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Heuchlerische Argumente für Vorsorgeuntersuchungen

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_04_2013 - 01.04.2013

Text:  Heinz Knieriemen

Wer schwere Erbkrankheiten in der Familie kennt und wissen möchte, ob auch das werdende Kind davon betroffen sein könnte, kann entweder vertrauensvoll bis zur Geburt warten oder sich auf teilweise risikobehaftete Untersuchungen einlassen.

Auch wenn einige Krankheiten bereits im Mutterleib festgestellt werden können, für die meisten herrscht bis zur Geburt Ungewissheit. Das soll sich nun grundlegend ändern, will man Wissenschaftlern der us-amerikanischen Universität Seattle Glauben schenken. In der Fachzeitschrift «Science Translation Medicine» beschreiben sie ein ungefährliches Verfahren, das gleich eine Vielzahl von Erbkrankheiten erkennen beziehungsweise ausschliessen kann.

Einem Team der Universität ist es gelungen, das Erbgut von Föten ganz ohne Eingriff in die Gebärmutter zu entschlüsseln. Ihnen genügen ein wenig Blut der Mutter und der Speichel des Vaters, um zu ermitteln, welche genetischen Faktoren auf das Kind übertragen worden sind. Auf diese Weise lassen sich auch mögliche Krankheitsgene feststellen.

Gefährliche Informationsflut

Der Traum, etwas über das Kind zu erfahren, ohne es dabei zu gefährden, kommt also scheinbar der Realisierung einen Schritt näher. Doch für den Chefarzt des Vivante Klinikums Berlin-Neukölln, Professor Klaus Vetter, steht wie für viele seiner Kollegen fest, dass der Traum auch schnell zum Albtraum werden könnte. Vetter betont, dass eine komplette Genom-Analyse, um Krankheiten zu verhindern, nicht möglich ist: «Wir erhalten lediglich eine Flut von Informationen, die wir nicht vollständig interpretieren können.»

Wo bleibt der liebevolle Umgang?

Von einem liebevollen und sorgfältigen Umgang mit Schwangerschaft und Geburt sind wir heute weiter denn je entfernt. Da wird vermessen, getestet und beraten, da geht es um Hintergrund- und Basisrisiken, um Biomarker und fötale Zellen, um Auffälligkeiten, um Abweichungen und Defekte. Immer neue Methoden werden entwickelt, um den Embryo immer früher auf Abweichungen von der Norm zu testen. 22 000 Gene hat der Mensch und etwa 3,2 Milliarden Basenpaare bilden unser Erbgut. Wir kennen mehr als 3500 Krankheiten, die auf einer Genveränderung beruhen. Das genetische Material enthält den Bauplan für den Aufbau und die Funktionsweise eines Lebewesens. Tests auf der Grundlage von Chips, die Tausende von Genabschnitten automatisch scannen, sind in den USA seit einiger Zeit anwendungsreif.

Hier droht eine Gefahr, die in ihrem ganzen Ausmass noch gar nicht überblickt werden kann: Da ist einerseits die profitable Risikodifferenzierung von Menschen auf genetischer Grundlage, die bald einmal von Krankenkassen, Versicherungen oder Arbeitgebern genützt werden kann. Und da ist andererseits der kommerzielle Markt für genetische Tests, der global und unkontrollierbar ist. Bisher können Forscher etwas mehr als 1000 Gene verschiedenen Krankheiten zuordnen. Weltweit werden inzwischen für rund 200 Krankheiten molekulardiagnostische Untersuchungen angeboten, die an bereits geborenen Menschen durchgeführt werden. Gut die Hälfte dieser molekulardiagnostischen Tests lässt sich auch als vorgeburtliches Screening durchführen. Grundsätzlich gilt für alle Tests: Über die Schwere der Krankheit und ihren Verlauf sagen sie nichts aus. Zudem weiss niemand bei der Voraussage einer genetischen Veranlagung, ob und wann eine Krankheit ausbricht. Es stellt sich also entschieden die Frage, inwieweit auch Angst als ein ernst zu nehmender Erkrankungsfaktor in immer weitere Teile der Bevölkerung getragen wird.

Es wird Gesundheit versprochen

Die gendiagnostischen Techniken bieten Strukturen an, deren Versprechen auf ganz zentrale Aspekte menschlicher Existenz abzielen: auf Gesundheit und Sicherheit. Versprochen werden Gewissheit über den gesundheitlichen Status und die Beseitigung von Krankheit und Leiden durch Minimierung oder gar Ausschaltung des Risikos. Letztlich wird die Machbarkeit von Gesundheit durch eine weitgehende Beherrschbarkeit von Lebensvorgängen suggeriert.

Die medizinische Definition von Krankheit und Gesundheit verschiebt sich immer mehr, immer neue Krankheiten werden diagnostiziert und immer mehr Menschen werden zu denjenigen gerechnet, die den neuen Normen nicht mehr entsprechen: Normales wird zu Abweichendem und bislang Gesundes zu noch nicht Krankem. Es eröffnet sich ein Markt der unbegrenzten Möglichkeiten.

Zur Person
Seit über 20 Jahren setzt sich Heinz Knieriemen für «natürlich» kritisch mit den Methoden und den Auswirkungen der Schulmedizin und der Laborwissenschaft auseinander. Im AT Verlag hat er mehrere Bücher herausgegeben, unter anderem über Vitamine, Mineralien und Spurenelemente oder Inhaltsstoffe in Lebensmitteln und Kosmetika.

Foto: fotolia.com

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Die Arve

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