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Ganz schön madig

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_11_2013 - 01.11.2013

Text:  Daniel Bouhafs

Die Larven der Schmeissfliege Lucilia sericata heilen Wunden. Immer mehr Spitäler setzen bizarre Verbündete ein im Kampf gegen chronische Wunden: Maden von Schmeissfliegen.

Die «Bio-Chirurgen» haben eine weisslich schimmernde Haut, sie bewegen sich bei der Arbeit auf eigenartig zuckende Weise, und sie sind gerade einmal reiskorngross: Maden von Schmeissfliegen. Sie fressen abgestorbenes Gewebe und produzieren antibakterielle Substanzen. Zu Dutzenden machen sie sich über grässlich schwärende Wunden her, aus denen gelbliches Sekret in dicken Schlieren suppt, und die bisher nicht richtig heilten. Drei bis fünf Tage bleiben die Larven auf der Wunde, um ihre unappetitliche chirurgische Prozedur zu vollenden. In dieser Zeit schwellen sie von drei Millimetern auf etwa anderthalb Zentimeter an. «Das ist ein gutes Zeichen, denn dann haben sie gearbeitet», erklärt Doris von Siebenthal, diplomierte Wundexpertin am Kantonsspital Baden (KSB).

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Kunde von der Wunde

Von Siebenthal ist eine Pionierin auf dem Gebiet der Wundbehandlung. Mitte der Neunziger bekam sie vom KSB den Auftrag, die Dokumentation der Wundbehandlung zu verbessern. Damals fragte sich die Pflegeexpertin: «Was wissen wir über Wunden? Wie behandeln wir einen Menschen mit einer Wunde, die nicht von einer Operation herrührt? Was wissen wir über Wundheilungsstörungen?»

Modernes Wundmanagement ist komplex. Es ist ein Paradebeispiel für den Nutzen der interdisziplinären Zusammenarbeit und hat die Etablierung eines neuen Berufs möglich gemacht: den der Wundexpertin. Seit 2004 gibt es dafür in der Schweiz eine Ausbildung. Es geht darum, schwere und schwer heilende Wunden fachgerecht zu behandeln. Jede Phase der Wundheilung sollte optimal unterstützt werden, von der Entzündung und Reinigung bis zum Wundverschluss.

Auf die Fliege gekommen

Im Laufe der Recherche stiess von Siebenthal auch auf die Maden der Schmeissfliege mit dem schönen Namen Lucilia sericata. «Wir Spitalmenschen fanden diese Larven grusiger als manche Patienten,» erinnert sich die Wundexpertin. Nur ein Patient meinte: «Ich werde erst gefressen, wenn ich tot bin.»

Zur Entfernung von abgestorbenem Gewebe gibt es verschiedene Methoden: Es kann chirurgisch mit dem Skalpell entfernt werden, das ist die schnellste und radikalste Methode. Sanfter ist es, die Wunde über längere Zeit feucht zu halten, sodass der Körper die toten Zellen selbst abbaut. Abrieb ist eine weitere Alternative, eine mitunter sehr schmerzhafte. Dann doch lieber die Maden.

Maden im Teebeutel

Meist sind die Maden in einem teebeutelähnlichen Nylonsäckchen abgepackt, das direkt auf die Wunde kommt. Bei tieferen Wunden kommen sogenannte Freiläufer zum Einsatz – die Maden werden direkt in die Wunde gesetzt und mit einem speziellen Verband am Wegkrabbeln gehindert. Pro Quadratzentimeter werden fünf bis zehn Tiere eingesetzt. Ihr Speichel und ihre ammoniakhaltigen Ausscheidungen dringen in die Wunde und töten dort Erreger ab, auch multiresistente, gegen die Ärzte machtlos sind.

