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Unbändiger Forscherdrang

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe 05 - 2012 - 01.05.2012

Text:  Heinz Knieriemen

Selbst wenn zuständige Behörden Alarm schlagen, die Suche nach gewinnversprechenden Superorganismen geht weiter – und so steigt auch das Risiko einer unkontrollierten Freisetzung gefährlicher Viren.

Eine alte Diskussion wird aktuell wieder entfacht: Dürfen Forscher durch Versuchsanordnungen neue Organismen konstruieren, die bei einer möglichen Freisetzung eine Gefahr für die Menschheit darstellen? Im vergangenen Winter wurde bekannt, dass der niederländische Virologe Ron Fouchier und sein japanischer Kollege Yoshihiro Kawaoka gezielte Manipulationen am Vogelgrippevirus vorgenommen hatten. Sie übertrugen den Mikroorganismus immer wieder auf andere Versuchstiere und haben damit höchst brisante Todeskeime geschaffen.

Die Aktivitäten versetzten die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Alarmstimmung, und auch die National Science Advisory Board for Biosecurity der USA zeigte die rote Karte und untersagte eine Publikation der Forschungsergebnisse, da diese als Bauanleitung für Biowaffen missbraucht werden könnten. Eine Expertenkommission hat in Genf dieses Verbot auf Zeit nun bestätigt. Doch die Forschung nach Superorganismen geht weiter und so auch die forcierte Debatte über Bioterrorismus und Todeskeime aus dem Labor.

Das grosse Geschäft lockt

Was macht nun die höchst brisante Virusmanipulation so attraktiv? Dahinter verbirgt sich vor allem die Hoffnung auf den grossen Deal. Antibiotika zur Bekämpfung bakterieller Erkrankungen sind immer weniger profitabel. Sie gehören zwar zu den am meisten verkauften Medikamentengruppen. Für die Pharmaindustrie sind sie trotzdem wenig attraktiv, da häufig schon nach kurzer Zeit Resistenzbildungen auftreten. Viele grosse Pharmafirmen wie Bayer, GlaxoSmithKline, Pfizer und Eli Lilly haben sich deswegen aus dem Gebiet der Entwicklung neuer Antibiotika zurückgezogen und setzen vermehrt auf virale Erkrankungen mit Impfstrategien, für die sie nicht einmal selbst Werbung machen müssen – für ein Klima der Angst, um die Impfbereitschaft zu erhöhen, sorgen die Gesundheitsbehörden, wie Vogelgrippe und Schweinegrippe gezeigt haben.

Respekt vor den Viren, diesen winzig kleinen Partikeln aus tiefster Vorzeit, wäre allein schon aufgrund ihres Alters gerechtfertigt, gibt es sie doch auf unserem Planeten bereits seit über 3 Milliarden Jahren, während menschliches Leben sich erst vor etwa 5 Millionen Jahren regte. Die lateinische Bezeichnung virus bedeutet Gift, Schleim, Unreinheit. Lange galten Viren für jede Art Krankheit, über deren Entstehen Unklarheit bestand, als alleinige Ursache.

Viren sind sehr anpassungsfähig

Wir teilen unseren Planeten mit etwa 30 000 verschiedenen Viren, von denen nur ein geringer Prozentsatz erfasst und beschrieben ist. Die natürliche Evolution in diesem Reich, das einen eigenen Mikrokosmos bildet, geht rasch vonstatten. Umso mehr sollte jeder künstliche Eingriff die enorme Wandlungs- und Rekonstitutionsfähigkeit berücksichtigen – ein Gebot, das immer wieder von neuem grob missachtet wird. Viren wurden und werden in grossem Umfang vermehrt, manipuliert, in ihrer Entwicklung beschleunigt, auf andere Spezies künstlich übertragen und in neue Biotope verschleppt.

Wie alles Leben besteht auch bei den Viren das genetische Material aus Nukleinsäuren, die in Form von RNA (Ribonukleinsäuren) und DNA (Desoxyribonukleinsäuren) vorkommen. Ein Virus enthält aber stets nur eines dieser beiden Fundamente des Lebens. Es besitzt keinen eigenen Stoffwechsel und ist deshalb unfähig, sich selbstständig zu vermehren. Die Überlebenskünstler haben einen Code entwickelt, der die Zellen zu einer genetischen Umsteuerung zwingt. Die Wirtszelle liest die virale Botschaft wie ihr eigenes Programm und übernimmt so die Vermehrungsarbeit für den Virus. Dabei zeigen Viren eine beispiellose Anpassungsfähigkeit. Sie können das Erbgut ihrer Wirte in sich aufnehmen, Abwehrstrategien entwickeln, um unser Immunsystem zu überlisten, und dabei ganz neue Eigenschaften gewinnen. Da diesen in eine Hülle verpackten Erbgutträgern im Gegensatz zu Bakterien und Pilzen ein eigener Stoffwechsel fehlt, bieten sie auch kaum Angriffsflächen.

Wer Viren attackiert, setzt sie unter permanenten Anpassungsdruck, zwingt sie zu immer neuen Überlebensstrategien und schädigt in der Regel die eigenen Körperzellen. Als ökologisches Roulette bezeichnete der amerikanische Genkritiker Jeremy Rifkin den vom menschlichen Machbarkeitswahn geprägten Umgang mit Viren.

Im Wettlauf der Evolution

Ein Virus wird dem Menschen in der evolutionären Anpassungsfähigkeit immer einen Schritt voraus sein und meist einen neuen Weg finden, die Abwehrkaskaden unseres Immunsystems zu umgehen. Vor diesem Hintergrund sind auch «Ausrottungsstrategien» fragwürdig. Forschungsprojekte – vor allem im Bereich gentechnischer Impfstoff-Forschung – zwingen nun Viren zu immer neuen Abwehrstrategien, zu einem permanenten Überlebenskampf. Diese weltweite Veränderung der Viruspopulation durch eine Vielzahl unbedachter Eingriffe wird vor allem in den USA heute auch kritisch betrachtet, wie das aktuelle Beispiel der Forschung am Vogelgrippevirus zeigt.

Zur Person
Seit über 20 Jahren setzt sich Heinz Knieriemen für «natürlich» kritisch mit den Methoden und den Auswirkungen der Schulmedizin und der Laborwissenschaft auseinander. Im AT Verlag hat er mehrere Bücher herausgegeben, unter anderem über Vitamine, Mineralien und Spurenelemente oder Inhaltsstoffe in Lebensmitteln und Kosmetika.

Foto: Y / flickr / cc,  Kanijoman / flickr / cc,  AJC1/ flickr / cc

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