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Woher der Wind weht

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe 3 - 2009 - 01.03.2009

Text:  Susanne Strässle

Alle Menschen furzen, ziemlich viel sogar. Machtlos ist man nicht gegen Flatulenzen und Blähungen, viel hängt aber von der Darmflora ab, die schon in der Kindheit aufgebaut wird.

In «1001 Nacht» erzählt Sheherazade die Geschichte eines Mannes, der am Tag seiner Hochzeit vor seiner Braut und der gesamten Festgesellschaft einen gewaltigen Furz fahren lässt. Die Gäste überspielen das Missgeschick peinlich berührt, doch der Bräutigam nimmt, von Scham überwältigt, Reissaus und geht ins Exil.

Die Hochzeitsreise von Walter Senn (Name geändert) ist nicht ganz so dramatisch verlaufen, aber auch da waren Flatulenzen ein Thema der unromantischen Art. «Ich hatte etwas Falsches gegessen, draussen war es kalt und wir konnten unser Zimmer nicht dauernd lüften. Es war schrecklich.» Das Problem begleitete den heute 65-Jährigen schon seit der Jugendzeit: «Aber bei uns zuhause sagte man, mit jedem Furz habe man dem Doktor einen Fünfliber gestohlen.» Dennoch waren Flatulenzen bei der Arbeit als Lehrer nie ein Problem: «Es war in der Öffentlichkeit wie abgeschaltet. Heftig war es immer nur zuhause.»

Nicht so bei Lisa Kuhn. Ihre Winde sind zwar meist geruchlos, dafür entweichen sie häufig mit einem lauten Knall. Seit der Geburt ihrer Kinder ist es sogar noch schlimmer geworden. Das beschäftigt die 37-Jährige: «Unter Leuten bin ich oft verkrampft. Ich unterdrücke die Flatulenzen, dann bläht es mich oder ich bekomme Bauchschmerzen. Unterwegs bin ich froh, wenn irgendwo Lärm ist, dann kann ich endlich loslassen.» Zuhause mag sie sich nicht immer verbiegen. Ihr Partner hat Verständnis dafür und doch fühlt sich Lisa nicht wohl dabei: «Ich möchte eigentlich nicht, dass das für meine Kinder selbstverständlich wird. Aber es ärgert mich auch, dass unsere Kultur Furzen zu etwas macht, wofür ich mich schämen muss.»

 

100 Fürze die Stunde

Das war nicht immer so. «Warum rülpset und furzet ihr nicht, hat es euch nicht geschmecket?», soll Luther seine Gäste gefragt haben. Was im Mittelalter noch normal war, wurde mit dem Aufkommen höfischer Sitten und später im Bürgertum zur Scham besetzten Unsitte. Zu unrecht findet Brigitte Brunner, die leitende Magen-Darm-Spezialistin am Kantonsspital Uri. «Ich versuche die Leute zu überzeugen, dass das natürliche Funktionen sind, die jeder Mensch hat und derer man sich nicht schämen muss.»

Brunner hat viele Patienten, die wegen Blähungen oder Flatulenzen zu ihr kommen: «Sie befürchten, es könnte eine schlimme Krankheit dahinter stecken.» Doch weder Blähungen (Meteorismus) noch Furzen (Flatulenz) ist an sich krankhaft: «Zwei bis zu 100 Fürze die Stunde sind normal. Es gibt keinen pathologischen Grenzwert. Gefährlich ist einzig, wenn gar nichts kommt!»

Wer jedoch im Internet zum Thema recherchiert, wird sich bald schwer krank fühlen. Das ärgert die Ärztin: «Es ist ein medizinischer Markt geworden und auch die Lebensmittelindustrie suggeriert den Leuten, dass etwas krankhaft sein soll, das bloss weniger Akzeptanz in der Gesellschaft findet.» Dabei gibt es bei allen ernsthaften Krankheiten ein zentrales Indiz: «Die Flatulenz geht da immer noch mit Symptomen wie Durchfall, Schmerzen oder Mangelerscheinungen einher. Wenn jemand nur Blähungen oder Flatulenzen und keine weiteren Symptome hat, braucht es keine medizinischen Abklärungen, ausser es liegen Grundkrankheiten wie Diabetes oder Aids vor.»

