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Mythos Milch

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_11_2014 - 01.11.2014

Text:  Peter Jaeggi

Es gibt nichts Natürlicheres und Gesünderes als Milch, sagt die Werbung. Unser Autor Peter Jaeggi schaute genauer hin. Im Teil 1 unserer 2-teiligen Serie «Mythos Milch» geht es um die Tierhaltung und bedenkliche Produktionsmethoden.

Die Kuh spielt Fussball, erklimmt Berge und ist noch vor den Astronauten auf dem Mond. Auch von grünen Wiesen mit saftigen Kräutern und glücklichen Kühen erzählt die Werbung. Die Botschaft: Es gibt nichts Natürlicheres und Gesünderes als Milch.

Der deutsche Geograf Steffen Hirth schaute genauer hin und verglich die Werbung mit der Realität. Und diese sieht für die Tiere wesentlich weniger blumig aus: Etwa ein Fünftel der Schweizer Kühe sieht nie eine Weide. Der Rest darf zwar während der Vegetationszeit nach draussen – kontrolliert wird dies aber kaum. Schlimmer noch ist es bei unserem Nachbarn Deutschland. Steffen Hirth: «84 Prozent von Bayerns Kühen dürfen nicht weiden und sind lebenslänglich im Stall.» Die Kuh-Zukunft in der EU sieht düster aus. Eine Studie der World Society for the Protection of Animals (WSPA) zeigt, dass in der EU in zehn Jahren kaum mehr geweidet werden wird. Mit Ausnahme von Irland, weil dort nicht auf Hochleistungsfütterung gesetzt wird, sondern auf die reine Fütterung auf der Weide. In der übrigen EU wird die Kuh immer mehr zur Hochleistungs-Milchmaschine degradiert.

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swissveg - Informationsstelle für eine pflanzenbasierte Lebensweise
IFANE - Institut für alternative und nachhaltige Ernährung
The Nutrition Source
Business and Law: working paperorking Paper
youtube: The Palaeogenetics Lab at the Institute of Anthropology of Mainz University (2013)

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Sogenannte Turbokühe geben jährlich bis zu 15 000 Liter Milch. Vor 60 Jahren waren es noch 5000 Liter. Auf natürliche Art sind so gewaltige Erträge nicht zu erreichen, es funktioniert nur mit Kraftfutter wie Soja, Mais und Weizen. In der EU auch mit gentechnisch veränderten Sorten, etwa aus Monokulturen in ehemaligen Regenwaldgebieten. Tiere, die derart auf Leistung manipuliert werden, sind nach fünf Jahren meist ausgelaugt und kommen zum Metzger. Eigentlich könnte eine Milchkuh bis zu 20 Jahre alt werden.

Das Leben im Stall ist häufig eine Qual. Zwei von drei Schweizer Kühen leben angebunden. «Mit fleissigem Weidegang und Auslauf kann man das zwar entschärfen», sagt Hans-Ulrich Huber, Geschäftsführer des Schweizer Tierschutzes STS. «Ständig angebundenen Kühen geht es sehr schlecht. Sie leben auf ein, zwei Quadratmetern. Da können sie nur stehen oder liegen. Kratzen und Lecken ist nicht mehr möglich und der Sozialkontakt mit anderen Tieren fällt weg», sagt Huber. «Das Schlimmste ist, dass sich diese Tiere nicht mehr bewegen können. Kühe bewegen sich natürlicherweise oft, sie pflegen mit anderen Freundschaften, schliessen sich zusammen, gehen ein Stück des Weges. Dies alles ist ihnen verwehrt, wenn sie angebunden sind.»

Als ob dies alles nicht schon genug wäre, wird etwa die Hälfte der Schweizer Anbinde-Kühe von einem Kuhtrainer in Schach gehalten. Das ist ein elektrisch geladener Bügel, der ihnen einen Stromschlag versetzt, wenn sie auf ihren Liegeplatz koten wollen. Auch in den meisten übrigen europäischen Ländern ist der Kuhtrainer im Einsatz. So auch beim Nachbarn Österreich. In Deutschland verbietet ihn das Tierschutzgesetz. In Bayern sind allerdings Ausnahmen möglich. Hans-Ulrich Huber: «Kühe unter dem Kuhtrainer sind angespannt, sie wollen ja keinen elektrischen Schlag kriegen. Sie können sich kaum mehr bewegen. Das Putzen und Lecken müssen sie vermeiden, denn wenn sie den Kopf zur Seite drehen, wölbt sich der Rücken und es gibt schon wieder einen elektrischen Schlag.» Die reine Anbindehaltung, bei der es kein Sonnenlicht gibt, keine frische Luft und keine freie Bewegung, beeinträchtigt die Gesundheit und Langlebigkeit der Tiere und die Qualität der Milch. Tierschützer Huber: «Solche Kühe besitzen auch eine schlechtere Kondition, haben häufig Schäden an Haut und Gelenken und sie brauchen mehr Antibiotika.» Ihn bedrücke die «himmeltraurige Tatsache», dass im Kuhland Schweiz noch immer 150 000 Kühe und sehr viele Rinder praktisch ein Leben lang angebunden an der Krippe stehen müssen. «Dies deswegen, weil die Tierschutzverordnung keinen täglichen Auslauf für angebundene Kühe fordert. Das ist ein Problem, das wir dringendst lösen müssten.»

