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Die Erde spüren

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_04_2016 - 01.04.2016

Text:  Fabrice Müller

Internet statt Waldspaziergang. Shopping statt Gartenarbeit – immer mehr Menschen verlieren die Beziehung zur Natur und damit auch ihre persönliche Erdung. Das kann die körperliche und geistige Gesundheit beeinträchtigen.

Die Schuhe landen im Rucksack. Wir lassen die Strasse nach etwa hundert Meter rechts liegen und wenden uns einem Untergrund zu, der den Füssen schmeichelt: Moor. Bei jedem Schritt sinken wir einige Zentimeter ein. An besonders feuchten Stellen dringt Wasser zwischen den Zehen hindurch. Wir sind auf dem Barfuss-Wanderweg im Rietbach- Hochmoor oberhalb von Krummenau im Toggenburg: Dreckige Füsse und nasse Waden gehören bei dieser Wanderung einfach dazu. Wann waren Sie das letzte Mal barfuss draussen unterwegs und spürten mit nackten Füssen die Erde?

Gute Dinge sind manchmal so einfach zu haben, nur scheint vielen von uns der Sinn dafür abhanden gekommen zu sein. Nicht so den Naturvölkern: Sie wussten und wissen noch immer, wie wichtig die direkte Verbindung zur Erde ist. Der 1939 verstorbene Häuptling der Oglala-Lakota Sioux und Schriftsteller Luther Standing Bear sagte es so: «Die Alten liebten die Erde buchstäblich. Sie sassen auf der Erde mit dem Gefühl, einer mütterlichen Kraft nahe zu sein. Es tat der Haut so gut, die Erde zu berühren, die Mokassins auszuziehen und mit nackten Füssen über die heilige Erde zu laufen. Der Erdbogen beruhigt, stärkt, reinigt und heilt.»

In der modernen Zivilisation fehlt vielen Menschen diese direkte körperliche Verbindung zur Erde. Wir tragen Schuhe mit Gummi- oder Kunststoffsohlen, die uns – im Gegensatz zu Leder – vom Erdboden isolieren und den wirksamen Elektronenfluss von der Erde in den Körper verhindern.

Das Virtuelle entfremdet. Die mangelnde Erdung der heutigen Gesellschaft hat auch mit der rasanten Digitalisierung verschiedenster Lebensbereiche zu tun, wie Stefan Brönnle, Geomant aus Dorfen in Deutschland, berichtet. «Die mangelnde Erdung ist ebenso als Metapher im Bezug zu unseren physikalischen Realitätsebenen zu verstehen. So treffen wir zum Beispiel mithilfe unseres Handys täglich Entscheidungen, die ganz auf der virtuellen, also nicht-realen Ebene ablaufen.» Ein Symbol für die abnehmende Verbindung zur Erde zeige sich zudem in der Ausbeutung der Natur: «Wir koppeln uns von ihr ab und halten oft die virtuelle Welt für real», warnt Brönnle.

Die Folgen mangelnder Erdung im Leben reichen von Ängsten und Phobien über Abhängigkeiten und Süchte bis zu Verdauungsschwierigkeiten, Ohnmacht und Depressionen. Für Urs Parolo vom DAN Institut, Stiftung für ganzheitliche Menschenlehre, in Muri im Kanton Aargau führt eine schwache Erdung des Menschen zu einem Verlust an Klarheit und Bewusstsein. «Wer nicht geerdet ist, bekundet Mühe, Entscheidungen zu fällen. Man realisiert nicht mehr, was um einen herum passiert.» Der allgemeine Energiefluss durch den Körper sei gestört, da die empfangene Energie nicht mehr in die Erde ab fliessen könne. Fazit: Es mangelt an Lebenskraft und Motivation für die täglichen Herausforderungen.

Hatten die Hippies doch recht? «Sicher wären wir auch wie Pflanzen in der Hydrokultur, also ohne unmittelbare Erdbeziehung, überlebensfähig. Aber der Mensch ist ja mehr als bloss ein lebendiger Organismus», gibt Stefan Brönnle zu bedenken. Als geistiges Wesen strebe er nach einem sozialen Umfeld mit Beziehungen zu anderen Menschen und der Umwelt. Und er benötige vor allem auch den direkten Hautkontakt zu Erde, um sich elektrisch sowie geistig zu erden. Hatten die Hippies am Ende doch recht, als sie verkündeten, dass der Mensch vor allem Liebe, Sonne und nackte Füsse brauche? Dass Barfussgehen ein besonderes Wohlgefühl verursacht, dürften die meisten Menschen wohl schon selbst erlebt haben. Die weltweit vertretene Organisation «Society for Barefoot Living» propagiert deshalb die gesundheitlichen Vorteile, die sich einstellen, wenn man Schuhe und Strümpfe auszieht und auf natürliche Weise auf der Erde läuft.