Tipps gegen Blähungen und Flatulenz
Blähende Lebensmittel weglassen: Rohe Zwiebeln, Hülsenfrüchte, Kohl, Linsen und Bohnen können Blähungen verstärken. Kochen Sie diese Lebensmittel sehr weich oder lassen Sie sie ganz weg.
Fruchtzucker kann Blähungen verursachen: Vermeiden Sie fruchtzuckerreiche Bananen und essen Sie stattdessen mehr Äpfel und Birnen.
Warm und gekocht: Gekochte Lebensmittel sind besser bekömmlich als Rohkost. Zudem wirkt die Wärme beruhigend.
Laktose kann Probleme machen: Viele Leute können den Milchzucker nicht aufspalten. Achten Sie während etwa zwei Wochen darauf, dass Sie strikt alle Milchprodukte weglassen. Aber Achtung: Milchzucker ist ein beliebtes Füllmittel in Streuwürzen, Wurstwaren und Fertigprodukten. Auch diese gilt es zu meiden.
Keine Luft zuführen: Kohlensäurehaltige Getränke wie Bier, Sprudelwasser und Süssgetränke meiden.
Süssstoffe vermeiden: Künstliche Süssstoffe kann der Darm nicht aufspalten. Sie können deshalb eine Gärung bewirken.
Nicht nur was, sondern auch wie: Jeden Bissen gut kauen, während des Essens nicht zu viel reden (Luft schlucken) und sich Zeit zum Essen nehmen.
Bewegen und entspannen: Beckenboden- und Bauchmuskeltraining, Spaziergänge, Bauchmassagen bringen auch die Verdauung ins Lot.
Heilpflanzen zur Unterstützung: Zu den blähungswidrigen Pflanzen gehören Fenchel, Kümmel, Ingwer, Schafgarbe und Pfefferminze. (shr)

Dorfgemeinschaft Darmflora

Menschen haben Darmwinde, weil sie beim Essen Luft schlucken und beim Verdauungsvorgang Gase entstehen. Bei Blähungen bleiben sie im Körper, bei Flatulenz erfolgt ein Windabgang. Ein kleiner Teil der Gase wird durch die Dünndarmwand absorbiert, gelangt ins Blut und wird ausgeatmet. Der Rest verlässt den Körper über den Darm. Laufend entweicht etwas Luft, meist unbemerkt. «Was die körpereigenen Enzyme aus der Nahrung spalten können, wird im Dünndarm verwertet. Alles Übrige, wie gewisse Fruchtzucker, gelangt in den Dickdarm und die Bakterien der Darmflora spalten, was ihnen zusagt. Die Abfallprodukte dieser Bakterien sind Gase, darunter übel riechende Schwefelverbindungen», erklärt Brunner.

Jeder Mensch habe seine spezifische Darmflora: «Sie bildet sich in den ersten acht Lebensjahren. Eltern und Geschwister haben eine ähnliche Darmflora, weil sie sich Darmbakterien über Mund und Hände weitergeben.» Die Darmflora könne man später nicht mehr gross verändern. Über welche Enzyme ein Mensch im Dünndarm verfügt, ist hingegen genetisch bestimmt und kann sich im Lauf des Lebens ändern. Jeder Mensch hat zum Beispiel als Säugling das Enzym, das Milchzucker spaltet. Aber Brunner erklärt: «Im Lauf der Evolution hat sich ergeben, dass Menschen in Ländern, wo Milch knapp ist, das Enzym langsam verlieren. So werden die Erwachsenen nicht zu Nahrungskonkurrenten der Kleinkinder.» 

Soziale Notstände

Auch wenn Flatulenz nicht per se ein Fall für den Arzt ist, suchen ihn doch viele auf, weil es ein soziales Problem darstellt. In der Praxis schaut Brigitte Brunner dann mit den Patienten an, was für Nahrungsmittel sie zu sich nehmen: «Man macht gewöhnlich keine klinischen Tests; es geht darum, was der Patient selber spürt.» Ebenso gehen die Komplementärmedizin und die Ernährungsberatung vor, wie die Ernährungsberaterin Andrea Schmid erzählt: «Man erstellt eine Art Protokoll und analysiert die Essgewohnheiten.»

Während Hülsenfrüchte, Kohl, Bohnen, Zwiebel und Co. fast alle Menschen blähen, gibt es diverse Nahrungsmittel, wo dies höchst unterschiedlich ist. Diese gilt es durchzuprobieren. Der Betroffene kann ein Produkt während ein paar Tagen weglassen und sehen, was sich verändert. «Auf ganze Gruppen von Nahrungsmitteln sollte man aber nur kurze Zeit verzichten, sonst droht Mangelernährung», rät Schmid. Selbst bei einer Laktoseintoleranz müssen nicht alle Milchprodukte gemieden werden. «Hartkäse und Joghurt sind oft weniger problematisch als die Milch selbst.»

