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Vorsicht: Mogelpackung

Kategorie: Essen
 Ausgabe 11 - 2011 - 01.11.2011

Text:  Martin Arnold

Die Lebensmittelindustrie verkauft uns gerne billige Rohstoffe zu hohen Preisen, drückt sich, wos immer geht um eine klare Deklarierung und orientiert sich bei der Produktion am liebsten an Minimalstandards. Eine neue Internetplattform deckt die Tricks der Branche auf.

Seit der Einführung des Cassis-de-Dijon-Prinzips ist das Einkaufen nicht einfacher geworden. Das Gesetz sieht vor, dass jedes in einem EU-Land zugelassene Produkt ohne Veränderung auch in der Schweiz verkauft werden darf. Dabei setzt sich aus Kostengründen zumeist die tiefste Qualität durch, weil viele Produzenten die Zulassung in Ländern einholen, welche die geringsten Standards haben.

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Für Sara Stalder, Geschäftsführerin der Stiftung für Konsumentenschutz, ist das nicht ein Problem: «Schliesslich führt das Cassis-de-Dijon-Prinzip auch zu mehr Auswahl im Regal. Ausserdem werden im Moment nicht viele Anträge auf eine Zulassung gestellt.» Sie weist aber auf einen anderen Punkt hin: «Die Konsumenten können selber entscheiden, was sie kaufen wollen. Dazu müssen sie aber die Produkteinformation lesen können. Uns ist die gute Lesbarkeit der Zutaten und der Herkunftsdeklaration extrem wichtig. Die Schrift ist oft viel zu klein und zu kontrastarm.» Der Konsumentenschutz will sich auf politischer Ebene dafür einsetzen, dass die Produktedeklaration verbessert wird.

Faire Chance für Hersteller

Dieser politische Weg bringt oft wenig, weil im Parlament Interessensvertreter der Lebensmittelindustrie entsprechende Fortschritte beim Konsumentenschutz verhindern. Deutschland ist der Schweiz da einen Schritt voraus. Dort wurde mit Unterstützung des Bundesministeriums für Verbraucherschutz vor einigen Wochen die Internetplattform www.lebensmittelklarheit. de aufgeschaltet. Auf dieser Plattform werden Produkte namentlich aufgelistet, die Konsumentinnen und Konsumenten irreführen. Janina Löbel, Projektkoordinatorin bei Lebensmittelklarheit erklärt: «Die Plattform ist nicht als Pranger gedacht. Wir machen es uns nicht leicht, etwas als Negativbeispiel öffentlich darzustellen.»

Bis es so weit sei, gehe eine strenge Selektion voraus. Zuerst befassen sich mehrere Experten mit einem Produkt; wenn alle von einer Irreführung überzeugt sind, wird der Hersteller mit dieser Einschätzung konfrontiert. Dieser hat dann für eine Stellungnahme eine Woche Zeit. Er kann seine Beweggründe darlegen und allenfalls die Beschriftung, Verpackung oder Rezeptur ändern. Diese Stellungnahme wird dann zusammen mit der Beschwerde veröffentlicht. Löbel: «Das wollen viele Produzenten vermeiden, denn sie haben vor dem Sprichwort Angst: «Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.»

In wenigen Wochen Betriebszeit hat Lebensmittelklarheit schon einiges erreicht: Etwa, dass in einem Wasabi-Snack auch tatsächlich Wasabi drin ist und dass bei einem Schokobananen-Produkt die Beschriftung verbessert wurde. Die Idee ist ein Grosserfolg. Alleine in den ersten vier Tagen wurde die Seite zwei Millionen Mal angeklickt. Durchschnittlich gibt es wöchentlich 200 Produktemeldungen. Die Plattform ermöglicht es zudem, Trends in der Lebensmittelindustrie frühzeitig zu erkennen. Ein solch neuer Trend ist beispielsweise das «Clean Label». Darunter findet man vor allem Bio-Produkte, die angeblich ohne Zusatzstoffe auskommen. «Das ist an sich positiv. Trotzdem wird gemogelt. Einfach mit natürlichen Stoffen. So ersetzen Hefeextrakte Glutamate und Randen einen roten Farbstoff», erklärt Löbel.

Hohe Gesundheitskosten

Ein grosses Problem ist auch der Einsatz von Geschmacksverstärkern bei verarbeiteten Lebensmitteln. Solche Geschmacksverstärker sind unter den Bezeichnungen E620 bis E625 als Glutmate europaweit zugelassen. Coop und Migros meldeten auch im vergangenen Jahr ein überdurchschnittliches Wachstum beim sogenannten Convenience Food. Um diese Halbfertigund Fertigprodukte würzig zu machen, greifen die Hersteller häufig zu Geschmacksverstärkern. Michael Hermanussen, deutscher Kinderarzt und Professor an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel, hat herausgefunden, dass der Konsum von grossen Mengen Glutamate die Sättigungsregulation hemmt. Mit anderen Worten: Die Konsumenten überessen sich.

Für Sara Stalder vom Konsumentenschutz zeigt der Trend zu immer mehr verarbeiteten Produkten, dass die Einführung einer ähnlichen Internetplattform wie Lebensmittelklarheit für die Schweiz wünschenswert ist. «Je komplexer und industrieller die Lebensmittel werden, desto wichtiger sind gut lesbare und verständliche Inhaltsangaben.» Auch das Bundesamt für Gesundheit signalisierte Interesse und traf sich deshalb schon im September mit verschiedenen Konsumentenschutzorganisationen. Das Augenmerk seitens der Behörden ist verständlich. Denn, wenn es sich bei einer Müsli-Mischung in Wahrheit um eine wahre Zuckerbombe handelt, ist das nicht nur irreführend, sondern grenzt – drastisch ausgedrückt – schon fast an Körperverletzung. Die Kosten ernährungsbedingter Krankheiten werden in Deutschland auf 70 Milliarden Euro jährlich geschätzt. Auch in der Schweiz dürften diese in die Milliarden gehen.

Buchtipps
• Michael Hermanussen: «Die Gefrässigmacher», Hirzel Verlag, 2009, Fr. 25.90
• Udo Pollmer: «Food Design: Panschen erlaubt», Hirzel Verlag, 2010, Fr. 31.50

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