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Label-Salat

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_11_2015 - 01.11.2015

Text:  Vera Sohmer

Bewusst einkaufen ist ein edler Grundsatz – den mancher angesichts der schieren Menge von Gütesiegeln über Bord wirft. Wer weiss schon, ob diese halten, was sie versprechen. Orientierungshilfe liefert jetzt ein neuer Labelvergleich.

Kaum ein Lebensmittel wird heute noch ohne Label verkauft: «Aus der Region. Für die Region», «Naturaplan», «UTZ Certified», «aha!», «Pro Specie Rara», «Pro Montagna», «Fairtrade» und wie sie alle heissen. Allein für Milchprodukte gibt es mehr als 30 verschiedene Labels.

Was diese im Einzelnen bedeuten und was sie genau über Produktion und Herstellung aussagen, erschliesst sich dem Konsumenten kaum. Im Gegenteil: Der Etiketten-Wildwuchs sorgt zunehmend für Verwirrung und Ärger. «Viele Labels stehen für die exakt gleichen Merkmale, weil jeder Detailhändler aus Marketinggründen seine eigenen kreiert», sagt Sarah Herrmann von der Stiftung für Praktischen Umweltschutz Schweiz (Pusch). Dabei sind Kennzeichnungen für Lebensmittel und andere Produkte von der Grundidee her eine sinnvolle Sache. Sie sollen auf besondere Merkmale und Produktionsbedingungen hinweisen; helfen bei der Entscheidung, ob man etwas kaufen möchte oder dies für unvertretbar hält. Die «Bananenfrauen» aus Frauenfeld machten es bereits in den 1970er-Jahren vor (siehe «natürlich» 07/08-15). Sie kauften beim Grossverteiler Bananen und verkauften sie mit Aufpreis den Kunden weiter. Die zusätzlichen Einnahmen gingen an die Bananenbauern zurück. Das Modell der Fair-Trade-Prämie war erfunden, heute bekannt unter der Marke Gebana.

Auf Missstände hinweisen. Auch andere Labels wie «Bio Suisse» oder «Max Havelaar» wurden gegründet, um auf Missstände hinzuweisen und für bessere Produktions- und Arbeitsbedingungen zu sorgen. Denn der globale Handel brachte nicht nur neue Möglichkeiten, sondern auch Probleme: Einsatz von Pestiziden, Saatgut-Monopole, lange Transportwege, miserable Bedingungen für Arbeitskräfte. Die Labels waren anfangs gute Instrumente, um auf Produkt-Alternativen hinzuweisen.

Eine Einkaufshilfe sind viele Labels auch heute noch, wenn man sich die Mühe macht, sich mit ihnen zu befassen. «Bewusster Einkauf verlangt Engagement», sagt Sarah Herrmann. Und ist weniger aufwendig, als man glaubt. Wichtig ist, sich zu überlegen, welche Kriterien einem am Herzen liegen. Ist es die Artenvielfalt? Die Tierhaltung? Sind es gerechte Arbeitsbedingungen? Wer sich genauer informiert, wird feststellen: So mancher Verpackungsaufdruck ist mehr Schein als Sein. Regional-Labels wie das bei der Milch gehören beispielsweise dazu. «Die meisten stellen kaum Anforderungen an umweltverträgliche Produktion, obwohl dies bei den Konsumenten so wahrgenommen wird», sagt Sarah Herrmann. In erster Linie gehe es darum, die lokale Wirtschaft zu fördern. Das sei natürlich ein Aspekt von Nachhaltigkeit, aber halt nur einer von mehreren.

Neue Einkaufshilfe
31 bekannte Lebensmittel-Labels hat die Stiftung Praktischer Umweltschutz Schweiz (Pusch) zusammen mit dem WWF, Helvetas und den Konsumentenschutzorganisationen SKS, FRC ACSI bewertet. Es handelt sich um eine Neuauflage einer Bewertung aus dem Jahr 2010. Die Bewertungskriterien – damals festgelegt von 120 Experten aus Forschungsinstituten, Bundesämtern und NGOs – wurden fürs aktuelle Ranking überarbeitet; neue Entwicklungen und Erkenntnisse aus der Forschung flossen ein. Hinzugezogen wurden wiederum Fachleute, etwa vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), vom Bundesamt für Landwirtschaft oder von Agroscope.
Personen, die bei den verschiedenen Label-Organisationen tätig sind, waren nicht als Experten zugelassen. Alle Label-Inhaber hatten die Möglichkeit, die Ergebnisse einzusehen und auf Richtigkeit zu prüfen. Bewertet wurden die Labels in fünf Gruppen: pflanzliche Produkte, tierische Produkte (Milch, Eier, Fleisch), Südprodukte wie Kaffee, Tee, Gewürze, Kakao und exotische Früchte, Fische und Meeresfrüchte aus Aquakultur beziehungsweise Wildfang. Bei den Produktgruppen wurden folgende acht Bereiche bewertet: Management, Wasser, Boden, Biodiversität, Klima, Tierwohl (nur bei tierischen Produkten), Soziales und Fairness, Prozesse und Kontrolle.
Reine Herkunfts-Labels wurden deshalb nicht berücksichtigt. Jedes Label bekam eine Gesamtpunktzahl und wurde in eine Empfehlungskategorie eingeordnet. Das Ranking ist als schnelle Orientierungshilfe gedacht. So zeigen etwa Grafiken auf einen Blick, welche Labels beispielsweise beim Tierwohl strenge oder weniger strenge Kriterien anwenden.
Die Ergebnisse hat Pusch in einem kleinformatigen Faltblatt zusammengestellt.

Hilfreich ist die Plattform www.labelinfo.ch Sie informiert die Konsumenten,welches Label tatsächlich einen Mehrwert bringt. Kurzinfos direkt beim Einkauf liefert zudem ein neues Label- Ranking, das sich als Faltblatt in den Laden mitnehmen lässt. Doch mit der Rangliste allein ist es noch längst nicht getan. Pusch fordert, dass sich die Labels künftig vermehrt an Mindeststandards und Qualitätsanforderungen messen lassen. Vor allem dann, wenn sie sich nachhaltige Lebensmittelproduktion auf die Fahnen schreiben.

Umweltfreundlicher Einkauf beschränkt sich aber nicht aufs Logo allein. Nach Angaben von Pusch gehen viele Konsumenten davon aus, dass weniger Verpackung automatisch ökologischer sei und sich darüber ärgern, dass die Bio-Gurke in Folie eingeschweisst ist. Ausschlaggebend sei jedoch die Produktionsart, also bio oder nicht. Zudem stellte unlängst eine Studie fest, dass weniger Lebensmittel im Abfall landen, wenn sie in Folie verpackt sind. So gesehen macht es beim Grossverteiler doppelt Sinn, den eingeschweissten Bio-Broccoli zu kaufen.

Weitere Informationen
• www.labelinfo.ch
• www.wwf.ch/foodlabels
• www.pusch.ch

Illustration: Lina Hodel

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