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Den Umgang mit Umweltgiften

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe 11 - 2012 - 01.11.2012

Text:  Heinz Knieriemen

Das gefährliche Umweltgift Atrazin wird in den USA im Gemüseanbau verwendet. Doch auch hierzulande ist der Umgang mit Pflanzenschutzmitteln alles andere als vorbildlich.

Atrazin ist eines der meistverwendeten und umstrittensten Herbizide in den USA, das grossflächig auf Maisfelder, aber auch auf Zuckerrohr, Hirse, Tomaten, Kartoffeln und Reis versprüht wird. Syngenta, der weltgrösste Pestizidhersteller, liefert allein den USA mehr als 36 Millionen Kilogramm des Herbizids, die jährlich auf die Felder ausgebracht werden. Die kritischen Diskussionen über die Folgen für Natur und Mensch werden in der breiten Bevölkerung kaum wahrgenommen. Diese wird jetzt jedoch durch die amerikanische Non-Profit-Organisation Save the Frogs, die sich für die biologische Vielfalt und den Schutz der Natur einsetzt, in ihrer Trägheit aufgerüttelt.

Kerry Kriger, Gründer der Bewegung Save the Frogs, nennt Atrazin das DDT des 21. Jahrhunderts, dem viele Amphibien, Fische, Pflanzen, Wasserlebewesen und Bodenorganismen zum Opfer fallen, und das vor allem das Wasser vergiftet.

Anschauungsunterricht für die verheerende Wirkung von Atrazin haben Schweizer Chemiefirmen geliefert; am 31. Oktober 1986 gelangten etwa 400 Liter Atrazin über die Abwässer der Firma Ciba-Geigy in den Rhein, was ein Fisch- und Amphibiensterben bis nach Deutschland hinein auslöste. Unzählige tote Fische und Frösche auf dem Rhein liessen sich nicht mehr wegdiskutieren. Praktisch zeitgleich, einen Tag später, löste ein Grossbrand bei Sandoz in Schweizerhalle durch die im Löschwasser gelösten Chemiegifte eine Umweltkatastrophe aus. Bis heute ist nicht geklärt, wer im Detail für das Massensterben im Rhein verantwortlich ist.
 
Seit 1. März 1991 ist die Anwendung von Atrazin in der Schweiz und in Deutschland verboten. Etwas später folgte auch ein Verbot für die anderen EU-Staaten. Es ist aber trotzdem noch immer in der Umwelt weit verbreitet. Nach dem Elbehochwasser wurde es ausgeschwemmt und konnte später vor Helgoland vermehrt in der Leber von Miesmuscheln und Flundern nachgewiesen werden.

Unzählige Handelsnamen

In den USA machen sich jedoch immer noch Ignoranz und Verharmlosung breit. Das wird noch durch eine Unzahl von Handelsnamen für Atrazin gefördert. Hier einige Beispiele: Aatrex, Aktikon, Alazine, Atred, Atranex, Atrataf, Atratol, Azinotox, Crisazina, Farmco, Gesaprim, Giffex 4L, Malermais, Primatol, Simazat, Weedex, Zeapos und Zeazin.

Verschlimmert wird die Situation noch dadurch, dass etwa 10 Prozent der auf dem Markt befindlichen Pestizide Fälschungen, vor allem aus China, sind. Darunter auch jene brisanten Cocktails, die wegen ihrer krebserregenden und erbgutverändernden Wirkungen längst verbannt sein sollten.

Das Verbot ist Augenwischerei

Nun ist der Umgang mit Pestiziden bei uns keineswegs dazu angetan, mit Fingern auf andere zu zeigen. Die chemischen Substanzen, die lästige oder schädliche Lebewesen, Pflanzen oder Pilze töten, vertreiben, in Keimung, Wachstum, Fotosynthese oder Vermehrung hemmen, finden auch bei uns eine breite und teilweise sorglosunkritische Anwendung. Wer Lust hat, kann sich in der Google-Suchmaschine unter BLW Herbizide Produkte einen Überblick verschaffen.

Um das Grundwasser zu schützen, dürfen Herbizide seit 1986 nicht mehr auf öffentlichem Grund wie Pärken oder Friedhöfen eingesetzt werden. 2001 verbot der Bund dann auch Pflanzenschutzmittel für private Plätze, Wege, Terrassen und Dächer. Das Anwendungsverbot auf Strassen, Wegen und Plätzen gilt im Prinzip auch für private Hobbygärtner. Doch das ist reine Augenwischerei. Es gibt keine Anwendungseinschränkungen im privaten Bereich, dies mit der Begründung, dass solche schwer kontrollierbar und durchsetzbar seien. So ist auch weiterhin jedem erlaubt, Packungen bis zu einem Kilogramm ohne Einschränkung zu erwerben und beliebig einzusetzen. Schauen wir «Rasenrein plus», eines der viel verwendeten Mittel, erhältlich von der 5-Deziliter-Dosierflasche bis zum 20-Liter-Kanister, einmal etwas genauer an. Die nach Darstellung des Produzenten «hochwirksamen Grundstoffe gegen breitblättrige Unkräuter» haben auf einer offiziellen Seite des Bundesamtes für Landwirtschaft unter anderen folgende Gefahrenkennzeichnung und Warnsymbole: «R 41 Gefahr ernster Augenschäden; R 51/53 Giftig für Wasserorganismen, kann in Gewässern längerfristig schädliche Wirkungen haben; S 02 Darf nicht in die Hände von Kindern gelangen; S 26 Bei Berührung mit den Augen sofort gründlich mit Wasser abspülen und Arzt konsultieren.» Diese Gefahrenhinweise gelten im Übrigen auch für viele andere auf dem Markt befindliche Herbizide.

Für einen der vier in «Rasenrein plus» enthaltenen Wirkstoffe, Ioxynil, geht eine Seite der Deutschen Unfallversicherung noch einen Schritt weiter: «Giftig für Wasserorganismen. Freisetzung in die Umwelt vermeiden, Meeresschadstoffe», steht da geschrieben.

Solche Gefahren lassen sich nach Einschätzung des Bundesamtes für Landwirtschaft und des Bundesrates als Bewilligungsbehörde für einen Pestizideinsatz offenbar auch in Wohnquartieren locker in Kauf nehmen. Sobald wild wachsende Pflanzen wie Löwenzahn, Sauerampfer, Breit- und Spitzwegerich ihre Köpfe an unerwünschter Stelle aus dem Boden strecken, sind sie der Vernichtung preisgegeben. Und Kinder lernen in ihren Wohnquartieren schon früh, dass alles, was sich spontan regt, möglichst schnell ausgerottet werden muss – Neophyten eingeschlossen.

Zur Person
Seit über 20 Jahren setzt sich Heinz Knieriemen für «natürlich» kritisch mit den Methoden und den Auswirkungen der Schulmedizin und der Laborwissenschaft auseinander. Im AT Verlag hat er mehrere Bücher herausgegeben, unter anderem über Vitamine, Mineralien und Spurenelemente oder Inhaltsstoffe in Lebensmitteln und Kosmetika.

Foto: fotolia.com

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