oder der Laktose zu tun. Die Art der Zubereitung und das Fehlen von Ruhe können ein Grund für Verdauungsprobleme sein. Oft bringen neben der bewussten Zubereitung und dem Geniessen einer Mahlzeit auch das Anregen der Verdauungsdrüsen mit geeigneten Heilpflanzen und der Aufbau der Darmflora eine grosse Erleichterung.

Die echte Nahrungsmittelallergie ist eine allergische, oft gefährliche Reaktion auf ein Lebensmittel, an der das Immunsystem beteiligt ist. Ähnlich wie bei den Blütenpollen löst ein eigentlich harmloses, tierisches oder pflanzliches Eiweiss eine heftige allergische Reaktion aus. Diese zeigt sich sofort nach dem Genuss des Lebensmittels mit Juckreiz, Magen-Darm-Beschwerden oder Atemproblemen. Eine Nahrungsmittelintoleranz hingegen entwickelt sich schleichend. Die Beschwerden entstehen, weil im Körper wichtige Verdauungsenzyme fehlen oder ungenügend vorhanden sind. Geringe Mengen des die Beschwerden auslösenden Nahrungsmittels können bei einer Laktoseintoleranz (nicht aber bei einer Zöliakie!) meist weiterhin und ohne Konsequenzen gegessen werden. Grössere Mengen oder häufige Gaben, lösen im Körper aber einen Dauerstress aus.

Oft ist es die Summe aller Einzelteile, die schlussendlich zu den Verdauungsbeschwerden führt. Bei Verdacht auf eine Nahrungsmittelallergie oder eine Nahrungsmittelunverträglichkeit muss zwingend ein Besuch beim Arzt erfolgen. Es ist zudem hilfreich, ein Tagebuch zu führen, das genau festhält, was man gegessen hat und wann die Beschwerden aufgetreten sind. Frei verkäufliche Tests werden häufig falsch interpretiert und ersetzen keinen Arztbesuch. Wer eine echte Intoleranz oder Lebensmittelallergie wie zum Beispiel eine Laktoseintoleranz oder eine Zöliakie hat, muss strikt auf diese Lebensmittel verzichten. Die Laktoseintoleranz oder die Histaminintoleranz kann man zur Not medikamentös mit Enzymtabletten behandeln.

Bei all dem Rummel rund um die Ernährung erinnere ich gerne an den alten Spruch von Paracelsus, der heute vielleicht aktueller ist denn je: «Alle Dinge sind Gift und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.» So ist es auch mit den Lebensmitteln.

Zur Person
Sabine Hernie ist dipl. Drogistin HF und Naturheilpraktikerin, betreibt eine eigene Gesundheitspraxis, schreibt als freie Autorin für «natürlich», gibt Ayurveda-Kochkurse und setzt sich kritisch mit Alltagsthemen, Schulmedizin, Pharmaindustrie und Functional Food auseinander.

Fotos: Alex Spichale, istockphoto.com

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