Nach vier bis fünf Tagen beginnen sich die Maden zu verpuppen. Dafür suchen sie eine trockene Umgebung. «Sie verlassen die Wunde von alleine», sagt von Siebenthal. Beim Abnehmen des Verbands purzeln sie leblos aus den Mullbinden. Die wenigen Davongekommenen werden mit der Pinzette abgezupft oder mit steriler Kochsalzlösung aus dem Operationsfeld gespült. Die Maden werden, abhängig vom Heilungsverlauf, bis zu dreimal appliziert. Am KSB wurden im vergangenen Jahr rund 50 Patienten so behandelt.

Die Madentherapie kommt vor allem bei chronischen und infizierten Wunden zum Einsatz, bei denen die üblichen Massnahmen wie normale Wundreinigung und Antibiotikatherapie nicht erfolgreich sind. In 80 bis 95 Prozent aller Fälle ist das Gewebe nach dem Einsatz der Maden komplett von abgestorbenem Gewebe befreit. Sogar Kranke, denen schon die Amputation drohte, behielten dank Fliegenmaden ihre Gliedmassen.

Experten für Kompliziertes

Ausgezeichnete Resultate zeigen sich insbesondere bei Patienten mit Diabetes und komplizierten Wunden. In gewissen Fällen kann auch bei «sauberen» chronischen Wunden wie venösen Ulcera (offenen Beinen), die trotz Anwendung aller üblichen Massnahmen keine Heilungstendenz zeigen, ein Therapieversuch unternommen werden. Dabei hofft man vor allem, vom zusätzlichen Effekt einer Anregung zur Bildung von Granulationsgewebe zu profitieren und die Wunde so in eine entscheidende, neue Heilungsphase zu bringen.

«Wir sind froh, dass wir in schwierigen Fällen auf Maden zurückgreifen können, etwa wenn ein Patient eine Narkose nicht verträgt,» erklärt von Siebenthal. Und die Nebenwirkungen? «Die Anwendung geht mitunter mit einem Kribbeln einher und ab und zu klagen Patienten über Schmerzen.»

Fliegenbusiness

Die Madentherapie ist inzwischen ein probates Mittel für die Behandlung von offenen Wunden. Heute tummeln sich die Larven zu Tausenden in chromblitzenden, modernen Kliniken: «Wir beliefern inzwischen etwa hundert Spitäler in der Schweiz. Das ist ein Drittel aller Krankenhäuser», sagt Urs Fanger, Geschäftsführer der Entomos AG, die medizinische Larven züchten. Ein Ende der Nachfrage sei nicht in Sicht, im Gegenteil: «Die Menschen werden immer älter. Und auch die Zahl der Diabetiker steigt», sagt Fanger. Das Volumen der Wundmaden hat sich in den letzten vier Jahren verdoppelt.

Ursprünglich wurden die Larven am Schweizerischen Tropeninstitut in Basel gezüchtet. Als die Betreiber in Pension gingen, übernahm Entomos in Grossdietwil 2009 das Projekt Wundmaden. Seither wurde ein ausgefeiltes System für die Züchtung erarbeitet. Die Fliegen legen einmal pro Woche Eier; ausgelöst wird das Eierlegen durch die Fütterung mit Rindsleber. «Eine halbe Stunde später legen die Fliegen Eier», erläutert Fanger. Diese werden dann «geerntet».

Die Ironie der Geschichte

Schon die Mayas haben Maden auf ihre Wunden gelegt. Im amerikanischen Bürgerkrieg bezeugten Ärzte der Konföderierten: «An einem einzigen Tag säubern die Maden eine Wunde deutlich besser als alle anderen Substanzen, die wir kennen.» Auch stellte man fest, dass die Soldaten der Konföderierten, die weniger Verbandsmaterial als die Unionstruppen zur Verfügung hatten, deren Wunden also häufiger offen blieben und den Fliegen eher zugänglich waren, seltener als ihre Gegner an Wundinfektionen litten.

Es war dann die Entdeckung des Antibiotikums in den 1940er-Jahren, das die Madentherapie verdrängte. Und ausgerechnet der exzessive Einsatz dieses Antibiotikums verhilft nun der Made zu ihrem Comeback.

Foto: Entomos AG

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