«Barfuss zu gehen oder sich zum Beispiel unter einen Baum zu setzen, bedeutet, körperlich und geistig zu erfahren, was Erde und Natur bedeuten», erklärt Stefan Brönnle. Ziel der Geomantie sei es unter anderem, den Menschen ihre natürliche Umgebung als lebendigen Raum bewusst und erlebbar zu machen. Um auch in den eigenen vier Wänden die Kraft der Erde wirken zu lassen, schlägt Brönnle zum Beispiel vor, Gegenstände aus der Natur ins Haus zu holen: frische Blumen im Frühling, Kastanien und bunte Blätter im Herbst.

Warum das allerdings so ist, haben Wissenschaftler um den Amerikaner Clint Ober erst vor wenigen Jahren erforscht. Ihre Theorie: Der Mensch braucht den direkten Hautkontakt mit der Erde, um sich elektrisch zu erden. Sobald der Fuss den Erdboden berührt, fliessen freie negative Elektronen aus der Erde in den Körper, und zwar dorthin, wo sie zum Spannungsausgleich am dringendsten benötigt werden.

Viele Wege führen zu mehr Erdung
Verliert der Körper seine Erdung, gerät das Nervensystem durcheinander. Wer täglich 30 bis 40 Minuten barfuss läuft oder sich nackt auf die Erde legt, sorgt für mehr Erdung. Eine weitere Möglichkeit, sich besser zu erden, sind Erdungsmeditationen. Durch die Vorstellung, ein Baum mit tief in den Boden reichenden Wurzeln zu sein, lässt man die Energie der Erde in den Körper fliessen. Oftmals rührt eine mangelnde Erdung von einem gestörten Energiefluss her. Auch ein zehnminütiges Fussbad im warmen Wasser mit zwei Esslöffeln Senfmehl hilft, den Energiefluss ins Lot zu bringen. Und die Ernährung kann die Erdung positiv oder negativ beeinflussen. Wurzel- und Knollengemüse wie Kartoffeln, Randen und Sellerie wirken erdend, ebenso Hülsenfrüchte – besonders Linsen. Zucker gilt wie Alkohol als Energieräuber, das den Menschen in ein energetisches Loch fallen lässt. Mit der Atmung kann die Erdung zusätzlich unterstützt werden, indem man sich vorstellt, durch die Füsse einzuatmen und sich so mit der Erde verbindet.

Gartenarbeit als Schmerztherapie. Eine der wichtigsten Folgen von persönlicher Erdung ist laut Clint Ober die Reduktion von Entzündungen. Letztere zeichnen sich durch einen Überschuss an positiver Ladung aus. Können sich die freien negativen Erdelektronen mit der positiven Ladung sogenannter freier Radikaler eines Entzündungsherdes verbinden, werden diese neutralisiert und die Entzündung kann abklingen. Wärmebildaufnahmen einer Erdungsstudie von 2005 unter der Leitung von William Amalu, Vorsitzendem der Internationalen Akademie für Klinische Thermografie, bestätigen den verblüffenden Effekt, den bereits 30 Minuten Erdung auf Entzündungsherde am Rücken oder im Knie haben. Eine weitere Studie über die Wirkung einer genügenden Erdung aus dem Jahre 2006 des englischen Forschers Maurice Ghaly aus Brunswick belegt neben einer Reduktion und Harmonisierung der Ausschüttung des Stresshormons Cortisol auch einen Anstieg der Ausschüttung des schlaffördernden Hormons Melatonin.

Im Jahr 2012 erregte eine physiotherapeutische Studie der RehaClinic Bad Zurzach international für Aufsehen. So fühlten sich Schmerzpatienten nach der Gartenarbeit – das heisst nach intensivem Kontakt mit nackter Erde – deutlich besser und weniger deprimiert als solche mit herkömmlicher pharmazeutischer und physiotherapeutischer Schmerztherapie. Mit anderen Worten: Schuhe weg und Hände in die Erde. 

Buchtipp
Clinton Ober, Stephen Sinatra, Martin Zucker: «Earthing – Heilendes Erden, Gesund und voller Energie mit Erdkontakt», VAK Verlag 2011, Fr. 21.90




Illustrationen: Lina Hodel

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