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Wenn die Seele weint

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_03_2013 - 01.03.2013

Text:  Annette Weinzierl

Schreckliche Erlebnisse wirken lange nach, besonders solche aus der Kindheit. Sie können die Seele so schwer verletzen, dass das ganze Leben davon beeinträchtigt wird. Die richtige Therapie kann einen Heilungsprozess in Gang setzen.

Ein Trauma ist eine seelische Verletzung, ausgelöst durch ein lebensbedrohendes Ereignis, bei dem eine normale Reaktion wie Flucht oder sich zur Wehr setzen nicht möglich ist. In der Medizin werden auch körperliche Verletzungen als Trauma bezeichnet. Besonders belastend sind seelische Erschütterungen, die innerhalb der sozialen Beziehungen in der Familie und insbesondere in der Kindheit verursacht wurden. «Wie eine Person auf ein traumatisches Erlebnis reagiert, hängt auch davon ab, welche Bindung sie als Kind zu nahen Bezugspersonen hatte», erklärt Elsbeth Aeschlimann von der Opferberatung Zürich. «Jeder Mensch hat ein biologisch angelegtes Bindungssystem. Es wird aktiviert, sobald eine Gefahr eintritt. Kann diese Bedrohung aus eigener Kraft nicht bewältigt werden, wird das Bindungsverhalten zu einer Vertrauensperson wie beispielsweise der Mutter oder dem Vater aktiviert», führt die Sozialarbeiterin aus. Gibt es jedoch für das Kind keine Sicherheit durch eine Vertrauensperson, reagiert es im Erwachsenenalter unter anderem mit sozialem Rückzug oder Teilnahmslosigkeit gegenüber seiner Umgebung.

Surftipps
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• Opferberatungsstelle Zürich

• Beratungsstelle für die Opfer sexueller Gewalt

Angriff aus dem Nichts

Das Gebiet «Trauma» ist sehr vielschichtig. Man kann es nach unterschiedlichen Kriterien einordnen: Zu traumatischen Ereignissen zählen zum einen Naturkatastrophen, Kriege, kriminelle Handlungen, Terroranschläge, der Verlust einer nahen Bezugsperson oder Unfälle, zum anderen Gewalt, aber auch ständige Geringschätzung und sexueller Missbrauch innerhalb der Familie oder des näheren Umfelds, was jedoch seltener thematisiert wird. Dennoch sind gerade diese Traumata extrem schwerwiegend, vor allem dann, wenn seelische Verletzungen von einem Menschen auf den anderen übertragen werden. Nicht umsonst bedeutet das Wort «Trauma», das aus dem Griechischen stammt, «Verletzung».

Bei Menschen mit frühen Beziehungstraumata, die ihnen von Bezugspersonen zugefügt wurden, gibt es Defizite in der Fähigkeit zur Einordnung ihrer Empfindungen. So ist Dissoziation oft die einzige Möglichkeit, sich zu schützen. Dissoziation bedeutet «Abspaltung» – im Gegensatz zur Assoziation, die eine Verbindung oder Verknüpfung bezeichnet. Die Betroffenen spalten ihre traumatischen Erlebnisse ab, die sie in ihrer frühesten Kindheit immer und immer wieder erfahren haben, um sich vor massiven Gefühlen wie Todesangst oder starken Schmerzen abzuschirmen. Die Abspaltung findet statt, weil die Ereignisse unerträglich sind. Dissoziation kann hierbei als eine natürlich angelegte Fähigkeit der Psyche verstanden werden. Die Abspaltungen verhindern eine Überflutung des Bewusstseins mit Reizen und verbessern so die Reaktionsmöglichkeit der betroffenen Person in schwierigen Situationen.

Ist die oder der Betroffene mit der psychischen Verarbeitung überfordert, kann das zu schwerwiegenden Gesundheitsstörungen führen. Langzeitstudien haben ergeben, dass von schwerer Kindsmisshandlung Betroffene viel häufiger an chronischen Schmerzzuständen, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Krebs oder Leberschäden erkranken als Menschen, denen kein Psychotrauma widerfahren ist. Ausserdem können sich die negativen frühkindlichen Erfahrungen erst viele Jahre später als sogenannte posttraumatische Belastungsstörung bemerkbar machen. «Daher ist eine auf die Person adaptierte Psychotherapie wichtig, eine Psychoanalyse hilft hierbei oft nicht», sagt Aeschlimann.

Die Macht der inneren Bilder

Ein Psychotrauma, wie Ursula Hächler es erlebt hat, erfordert daher ein besonders sensibles Herangehen. So kann das Wiedererinnern ein Trauma oft verschlimmern. Häufig führt eine konventionelle Psychotherapie zu einer unbeabsichtigten Verschlechterung des Gesamtzustandes, weil allein schon das blosse Erzählen der Gefühlszustände eine hohe Wahrscheinlichkeit der Retraumatisierung in sich birgt. Dies trägt dann nicht zur Entlastung bei, sondern mündet häufig in einer Destabilisierung der Persönlichkeit.

Die moderne Traumapsychotherapie hat in den letzten Jahren eine grosse Bedeutung erlangt. Dabei werden neben dem vorsichtigen Herantasten an das Trauma auch Fantasiebilder, Traumreisen und Visualisierungen in Form spezieller Übungen genutzt, um Beschwerden wie Angstzustände oder depressive Phasen abzumildern. «Eine Traumatherapie kann mit Beruhigung, Sicherheit, Zuwendung und Stabilisierung beginnen», sagt Elsbeth Aeschlimann, «denn nach einem Trauma besteht häufig eine grosse Sehnsucht nach einer heilen Welt, die jedoch real nicht existiert. Allerdings sind viele Menschen in der Lage, sich mit ihrer eigenen Vorstellungskraft eine solche innere Welt voller Sicherheit und Schutz aufzubauen. Deshalb stehen am Beginn einer traumatherapeutischen Begleitung oft sicherheitsvermittelnde Vorstellungsübungen.»

Literaturtipps
Luise Reddemann: «Trauma – Folgen erkennen, überwinden und an ihnen wachsen», Verlag Trias, Fr. 27.90
Michaela Huber: «Trauma und die Folgen», Junfermann Verlag, Fr. 49.90
Michaela Huber: «Der innere Garten – ein achtsamer Weg zur persönlichen Veränderung», Junfermann Verlag, 34.90

Foto: fotolia.com

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