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Bestechendes Verfahren

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe 10 - 2012 - 01.10.2012

Text:  Marion Kaden

Akupunktur ist im Westen äusserst beliebt. Wo die Nadeln genau gesetzt werden, ist laut einer Studie aber sekundär. Grund genug, sich mit einem Nadelungsgerät bald selbst zu therapieren?

Akupunktur ist beliebt in den westlichen Industrieländern. Doch warum? Die Anziehungskraft der komplementären Behandlungsmethode wird gerne mit östlicher Weisheit und Exotik verbunden. Sie stammt ursprünglich aus China und ist Teil der traditionellen chinesischen Medizin (TCM). Damit gehört die Akupunktur zu einem uralten Medizinsystem, dessen Grundlagen auf einer komplexen Philosophie beruhen. Bei der Akupunktur werden feinste Nadeln unterschiedlich tief durch die Haut in tiefer liegende Gewebe gestochen. Ziel ist es, die dem Menschen innewohnende «Energie», im Chinesischen genannt Qi, harmonisierend zu beeinflussen. Nach den Vorstellungen der traditionellen chinesischen Ärzte kann dies nötig werden, wenn Menschen beispielsweise an Störungen auf geistiger, seelischer und/oder körperlicher Ebene leiden. Störungen stellen ein Ungleichgewicht des Qi dar, die sich zu Krankheiten ausweiten oder entwickeln können. Durch Akupunktur soll das zur Gesundheit notwendige Fliessgleichgewicht der «Energie» wiederhergestellt werden.

Vergleich mit der Schulmedizin

Um die als wirtschaftlich und nebenwirkungsarm geltende Akupunktur zu überprüfen, gab der Gemeinsame Bundesausschuss der Bundesrepublik Deutschland 2002 eigene Untersuchungen in Auftrag. Sie wurden als Gerac-Studien (German Acupunctur Trials) bekannt und gelten als bisher weltweit grösste prospektive und randomisierte Untersuchungen zur Wirksamkeit der Akupunktur im Vergleich zu schulmedizinischen Standardtherapien. Untersucht wurden chronische Patienten mit Rückenschmerzen, Schmerzen bei Gon arthrose (vorzeitiger Kniegelenk-Verschleiss), Spannungskopfschmerz und Migräne. Die Studien hatten einen dreifachen Forschungsansatz: Bei über 3500 randomisierten Patienten wurde vergleichend untersucht, ob erstens die Akupunktur an den richtigen chinesischen Akupunkturpunkten (verum = lateinisch = echt) wirkt. Ob zweitens – quasi als Placebo-Massnahme – eine Nadelung, durchgeführt an beliebigen Akupunkturpunkten (sham = englisch = vortäuschen), sich wirksam zeigt. Drittens wurde untersucht, ob und wie die schulmedizinische Standardtherapie wirkt.

Die Ergebnisse:
● Die Akupunktur ist ein sicheres medizinisches Verfahren. Unerwünschte Nebenwirkungen waren vernachlässigbar gering.
● Es konnte kein Unterschied der Wirkweise zwischen der Verum- und Sham-Akupunktur festgestellt werden. Das heisst: Die von der TCM genau vorgeschriebenen Akupunkturpunkte haben therapeutisch keinerlei Bedeutung.
● Die verum- und sham akupunktieren Patienten hatten wesentliche Vorteile gegenüber den Patienten, die mit den konventionellen schulmedizinischen Verfahren behandelt wurden. So benötigten die genadelten Patienten mit chronischer Gonarthrose weniger schmerz- und entzündungshemmende Medikamente. Auch die Patienten mit chronischen Rückenschmerzen unter beliebiger Nadeltherapie brauchten weniger Medikamente und hatten gegenüber den schulmedizinisch Behandelten eindeutig weniger Beschwerden. Bei den Spannungskopfschmerzen verringerte sich unter Nadelung, gleich welcher Art, die Anzahl der Kopfschmerztage um die Hälfte.