Dass kohlensäurehaltige Getränke Beschwerden verursachen können, leuchtet ein. Manchmal kommen sie aber aus unerwarteter Richtung, wie Brigitte Brunner erzählt: «Wir essen immer mehr Fertig- und Diätprodukte mit künstlichen Zuckern. Der Körper kann diese nicht spalten. Das macht man absichtlich, damit sie nicht dick machen. Aber dadurch wandern diese Zucker in den Dickdarm, werden dort zersetzt und verursachen Flatulenz.»

Gleichzeitig können auch natürliche Nahrungsmittel Gase bilden. Früchte und Fruchtsäfte enthalten Fruchtzucker, die viele Menschen nicht vollständig spalten können. Bananen seien ein Klassiker, so Brunner, bei Äpfeln und Birnen sei es individuell unterschiedlich. Grundsätzlich ist Rohes schlechter verträglich als Gekochtes. Nahrungsfaserreiche Vollkornprodukte können ebenfalls blähen. Laut Andrea Schmid muss man deshalb nicht darauf verzichten. «Aber man sollte langsam über einen Zeitraum von einigen Monaten damit beginnen.»

Wer auf Kohlroulade, Bohneneintopf und Zwiebelsuppe nicht verzichten will, kann versuchen, die Folgen zu lindern, erklärt Schmid. «Manchmal sind in traditionellen Rezepten bereits Gewürze enthalten, die die blähende Wirkung zum Teil neutralisieren. Etwa die Wacholderbeere im Sauerkraut. Gewürze wie Fenchelsamen und Kümmel oder auch Ingwer, Schafgarbe und Pfefferminz als Tee oder Öl können helfen.»

Die Psyche im Gedärm

Blähungen und Flatulenzen hängen auch davon ab, wie viel sich jemand bewegt. «Es ist auffällig, dass die meisten Leute plötzlich ab 40, 50 Probleme haben. Sie sind körperlich nicht mehr so fit, bewegen sich weniger», beobachtet Brunner. «Ältere oder auch beleibte, immobile Menschen produzieren nicht grundsätzlich mehr Verdauungsluft, aber sie sammelt sich in grösseren Volumen an.» Eine durchtrainierte Beckenboden- und Bauchmuskulatur verhindert, dass sich Luft im Körper aufstaut. Bewegung regt die Darmtätigkeit an, sodass die Luft ständig in kleinen Mengen entweicht. Eine Therapie bei Blähungen sind deshalb Rumpfbeugen. Auch Massagen helfen, die Naturheilkunde verwendet dazu warmes Kümmelöl. Eine Wärmflasche oder ein warmes Bad kann ebenfalls lösend wirken.

«Auch Stress kann sprichwörtlich auf den Magen schlagen», sagt Andrea Schmid. «Deshalb schaut man in der Ernährungsberatung auf das Drumherum. Wer unter Zeitdruck isst, nicht gut kaut oder Luft schluckt, bekommt leicht Blähungen.» Das Luftschlucken erfolgt meist unbewusst, in extremen Fällen spricht man von Aerophagie.

«Über zwei Drittel der Patienten bekommen ihr Problem innerhalb weniger Monate in den Griff – ohne Medikamente», weiss Brigitte Brunner aus der Praxis. Es gibt zwar Medikamente, die die Luft schneller nach draussen befördern und sie in Notfällen einzunehmen sei unproblematisch. «Aber es kann nicht sein, dass man etwas, was normal ist, ständig mit Medikamenten behandelt. Man muss das Grundproblem lösen und die Lebensweise anpassen: die Ernährung anschauen, mehr für die Bewegung tun, Stress abbauen.»

Eine klare Ursache für ihre Blähungen hat Lisa Kuhn bisher nicht ausmachen können: «Aber ich esse zu hastig und kaue schlecht.» Auch die geschwächte Beckenboden- und Bauchmuskulatur zu stärken, könnte helfen. Für Walter Senn hat eine Laktoseintoleranz-Diagnose grosse Erleichterung gebracht, doch viele Speisen bleiben problematisch. Trotzdem blicken er und seine Frau auf 40 glückliche Ehejahre zurück. «Wir wissen heute sehr genau, was uns gut tut. Zudem haben wir uns für getrennte Schlafzimmer entschieden», sagt er mit einem herzhaften Lachen. «Und wir nehmen das Ganze mit Humor. Hat nicht Luther gesagt: Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz?»

Literatur
• Amrei Pfeiffer: «Magen und Darm natürlich behandeln», Graefe & Unzer Verlag 2001, Fr. 23.90
• Schad und Haufs: «Gesunde Verdauung – Beschwerden und Erkrankungen vorbeugen und richtig behandeln», Compact Verlag 2007, Fr.18.50
• Peter Gündling: «Gesundheit für Magen und Darm – Sanfte Hilfe aus der Natur», Aurelia Verlag 2003, Fr. 23.90

Foto: © FOTOLIA

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