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Über Nebenwirkungen von Kalziumpräparaten

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_05_2016 - 01.05.2016

Text:  Sabine Hurni

Alle Welt weiss, dass Kalzium vor Osteoporose schützt. Bloss: Kalzium verstopft auch die Gefässe – was das Herzinfarktrisiko erhöht.

Millionen von Frauen jenseits der Wechseljahre Schlucken Kalziumpräparate. Freiwillig oder auf Empfehlung einer Fachperson. Es gibt wohl kaum jemand, der nicht weiss, wie wichtig Kalzium für den Aufbau der Knochen und zum Schutz vor Osteoporose ist. Vor einiger Zeit hat eine Forschergruppe der neuseeländischen University of Auckland festgestellt, dass Kalziumpräparate mit einem Anstieg des Herzinfarktrisikos um 30 Prozent in Verbindung stehen – und zwar unabhängig von Geschlecht, Alter und der Art des eingenommenen Präparats und auch unabhängig davon, ob zusätzlich Vitamin D geschluckt wird, welches die Aufnahme von Kalzium verbessern soll. Grund dafür ist frei zirkulierendes Kalzium, das nicht dorthin gelangt, wo es hin müsste. Kann der Körper das Kalzium nämlich nicht in die Knochen einbauen, wird ein Teil über die Nieren ausgeschieden. Der Rest jedoch bleibt an den Wänden der fein verästelten Arterien kleben und stört dort die freie Blutzirkulation und die Elastizität der Gefässwände.

Das heisst nun aber nicht, dass Frauen keine Kalziumpräparate mehr einnehmen sollten. Doch sie müssen dafür sorgen, dass das Kalzium optimal aufgenommen wird. Das wäre eigentlich ganz einfach, bestände da nicht die grosse Angst vor fettreichen Lebensmitteln. Diese sind der Schlüssel zu einer guten Kalziumaufnahme. In vielen fettreichen Nahrungsmitteln steckt ein Vitamin, das bisher stiefmütterlich behandelt wurde, weil man schlicht zu wenig darüber wusste: das Vitamin K2. Lange wurde es nur als fettlöslicher Aktivator X bezeichnet, der in Butter und Vollfettkäse aus Milch von mit grünem, schnell wachsendem Gras gefütterten Kühen in besonders hohen Mengen vorkommt. Insgesamt gibt es 14 verschiedene K-Vitamine, doch nur die Vitamine K1 und K2 sind für den Menschen von Bedeutung. Vitamin K1 ist wichtig für die Blutgerinnung. Der Nährstoff befindet sich im chlorophyllreichen Blattgemüse wie Spinat, Krautstiel sowie in frischen Kräutern.

Das Vitamin K2 hingegen entsteht grössenteils im Darm von Weidevieh und Freilandhuhn. Frisst ein Tier grünes Gras, bildet es während der Verdauung Vitamin K2. Dieses speichert das Tier im Fettgewebe und ist danach über das Fleisch, die Milch und Eier für den Menschen zugänglich. Eine gut funktionierende Darmflora sorgt auch beim Menschen dafür, dass aus dem Vitamin K1 von grünem Gemüse Vitamin K2 gebildet wird. Es macht Sinn, K2 auch indirekt über die Nahrung oder aus natürlichen Quellen in Form von Nahrungsergänzungen einzunehmen. Künstlich hergestelltes Vitamin K2 wird im Körper relativ schnell abgebaut. Das natürlich vorkommende Vitamin aus tierischen Produkten hingegen kann der Körper einige Tage im Fettgewebe speichern. Gut zu wissen: Fettreduzierte Produkte enthalten nur noch etwa die Hälfte an Vitamin K2 im Vergleich zum Vollfettprodukt. Vitamin K2, der Aktivator X, ist für den Menschen deshalb so wichtig, weil es verschiedene Proteine aktiviert. Jene, die dafür sorgen, dass das Kalzium in die Knochen oder in die Zähne eingelagert wird. Genauso wie diejenigen, die das an den Gefässwänden haftende Kalzium entfernen.

Vitamin K2 aktiviert die knochenbildenden Zellen, die für den Knochenaufbau zuständig sind, sowie das Protein Osteocalcin, das bei der Mineralisierung und dem Umbau der Knochen eine wichtige Rolle spielt. Durch eine Vitamin K2-reiche Ernährung liesse sich laut einer Studie des niederländischen Biochemikers Leon Schurger, der Kalziumgehalt in den Ablagerungen, den sogenannten Plaques, innerhalb von sechs Wochen um 37 Prozent reduzieren.

Die Ironie dieser Geschichte ist jedoch die Tatsache, dass sich das Vitamin K2 genau in jenen Lebensmitteln befindet, die bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen als höchst ungesund gelten: Vollfettkäse, Eier, Butter und Salami. Aus Angst vor zu hohen Cholesterinwerten weichen deshalb viele Leute auf Pflanzenfette aus. Obwohl inzwischen belegt ist, dass das Nahrungscholesterin einen sehr geringen Einfluss auf den Cholesterinspiegel hat. Doch genau die aus falscher Angst oder aus Schlankheitsgründen vermiedenen fettreichen Produkte wie Butter, Eigelb und Innereien sind reich an Vitamin K2 und deshalb wichtig für eine gute Kalziumaufnahme.

Ich möchte deshalb jeder Frau ans Herz legen, neben dem Verzehr von kalziumreichen Lebensmitteln und Mineralstoffpräparaten auch vermehrt chlorophyllreiche Grünkost sowie die genannten tierischen Lebensmittel zu essen. Um sich gesund zu ernähren, braucht es eine ausgewogene Mischung aus tierischen und pflanzlichen Lebensmitteln. Können wir mit einer genügenden Zufuhr von Vitamin K2 die Aufnahme von Kalzium optimieren, reichen oft sogar die kleineren Mengen Kalzium aus der Nahrung, um die Knochen gesund zu halten. Kalziumreich sind neben Hartkäse zum Beispiel Rucola und Kressesorten, getrocknete Feigen, Mandeln, Mohn, Sesamsamen. Viel Vitamin K2 braucht es nicht, um den täglichen Bedarf zu decken. Besonders reich an Vitamin K2 sind Butter, Eigelb, Gänseleber oder fermentierte Vollmilchprodukte wie Hartkäse, Weichkäse und Quark. Vorausgesetzt, die Tiere konnten frisches Gras fressen. Diese Voraussetzungen erfüllen Produkte aus Alpbetrieben und die meisten Produkte in Demeterqualität.

Sauerkraut ist im Winter eine gute Vitamin-K2-Quelle. Ebenso Natto, ein japanisches Produkt aus fermentierten Sojabohnen. Es enthält tausendmal mehr Vitamin K2 als Alpbutter oder Alpkäse. Japaner essen die fermentierten Sojabohnen vermischt mit scharfem Senf und etwas Sojasauce zum Frühstück. Geschmack und Konsistenz sind für unseren Gaumen ungewöhnlich. Natto gibt es auch als Pulver oder als Zusatz in einigen kalziumreichen Nahrungsergänzungsmitteln.

Zur Person
Sabine Hurni ist dipl. Drogistin HF und Naturheilpraktikerin, betreibt eine eigene Gesundheitspraxis, schreibt als freie Autorin für «natürlich», gibt Ayurveda-Kochkurse und setzt sich kritisch mit Alltagsthemen, Schulmedizin, Pharmaindustrie und Functional Food auseinander.


Foto: Alex Spichale, istockphoto.com

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