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Gentechnisch hergestellte Heinzelmännchen

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_06_2013 - 01.06.2013

Text:  Heinz Knieriemen

Enzyme regeln im Körper unzählige Abläufe und Prozesse. Auch die Industrie macht sich diese kleinen Helfer zunutze und propagiert im Labor hergestellte Enzyme als Wundermittel – doch diese haben viele Schattenseiten.

Zähes Fleisch? Eine Zumutung! Traditionell wurden in verschiedenen Kulturen zum Zartmachen des Fleisches pflanzliche Enzyme eingesetzt. Papain, Bromelain und Ficin wurden aus der Papaya, der Ananas und der Feige gewonnen. In Indien habe ich erlebt, dass ein geschlachtetes älteres Huhn in Papayablätter eingewickelt und über Nacht in heisses Wasser gelegt wurde. Es war nach dem Grillen äusserst zart und schmackhaft. Doch die Natur ist heute längst ausgebremst. In den USA gibt es mittlerweile papainhaltige Fleischgewürze, sogenannte «meat tenderizer», die neben Geschmacksverstärkern gentechnisch hergestelltes Papain enthalten.

Hauptsache weich

Das Prinzip des Weichmachens, sei es um aus einem zähen ein zartes Stück Fleisch zu machen, sei es um Textilien einen angenehm flauschigen Tragkomfort zu geben, beruht im Wesentlichen auf der Wirkung von natürlichen oder synthetisierten Enzymen. Was sind nun aber diese Heinzelmännchen der Natur, die in viele Lebensbereiche eingreifen? Während Sie gerade diese Zeilen lesen, sind in Ihrem Körper Millionen von Enzymen am Werk: sie verändern, wandeln um und erneuern. Sie stellen Energie zum Leben bereit und schlüsseln die Nahrung für viele Stoffwechselprozesse auf, sie fördern die Zellerneuerung, entgiften den Körper, halten unser Blut flüssig, sind an der Abwehr von Krankheitserregern beteiligt, stillen Blutungen und heilen Wunden und Entzündungen. Und wie lang die Aufzählung auch sein mag – einige der unentbehrlichen Helfer bleiben trotzdem unberücksichtigt.

Enzyme regeln als Biokatalysatoren die Stoffwechselprozesse von Pflanzen, Tieren und Menschen. Verdauungsenzyme beispielweise werden im menschlichen Verdauungssystem gebraucht, um die Hauptnährstoffe Eiweiss, Fett und Kohlenhydrate aufzuspalten, da sie in ihrer ursprünglichen Form nicht aufgenommen werden können. Enzymatische Prozesse bestimmen aber auch den Geschmack und sind letztlich Grundlage vieler Nahrungsmittelverfahren wie der Zuckerspaltung von Kohlehydraten, Käsereifung, Bier- und Weingärung und so weiter.

Enzyme vom Fliessband

Die DNA-codierte Bauanleitung der Enzyme ist fast immer nur in einem Gen festgeschrieben, und sie können von Mikroorganismen direkt gebildet werden, ohne, wie etwa Vitamine, Umwege über Stoffwechselprozesse durchlaufen zu müssen. Das sind ideale Voraussetzungen für die Gentechnik – die synthetische Enzymproduktion ist längst Realität und der eigentliche Schlüssel zum Food-Design. Spezielle Enzyme, die wegen ihrer Fähigkeiten begehrt sind, kommen in der Natur nur in kleinsten Mengen vor. Sie lassen sich aber am biotechnischen Fliessband produzieren, in beliebigen Mengen herstellen und sogar auf einen bestimmten Anwendungszweck hin entwerfen.

Das Spektrum der Anwendungsmöglichkeiten von Enzymen ist faszinierend und bedenklich zugleich: Sie können als Isomerasen grosse Moleküle in ganz bestimmter Weise umbauen, Eiweiss- und DNA-Elemente zusammenkleben (Ligasen). Es gibt grosse Gruppen von Enzymen, die Stärke (Amylasen), Fette (Lipasen), Eiweisse (Proteasen) oder den universellen Zellbaustoff Zellulose aufspalten. Gentechnisch produzierte Enzyme sind mittlerweile überall anzutreffen: In der Nahrungsmittel-, Papier-, Leder-, Textil-, Zellstoff- und vor allem in der Waschmittelindustrie.

Bei Waschmitteln werden bei der Wirkung von Enzymen, neben den gesundheitlich bedenklichen Phthalaten die wichtigsten Weichmacher, nur die unbestrittenen Vorteile dargestellt. Sie lösen Fett-, Eiweiss- und Stärkeflecken gezielt aus dem Waschgut, was es möglich macht, schon bei Temperaturen von 30 Grad zu waschen. Zweifellos ein Fortschritt. Doch der Einsatz von gentechnisch veränderten Enzymen, der je länger je stärker viele Bereiche unseres Lebens berührt, vollzieht sich praktisch ohne kritische Begleitmusik. Dabei ist grundsätzlich unbestritten, dass alle Eiweissbausteine auch ein Allergiepotenzial bergen. Das lehrt die Geschichte der Enzymtechnologien und sollte zu grösserer Umsicht in allen Bereichen
mahnen.

Allergien nehmen zu

Tatsache ist, dass in allen Industrienationen die Zahl der Allergiker rasant steigt, sodass sich eine kritische Sicht aufdrängt. Auch für die hohe Zahl von Candida-albicans-Erkrankungen (einer Pilzerkrankung) in den USA und Europa gibt es eine mögliche Erklärung: Für die Amylase, die erste Stufe der Stärkeverflüssigung mit Gen-Enzymen, wurde in den Vereinigten Staaten bereits Anfang der 80er-Jahre als zweiter Schritt die gentechnische Optimierung mit Aspergillus-Schimmelpilzen genehmigt, von denen immer auch eine Gefahr für Pilzerkrankungen ausgeht.

Die Stärkeverzuckerung, bei der aus Mais Traubenzucker (Glukose) und Fruchtzucker (Fruktose) für die Nahrungsmittelindustrie entstehen, ist das erfolgreichste Massenprodukt der Gentechnologie und nach den Waschmitteln der grösste Einsatzbereich für Enzyme. Dass mit isolierten Enzymen grundsätzlich ein Allergierisiko verbunden ist, hängt mit ihrer Eiweissstruktur zusammen. Es ist die wachsende Flut unterschiedlicher Substanzen, die in Produkten auftauchen, in denen sie bisher nicht vorhanden waren, die eine Vielzahl allergischer Reaktionen auslösen.

Zur Person
Seit über 20 Jahren setzt sich Heinz Knieriemen für «natürlich» kritisch mit den Methoden und den Auswirkungen der Schulmedizin und der Laborwissenschaft auseinander. Im AT Verlag hat er mehrere Bücher herausgegeben, unter anderem über Vitamine, Mineralien und Spurenelemente oder Inhaltsstoffe in Lebensmitteln und Kosmetika.


Foto: fotolia.com

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