Studie wird ignoriert

Die wissenschaftlichen Arbeiten nach der Veröffentlichung der Gerac-Studien beruhen bemerkenswerterweise weiterhin überwiegend auf Anwendung klassischer Verum-Akupunktur. Warum die grossflächig angesetzte Schein-Nadelung nicht ebenso verwandt wird, bleibt unklar. Eine ketzerische Vermutung könnte lauten: Maos langfristige kommunistisch-ideologische TCM-Strategien zeigen nachhaltige Wirkungen, auf denen seine politischen Nachfolger geschickt aufbauen konnten. Zudem gelang es der modernisierten kommunistischen Partei, in den letzten drei Jahrzehnten mit ihrem Kurs kapitalistischer Prägung zu einer global agierenden Wirtschaftsmacht aufzusteigen. Die herrschende Partei weiss ihre Interessen offensichtlich strategisch, politisch und ideologisch durchzusetzen, auch in Maos Sinne zur Weiterverbreitung der TCM – wenn nötig mit wirtschaftlichem Druck.

Genauso erfolgreich erweist sich bislang die Lobby-Arbeit der Schulmediziner: Wird die Gerac-Studie als Beleg für die Unwirksamkeit von Akupunktur und
Placebo-Akupunktur interpretiert, dann ergibt sich eine besonders erschreckende Konsequenz: Die schulmedizinische Therapie verschlechtert den Gesundheitszustand betroffener Patienten erheblich.

Die traditionelle chinesische Medizin
Die Akupunktur ist nur Baustein der TCM. Nach eingehender Diagnostik (vor allem auch mittels der sogenannten Puls-Diagnostik) werden TCM-Ärzte eine ganze Reihe von Massnahmen neben der Akupunktur ergreifen. Ebenso bedeutsam sind Ernährung (Diätetik), Bewegung und Atmung (Tai Qi, Qi Gong), Massagen (Tuina) und die chinesische Kräuterheilkunde. Die religiös-philosophische Basis der TCM entwickelte sich über mehr als zweitausend Jahre aus verschiedenen Schulen. Sie beruht im Wesentlichen auf Vorstellungen von qualitativ entgegengesetzten Grundaspekten des Seins, genannt Yin und Yang. Alle Aspekte des Lebens unterliegen diesem System mit sehr vielen Gegensatzpaaren wie zum Beispiel Licht/ Schatten, Tag/Nacht, Sommer/Winter, Liebe/Hass, Geduld/Ungeduld. Diese Gegensatzpaare sind zudem im stetigen, unendlichen Wandel begriffen (Lehre der fünf Wandlungsphasen, wu xing).
Dem Qi kommt dabei besondere Bedeutung zu: Es wird zwar gerne als «Lebensenergie» übersetzt, umfasst jedoch viel mehr. Qi kann im erweiterten Sinne als kosmische, allgegenwärtige Kraft/Energie betrachtet werden, die die Schöpfung ausmacht und zusammenhält.

Das Gerät, um sich selbst Nadeln zu setzen

Ein flächiges Nadelungsverfahren – ganz im Sinne der modernen Gerac-Studien – machte im 19. Jahrhundert Furore: Der Medizingeräte-Hersteller Carl Baunscheidt (1809–1873) hatte ein mechanisches Nadelungsgerät entwickelt, das als sogenannter Lebenswecker zum Verkaufsschlager wurde. Medizinische Laien nutzen das Gerät gemeinsam mit einem hautreizenden Öl zur erfolgreichen Selbstbehandlung verschiedener Erkrankungen. (Für die Zusatzqualifikation Naturheilkunde für deutsche Ärzte ist die Kenntnis des Baunscheidtierens eine Grundvoraussetzung.)

Vielleicht könnte das Baunscheidt-Gerät noch eine Renaissance erfahren: als naturheilkundliches, europäisches Verfahren zur flächigen Nadelung mit nachweislicher Wirkung. Der Anschaffungspreis zuzüglich hautreizenden Öls beträgt etwa 200 Franken. Allerdings: Baunscheidtieren will gelernt sein. Eine Einarbeitung in das Verfahren ist unbedingt nötig.

Fotos: project photos, fotolia.com, DH STUDIO

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