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Sinn und Unsinn von Grippe- und Erkältungsmitteln

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_01/02_2016 - 01.02.2016

Text:  Sabine Hurni

Ein Grippemittel nehmen und am nächsten Tag wieder leistungsfähig sein. Das suggeriert die Werbung und die Kasse klingelt. Gesundstossen tun sich damit vor allem die Produzenten.

Die Guten gegen die Bösen: Das ist das Erfolgsrezept jedes Kassenschlagers. Unsere Angst vor dem Bösen und die Hoffnung in das Gute nutzt auch die Pharmaindustrie: Die bösen Viren, die millionenfach unsere Gesundheit bedrohen, werden von den guten Heilmitteln so wirkungsvoll bekämpft, dass wir über Nacht wieder topfit werden. So verspricht es der Werbespot des wohl bekanntesten Medikamentes gegen Fieber und Grippe. Nur: Was drei Mal so viel kostet, wie ein herkömmliches Schmerzmittel, kann nicht viel mehr als dieses und stresst den Körper unnötig. Als Hauptwirkstoff enthalten Grippemittel das schmerzstillende und fiebersenkende Paracetamol und Zusatzstoffe, die Erkältungssymptome unterdrücken. Es sind abschwellende Schnupfenmittel und antiallergisch wirkende Substanzen. Diese Antihistaminika machen müde und das Schnupfenmittel wollen wir eigentlich in der Nase und nicht im ganzen Körper.

Wer keinen Schnupfen hat, braucht kein kombiniertes Medikament, wer kein Fieber hat, dem reicht ein Nasenspray. Und wer wirklich beides hat, Fieber und Schnupfen, behandelt den Schnupfen besser örtlich. Dazu kommt, dass es bei ersten Anzeichen eines grippalen Infektes meistens nicht gescheit ist, das Fieber zu unterdrücken. Die erhöhte Körpertemperatur über 38,5 Grad Celsius schränkt die Lebensbedingungen von Viren und Bakterien stark ein. Bei Fieber wird das Immunsystem stimuliert, weisse Blutkörperchen werden gebildet und Stoffwechselvorgänge beschleunigt.

Jede Reaktion des Körpers, auch wenn sie unangenehm ist, hat einen ganz bestimmten Zweck. Der Körper erhöht die Temperatur, damit die Viren und Bakterien möglichst schnell aus ihm ausgeschieden werden können. Wird das Fieber mit fiebersenkenden Medikamenten auf Normaltemperatur gebracht, produziert der Körper sofort wieder Fieber, sobald die Wirkung nachlässt. Ein enormer Energieverschleiss. Dazu kommt, dass ein kranker Erwachsener Erholung braucht. Das fiebersenkende Schmerzmittel lässt ihn viel zu schnell wieder aufstehen. Nur wenn das Fieber die 40-Grad-Grenze überschritten hat, sind fiebersenkende Massnahmen angezeigt. Doch selbst dann sollte das Fieber nur um ein halbes bis ein Grad gesenkt werden, damit die Krankheitserreger durch den erhitzten Körper abgetötet werden.

Anstatt erste Erkältungszeichen wie Fieber, Schnupfen, Frieren und Schwitzen sofort im Keim zu ersticken, ist es sinnvoller, in diesem Moment das Immunsystem zu mobilisieren. Zum Beispiel mit einem hoch dosierten Vitamin-C-Präparat, kombiniert mit Echinacea. Der rote Sonnenhut (Echinacea) macht die Schleimhäute resistent gegen Viren. Er aktiviert das Immunsystem und stärkt die Stoffwechselaktivität des Körpers. Vitamin C, aber auch die Vitamine A und D braucht es, damit der Körper die Zahl der Abwehrzellen im Krankheitsfall erhöhen kann.

Das Fehlen dieser drei Vitamine ist die häufigste Ursache einer Erkältung mit leichtem Fieber. Ältere Leser erinnern sich vermutlich mit Abscheu an den Löffel Lebertran im Winter. Inzwischen gibt es das Vitamin-A und -D-reiche Fischfett auch als Kapseln. Wer sich bei den ersten Anzeichen einer Erkältung diese Nährstoffe zuführt, sich innerlich mit Ingwertee wärmt, mit einem Mädesüss- oder Lindenblütentee den Körper tüchtig zum Schwitzen bringt und nach einem leichten, warmen Abendessen gleich ins Bett geht, kann sich über Nacht regenerieren.

Wie beim Sport die Beweglichkeit, Ausdauer und Kraft kontinuierlich trainiert werden müssen, braucht auch das Immunsystem ein regelmässiges Training, damit es bei Bedarf seine maximale Leistung abrufen kann. Ein Pionier im Stärken und Trainieren der körpereigenen Abwehrkräfte war der Kräuterpfarrer Kneipp. Er propagierte Wechselduschen, Sauna, Wassertreten und kalte Güsse zur Erweiterung und Verengung der Blutgefässe. Das aktiviert den Körper, härtet ihn ab und hilft ihm, sich schnell an neue Begebenheiten anzupassen. Nur ein angeregtes Immunsystem schützt den Körper ausreichend vor Erkältungen.

Die Gefährlichkeit der bösen Viren wird oft so aufgebauscht, dass das Vertrauen in das eigene Immunsystem schwindet und Angst oder Unsicherheit aufkommt. Aus naturheilkundlicher Sicht schützt man sich in der Winterzeit am besten vor Erkältungskrankheiten, wenn die Nasen- und Rachenschleimhäute mithilfe von Meersalzsprays oder Sesamöl stets feucht bleiben. Es kostet zwar Überwindung, aber ein Spaziergang bei Nebel, Wind und Kälte ist eine Wohltat für die Atemwege. Zudem sollte man täglich grünes Gemüse, Kräuter und gekeimte Sprossen essen. Das sind wunderbare Vitamin- C-Lieferanten die, im Gegensatz zu den Zitrusfrüchten, den Körper nicht auskühlen.

Es ist ein moderner Irrglaube, das Kranksein völlig aus dem Alltag verbannen zu können. So unpassend eine Krankheit oft auch kommt – sie gehört zum Fluss des Lebens. Kinder machen, während sie krank im Bett liegen, stets körperliche oder seelische Entwicklungen durch. Warum sollte es bei uns Erwachsenen anders sein? Wer nimmt sich schon einen Tag Zeit, um einfach einmal auf dem Sofa zu liegen und über das Leben nachzudenken? Solches gestatten wir uns allerhöchstens, wenn wir krank sind. Deshalb: Nehmen Sie gelassen hin, was Sie nicht ändern können, und versuchen Sie das Kranksein zu geniessen. Die Chemiekeule stösst lediglich die Hersteller und die Verkäufer gesund. Sie hingegen werden, weil der Infekt nicht richtig ausheilen konnte, bei der nächsten Gelegenheit wieder kränklich. Kranksein gibt Raum für neue Ideen, man hat Zeit, sein Leben zu reflektieren, und man tut, was man sonst nie tun kann – nämlich nichts.

Zur Person
Sabine Hurni ist dipl. Drogistin HF und Naturheilpraktikerin, betreibt eine eigene Gesundheitspraxis, schreibt als freie Autorin für «natürlich», gibt Ayurveda-Kochkurse und setzt sich kritisch mit Alltagsthemen, Schulmedizin, Pharmaindustrie und Funktional-Food auseinander.

Fotos: Alex Spichale, fotolia.com

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