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Gute und böse Drachen

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe 10 - 2012 - 01.10.2012

Text:  Heinz Knieriemen

Herbst ist Drachenzeit: Die bunten Papiervögel erhellen die Gemüter. Doch der Drache verkörpert in der westlichen und orientalischen Mythologie auch ein dämonisches Ungeheuer. Nicht so in Asien, wo Drachen verehrt und vergöttert werden.

In seinem Roman «David Copperfield» schildert Charles Dickens einen wunderlichen Mann, der es als seinen Lebenszweck betrachtet, eine Denkschrift für das Parlament zu verfassen. Er schreibt zahlreiche Entwürfe, reicht sie aber nie ein, sondern klebt aus seinen Manuskripten grosse Spielzeugdrachen, die er der Willkür des Windes überantwortet.

Dieser Kauz und seine Gewohnheit verkörpern die englische Redensart «He may make a paper-kite of his letter.» Wenn der Drache hochfliegt, lässt er alle Sorgen, Nöte und Bedrängnisse entschweben.

Die ursprüngliche Quelle solcher Weisheit ist aber kaum in Europa zu suchen, wo der Drache wie die Schlange als Inkarnation des Bösen und Heimtückischen gilt. Bei den Chinesen und Japanern dagegen schlüpft der «chi yüang» (Papiervogel) häufig in die Rolle des Sündenbocks, der böse Taten und ein Missgeschick seines Besitzers auf sich lädt und in die Luft entschweben lässt.

Kunstwerke am Himmel

An den vielen religiösen östlichen Mythen und Ritualen entfaltet sich die ganze Symbolik und die Farbigkeit: Papiervögel in Gestalt von Tieren, Göttern, Fabelwesen, Lindwürmern und dergleichen werden gebaut und bunt bemalt. Aus vielen Einzelteilen zusammengesetzte Flächendrachen in Form von langen Würmern oder Schlangen winden sich zusammen mit Musikdrachen, bei denen der Wind Flöten und Harfen zum Klingen bringt, und weiteren Kunstwerken am Himmel. Für jährlich wiederkehrende Feste bauen die Japaner den sogenannten Wan-wan-Drachen, der mit grösster Sorgfalt aus Bambusstäben und feinstem Papier gefertigt ist und Durchmesser von bis zu 20 Metern aufweist. Und wer bei einem Peking-Besuch den zentralen Platz des himmlischen Friedens aufsucht, wird immer auf Drachenliebhaber stossen, die ihre selbst gebauten Kunstwerke in den Himmel entschweben lassen, wobei sie teilweise tollkühne Loopings vollführen. Doch wer sich am Drachenflug erfreuen will, muss nicht unbedingt nach China reisen. Auch die Schweiz kennt im Jahreslauf mehrere empfehlenswerte Anlässe. So das Drachenfest im Aarauer Schachen am 7. Oktober oder den Drachenplausch in Fislisbach bei Baden am 28. Oktober.

Der Drache besitzt die Fähigkeit, viele Formen anzunehmen. In der Literatur ist von seinen neun Erscheinungen die Rede: Seine Hörner ähneln denen eines Hirschs, der Kopf dem eines Kamels, die Augen denen eines Dämons, der Hals dem einer Schlange, der Bauch dem eines Tintenfischs, die Schuppen denen eines Fischs, die Klauen denen eines Adlers, die Fusssohlen denen des Tigers und die Ohren denen des Stiers. Häufig wird er auch mit grossen seitlichen Flügeln dargestellt. Sein Schnurrbart gleicht dem des taoistischen Meisters Chuang Tzu und auf seiner Brust trägt er die Perle der Kraft und der Weisheit. Obwohl solche Drachen häufig Furcht einflössend aussehen und für zerstörerische Naturgewalten stehen können, tragen sie doch immer die Symbole des Schöpferischen in sich und stehen für den Kreislauf von Werden und Vergehen.

Der Tatzelwurm – ein ungehobelter Geselle

Der westlich geprägte Drache, der legendäre Tatzelwurm, ist dagegen ein ziemlich ungehobelter und ungemütlicher Geselle, der vorwiegend in Form der Drachentötermythen anzutreffen ist, wofür der Kampf des Herkules mit der vielköpfigen schlangenähnlichen Hydra als Beispiel gelten mag: Die Hydra lebt in einer Höhle am Grund eines Sumpfes, in den Herkules steigen muss, um sie zu bekämpfen. Jedesmal wenn er einen ihrer acht Köpfe abschlägt, wachsen an dessen Stelle drei neue nach. Erst als Herkules sich in den Sumpf kniet und die Hydra über sich aus dem Wasser hebt, kann er sie besiegen.

Christlich verteufelter Drache

In den monotheistischen Religionen, also im Christentum, im Judentum und im Islam, wird der Drache recht einseitig als Symbol des Bösen, des Teufels, des Urchaos, des archetypisch anderen und damit im Zusammenhang auch der ungezähmten Natur gesehen: «Und es ward gestürzt der grosse Drache, die alte Schlange, die da heisst Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt.» ( Offenbarung 12, 9 ).

Im Abendland war der Drache von jeher das böse Ungeheuer, das tapfere Helden wie Herakles, Sigurd, Sankt Michael oder Sankt Georg in klassischen Ruhmestaten zu besiegen hatte. Der christlich verteufelte Drache stellte eine Hürde dar, die nur überaus Gottesgläubige nehmen können. Einer dieser tugendsamen Übermenschen, der heilige Georg, ist Landespatron von England, Wales, Slowenien, Portugal und Aragon und taucht auch auf verschiedenen Schweizer Bannern, wie auf dem historischen der Herrschaft RhaÅNzüns, auf.

Als Trost bleibt uns jedoch im übertragenen Sinne immer noch der Rat von Charles Dickens› Romanfigur: Make a paper-kite of your letter – und alle Drangsal, Mühe und Angst entschweben in den Himmel.

Zur Person
Seit über 20 Jahren setzt sich Heinz Knieriemen für «natürlich» kritisch mit den Methoden und den Auswirkungen der Schulmedizin und der Laborwissenschaft auseinander. Im AT Verlag hat er mehrere Bücher herausgegeben, unter anderem über Vitamine, Mineralien und Spurenelemente oder Inhaltsstoffe in Lebensmitteln und Kosmetika.


Foto: zvg

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