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Ausgewogen

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_08_2013 - 01.08.2013

Text:  Rita Torcasso

Yoga reduziert bei chronischen Erkrankungen Schmerzen und baut Stress ab. Doch von der Schulmedizin wird die Methode noch wenig genutzt. Ein Grund dafür ist der unüberschaubare Markt.

Die Wirkung von Yoga begann mich aus eigener Erfahrung zu interessieren: jahrelang litt ich unter Schmerzen und Verhärtungen im Nacken und im oberen Rücken, immer häufiger begleitet auch von Kopfweh. Zwar half Physiotherapie gegen die typischen «Computerbeschwerden», doch einige Wochen später kamen die Schmerzen wieder. Erst Yoga linderte sie durch die regelmässig ausgeführten Übungen dauerhaft.

In Indien, wo Yoga eine jahrtausendealte Tradition hat und als spiritueller Ausdruck des Hinduismus ausgeübt wird, anerkennen und nutzen Ärzte die Methode als Bestandteil von Behandlungen. Auch in Europa wird heute nach unzähligen positiven Studien kaum mehr gefragt, ob Yoga eine heilende Wirkung hat, sondern was es bewirken kann. Yoga ist im Trend: In Deutschland gibt es fünf Millionen Praktizierende und allein in Zürich sind es um die 20 000.

Brachliegendes Potenzial

Die britische University of York veröffentlichte eine viel beachtete Yoga-Studie: Rund 150 Personen mit chronischen Rückenschmerzen fühlten sich nach einem 12-wöchigen Yoga-Programm nach der Iyengar-Methode generell besser, nahmen weniger Schmerzmittel ein als die Vergleichsgruppe und waren dreimal weniger oft krankgeschrieben. Wie viel sich allein im Bereich chronischer Leiden sparen liesse, kann man anhand von statistischen Zahlen erahnen. In der Schweiz gehen zehn Prozent aller ärztlichen Verordnungen auf Rückenschmerzen zurück, jeder zehnte Arbeitnehmende hat deswegen Absenzen. Yoga hilft aber nicht nur bei Rückenschmerzen, andere Studien weisen Verbesserungen bei Asthma, Diabetes und Herzerkrankungen nach. Ausserdem hilft die Methode gegen Stress, Schlafprobleme und Angstzustände.

In der Schweiz gehört Yoga zu den alternativen Heilmethoden. «Hausärzte entscheiden individuell, ob sie solche Heilmethoden empfehlen und welche sie als nützlich einstufen», sagt Margot Enz-Kuhn vom Berufsverband Hausärzte Schweiz. Sie geht davon aus, dass viele auf den Nutzen und die langfristig positive Wirkung hinweisen, doch Zahlen gebe es keine. Die Ärztin ist überzeugt: «Wenn es Patienten mit chronischen Leiden gelingt, mithilfe von Yoga auf die eigenen Ressourcen zurückzugreifen, profitieren sie durch weniger Schmerzen, grössere Zufriedenheit und auch weniger Arztbesuche.» Dieses Potenzial werde aber nicht systematisch genutzt. Beiträge an die Kosten leisten nur einige Krankenkassen über die Zusatzversicherungen.

Die Ärztin Simone Rohrbach-Späth führt in Bern seit 16 Jahren eine Praxis für Innere und Psychosomatische Medizin. Für sie ist Yoga ein wichtiger Teil der Behandlungen bei psychosomatischen Beschwerden. «Ich setze geeignete Elemente für Stressabbau und Schmerzlinderung ein», erklärt die Ärztin, die auch Yoga-Kurse anbietet. Sie erzählt von einem Teilnehmer, der bereits zwei Bandscheibenoperationen hinter sich hatte und mit Yoga erreichen konnte, dass die Schmerzen zurückgingen.

Die wichtigsten Yoga-Richtungen
Yoga wird bei uns meist unter dem Sammelbegriff Hatha-Yoga angeboten, das Körperübung (Asana) und Atemtechnik (Pranayama) verbindet. Es gibt aber unterschiedlichste Yoga-Richtungen. Die bekanntesten sind:
• Ashtanga/Vinyasa
Vier Schwierigkeitsstufen bauen aufeinander auf. Die einzelnen Haltungen werden in rascher Abfolge ausgeführt. Häufig ist es die Yoga-Form, die Fitnessstudios anbieten, zum Beispiel als Power-Yoga.
• Viniyoga
Die sanfte Form des Hatha-Yoga orientiert sich stark an den Möglichkeiten und Erfordernissen des Übenden, enthält dynamische und statische Elemente.
• Iyengar
Körperlich orientierte Yoga-Methode nach B. K. S. Iyengar. Die Übungen werden sehr langsam und konzentriert durchgeführt. Am Anfang sollen Hilfsmittel sicherstellen, dass auch Ungeübte die Stellungen richtig ausführen.
• Bikram
Bikram-Yoga ist eine Abfolge von 26 festen Übungen, die in den 70er-Jahren in Los Angeles entwickelt wurden. Es wird in beheizten Räumen bei etwa 40 Grad praktiziert.
• Kundalini
Das Kundalini-Yoga soll die Lebensenergie wecken. Die einzelnen Asanas (Stellungen) werden längere Zeit gehalten, dazu gehört das Singen von Mantras und Meditationen. Einbezogen wird die gesamte Lebensweise, darunter die Ernährung und ethisches Verhalten.
• Sivananda
Zwölf Übungen, die immer wieder durchgeführt werden. Die Konzentration liegt auf der Atmung und einer spirituellen Vertiefung.