Laktoseunverträglichkeit, was ist das?
Weltweit vertragen die meisten Menschen keinen Milchzucker, nämlich etwa drei Viertel. Ohne das Enzym Laktase gelangen die Kohlenhydrate unverdaut in den Dickdarm und werden von Darmbakterien vergoren. V.llegefühl, Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall sowie erhöhte Infekt-Anfälligkeit oder Sodbrennen sind mögliche Folgen. In Mitteleuropa können heute rund zwei Drittel der Menschen das Enzym bilden und Kuhmilch beschwerdefrei verdauen. Noch vor etwa 6000 Jahren konnte das niemand.

Ohne Medikamente geht es nicht

Nicht nur die schlechte Haltung im Stall verlangt nach Medikamenten, auch Euterentzündungen, verursacht durch eine Überbeanspruchung, werden mit Antibiotika behandelt. Die sogenannte Mastitis ist die Kuhkrankheit Nummer eins. Vermutlich etwa die Hälfte der rund 588 000 Milchkühe in der Schweiz leidet daran. Bei Kontrollen findet man im Gemelk immer wieder Überreste von Antibiotika. Sie werden nicht nur bei Mastitis eingesetzt, sondern auch wenn ein Kalb unterwegs ist. Gegen Ende der Trächtigkeit versiegt die Milch natürlicherweise allmählich. Etwa zwei Monate vor der Geburt stellt der Bauer die Kuh trocken, das heisst, er melkt sie nicht mehr. Gleichzeitig spritzt er ein lange wirksames Antibiotikum in alle vier Zitzen ihres Euters, um Entzündungen vorzubeugen.

Mit Antibiotika belastete Milch darf für den menschlichen Konsum nicht verwendet werden. «Es gelten klare Absetzfristen», sagt Hans-Ulrich Huber. In der Bio-Kuhhaltung seien diese sogar doppelt so lang, als im Gesetz vorgeschrieben. «Es gibt jedoch Bauern, die diese belastete Milch ihren Kälbern verfüttern», so Tierschützer Huber. «Dies fördert Antibiotikaresistenzen.» Oder man deponiert die kontaminierte Milch in der Güllegrube.

Früher dachte man, dass sich Antibiotika in der Gülle oder dann im Boden abbaue. «Doch das stimmt nicht, Antibiotika können heute im Boden nachgewiesen werden.» Laut dem Helmholtz Umwelt-Zentrum München zerstört kontaminierte Gülle die Bodenbakterien dramatisch. Die Bodenfruchtbarkeit gehe verloren, Mikroben nähmen zu, die für Menschen gefährlich seien und förderten Infektionen.

Bedenkliche Antibiotika-Resistenzen

In der Schweiz trägt laut Forschungen an den Universitäten Bern und Zürich mittlerweile jedes zwölfte Rind Darmbakterien mit bedenklichen Antibiotika-Resistenzen. Dies bedeutet: Antibiotika im Stall werden zunehmend wirkungsloser. Die Heilungsraten liegen nur noch im Bereich von 15 bis 30 Prozent. Auch die zunehmenden gefährlichen Resistenzen beim Menschen werden mit zu viel Antibiotika in der Tierhaltung erklärt.

Hinzu kommt: «Milch aus einer Stallhaltung von Hochleistungskühen, die mit Kraftmittel gefüttert werden, hat eine deutlich geringere Qualität als jene von einer hochgelegenen Alp», sagt Thomas Rau, Chefarzt der Paracelsus-Klinik Lustmühle. Milch von natürlich gefütterten Kühen enthalte viele aufnahmefördernde langkettige Fettsäuren. «Da hat es Omega-3-Fettsäuren drin. In der Milch von natürlich gefütterten Kühen gibt es nur eine geringe Menge an Beta-Lactoglobulin, einem Eiweiss, dass hochgradig allergen ist.» Wenn eine moderne Hochleistungskuh auf eine Alp gebracht werde, ändere sich innerhalb etwa zwei Wochen ihre Milch fundamental und habe dann eine weit bessere Qualität.

Das Futter beeinflusst auch den Vitamingehalt der Milch. Je natürlicher das Futter und je mehr die Kühe draussen und auf artenvielfältigen Naturwiesen fressen, desto mehr Vitamine und Spurenelemente sind in der Milch. Eine Kuh, die meist im Stall leben muss, hat kaum mehr Vitamin D in der Milch. Pasteurisierte und UHT-Milch verliert durch die Erhitzung an Vitaminqualität. Von Verlusten vor allem betroffen ist der Vitamin-B-Komplex und Vitamin C, was solche Milch zu einer dürftigen Vitaminquelle macht.

Fotos: fotolia.com, istockphotos.com

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