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Genormtes Gemüse und patentierte Samen

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_12_2015 - 01.12.2015

Text:  Sabine Hurni

Wer Saatgut produziert, diktiert, was auf unseren Tellern landet. Die grossen Agrochemiekonzerne greifen nach immer mehr Macht – selbst Biogemüse wächst aus hochgezüchtetem Hybridsamen.

Einen Meter Fallhöhe muss eine Tomate unbeschadet überstehen. Die Gurken müssen gerade sein, die Zucchetti dürfen eine gewisse Grösse nicht überschreiten und das Rüebli muss mindestens fingerdick sein. Grossverteiler wie Coop oder Migros machen ihren Zulieferern klare Vorgaben, wie Gemüse und Früchte zu sein haben. Geschmack und Qualität? – ohne Bedeutung.

In unserem «Gmües-Chischtli», das wir wöchentlich vom Biobauer direkt ab Hof bekommen, herrschen andere Zustände. Krumme Gurken, Zucchetti und Kartoffel in allen Grössen und Farben, kleine Auberginen, wundersam geformte Peperoni. Der Gemüsebauer verwendet für die Produktion seiner Gemüsesorten biologisches Saatgut. Dieses ist so widerstandsfähig, dass es mit wesentlich weniger Düngemitteln und Pestiziden auskommt als konventionelles Saatgut. Die biologisch gezüchteten Sorten schützen sich mit ihren Vitaminen und Nährstoffen selber vor Schädlingen. Das geschmacklich und qualitativ hochstehende Biogemüse, welches «unser» Bauer mit viel Herzblut und ebenso viel Arbeit produziert, fällt bei den Kriterien eines Grossverteilers durch. Der Konsument wolle schöne Ware, heisst es. Biologisch soll das Gemüse durchaus sein, eigenwillige Formen sind aber nicht erwünscht. Deshalb wird im grossen Stil mit hochgezüchtetem Saatgut produziert, das die strengen Kriterien ans äussere Erscheinungsbild erfüllt und überdies einen maximalen Ertrag bringt. Kein Bauer kann es sich leisten, krumme Gurken einfach wegzuwerfen. Also produziert er seine Gurken mit Samen, die gerade Gurken hervorbringen. Dass diese wässerig sind und langweilig schmecken, ist sekundär.

Das gilt (leider) auch für einen grossen Teil des Biogemüses. Es wird zwar biologisch produziert, der Samen kommt jedoch aus dem Labor eines Chemiekonzerns wie Syngenta oder Monsanto, ein sogenannter Hybridsamen. Diese werden aus den weiblichen Blüten und den männlichen Pollen derselben Pflanze gezüchtet. So kann man über Generationen hinweg die besten Eigenschaften weiterentwickeln und unerwünschte Eigenarten einer Pflanze wegzüchten. Am Schluss hat man den perfekten Apfel, die einwandfreie Karotte oder die makellose Tomate – auch in Bioqualität. Die Samen sind zwar perfekt, müssen aber jedes Jahr neu gekauft werden. Nur so sind das «richtige» Aussehen und die grosse Ertragsmenge gewährleistet. Doch solche Pflanzen sind anfällig auf Krankheiten, was ein hohes Mass an Dünger und Pestiziden nötig macht. Die Saatgutkonzerne haben vorgesorgt: Die Pestizide und Düngemittel stammen aus demselben Haus wie das Saatgut.

Im Biolandbau sind Pestizide und Düngemittel nur bedingt zugelassen. Für die Züchter von Biosaatgut stehen die Schönheitsnormen und Ertragsmengen somit nicht an erster Stelle. Gefragt ist Saatgut, das sich optimal an die Bedingungen jedes einzelnen Gemüseanbauern anpasst. Der Bauer in Sizilien braucht ein anderes Samenkorn als der Bauer im Oberengadin. Denn gerade im Biobetrieb, wo Düngemittel und Pestizide mit grosser Zurückhaltung zum Einsatz kommen, sind die Landwirte auf widerstandsfähiges Saatgut angewiesen. Bioproduzenten, die dennoch mit Hybridsamen arbeiten, müssen zu erlaubten Alternativen greifen, um die wenig widerstandsfähigen Pflanzen zu schützen und dadurch zum gewünschten Ertrag zu kommen.

Samenzüchter müssen heute schon überlegen, welche Begebenheiten die Gemüsebauern in zehn Jahren herausfordern werde und auch, was der Konsument in Zukunft essen möchte. Saatgutriesen sind im Moment dabei Gemüse-, Getreide- und Früchtesorten für viel Geld patentieren zu lassen. Ist eine Sorte einmal patentiert, sind Landwirte, Samenzüchter und Endverbraucher die grossen Verlierer. Züchter können nicht mehr auf die ganze Bandbreite an Saatgut zurückgreifen, Bauern machen sich strafbar, wenn sie die Samen untereinander tauschen und in den Lebensmittelläden wird mehr und mehr standardisiertes Gemüse liegen, dessen Geschmack und Qualität starke Einbussen erlitten haben. Angesichts dieser besorgniserregenden Tendenz hat die internationale Koalition «Keine Patente auf Saatgut» im Mai 2015 eine Petition lanciert. Sie soll über die Regierungen der Mitgliedstaaten den nötigen Druck auf den Verwaltungsrat des europäischen Patentamts ausüben, um die Verbote im europäischen Patentrecht zu stärken: Noch bis zum 15. Dezember 2015 kann man die Petition unterschreiben (www.evb.ch).

Weiterführende Infos
Film: Die Saatgut-Retter (youtube)
www.evb.ch
www.sativa-rheinau.ch
www.zollinger-samen.ch
• www.prospecierara.ch

Der Konsument sieht einem Bioapfel nicht an, ob er aus einem biologisch auf dem Feld gezüchteten Samen stammt, oder aus einem im Labor gezüchteten Hybridsamen. Es sei denn, er kauft bei einem Gemüsebauer ein, der sein Saatgut von Samenzüchtern wie Sativa oder ProSpecieRara bezieht. Oder er achtet auf das neue Label «Bioverita».

Für die Qualität und die Nährstoffdichte eines Produktes ist es relevant, ob der Samen aus dem hochsterilen Labor von Syngenta oder aus einem Biobetrieb stammt. Es geht um sehr viel Geld und Macht. Wer das Samenkorn in der Hand hat, hat die ganze Weltbevölkerung in der Hand. Ich aber möchte frei sein und diejenigen Leute und Betriebe so gut es geht unterstützen, die idealistisch den Weg der Freiheit und der Unabhängigkeit gehen. Denn was zählt ist nicht die perfekte Form und Grösse, sondern die Qualität und die Lebensmittelethik. Wir können und sollten es uns leisten, die Nahrung zur Medizin der Zukunft zu machen.

Zur Person
Sabine Hurni ist dipl. Drogistin HF und Naturheilpraktikerin, betreibt eine eigene Gesundheitspraxis, schreibt als freie Autorin für «natürlich», gibt Ayurveda-Kochkurse und setzt sich kritisch mit Alltagsthemen, Schulmedizin, Pharmaindustrie und Funktional-Food auseinander.



Fotos: Alex Spichale natürlich, istockphoto.com

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