Begeisterte Ärzte

Auch in öffentlichen Spitälern wird die unterstützende Heilmethode kaum genutzt, obwohl die Wirkung im Vergleich mit kassenpflichtigen physiotherapeutischen Übungen sogar besser ist. 2006 wurde im Deutschen Ärzteblatt eine Vergleichsstudie mit 101 Personen, die unter chronischen Rückenschmerzen litten, veröffentlicht.

Nach dem Zufallsprinzip machten je 30 von ihnen 12 Wochen lang einen Yoga- Kurs nach der Viniyoga-Methode oder aber Physiotherapie. Yoga erzielte einen stärkeren Rückgang der Schmerzen. Zudem nahm 14 Wochen nach Ende des Kurses von dieser Gruppe nur noch ein Fünftel Schmerzmittel, von der andern die Hälfte. Die Studie erklärt das Ergebnis damit, dass Yoga nicht nur auf körperlicher, sondern auch auf mentaler Ebene wirke.

Stefan Begré, stellvertretender Chefarzt Psychosomatik im Inselspital Bern, setzt auf diese Wirkung: «Yoga kann bei Schmerzpatienten nützlich sein, weil man damit eine schonende Stärkung der Muskulatur und eine Entspannung des ganzen Organismus erreichen kann.» Wichtig ist für ihn auch, dass die Bedürfnisse des Körpers und der Seele berücksichtigt werden. Aus seiner Sicht brächte ein Einbezug von Yoga bei vielen Patienten Vorteile, und zwar «als Methode, die Beweglichkeit und Kraft fördert, aber auch als eine achtsame Haltung gegenüber der eigenen Gesundheit und dem Umgang mit Krankheit.» Davon könnte die ganze Gesellschaft profitieren, betont er. Am häufigsten wird Yoga in die psychiatrischen Behandlungen einbezogen. Messungen der Boston University School of Medicine zeigten, dass sich bei regelmässiger Anwendung der Spiegel des beruhigenden Botenstoffes Gamma-Aminobuttersäure (Gaba) im Gehirn erhöht. Eine zukunftsweisende Entdeckung machte zudem die Neurowissenschaftlerin Britta Hölzel, die am Institut für klinische Psychologie in der Charité Berlin arbeitet. Sie wies mit bildgebenden Verfahren nach, dass sich nach acht Wochen mit 30 Minuten Yoga täglich bei den Probanden die grauen Zellen in den Arealen des Gedächtnisses und der Emotionskontrolle verdichtet hatten.

Boom führt zu Risiken

Intensiv mit den Versprechungen und tatsächlichen Wirkungen von Yoga hat sich William J. Broad im Buch «The Science of Yoga» auseinandergesetzt. Der Wissenschaftsjournalist der New York Times gibt Einblick in die Geschichte, zeigt westlich beeinflusste Veränderungen und Forschungsergebnisse auf, zu denen auch Gefahren und Risiken gehören. Vor allem stark forcierte Körperhaltungen oder ein hoher Leistungsdruck können gravierende Folgen haben – von Verletzungen und Überdehnungen bis hin zu Hirnschädigungen. Bei einer Befragung nannten zwei Drittel von Geschädigten, die sich bei einer Notaufnahme gemeldet hatten, als Ursache die ungenügende Ausbildung der Lehrer. Broad ist überzeugt, dass das im Westen praktizierte Yoga an einem Wendepunkt steht. «Die Yoga-Praxis muss sich stärker an der Wissenschaft ausrichten – um Nutzen wie die Senkung der Gesundheitskosten zu bringen, aber auch zum Schutz der Praktizierenden.»

Hier finden Sie ausgebildete Yoga-Fachleute
• Yoga Schweiz, www.yoga.ch, verlangt eine 4-jährige Ausbildung. Sie bildet die Basis für den neuen Beruf dipl. KomplementärtherapeutIn.
• Schweizer Yogaverband, www.swissyoga.ch, verlangt mindestens 2-jährige Ausbildung und bietet selber eine 4-jährige an.
• Schweizer Yoga Zentrum: www.viniyogazentrum.ch, spezialisiert auf therapeutisches Yoga (Viniyoga), 4-jährige Ausbildung.

Foto: thinkstock.com

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