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Nimmersatt

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_01/02_2016 - 01.02.2016

Text:  Vera Sohmer

Pommes-Chips sind schlecht, Rohkost-Dips gut. Wer so denkt, verkennt, dass der Mensch ein lustgesteuertes Wesen ist. Ein Plädoyer für Genuss und Gesundheit.

Der Griff in die Pommes-Chips-Tüte ist lustvoll, das krachende Geräusch macht Appetit und die süssscharfe Würze schmeckt – nach mehr. Eine Viertelstunde später ist die Packung leer und der Vorsatz gefasst, nächstes Mal besser selbst in Olivenöl gebrutzelte Kartoffelscheiben zu futtern. Danach stellt sich nämlich nicht nur Zufriedenheit, sondern auch ein angenehmes Sättigungsgefühl ein. Die Pommes-Chips hingegen lagen noch lange als schwerer Klumpen im Magen.

Das eine ist Gift, das andere gut? Diese Formel wäre zu einfach. Warum nicht ab und an etwas knabbern oder naschen, wonach einen gelüstet. Jeder kennt das Gefühl: Jetzt brauche ich Salzstängelchen oder Schokolade. «Solche Gelüste erfüllen ihren Zweck, sie haben einen affektregulatorischen Nutzen», sagt Motivationstrainerin und Buchautorin Maja Storch. Wir bringen damit unseren Gemüts- und Stimmungshaushalt ins Lot. Schokolade zum Beispiel setzt das Glückshormon Serotonin frei. Es wäre kontraproduktiv, sie sich zu versagen.

Süsse Medizin. Allerdings lohnt es sich, genau hinzuschauen und wahrzunehmen, welche Nebenwirkungen das Naschwerk hat. Jenes mit dem «Nimmersatt-Effekt» ist heimtückisch. Es wird im Labor designt und soll Konsumenten auf ein bestimmtes Geschmackserlebnis konditionieren. Perfid daran ist, dass immer ein kleines Unzufriedenheitsgefühl zurückbleibt. Also greifen wir so lange zu, bis die Pommes- oder Guetsli-Packung leer ist. Maja Storch beschafft sich ihre süsse Medizin deshalb nicht beim Grossverteiler, sondern beim Confiseur ihres Vertrauens. Ihrer Erfahrung nach reichen kleine Mengen, damit die Stimmung wieder ins Lot kommt.

Industriell verarbeitete Lebensmittel setzen oft unsere natürlichen Sättigungsmechanismen ausser Kraft, sagt auch Ernährungswissenschaftler Paolo Colombani. Wer sich das klarmacht, greift vielleicht eher nach frischen, unverarbeiteten Lebensmitteln und merkt: So aufwendig ist es nicht, sie zuzubereiten. Und dass es dem Genuss förderlich ist, eine selbst gekochte Mahlzeit in Ruhe und am besten noch in netter Gesellschaft zu sich zu nehmen. Herunterfahren und entspannen sowie soziale Kontakte pflegen sind wesentliche Aspekte unserer Gesundheit, sagt der Wissenschaftler. Dies sei einer der grössten Nachteile bei Convenience-Food. Es ist nicht per se ungesund. Viele Fertiggerichte haben heute kleinere Fleischmengen, ausreichend Gemüse, hochwertige Pflanzenöle. Aber wir schlingen sie meistens achtlos und allein in uns hinein.

Colombani teilt Lebensmittel nicht pauschal in gesund oder ungesund ein und stellt auch keine Ernährungsregeln auf, die für alle gültig sein sollen. Um etwas als empfehlenswert zu beurteilen, müssten auch die Begleitumstände berücksichtigt werden. Was für einen Spitzensportler perfekt sei, nämlich genügend Kohlenhydrate, könne bei Leuten, die im Beruf viel sitzen und auch in der Freizeit kaum aktiv seien, gesundheitliche Probleme verursachen. Wenig Aktive halten sich deshalb bei Süsswaren und Getreideprodukten besser zurück.

Epidemie des Sitzens. Überhaupt, der Bewegungsmangel: Wissenschaftler und Ärzte sehen darin eine der grössten Krankheiten unserer Gesellschaft. Sie sprechen von der Epidemie des Sitzens. Der Mensch stamme genetisch noch aus der Urzeit, für ihn sei der heutige Lebensstil ungeeignet. Gesund bleibe man am ehesten mit einem Mindestmass an Bewegung.«Allgemeine Empfehlungen wie die Lebensmittelpyramide ergeben deshalb nur einen Sinn bei Menschen, die jeden Tag körperlich aktiv sind», sagt Colombani. Darf also jemand, der sich regelmässig ausreichend bewegt, praktisch alles essen, was er will? Im Prinzip ja. Es gilt jedoch auf eine Abwechslung bei der Lebensmittelwahl zu achten und natürlich Saisonales und Regionales zu bevorzugen. Ob es immer nur Biolebensmittel sein müssen, daran scheiden sich die Geister. «Bei Bioprodukten geht es um ethisch-moralische Grundsätze und die persönliche Einstellung zu Tieren und der Umwelt», sagt Steffi Schlüchter von der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung, SGE. Einen konkreten ernährungsphysiologischen Zusatznutzen gebe es keinen. Ein internationales Forscherteam mit Schweizer Beteiligung wies zwar unlängst nach, dass biologisch angebaute Feldfrüchte weniger Schwermetalle und mehr Antioxidantien enthalten als konventionell angebaute Lebensmittel. Antioxidantien sollen das Risiko für bestimmte Krebsarten und chronische Krankheiten senken. Daraus abzuleiten, Biogemüse sei gesünder, dafür sei es aber zu früh, so das Fazit der Studie. Es brauche erst noch gut überwachte Ernährungsstudien mit Menschen.

Mehr Bewegung, weniger Pölsterchen – aber wie?

Beim Essen
nehmen wir Energie und Nährstoffe auf, beides wird dem Stoffwechsel zur Verfügung gestellt. Säugetiere haben in ihrer Evolution die Fähigkeit entwickelt, Reserven für Hungerzeiten anzulegen. Der Mensch ist hier keine Ausnahme. «Prinzipiell eine sensationelle Fähigkeit», sagt Ernährungswissenschaftler Paolo Colombani. Das Problem ist nur: Wir leben heute im Nahrungsüberfluss, Reserven sind eigentlich unnötig. Dennoch funktioniert das alte Prinzip bei Menschen nach wie vor und läuft bei allen nach dem gleichen Schema ab. Extrem unterschiedlich ist jedoch der Verbrauch der Reserven. Als Summe bleiben sie bei den einen liegen, während sie bei den anderen ständig wieder verbraucht werden. Unsere Essgewohnheiten haben einen Einfluss darauf, wie wir diese Reserven anzapfen. Wer lieber weniger Pölsterchen anlegen oder bestehende schmelzen lassen möchte, fährt nach Colombanis Erkenntnis mit weniger Kohlenhydraten und mehr Protein besser. Was genau und wie viel zu essen ist, müsse dann aber individuell angeschaut werden.

Bewegung ist unabdingbar.
Um gezielt Gewicht zu verlieren, gehört eine Stunde Bewegung pro Tag dazu. Fachleute warnen jedoch davor, um jeden Preis schlank sein zu wollen und nur auf einen angeblich idealen Body-Mass-Index zu schielen. Dieser sagt nichts darüber aus, wie gesund ein Mensch ist. Jemand, der zu viel auf die Waage bringt, sich aber jeden Tag körperlich betätigt, lebt unter Umständen gesünder als ein unbewegter dünner Mensch.

Auch für jene, denen es nicht ums Abnehmen geht, gilt:
Eine halbe Stunde Bewegung am Tag ist ein Muss, um gesund zu bleiben. Dazu braucht man aber nicht zwingend ins Schwitzen zu kommen. Strammes Spazierengehen oder Velofahren reicht aus. Wichtig ist auch, langes Sitzen, etwa im Büro, immer wieder zu unterbrechen.

Doch wie raffen sich Bewegungsmuffel auf?
Motivationstrainerin Maja Storch empfiehlt: Sich kein schlechtes Gewissen einimpfen und sich nicht in ein Schema pressen lassen. Es geht darum herauszufinden, welche Art von Bewegung sich gut in den Alltag integrieren lässt und welche Sportart zu einem passt. Nicht jeder Mensch ist von Natur aus ein drahtiger Marathonläufer, und nicht jeder findet es erstrebenswert, rekordverdächtige Ausdauerleistung zu absolvieren. Wählen Sie eine Bewegungsart, die Ihnen entspricht und Freude macht, in Einheiten, die Ihnen guttun. Kleine Veränderungen wie nur noch die Treppe statt den Lift zu benutzen oder eine Strecke zu laufen, statt ins Tram oder in den Bus zu steigen, bringen bereits etwas – und können auch sofort umgesetzt werden.

Essen fürs Gemüt. Vieles ist (noch) ungewiss – so lautet die Antwort bei Ernährungsfragen oft. Auch die Frage, ob wir uns jung und schön essen und trinken können, ist nicht geklärt. «Es gibt bis heute keine gesicherten Erkenntnisse darüber, dass bestimmte Lebensmittel die Qualität der Haut verbessern», sagt Dermatologe Severin Läuchli. Ausgewogene Ernährung könne allenfalls dazu beitragen, den Alterungsprozess etwas zu verzögern. Ein vitales Äusseres habe vielmehr mit gesunder Lebensführung im Allgemeinen zu tun. Dazu gehöre Zigarettenverzicht, wenig Alkohol, genügend Schlaf, Strategien zur Stressbewältigung. Bekannt ist zwar, dass ein massiver Nährstoffmangel aufgrund einer chronischen Krankheit oder einer jahrelangen Essstörung zu Haut-, Haar- und Nägelschaden führen kann. Steffi Schlüchter: «Daraus aber zu schliessen, dass mehr Vitamine und Mineralstoffe bei einem gesunden Menschen zu mehr Schönheit führen, wäre falsch.»

Sicher ist indessen: Was wir zu uns nehmen, hat nicht nur Einfluss auf den Körper, sondern auf unseren Gemütszustand. Wer den Genuss ohne schlechtes Gewissen lernt, sorgt für Wohlbefinden im Bauch und tut seiner Seele etwas Gutes. Damit aufhören, ständig Kalorien und Frucht- und Gemüseeinheiten zu zählen, sondern aus der Fülle an Lebensmitteln nach seinen Vorlieben auswählen, ist also schlauer. Ein abwechslungsreicher und ausgewogener Einkauf erübrigt auch Nahrungsergänzungsmittel. Dabei ist Neugierde erwünscht. Ruhig öfter einmal Lebensmittel auftischen, die man noch nie gegessen hat. Oder Bekanntes anders zubereiten und in neue Geschmackswelten eintauchen. Guten Appetit.

Fotos: fotolia.com, istockphoto.com

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